Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin - 21.07.2025
Lancet-Kommission fordert globalen Kurswechsel - One Health als Schlüssel für die Zukunft
Hamburg, 21. Juli 2025 - Die Welt steht vor einer vernetzten Gesundheitskrise: Zoonosen, antimikrobielle Resistenzen, Umweltzerstörung und Klimawandel bedrohen Millionen Menschenleben. Eine internationale Expertengruppe, die Lancet-One-Health-Kommission, warnt in ihrem ersten Bericht vor gravierenden Folgen, wenn Regierungen, Wirtschaft und internationale Organisationen nicht sofort umsteuern. Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) war als führender Partner beteiligt. Der Kern der Botschaft: Nur ein konsequenter "One-Health"-Ansatz, der die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt gemeinsam betrachtet, kann die eskalierende Kette von Gesundheitskrisen durchbrechen.
Die COVID-19-Pandemie hat drastisch gezeigt, wie eng die Gesundheit
von Menschen, Tieren und Ökosystemen miteinander verflochten ist. Doch
Infektionskrankheiten sind nur die Spitze des Eisbergs.
Antibiotikaresistenzen, die jährlich Millionen Todesfälle verursachen,
schmutzige Luft, kontaminierte Gewässer und der Verlust biologischer
Vielfalt bedrohen nicht nur die globale Gesundheit, sondern auch
Ernährungssicherheit, Wirtschaft und soziale Stabilität. Bislang haben
politische Strategien diese Zusammenhänge kaum berücksichtigt.
"One Health" setzt genau hier an: Es ist ein integrierter Ansatz, der die Verbindungen zwischen humaner Gesundheit, Tiergesundheit und Umwelt systematisch in Forschung, Politik und Praxis einbezieht. Die Kommission fordert, diesen Ansatz verbindlich in alle relevanten Politikfelder zu integrieren - von der Landwirtschaft über die Klima- und Umweltpolitik bis hin zur Wirtschaft. Zugleich erfordert One Health einen fairen und gleichberechtigten Umgang zwischen Ländern mit hohem und niedrigem Einkommen. Die Lehre aus der Pandemie ist eindeutig: im globalen Wettbewerb um Impfstoffe, Schutzausrüstung und Diagnostik dürfen Länder mit begrenzten Ressourcen nicht das Nachsehen haben. Globale Gesundheitssicherheit gelingt nur, wenn Ressourcen gerecht verteilt und Kapazitäten überall gestärkt werden.
Die Lancet-One-Health-Kommission wurde 2019 ins Leben gerufen und vereint 40 internationale Expertinnen und Experten aus Medizin, Veterinärwissenschaften, Umweltforschung, Sozialwissenschaften und Ökonomie. Der Bericht basiert auf einer umfassenden Auswertung aktueller Daten, Fallstudien und Szenarioanalysen. Ziel war es, wissenschaftliche Evidenz zusammenzutragen, Risiken zu quantifizieren und Handlungsempfehlungen zu entwickeln. Zwei Wissenschaftler des BNITM brachten ihre Expertise in Global Health, Infektionsepidemiologie, Tropenmedizin und Krankheitsüberwachung ein: Prof. Dr. John Amuasi, Leiter der Global One Health Research Group, ist Co-Vorsitzender der Kommission, BNITM-Vorsitzender und Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten Prof. Dr. Jürgen May ist Kommissionsmitglied.
Die Analyse ist eindeutig: Zoonosen spielen eine zentrale Rolle. Von allen bekannten Infektionserregern, die beim Menschen Krankheiten auslösen, stammen rund 60 Prozent ursprünglich von Tieren. Bei neu auftretenden Infektionskrankheiten ist der Anteil sogar noch höher: Über 70 Prozent dieser sogenannten "Emerging Diseases" - wie Ebola, SARS-CoV-1 oder SARS-CoV-2 - gehen auf Erreger zurück, die vom Tier auf den Menschen übergesprungen sind.
Zugleich sterben jeden Tag Hunderte Kinder an vermeidbaren Durchfallerkrankungen, weil sauberes Wasser fehlt. Luftverschmutzung fordert Millionen vorzeitige Todesfälle jährlich. Hinzu kommen Kipppunkte im Ökosystem: Die Korallenriffe sind seit dem 19. Jahrhundert um die Hälfte geschrumpft, zwischen 2010 und 2015 gingen 32 Millionen Hektar Tropenwald verloren.
Die Kommission zeigt auch die wirtschaftlichen Folgen: Allein die Afrikanische Schweinepest führte in China zum Verlust von 40 Prozent der Schweinepopulation und verursachte Schäden von über 140 Milliarden US-Dollar. Zugleich könnten integrierte Überwachungssysteme nicht nur Leben retten, sondern auch Kosten sparen: In Italien etwa wird das West-Nil-Virus nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Stechmücken, Wildvögeln und Pferden überwacht. Dieser integrierte Ansatz ermöglichte frühzeitige Gegenmaßnahmen - und sparte in sechs Jahren mehr als 160.000 Euro im Vergleich zu einer rein humanmedizinischen Überwachung.
"Gesundheit ist kein isoliertes medizinisches Problem. Sie entsteht in komplexen Ökosystemen", sagt Prof. Jürgen May, Vorstandsvorsitzender und Leiter der Abteilung Infektionsepidemiologie am BNITM und Mitglied der Kommission. "Wenn wir weiter in Schubladen denken, riskieren wir Pandemien, resistente Erreger und den Kollaps unserer Ernährungssysteme."
Prof. John Amuasi: "Regierungen und internationale Organisationen müssen One-Health-Ansätze in nationale Strategien und Budgets integrieren. Die Umsetzung kann allerdings nur funktionieren, wenn die verschiedenen Interessensgruppen auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Das gilt auch für das kürzlich vereinbarte Pandemie-Abkommen. Nur dann können wir weltweit Vertrauen stärken und Pandemien verhindern." Amuasi ist Leiter der BNITM-Arbeitsgruppe Globale Gesundheit und korrespondierender Autor des Berichts.
Die Kommission legt eine klare Agenda vor. Sie fordert eine internationale Governance-Struktur für One Health, vergleichbar mit dem Pariser Klimaabkommen. Nationale Regierungen sollen One Health in Gesetze und Strategien aufnehmen, Budgets umschichten und Frühwarnsysteme für Krankheiten an den Schnittstellen zwischen Mensch, Tier und Umwelt einrichten. Ebenso wichtig ist ein Paradigmenwechsel in der Ökonomie - weg vom reinen Wachstumsdenken hin zu Modellen, die Wohlbefinden, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellen.
One Health soll in die Lehrpläne von Universitäten, in Entwicklungsprogramme und in internationale Handels- und Klimaverträge integriert werden. Die Kommission betont: Der Schutz der menschlichen Gesundheit beginnt im Stall, im Wald, in der Luft und im Wasser. Nur dann können die Ziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen - von Gesundheit über Klima bis hin zur Biodiversität - erreicht werden. Die Verantwortung liegt bei allen UN-Mitgliedstaaten, unterstützt durch die vier Organisationen Weltgesundheitsorganisation (WHO), Weltorganisation für Tiergesundheit (WOAH), Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP).
Über das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin
(BNITM)
Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) ist Deutschlands
größte Einrichtung für Forschung, Versorgung und Lehre im Bereich
tropischer und neu auftretender Infektionskrankheiten. Zu den
aktuellen Schwerpunkten zählen Malaria, hämorrhagische Fieberviren,
vernachlässigte Tropenkrankheiten (NTDs), Immunologie, Epidemiologie
und die klinische Versorgung tropischer Infektionen sowie die
Mechanismen der Virusübertragung durch Stechmücken. Das Institut
verfügt über mehrere Hochsicherheitslabore, darunter ein Labor der
Biosicherheitsstufe 4 (BSL-4) und mehrere Labore der Stufe 3 (BSL-3),
darunter ein BSL-3-Insektarium für den Umgang mit hochpathogenen Viren
und infizierten Insekten. Das BNITM unterstützt den Aufbau von
Laborkapazitäten, darunter mobile Labore, in zahlreichen Ländern
weltweit, insbesondere im Globalen Süden.
Lancet One Health Commission:
Harnessing our interconnectedness for equitable, sustainable, and
healthy socioecological systems
DOI: 10.1016/S0140-6736(25)00627-0
Kontaktdaten zum Absender der Pressemitteilung:
https://idw-online.de/de/institution1059
*
Quelle:
Informationsdienst Wissenschaft - idw - Pressemitteilung
Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin - 21.07.2025
WWW: http://idw-online.de
E-Mail: service@idw-online.de
veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 25. Juli 2025
Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang