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NACHLESE/015: 50 Jahre später ... Nico - The Marble Index (SB)


Into numberless reflections
Rises a smile from your eyes into mine
Frozen warnings close to mine
Close to the frozen borderline

Nico - Frozen Warnings


30 Jahre nach ihrem Tod am 18. Juli 1988 und 50 Jahre nach Aufnahme und Veröffentlichung ihres zweite Albums The Marble Index im Herbst 1968 gilt die Kölnerin Christa Päffgen längst als Ikone der 1960er Jahre. Nico - Biografie eines Rätsels hat Tobias Lehmkuhl sein eben veröffentlichtes Buch über ein Model, das lange vor dem Kult um ihresgleichen keine blonde Anziehpuppe mehr sein wollte, überschrieben. Was an Nico nach den vielen Dechiffierungsversuchen, mit der sich etwa der Dokumentarfilm Nico Icon der Kölner Regisseurin Susanne Ofteringer, das Theaterstück Nico - Sphinx aus Eis, das Buch Nico - Im Schatten der Mondgöttin ihres Gefährten Lüül [1] oder Susanna Nicchiarellis dieses Jahr auf den Filmfestspielen in Venedig preisgekrönte Filmbiografie Nico 1988 ihrer künstlerischen Persona und der dahinterstehenden Frau näherten, noch rätselhaft erscheinen mag, hat zweifellos mit der außergewöhnlichen Ausdruckskraft und Tiefe ihrer Musik zu tun.

Insbesondere die Schwierigkeit, die drei Alben The Marble Index, Desertshore und The End ... irgendeiner popmusikalischen Kategorie zuzuordnen, haben Nico den Ruf eines Solitärs eigener Art eingebracht. Zugleich in der popmusikalischen Avantgarde der 1960er und in den Neutönern der europäischen Klassik verwurzelt, dabei alles andere als eine virtuose Instrumentalistin oder auch Sängerin, hat Nico vermocht, Quellen einer dunklen Emotionalität anzuzapfen, die viele in den vermeintlichen Weltfluchten der deutschen Romantik verorten, die aber auch eine vitale und lebensbejahende Annäherung an die Probleme ihrer Zeit darstellten. Aus den häufig optimistisch und hoffnungsvoll eingefärbten 1960ern ragt ihr kleines Werk wie ein erratischer Gegenentwurf zu jener Harmonieseligkeit hervor, mit der die Hippies fälschlicherweise aus Vermarktungsgründen synonym gesetzt wurden und bis heute werden. The Marble Index hat mit den Jahren nicht etwa Patina angesetzt, sondern läßt sich wie ein die Jahrzehnte in frischer Negation mühelos überbrückender Kommentar zur Conditio humanae hören.

Es ist Nicos ganz unprätentiöse, mit einem verstimmten indischen Harmonium, das ihr ein wandernder Hippie geschenkt haben soll, in sparsamste Noten und dunkle Worte gesetzte Konfrontation mit den eher schmerzhaften Seiten des Daseins, die Musikerinnen von Siouxsie bis PJ Harvey, von Lisa Gerrard bis Björk in ihren Fußspuren wandeln ließen. Als Ice Queen, die sogar den kühlen Nimbus von Grace Slick in den Schatten ihrer Größe stellte, tituliert, als Stilikone für die Retroentwürfe einer die Epoche bis auf die letzte Gräte fischbeinverstärkter Camouflagen verwertender ModemacherInnen annonciert, bleibt Christa Päffgen kein Klischee erspart, das sie nicht selbst mitinitiiert, in dieser Form fast schon wieder leerlaufender kulturindustrieller Rotation vielleicht aber dennoch nicht gewollt hätte.

In einer Zeit des alles verzehrenden Konsumismus, in der manche Bekleidungshäuser so viele Kollektionen auf den Markt werfen wie das Jahr Monate hat, nimmt eine Künstlerin wie Nico ohnehin nurmehr als Summe ihrer Rezeptionsgeschichte Gestalt an. Um so wertvoller ist ein musikalisches Zeugnis wie The Marble Index, das sich keinem leicht verdaulichen Musikgenuß erschließt, weil es schlicht zu spröde und zu eigenständig ist. Was der ingeniöse John Cale, mit dem zusammen sie bereits bei The Velvet Underground an musikästhetischen Gegenentwürfen gearbeitet hatte, an folkloristischen Anmutungen und kristallinen Minimalismen für das von ihm arrangierte Album hervorzauberte, nahm die Entwicklung der Ambient Music eines Brian Eno und des noch späteren Gothic Rocks zu einem Zeitpunkt vorweg, der allemal rechtfertigt, das Werk als wesentliche Inspiration dieser ihrerseits niemals radiotauglich gewordenen Genres zu bezeichnen.

Der einem Gedicht des englischen Romantikers William Wordsworth entlehnte Titel, der die Betrachtung einer Statue Isaac Newtons in die Worte "The marble index of a mind for ever / Voyaging through strange seas of Thought, alone" faßte, könnte die Zeitlosigkeit des Werkes nicht besser in Worte fassen. Ob der Nullpunkt des noch nicht manifest gewordenen Lebens, als der sich die häufig für den Sound Nicos geprägte Metaphorik des Eises deuten ließe, überhaupt menschlichen Sinnen zu erschließen ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall machen es sich Rezensenten wie Lester Bangs, der 1978 den vielzitierten Artikel "Dein Schatten hat Angst vor dir - Ein Versuch, vor Nico keinen Horror zu bekommen" verfaßte, zu leicht, wenn sie die Wirkung ihrer Musik in düstersten Metaphern und suizidalen Phantasien umschreiben. Das schwärzeste Schwarz gehört ebenso zur Palette lichtdurchdrungener Farben, wie die denkbar größte Verzweiflung der Vitalität eines Hoffens geschuldet ist, an dessen eschatologischem Fluchtpunkt die gleiche Haltlosigkeit menschlicher Sinnsuche wartet, die in der unbewältigten Grausamkeit stoffwechselbedingter Reproduktion zu konfrontieren aus naheliegenden Gründen gemieden wird.

Kein geringerer als ihr Freund Jim Morrison soll Nico davon überzeugt haben, daß sie das Zeug dazu hat, eigene Texte zu schreiben und eigene Musik zu komponieren. Was dabei an Widersprüchlichkeiten wie der von ihr inklusive der verbotenen ersten Strophe öffentlich vorgetragenen Nationalhymne der Bundesrepublik und deren Widmung an Andreas Baader, so geschehen bei einem Auftritt in Berlin, hervortrat, ist vielleicht weniger rätselhaft, als der dieser Epoche enthobene Blick auf Nico vermuten läßt. Die Konflikte, die eine im NS-Staat 1938 geborene Frau auszutragen hatte, die im New York der 1960er Jahre von Andy Warhol zum Supermodel aufgebaut wird, um dieses Image mit Beginn ihrer Laufbahn als eigenständige Künstlerin gezielt zu zerstören und als avantgardistische Sängerin ohnehin gegen die Verwertungszwänge der Musikindustrie zu verstoßen, hätte vermutlich auch weniger emphatisch veranlagte Menschen in Verwirrung gestürzt. So sehr Nico als Projektionsfläche pophistorischer Mythenbildung taugt, so sehr entzieht sie sich einer Einordnung in die Archive bürokratischer Kulturverwaltung. Wer The Marble Index hört, wird wissen warum.


Fußnote:

[1] INTERVIEW/035: Deutscher Rock - Meine Geige, "Lüül" Lutz Ulbrich im Gespräch (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/musik/report/muri0035.html

22. August 2018


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