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DEMENZ/518: Studie - Antibiotika-Therapien können das Auftreten von Demenz verzögern (Demografische Forschung)


DEMOGRAFISCHE FORSCHUNG - Aus Erster Hand - 3. Quartal 2023
Rostocker Zentrum zur Erforschung des demografischen Wandels

Antibiotika und Demenzerkrankungen

Antibiotika-Therapien können das Auftreten von Demenz verzögern


Einige Risikofaktoren, die dazu beitragen können, an Demenz zu erkranken, wurden bereits identifiziert. Eine neue Studie widmet sich der Frage, welche Rolle Antibiotika-Therapien beim Auftreten der Erkrankung spielen.


Über 50 Millionen Menschen weltweit leiden an Demenz, 40 Prozent mehr werden es laut Hochrechnungen bis 2030 sein. Viele Risikofaktoren, die zu der Entwicklung einer Demenzerkrankung beitragen können, sind bereits bekannt, wie zum Beispiel physische Inaktivität und Diabetes. Viele andere Faktoren sind vermutlich aber noch weitestgehend unbekannt. In einer aktuellen Studie, die im Journal of Alzheimer's Disease erschienen ist, hat die Forscherin Elena Rakuša vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen gemeinsam mit ihren Co-Autor*innen untersucht, wie sich gelegentliche systemische Antibiotika-Therapien bakterieller Infektionen auf die Wahrscheinlichkeit, eine Demenzdiagnose zu erhalten, auswirken. Dass es einen Zusammenhang zwischen systemischen Antibiotika-Therapien und Demenzerkrankungen geben könnte, vermutet man schon länger. Allerdings gibt es hierzu zwei sehr konträre Hypothesen: Zum einen könnten Antibiotika, die gegen eine Vielzahl von Bakterien wirken, die gesunde, ausgewogene bakterielle Besiedlung des Darms beeinträchtigen und zu einem Ungleichgewicht im Darm-Mikrobiom führen. Es ist bekannt, dass Veränderungen im Darm-Mikrobiom mit verschiedenen neurologischen und neurodegenerativen Erkrankungen in Verbindung stehen. Das stärkt die Hypothese, dass systemische Antibiotika-Therapien mit einem erhöhten Demenzrisiko einhergehen könnten. Auf der anderen Seite gibt es viele Hinweise darauf, dass neurodegenerative Erkrankungen durch entzündliche Prozesse verursacht werden, die unter anderem auch durch bakterielle Infektionen ausgelöst werden können. Eine Antibiotika-Behandlung könnte also, so die zweite Hypothese, den infektiösen Entzündungsprozess abschwächen, wodurch die Entwicklung der Demenzerkrankung hin zu klinisch messbaren Symptomen verlangsamt wird.


Die Abbildung zeigt die Auswirkungen verschiedener Antibiotika-Therapien auf die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken -Quelle: AOK-Daten 2006-2018, eigene Berechnungen

Abb. 1: Chancenverhältnis für eine Demenzdiagnose in Abhängigkeit verschiedener Antibiotika-Verordnungen (Werte <1 zeigen eine niedrigere Wahrscheinlichkeit an).
Quelle: AOK-Daten 2006-2018, eigene Berechnungen

Für ihre Studie nutzten die Forscher*innen Daten der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK). Sie arbeiteten mit einer Zufallsstichprobe, die Personen ab 50 Jahren und älter umfasste. Nach Bereinigung des Datensatzes blieben die Daten von 105.216 Einzelpersonen in der Analyse. Bei 35.072 dieser Personen wurde im Untersuchungszeitraum von 2006 bis 2018 eine Demenz diagnostiziert. Ob und welche Antibiotika-Therapien die Personen erhielten, konnten die Forscher*innen anhand der abgerechneten Rezepte erkennen.

Die Wissenschaftler*innen stellten fest, dass es einen negativen Zusammenhang zwischen der Verschreibung von systemischen Antibiotika-Therapien und der Inzidenz von Demenzerkrankungen gibt. Das heißt, dass bei Menschen mit einer Antibiotika-Verordnung die Wahrscheinlichkeit einer Demenzdiagnose zum Zeitpunkt der Beobachtung geringer war. Diesen Zusammenhang konnten die Forscher*innen nicht nur kurzfristig nachweisen. Er blieb mindestens über den Zeitraum von drei Jahren bestehen, mit einer Ausnahme: Bei den Antibiotikagruppen Sulfonamide und Trimethoprim konnte kein signifikanter Zusammenhang zu einer späteren Diagnosestellung hergestellt werden (s. Abb. 1). Die Ergebnisse heben die Bedeutung der Prävention systemischer Entzündungen bei älteren Menschen hervor, wobei der Nutzen der Antibiotika-Behandlung von Infektionen und der damit verbundenen Verringerung des Demenzrisikos mit dem Risiko einer Antibiotikaresistenz sorgsam abgewogen werden muss. Ein Ergebnis, das, so die Forscher*innen, in weiteren Studien überprüft werden müsse, um den potenziellen Nutzen von Antibiotika-Therapien für die Kognition zu entschlüsseln.


Wissenschaftliche Ansprechpartnerin: Elena Rakuša


LITERATUR

Rakuša, E., A. Fink, G. Tamgüney, M. T. Heneka and G. Doblhammer:
Sporadic use of antibiotics in older adults and the risk of dementia: a nested case-control study based on German health claims data.
Journal of Alzheimer's Disease 93(2023)4, 1329-1339.
DOI: 10.3233/JAD-221153

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Quelle:
Demografische Forschung Aus Erster Hand, 20. Jahrgang, 3. Quartal 2023, Seite 4
Herausgeber: Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
ISSN 1613-5822
Anschrift: Konrad-Zuse-Str. 1, 18057 Rostock
Telefon: 0381 / 2081-143, Fax: 0381 / 2081-443
E-Mail: redaktion@demografische-forschung.org
Internet: www.demografische-forschung.org
 
Demografische Forschung Aus Erster Hand erscheint viermal jährlich.

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 23. Februar 2024

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