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BERICHT/012: 'Anstandsherren' spielen auf - Konzert im Kulturcafé 'Komm du' in Hamburg-Harburg (SB)


'Anstandsherren' spielen auf

Konzert am 26. April 2013 im Kulturcafé 'Komm du'



Genau wie die Zunge agiert das menschliche Ohr als Geschmackssensor und neigt irgendwie zum Fremdeln. Nur was einmal als unbedenklich und gefällig ausgemacht ist, erfährt im Wiederholungsfall bedingungslose Öffnung von Mund oder Gehörgang. So wie die Zunge beim ersten Mal vorsichtig tastet, so lassen die Ohren unbekannte Töne und Musik nur zögerlich passieren und in Kopf oder gar Füße weiterwandern. Ein Konzert mit einer unbekannten Band zu besuchen, birgt in dieser Hinsicht ein Risiko, das sich zu gleichen Teilen auf Zuhörer und Künstler verteilt. Die einen wissen nicht, was den eigenen Ohren serviert wird, die anderen haben keine Ahnung, wie es gefallen wird, was sie musikalisch anrichten. Beim Auftritt der 'Anstandsherren' am Freitag, den 26. April 2013, im Kulturcafé 'Komm du' in Hamburg-Harburg konnte die stattliche Anzahl offensichtlicher Fans, die zum Konzert gekommen war, zwar als deutliche Empfehlung an die akustischen Geschmacksnerven gelten, aber ausschlaggebend blieb auch hier das eigene Hören und nicht das Sagen anderer.

Die vier Mitzwanziger haben offenkundig Freude daran, gemeinsam zu musizieren. - © 2013 by Schattenblick

So können 'Anstandsherren' aussehen und in die Saiten greifen.
Von links nach rechts: Schlagzeuger Alexander Berndt, Marc Casper an der Gitarre, Sänger Otti Trenk und Till Nafe am Kontrabass
Foto: © 2013 by Schattenblick

Die vier 'Anstandsherren' haben leichtes Spiel an diesem Abend: Schon mit ihrem ersten, englischsprachigen Song, einer hörenswerten Altlast aus der Zeit, als sie noch zu dritt, ohne Schlagzeuger und unter dem Namen 'Cut' unterwegs waren, sorgen sie swingend und rockend gleichzeitig mit Kontrabass, E-Gitarre, Schlagzeug und Gesang für einen starken Auftakt. Schnell folgt ein weiterer englischer Song und in der Moderation kokettiert Sänger Olli Trenk damit, dass es in der populären Musik- und Fremdsprache weitergeht, obwohl sich die Band inzwischen erklärtermaßen von der Textsprache Englisch verabschiedet hat. Die vier jungen Männer wollen, dass ihre Songs, vor allem die Texte, so direkt wie möglich beim Publikum ankommen und nicht, abhängig von den Englischkenntnissen ihrer Zuhörer, eher zufällig verstanden werden. Die 'Anstandsherren' schreiben deshalb seit 2011 nur noch deutsche Songs. Darin erzählen sie zum Beispiel vom Hamburger Stadtteil Billstedt, von Kochfreunden, vom Stolpern, vom Fallen und vom Aufstehen danach. Im sehr melodischen Titel "Kopf und Fuß", einem der drei Songs aus ihrem Repertoire, die sie jüngst auf einer CD veröffentlicht haben, erzählen die 'Anstandsherren' zum Beispiel von der Suche nach dem richtigen Leben. Mit dem Refrain "Egal wohin mein Kopf mich führt, den Weg geh ich zu Fuß, und hinterher weiß man immer mehr", meldet die Gruppe an Sinn und Kern dieser Suche in gleichem Maße Zweifel an, wie sie sich in der Strophe ernstzunehmend um sie bemüht.

Die 'Anstandsherren' auf der Bühne - © 2013 by Schattenblick

Foto: © 2013 by Schattenblick

Der Auftritt der vier Musiker transportiert und versprüht Freude. Frisch, sympathisch und energiegeladen füllen sie das 'Komm du' mit ihrer Musik und haben unverkennbar, auch unabhängig vom Publikum, Spaß miteinander auf der Bühne. Die Tatsache, dass die jungen Männer Mitte 20 seit fast vier Jahren gemeinsam Musik machen, erscheint zunächst nicht der Erwähnung wert, verblüfft aber angesichts der sehr unterschiedlichen Lebens- und Entwicklungswege der vier 'Anstandsherren' dann doch. Es dürfte nicht so einfach sein, verschiedene Studienpläne unterschiedlicher Fachbereiche, die Arbeit in einer Bank und den Alltag eines Landwirts so aufeinander abzustimmen, dass zweimal wöchentlich eine Probe stattfinden kann. Die 'Anstandsherren' schaffen es. Das Interesse an Musik verbindet sie offenbar ebenso wie Neugierde und Experimentierfreude. So haben sie Instrumente entdeckt und in ihr gemeinsames Spiel integriert, die ihrer vierköpfigen Band eine spezielle Note verleihen. Till Nafe, der Gitarre spielt, hat sich irgendwann auch an den Kontrabass gestellt und sorgt jetzt für den besonderen Sound vieler Songs. Marc Casper war als Tangotänzer von ganz bestimmten, vor allem aus Frankreich bekannten, Akkordeonklängen fasziniert. Er machte sich auf die Suche nach einem Bandoneon und ersteigerte ein solches, 100 Jahre altes, Instrument schließlich im Internet. Das Stimmen und Spielen hat er sich selbst beigebracht. "Bis auf genau die zwei Lieder, die wir damit spielen, kann ich allerdings nichts!", erzählt Marc Casper fröhlich und lächelt zu den Kommentaren der Bandkollegen über den Geruch, den das Bandoneon angesichts seines Alters bei jedem Ziehen und Drücken absondert.

An Begeisterung und Freude für das eigene Tun mangelt es den 'Anstandsherren' ebenso wenig, wie an Ideenreichtum, Showtalent und dem dazugehörigen Gefühl für Stimmungen. Genau in dem Moment des Konzerts, in dem sich der eine oder andere Gast im 'Komm du' vielleicht etwas mehr musikalische Abwechslung hätte wünschen können, weil sich die Songs plötzlich irgendwie gleich anzuhören begannen, setzen die 'Anstandsherren' einen ebenso überraschenden wie fulminanten Schlusspunkt, mit ihrem Titel "Misanthrop". Der gesungene Hass auf alle möglichen, mehr oder weniger fragwürdigen menschlichen Verhaltensweisen und sozialen Zusammenhänge und Zwangslagen stürzt auf das Publikum nieder und reißt es mit. Der witzig böse Text lässt nichts aus, auch der weltrettende Tim Bendzko erntet ein paar bissige Zeilen und findet sich vor einem leeren Mailfach wieder. Die vier Musiker inszenieren den Song auf der Bühne ebenso heiter wie ernsthaft beeindruckend. Dieser temporeiche Ausklang des Konzertabends begründet damit schlussendlich für Ohren, Kopf und Füße die Erkenntnis: Die 'Anstandsherren'? Gerne wieder!

4. Mai 2013