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INTERNATIONAL/012: Millionen Kinder mit Vitamin-A-Mangel - Privatwirtschaft hilft (IPS)


IPS-Inter Press Service Deutschland gGmbH
IPS-Tagesdienst vom 28. November 2012

Gesundheit: Millionen Kinder mit Vitamin-A-Mangel - Privatwirtschaft hilft

von Justine Leone


Kinder auf Teeplantagen in Sri Lanka haben oft schwere Mangelerscheinungen - Bild: © Amantha Pereira/IPS

Kinder auf Teeplantagen in Sri Lanka haben oft schwere Mangelerscheinungen
Bild: © Amantha Pereira/IPS


Brüssel, 28. November (IPS) - Weltweit leiden 190 Millionen Kinder - mehr als die Bevölkerung von Deutschland, Frankreich und Polen zusammengenommen - an einem Vitamin-A-Mangel. Das Defizit droht jährlich 250.000 bis 500.000 Heranwachsende erblinden zu lassen.

Hundert Jahre nachdem der polnische Wissenschaftler Casimir Funk den Begriff 'Vitamin' prägte, hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine gute und ausgewogene Ernährung wichtig für die Gesundheit ist. Doch der Erfolg der Aufklärung lässt in einigen Teilen der Welt, vor allem in den Entwicklungsländern, noch auf sich warten. 7,3 Prozent der globalen Gesundheitskosten werden zurzeit durch Vitamin- und Nährstoffmangel verursacht.

Armut und Hunger sind die Hauptgründe für eine Unterversorgung mit Vitaminen, vor allem des in Leber, Karotten und Grünkohl vorkommenden Vitamins A. Weite Teile von Südasien und Subsahara-Afrika sind betroffen, da sich die Menschen dort hauptsächlich von vitaminarmen Grundnahrungsmitteln ernähren: In vielen asiatischen Staaten werden bis zu 70 Prozent der Kalorienzufuhr durch Reis gedeckt, während die kalorienreichen aber nährstoffarmen Maniokwurzeln das Hauptnahrungsmittel vieler Afrikaner sind.

Anders als etwa Bangladesch und Nepal geht Indien nur langsam gegen den Vitamin-A-Mangel vor. 37 Prozent der unterversorgten Menschen leben auf dem Subkontinent, unter ihnen sind rund 80 Millionen Kinder.

"Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt zwei bis drei Dosen Vitamin A jährlich für Kinder unter fünf Jahren. Sie stützt sich damit auf wissenschaftliche Nachweise, nach denen die Sterblichkeit auf diese Weise um 24 Prozent gesenkt werden kann", sagt Klaus Kraemer von der Schweizer Organisation 'Sight and Life'. "Es ist tragisch, dass Indien bei der Umsetzung dieser Richtlinien im Rückstand ist. Deswegen müssen viele Kinder sterben, deren Tod vermeidbar gewesen wäre."


Indiens Kinder essen oft nur Mais, Reis und Weizen

Der Mediziner Shilpa Vinod Bhatte aus Mumbai führt das Problem in Indien nicht zuletzt auf die regionalen Ernährungsgewohnheiten zurück. "Versteckter Hunger und Vitamin-A-Mangel hängen in Indien nicht nur mit Armut zusammen, sondern auch mit fehlendem Wissen über den Nährwert von Lebensmitteln. Die meisten Kinder unter fünf essen nur Mais, Reis oder Weizengrütze." Doch gibt es Anzeichen für einen Bewusstseinswandel, der nicht zuletzt den Anstrengungen von Entwicklungshelfern in aller Welt zu verdanken ist.

Der Expertenausschuss des Kopenhagener Konsenses 2012, der aus führenden internationalen Wirtschaftsexperten besteht, hat untersucht, wie am effizientesten Gelder zur Behebung der größten Probleme auf der Welt bereitgestellt werden können. Wie der Ausschuss feststellte, sollten "gebündelte Interventionen mit Mikronährstoffen" bei globalen Investitionen in den Bereichen Gesundheit und Entwicklung höchste Priorität erhalten.

Ein Mitglied des Gremiums ist der Wirtschaftsnobelpreisträger Vernon Smith. Wie er betont, sind Investitionen in nährstoffreiche Lebensmittel wichtig, da diese ausschlaggebend sind für eine gute Gesundheit, Schulleistungen und Produktivität.

Dem Kopenhagener Konsens zufolge erzielt jeder in diesen Bereich investierte US-Dollar einen 17-fachen Mehrwert. Experten weisen darauf hin, dass solche Fortschritte im Zusammenhang mit den Millenniumsentwicklungszielen der Vereinten Nationen betrachtet werden sollten. Die UN-Mitgliedsstaaten hatten sich im Jahr 2000 dazu verpflichtet, gemeinsam gegen die extreme Armut und Ungleichheit auf der Welt anzugehen.

Die jüngste Auswertung der UN zeigt, dass Hunger und Unterernährung nach wie vor erschreckend weit verbreitet sind. Insbesondere in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara leiden viele Menschen Hunger. In Burundi, der Demokratischen Republik Kongo und Eritrea gelten demnach mehr als 60 Prozent der Bevölkerung als "unterernährt".

Die Vereinten Nationen und die Regierungen der Staaten stellen derzeit Vitamin A-Kapseln bereit, mit denen der Bedarf von 390 Millionen der insgesamt 540 Millionen Kinder mit Mangelerscheinungen gedeckt werden kann. Da die Hilfsmaßnahmen nicht ausreichend koordiniert werden, befinden sich Millionen Kinder außerhalb der Reichweite dieser Programme.


Privates Engagement für bessere Ernährung

Die Privatwirtschaft will nun diese Lücken füllen. Der weltweit tätige Vitaminhersteller DSM, dessen Hauptsitz in den Niederlanden liegt, arbeitet mit dem Welternährungsprogramm WFP, der Weltbank und der Globale Allianz für verbesserte Ernährung (GAIN) sowie Hilfsorganisationen wie den 'Vitamin Angels' zusammen, um Armen wichtige Nährstoffe zu liefern. DSM hat allein in 2012 eine Million Dollar für die Förderung des Reisanbaus sowie Vitaminpräparate, technischen Rat und logistische Hilfe zur Verfügung gestellt.

Indische Mutter mit Kindern, die Vitamin-A-Kapseln erhalten - Bild: © Sujoy Dhar/IPS

Indische Mutter mit Kindern, die Vitamin-A-Kapseln erhalten
Bild: © Sujoy Dhar/IPS


Nach Angaben von Bhatte unterstützen die 'Vitamin Angels' - die 'Vitamin-Engel' - mehr als hundert Nichtregierungsorganisationen in besonders gefährdeten indischen Bundesstaaten, die die Vitamine an etwa drei Millionen Kinder weiterleiten. Ohne diese Hilfe drohten ihnen aufgrund von Vitamin-A-Mangel Blindheit oder sogar der Tod.

Dank privater Unterstützung konnten bereits 2013 rund 50 Millionen Kinder weltweit mit Vitamin-A-Kapseln versorgt werden. An den Initiativen beteiligte Firmen haben die Europäische Union und ihre Mitglieder aufgefordert, dem Thema in ihren Entwicklungsstrategien hohe Beachtung zu schenken. (Ende/IPS/ck/2012)


Links:

http://www.sightandlife.org/
http://www.copenhagenconsensus.com/CCC%20Home%20Page.aspx
http://www.cgdev.org/section/topics/poverty/mdg_scorecards
http://www.vitaminangels.org/
http://www.ipsnews.net/2012/11/development-targets-ride-on-vitamins/

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Quelle:
IPS-Tagesdienst vom 28. November 2012
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veröffentlicht im Schattenblick zum 29. November 2012