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BERICHT/047: Pilze - die unbekannten Wesen (Unser Wald)


Unser Wald - 5. Ausgabe, September/Oktober 2011
Zeitschrift der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald

Pilze - die unbekannten Wesen

von Markus Blaschke


Flora und Fauna, die Pflanzen und die Tiere, diese beiden Reiche der Biologie sind den meisten Menschen ein Begriff. Doch, dass es noch weitere Reiche in der Biologie gibt, ist nicht so geläufig. Die Höheren Pilze sind dabei sicherlich doch noch jedem Kind als Fliegenpilz oder Steinpilz ein Begriff. Aber was unterscheidet diese unheimlichen Wesen von den Tieren oder Pflanzen?

Gruppe leuchtender Pfifferlinge auf bewachsenem Waldboden in Nahaufnahme - Foto: © Markus Blaschke

Der Pfifferling strömt einen angenehmen fruchtigen Geruch aus.
Foto: © Markus Blaschke

Sie ermöglichen unseren Bäumen, sich durchzusetzen und in die Höhe zu wachsen; sie sorgen für Ordnung in unseren Wäldern und recyceln zahlreiche Produkte.

Pilze können sich im Gegensatz zu den Pflanzen nicht über die Photosynthese selbst mit kohlenstoffreichen Nährstoffen (Zuckern) versorgen. Vielmehr sind sie auf die Aufnahme dieser Zucker aus anderen Quellen angewiesen. Der wichtigste Bestandteil der Zellwände von Pilzen besteht aus Chitin, einen Stoff, den man gemeinüblich mit dem Außenskelett der Insekten und anderer Gliederfüßer in Verbindung setzt. Was die Pilze wiederum mit den Pflanzen verbindet, ist ihre Bindung an einen Ort. Aber was ist der Pilz? Pilze bestehen aus weitgehend selbständig lebensfähigen, länglichen Zellen, die der Fachmann als Hyphen bezeichnet. Diese mikroskopisch kleinen Zellen, von ihrer Länge kommen rund 10 bis 100 hintereinander aufgereiht auf einen Millimeter, von der Breite her sind es sogar etwa 200 bis 500 pro Millimeter, durchziehen ihren Lebensraum. Je nach Lebensweise kann dies ein Waldboden oder ein im Wald liegendes Stück Holz sein, oder - für uns Menschen eher unangenehm - auch ein Brot oder ein Glas Marmelade. Diese einzelnen Zellen stehen als Geflecht untereinander in Verbindung und werden dann als Pilzmyzel bezeichnet.

Dieses Geflecht bildet schließlich von Zeit zu Zeit Fruchtkörper, die wir entweder als ungeliebten Schimmel auf dem Brot entdecken oder als beliebten Speisepilz im Wald aufsammeln. Auch diese Fruchtkörper sind aus den Pilzhyphen aufgebaut. Nur finden sich in einem Fruchtkörper zahlreiche dieser Pilzfäden zu einem mehr oder weniger kompakten Gebilde. Zweck dieser Fruchtkörper ist es, dem Pilz eine Möglichkeit zu bieten, sich über die hier gebildeten Sporen auszubreiten. Diese Sporen werden meistens über den Wind verbreitet und, wenn eine dieser Sporen auf einen geeigneten Standort fällt, besteht die Möglichkeit, dass die Pilzart wieder ein neues Myzel ausbilden kann. Insofern kann man das Myzel eines Pilzes mit einem Apfelbaum vergleichen und die Fruchtkörper mit den Äpfeln.

Großköpfige Maronen auf bewachsenem Waldboden in Nahaufnahme - Foto: © Markus Blaschke

Als Speisepilz sehr beliebt - die Marone.
Foto: © Markus Blaschke

Um die Lebensweise von Pilzen besser zu verstehen, gliedern die Mykologen die verschiedenen Pilzarten in drei Lebensformen.

1. Mykorrhiza

Unter der Mykorrhiza ist eine Symbiose von Pflanzen und Pilzen zu verstehen. Bei der typischen Mykorrhiza unserer Wälder bilden die Pilze einen Mantel um die Feinwurzelspitzen der Bäume und dringen mit ihren feinen Hyphen zwischen die Wurzelzellen der Bäume ein. Auf der anderen Seite durchzieht das feine Geflecht der Pilze den Boden und ist viel besser in der Lage, Wasser und abiotische Nährstoffe wie Phosphor und Stickstoff aufzunehmen, als dies Pflanzenwurzeln vermögen.

In der Wurzel erfolgt der Austausch der Nährstoffe. Während der Pilz das Wasser und die abiotischen Nährstoffe an den Baum abgibt, versorgt er sich vom Baum mit zuckerhaltigen Verbindungen, die er zum Aufbau seiner Zellen benötigt. Zu den Mykorrhizapilzen gehören viele der beliebten Speisepilze wie die meisten Röhrlinge, Milchlinge, Täublinge sowie die Wulstlinge und Knollenblätterpilze.

2. Zersetzer

Eine weitere Eigenschaft zahlreicher Arten ist es, abgestorbenes organisches Material aufzuarbeiten und zurück in den Kreislauf zu bringen. So sind zahlreiche Pilzarten bei der Zersetzung von Totholz und der Laubstreu in den Wäldern beteiligt. Zu ihnen zählen auch viele Zuchtpilzarten wie die Champignons oder der Austernseitling, aber auch Konsolenpilze wie der Zunderschwamm.

3. Parasiten

Eine dritte Gruppe von Pilzen sind die Parasiten. Parasiten im strengen Sinne sind Arten, die praktisch ihr ganzes Leben über auf lebendes Material angewiesen sind. Im Wald können wir hierzu insbesondere die Mehltauarten, wie den Eichenmehltau mit ihren winzigen Fruchtkörpern auf den Blättern der Eiche und die Rostpilze, wie den Tannennadelrost, zählen.


Wo findet man die Pilze und wann?

Pilzfruchtkörper kann man praktisch das ganze Jahr über finden. Einige Arten wie der Zunderschwamm bilden an zahlreichen Laubbaumarten dauerhafte Pilzkonsolen, die sogar zehn oder mehr Jahre alt werden können. Andere Arten, wie so mancher Tintling, bilden allerdings Fruchtkörper, die in ihrer vollen Pracht nur wenige Stunden oder Tage zu bewundern sind. Einen jahreszeitlichen Schwerpunkt in der Fruchtkörperbildung stellt der Spätsommer und Herbst dar.

Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass zu dieser Zeit die Bäume viele Nährstoffe in die Wurzeln verlagern, und diese sind dann für die Pilze gut verfügbar, oder durch den Streufall auch für Streuzersetzer ein gutes Angebot vorliegt. Allerdings gibt es auch Arten, die sich auf andere Jahreszeiten angepasst haben. So lassen sich im Winter die Fruchtkörper des Austernseitlings und des Samtfußrüblings entdecken. Viele Schädlinge der Bäume haben sich so eingestellt, dass die Sporen im Frühjahr zur Zeit der Entwicklung der frischen Blätter und Nadeln reif sind. Zu dieser Zeit können die Pilze die noch nicht ausgehärtete Blattoberfläche sehr gut durchdringen.

So wie man Pilze das ganze Jahr über finden kann, so kann man sie praktisch auch an jedem Ort finden. Die meisten der beliebten Speisepilze finden sich jedoch im Wald in den Beständen ihrer entsprechenden Mykorrhiza-Partner. Besonders zu empfehlen sind dabei Birken, Aspen, die Nadelbäume, Buchen und Eichen. Bei Ahorn und Esche wird der Speisepilzsammler nicht fündig, da ihre Pilzpartner nur winzige, mikroskopisch kleine Fruchtkörper ausbilden.

Gruppe kleiner, schlanker Trompetenpfifferlinge auf bewachsenem Waldboden in Nahaufnahme - Foto: © Markus Blaschke

Weniger bekannt - der Trompetenpfifferling.
Foto: © Markus Blaschke

Was muss ein Pilzsammler beachten?

Neben den Speisepilzen finden sich in unseren Wäldern allerdings auch zahlreiche ungenießbare und sogar giftige Arten. Einfache Grundregeln zur Erkennung von Gift- und Speisepilzen gibt es dabei nicht. Auch unter der noch auf den ersten Blick überschaubaren Artenvielfalt der bei vielen Pilzsammlern beliebten Röhrlingen findet sich manche ungenießbare Art wie der Gallenröhrling und sogar einige giftige Arten wie der Satanspilz. Eine sichere Ansprache der Arten ist daher nur auf der Grundlage einer entsprechenden Kenntnis von Merkmalen möglich.


Darf jeder seine Pilze sammeln?

Für den eigenen Bedarf darf sich in Deutschland grundsätzlich jeder auf die Suche nach seinen Pilzmahlzeiten machen. Auch für viele seltenere Arten wie Steinpilz, Birkenpilz und Pfifferling lässt die Bundesartenschutzverordnung eine Ausnahme zum Sammeln in kleinen Mengen zu. Die Einzelheiten zum Betretungsrecht und zu den Sammelbeschränkungen regelt das jeweilige Landesrecht. Zum gewerblichen Sammeln bedarf es aber einer Genehmigung durch die zuständigen Behörden und auch die Einwilligung des Grundeigentümers.


An wen kann man sich wenden, wenn man unsicher ist?

Überwiegend auf ehrenamtlicher Basis bieten in vielen Gemeinden und Städten Pilzsachverständige ihr Wissen an und beraten die Speisepilzsammler. Die Namen und Adressen von Pilzberatern der Deutschen Gesellschaft für Mykologie finden sich auf der Internetseite www.dgfm-ev.de. Neben der eigentlichen Pilzberatung veranstalten auch viele Pilzvereine von Zeit zu Zeit für Interessierte Lehrwanderungen und Pilzausstellungen. Unter der Schirmherrschaft der Gesellschaft bieten auch einige Pilzschulen mehrtägige Seminare vom Anfängerlehrgang bis zu Fachseminaren für bestimmte Artengruppen an.


Welche Arten gehören zu den Lieblingen der Pilzsammler?

Zwei Pilzarten, die viele Sammler mit in ihrem Fokus haben, sind die Marone und der Pfifferling. Die Marone (Xerocomus badius) ist einer der klassischen Röhrlinge. Kennzeichen sind der bei Feuchtigkeit leicht schmierige, dunkelbraune Hut, die gelben Poren, die bei Druck schnell blau verfärben und der Stiel, dessen gelblich-braune Marmorierung an die Maserung von Holzbrettern erinnert. Der Pfifferling oder Eierschwamm (Cantharellus cibarlus) gehört zu den Leistlingen. Diese unterscheiden sich von den Blätterpilzen anhand der Struktur auf der Unterseite der Hüte. Diese sind nicht ausgesprochen lamellenartige, sondern besitzen eine glatte, geaderte oder gerunzelte Hutunterseite. Der Pfifferling ist in allen Teilen vom Hut bis zum Stiel gelb gefärbt und strömt einen angenehmen fruchtigen Geruch aus. Weniger bekannt ist der etwas kleinere Trompetenpfifferling (Cantharellus tubaeformis). Der einzelne Fruchtkörper bringt hier nicht so viel auf die Waage. Doch wer einen Fruchtkörper im Moos eingesenkt findet, kann im Umkreis in aller Regel schnell einige Hände voll aufsammeln.


Vorsicht geboten

Besondere Gefahren beim Verzehr von Pilzen gehen neben den Knollenblätterpilzen auch von vielen braunsporigen Pilzarten aus. Besonders heimtückisch ist bei vielen dieser Arten, dass die Latenzzeit der Pilzvergiftung mit bis zu zwei Wochen so lang ist, und dass man sich häufig gar nicht mehr an die Pilzmahlzeit erinnern kann. Der Spitzgebuckelte Rauhkopf (Cortinarius speciosissiumus) ein orange- bis rotbrauner Blätterpilz, mit einem faserigen Hut kann zu schweren Nierenschäden führen.

Spitzgebuckelte Rauhköpfe auf bewachsenem Waldboden mit Klee in Nahaufnahme - Foto: © Markus Blaschke

Einer der giftigsten Pilze ist der Spitzgebuckelte Rauhkopf, er kann mit jungen Pfifferlingen verwechselt werden.
Foto: © Markus Blaschke

Radioaktive Belastung der Pilze 25 Jahre nach Tschernobyl

Viele Pilzmyzelien haben die Eigenschaft entwickelt, bestimmte Stoffe gezielt aufzunehmen und diese dann auch im Fruchtkörper zu akkumulieren. Diese Eigenschaft gilt leider auch für radioaktive Elemente wie Caesium 137. Aufgrund dieser Eigenschaft kommt es auch heute, 25 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl, noch dazu, dass in bestimmten Regionen die Belastung der Pilze noch immer recht hoch ist, und auch empfohlene Grenzwerte überschritten werden. Aufgrund der Konzentration der Radioaktivität im Pilzfruchtkörper kommt es sogar dazu, dass Wildschweine, die einen hohen Anteil an entsprechenden Fruchtkörpern gefressen haben, so verstrahlt sind, dass ihr Fleisch nicht in den Handel gelangen darf. Über die radioaktive Belastung von Pilzen und anderen Waldfrüchten in den Regionen informieren zahlreiche Landesbehörden und Institute.


Autor
Forstoberrat Markus Blaschke
ist in der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft tätig;
E-Mail: Markus.Blaschke[at]lwf.bayern.de


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Quelle:
Unser Wald - Zeitschrift der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald
5. Ausgabe, Sept./Okt. 2011, Seite 18-20
veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion
Herausgeber:
Bundesverband der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald e.V., Bonn
Redaktion: Meckenheimer Allee 79, 53115 Bonn
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E-Mail: unser-wald@sdw.de
Internet: http://www.sdw.de

Erscheinungsweise: zweimonatlich
Bezugspreis: Jahresabonnement 17,50 Euro
einschl. Versandkosten und 7% MwSt.
Einzelheft: Preis 3,- Euro


veröffentlicht im Schattenblick zum 12. Januar 2012