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BERICHT/445: Therapeut-Patient-Beziehung - Die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz (Thieme)


Thieme Verlag / FZMedNews - Donnerstag, 24. September 2009

Die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz


fzm - Physiotherapeuten und Angehörige anderer helfender Berufe benötigen ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen, um engagiert arbeiten zu können. Sobald aus Mitgefühl jedoch echtes Mitleiden wird, kann das für den Therapeuten - und manchmal auch für den Patienten - zum Problem werden. Welche vielfältigen "Distanzfallen" es in der Therapeut-Patient-Beziehung gibt und wie sie sich vermeiden lassen, erläutert der Wiener Psychotherapeut Dr. Hermann Pötz in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "physiopraxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2009).

Physiotherapeuten sehen ihre Patienten oft regelmäßig über mehrere Monate hinweg. Dass sich dabei neben der rein fachlichen Beziehung auch eine mehr oder weniger stark ausgeprägte persönliche Beziehung entwickelt, ist völlig normal. Patienten jedoch, die ihren gesamten persönlichen Frust beim Physiotherapeuten unterzubringen versuchen oder diesen systematisch über dessen Privatleben aushorchen, überschreiten die Grenze dessen, was noch als angenehm empfunden wird. Hier muss der Therapeut frühzeitig Grenzen setzen - mit dem entsprechenden Taktgefühl, aber doch klar erkennbar.

Wie Dr. Hermann Pötz betont, kann das Fehlen von Grenzen nicht nur für den Therapeuten unangenehm sein - mitunter ist sogar der Behandlungserfolg gefährdet, was dem Patienten schadet. "Es kann beispielsweise vorkommen, dass der Patient aus lauter Mitgefühl zu sehr geschont wird, oder dass er zu intensiv betreut und damit in seiner Autonomie eingeschränkt wird", erläutert der Psychologe und Psychotherapeut.

Auch fachlich kann ein Patient dem Therapeuten zu nahe gehen - sei es durch eine ablehnende und passive Haltung der Therapie gegenüber, oder aber durch übersteigerte, nicht erfüllbare Erwartungen. Auch in diesen Fällen sind einerseits die Nerven des Therapeuten strapaziert und andererseits der Therapieerfolg gefährdet.

Dass einem Therapeuten manche Patienten eher liegen als andere, ist durchaus normal. Dementsprechend schwankt auch die gewünschte oder tolerierte Nähe von Patient zu Patient. "Patienten gegenüber darf man unterschiedliche Gefühle haben, alle sind erlaubt", unterstreicht Psychologe Pötz. Hilfreich sei es jedoch in jedem Fall, wenn der Therapeut sich schon zu Beginn der Behandlung darüber klar wird, wie er die Beziehung zu seinem Patienten gestalten möchte und welches Maß an Nähe er zulassen möchte. "Zum Beispiel sollte jeder Therapeut darüber nachdenken, wie er sich vorstellt, und ob er etwa ein angebotenes "Du" annimmt oder höflich ablehnt", so Pötz. Dabei gilt: Nach und nach mehr Nähe entstehen zu lassen ist allemal leichter, als eine aus dem Ruder gelaufene Situation wieder in den Griff zu bekommen. In extremen Fällen - etwa wenn ein männlicher Patient seiner Therapeutin gegenüber übergriffig wird - liegt der einzige Ausweg in einem Therapeutenwechsel.

Eine gesunde Distanz zu Patienten zu halten fällt leichter, wenn der Therapeut in einer befriedigenden Partnerschaft lebt oder intensive Freundschaften unterhält - auch darauf weist Hermann Pötz hin. Damit werde das Bedürfnis nach Nähe und Intimität abgedeckt und nicht beim Patienten untergebracht. Auch ein guter Kontakt zu Kollegen sei sehr hilfreich: Im Rahmen einer Supervision oder auch bei einfachen Gesprächen können neben fachlichen auch emotionale Aspekte der Behandlung offen diskutiert werden. Denn oft sind es die Fachkollegen, die am besten nachvollziehen, warum einem Therapeuten ein bestimmtes Schicksal besonders nahe geht, oder warum man zu anderen Patienten einfach keinen rechten Draht findet.


H. Pötz:
Professionelle Distanz nützt Therapeut und Patient.
physiopraxis 2009; 7-8: S. 52-54


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Quelle:
FZMedNews - Donnerstag, 24. September 2009
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veröffentlicht im Schattenblick zum 26. September 2009