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KOMMENTAR/109: Ideologiefreie Zone (SB)


Wie politisch darf wissenschaftliches Arbeiten sein?



Unter diesem Titel brachte unlängst das wöchentlich erscheinende Wissenschaftsjournal Spektrum der Woche ein Interview mit Professor Dr. Ralf Reski von der Universität Freiburg heraus. Reski war kurz zuvor als wissenschaftlicher Editor der Fachzeitschrift "BioMed Research International" zurückgetreten, weil diese im Dezember 2013 eine Studie des wegen seiner These "Genmais könnte Krebserkrankungen fördern" umstrittenen französischen Forschers Gilles-Éric Séralini publiziert hatte, allerdings unter dem Editorat eines anderen Wissenschaftlers (Bruno C. Cavalcanti).

Seiner Aussage nach war er erst durch eine Bugwelle bei Twitter auf die neue Séralini-Veröffentlichung aufmerksam geworden. Er habe dann, wie es hier hieß, zu seinem Schrecken festgestellt, daß diese durch ein Journal ermöglicht worden sei, für das er sich selbst als akademischer Editor verantwortlich zeichnet. Daraufhin hatte er sich die Studie angesehen und mit deutlich nachklingender Empörung seine Konsequenzen gezogen.

Seine Beweggründe, die er gegenüber Spektrum.de zu erkennen gab, lassen jedoch nur den heiligen Zorn über Wissenschaftler, die Veröffentlichungen für ihre persönlichen politischen Feldzüge mißbrauchen, und kaum sachliche Argumente erkennen, die man gegenüber der neuen Studie von Robin Mesnage, Nicolas Defarge, Joël Spiroux de Vendômois und Gilles-Eric Séralini [1] hervorbringen könnte. Angesichts des bereits erfolgten Rückzugs einer 2012 im Wissenschaftsmagazin Food and Chemical Toxicology veröffentlichten früheren Arbeit des Forschers durch den Verlag im November 2013, nach dem diese Arbeit aufgrund mangelnder statistischer Aussagekraft in Wissenschaftskreisen weithin kritisiert worden war, wirkt die Reaktion des Editors eher wie ein unfaires "Nachtreten" auf den bereits diskreditierten Wissenschaftler als eine neuerliche Auseinandersetzung mit seinen Argumenten. Im Interview sagte der offenbar vor allem durch die schnelle Veröffentlichung ("Nach meiner Erfahrung sind sechs Wochen bei dieser Zeitschrift einfach extrem kurz.") persönlich verschnupfte Ex-Editor:

... es geht um den Einfluss verschiedener Pestizide auf bestimmte Zellkulturen. Diese Ergebnisse jetzt auf Organismen hochzurechnen, fand ich schon ein bisschen schwierig. Dann habe ich mir den Diskussionsteil angesehen und fand dort erneut diese nicht von Ergebnissen belegten vollmundigen Behauptungen, die sich gegen die Gentechnik richten. Das heißt für mich letztendlich, daß dieses Papier zusammengenommen im Grunde wieder das Gleiche ist wie die inzwischen diskreditierte und zurückgezogene Rattenstudie. Das heißt, er zieht aus wissenschaftlich nicht unbedingt haltbaren Versuchen wieder eine politische Kampagne. Da habe ich mir gesagt: Ich möchte nicht, daß mein Name mit einem Journal in Verbindung gebracht wird, das solchen Praktiken eine Plattform bietet. [2]

Was seine eigentliche Kritik an der bisher noch nicht umstrittenen Studie betrifft, hält sich Reski erklärtermaßen mangels eigener Expertise im Fachgebiet Toxikologie zurück, um gleichwohl anzuführen: Auch hier sei - wie bereits in der zurückgezogenen Séralini-Studie - vor allem unsaubere, inadäquate Statistik verwendet und somit der gleiche Fehler mehrfach wiederholt worden. Zudem habe sich Séralini mit seinen spektakulären Ergebnissen schon im Vorfeld der Veröffentlichung mit Sperrfrist an die Presse gewandt, was er ebenfalls für schlechten Stil und darüber hinaus für eine Politik hält, die in seinem Sinne nichts mit guter Wissenschaft zu tun hat.

Und schließlich hält er dem Fachmagazin selbst vor, mit Veröffentlichungen, die auf diese Weise im Schnellverfahren durchgeschleust werden, weil sie auf großes Interesse stoßen, für sich selbst mehr Publizität erheischen zu wollen.

Abgesehen davon, daß man die vermeintlich "vollmundigen Behauptungen, die sich gegen Gentechnik richten", in Séralinis Studie auch mit Lupe umsonst suchen wird - in der ganzen Arbeit wird nur an einer Stelle (und nicht in der Diskussion, sondern in der Einleitung auf Seite 3) im Zusammenhang mit den für die Studie ausgewählten, weltweit am häufigsten eingesetzten Pestiziden erwähnt, daß das Herbizid Roundup durch die Einführung von gegen Roundup resistentem, "genmodifizierten Mais" zunehmend Anwendung finden wird und deshalb in diese Studie gehört - bleibt die interessante Eingangsfrage, wie politisch denn wissenschaftliches Arbeiten sein dürfe oder warum gerade Séralinis Studie "zu politisch" für die Wissenschaft sei, nahezu unberührt.

Also gut, man könnte vielleicht den letzten Diskussionspunkt der fraglichen Studie, in dem von der besonders zellschädigenden Wirkung von in Roundup formuliertem Glyphosat die Rede ist, was die vom Hersteller weltweit verbreitete Ansicht, es sei umweltverträglich und vollkommen unschädlich, in Frage stellt, möglicherweise als Kritik an dieser "vollmundigen" Konzernwerbung auffassen. Auch der sich daraus ergebende Vorschlag, die bisher nur von Glyphosat abgeleitete ADI (acceptable daily intake) daraufhin neu anzupassen, könnte als politische Äußerung verstanden werden, da der Vorschlag zur Grenzwertänderung, ernst genommen, verwaltungstechnische und politische Regularien nach sich ziehen würde. Doch ob man dies als sachlichen Hinweis oder Diffamierung betrachtet, ist letztlich die Frage des eigenen politischen Standpunkts, oder nicht?

Nebenbei bemerkt hat selbst das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) vor kurzem in seiner gesundheitlichen Bewertung des Stoffes eingeräumt, daß die entsprechenden, auch in dieser Studie untersuchten Formulierungen zum Beispiel mit dem Benetzungsmittel Tallowamin, toxischer sind, als der Reinstoff. Und das, obwohl das BfR unlängst im Rahmen der von Deutschland koordinierten Wiederzulassung von Glyphosat mangels anderer stichhaltiger Nachweise dem Herbizid Glyphosat eine gesundheitlich vollkommene Unbedenklichkeit bescheinigte.

Ob allerdings die Auswahl der zu dieser Neubewertung herangezogenen, relevanten Studien, die das BfR vornahm, tatsächlich nur sachbezogen oder auch politisch war, sei dahingestellt. Die Neu- oder Wiederzulassung des umstrittenen Herbizids aufgrund seiner als positiv bewertenden Metastudie hat auf jeden Fall agrarpolitische Konsequenzen und könnte auch - wenn das derzeit vieldiskutierte transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen EU und USA durchgesetzt wird - zum Brandbeschleuniger für die weitere Zulassung von Gentechnik hierzulande werden. Wie unpolitisch ist das denn?

Unschwer zu erkennen, daß Prof. Dr. Ralf Reski, Inhaber des Lehrstuhls für Pflanzenbiotechnologie der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg und Senior Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) sowie am University of Strasbourg Institute for Advanced Study (USIAS), damit seinen eigenen politischen Standpunkt deutlich macht. Denn die wissenschaftliche Forschung an gen- bzw. biotechnologischen Lösungen anstehender Probleme der Menschheit oder an dadurch beförderten agrarischen oder sonstigen wirtschaftlichen Interessen findet wahrlich nicht nur theoretisch im viel besungenen Elfenbeinturm statt. Als Sprecher der Professoren im Akademischen Senat der Universität Freiburg sollte Reski zumindest eine gewisse Einflußnahme auf die Auswahl der Forschungsprojekte sowie ihre Förderung durch entsprechende Sponsoren zukommen, selbst wenn es nur unter den anderen "Fellows" beim abendlichen Stammtisch geschieht. Dazu wird auch in Freiburg wie in vielen Universitäten der projektbezogene Ausbau der Spitzenforschung durch die von Bund und Ländern unterstützte sogenannte Exzellenzinitiative gefördert. Das heißt nichts anderes, als daß man sich politisch für zukunftsweisende Projekte stark macht. Für die Uni bedeutet das aber feinfühliges Planen, welche Projekte politisches Interesse wecken und damit Fördergelder einbringen können.

Politik, Wirtschaft und Wissenschaft lassen sich durch ihre finanzielle Verzahnung nicht voneinander trennen. Während noch zu Galileo Galileis Zeiten das von ihm nachkonstruierte "Fernrohr" oder Teleskop politisches Interesse weckte, weshalb er seine Entdeckung zu diesem Zwecke und mit dem Vermerk, daß es möglicherweise als Werkzeug für die Kriegführung verwendet werden könne, dem Dogen von Venedig, Leonardo Donato, anbot, um sich seiner Förderung zu versichern, sind es heute andere Themen, die politische oder wirtschaftliche Begehrlichkeiten wecken. Wobei sich auch Wirtschaftsinteressen letztendlich nur mit Hilfe politischer Lobbyarbeit und Führung durchsetzen lassen. Heute verbergen sich hinter der politisch geförderten und mit bestem "grünem Gewissen" verkauften "Green Economy" umstrittene Genforschungsprojekte, die angesichts der brisanten globalen Entwicklungen und ihren sozioökonomischen Auswirkungen wie Energiekrise, Welternährungssituation, Bevölkerungswachstum, Bodendegradation, Wassermangel, Luftverschmutzung, Extremwetter bis hin zum Klimawandel, Lösungen versprechen, auf die man nicht verzichten will, von denen aber vor allem Wirtschaftsunternehmen Vorteile haben werden. Natürlich scheint das Versprechen genetisch veränderter Pflanzen, die sich mit weniger Pestiziden anbauen lassen, weil sie selbst ein Gift gegen ihre Schädlinge produzieren und, einfacher, weil sie gegen ein "unbedenkliches" Herbizid resistent sind, zunächst auch eine Antwort für die notwendige Steigerung der Agrarproduktion und damit ein hehres Ziel zu sein.

Nur wenige Wissenschaftler stellen sich der Herausforderung, nach dem eigentlichen Preis solcher vermeintlich schnellen Lösungen zu fragen, der sich teilweise in der Praxis schon abzeichnet und geradezu auf der Hand liegt: So werden Maisfelder von jenen Würmern zerfressen, gegen die die GM-Pflanzen eigentlich ein Gift produzieren sollen. Die Schädlinge werden jedoch binnen weniger Vegetationszyklen resistent, die Bauern müssen statt weniger Gift immer größere Mengen an Pestiziden einsetzen. Die plötzliche Häufung unerklärlicher Krankheiten oder Krebsfälle in ländlichen, lateinamerikanischen Regionen, in denen viel GM-Anbau erfolgt, schürt ebenfalls Befürchtungen, daß der Kontakt mit Glyphosat oder einer seiner Formulierungen, gegen die diese Pflanzen resistent sind, der Auslöser dafür ist. Von 2000 bis 2009 verdreifachte sich in Brasilien die Krebsrate bei Kindern, während die Rate der Fehlgeburten und Fehlbildungen um das nahezu Vierfache anstieg. Die Annahme, daß diese sprunghafte Verschlechterung der Gesundheit eine Folge des gleichzeitig vermehrten und flächendeckenden Austrags von Glyphosat im Zuge des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen ist, scheint naheliegend. Eine Reihe von Umweltauswirkungen - wie die Schädigung von Amphibien in diesen Gebieten - gibt weiteren Anlaß zur Sorge.

Forschungsprojekte, die sich ausschließlich auf diese Fragen konzentrieren, finden jedoch kaum Förderer. Auf einer Vortragsveranstaltung zum Thema "Wie belastet ist unser Essen wirklich?", über die der Schattenblick berichtete [3] beklagte der Vorsitzende des BUND, Prof. Dr. Hubert Weiger, den Mangel an wirklich unabhängigen Studien zu diesen Problemstellungen. Von 134 Studien, die im Zeitraum zwischen 2002 und 2011 zu gesundheitsgefährdenden Auswirkungen von Glyphosat erschienen sind, seien 105 laut seiner Aussage von Herstellern oder Agrarchemiekonzernen wie Monsanto oder Syngenta in Auftrag gegeben und nie veröffentlicht worden. Die 29 veröffentlichten Studien mit vorwiegend günstigen Beurteilungen des Herbizids wurden von Monsanto finanziert. Soll man das freie Forschung nennen?

Das heißt, Wissenschaftler, die unabhängige Forschung betreiben wollen, müssen zur Selbsthilfe und eben auch zu politischen Mitteln greifen, um die eigenen Projekte zu finanzieren. Der hier kritisierte Dr. Séralini ist Mitglied des Wissenschaftlichen Rates des genkritischen Comité de recherche et d'information indépendantes sur le génie génétique (CRII-GEN). Er gründete CRII-GEN, mit dem er seine Forschung aus eigenen und anderen privaten Mitteln unterstützt, erklärtermaßen selbst, weil die vorhandenen Studien zur Sicherheit von gentechnisch veränderten Organismen nach seiner Auffassung oft mit "Mängeln behaftet" seien. Womit er vor allem die in den Studien nicht nachgegangenen wissenschaftlichen Fragestellungen bezeichnete.

Einer offenen Frage nachzugehen und sie experimentell zu prüfen, scheint, ganz gleich unter welcher Förderung, durchaus wissenschaftlich legitim zu sein. Anhaltspunkte, die sich daraus ergeben, würde man in einem sachlichen, problembezogenen Rahmen aufgreifen und - wenn z.B. statistische Mängel bestehen wie oben angedeutet - durch weitere Reihenversuche mit größerem statistischen Wert evaluieren.

Das obligate politische Mittel der Wahl, unbequeme Forscher wie Prof. Séralini oder vielleicht auch den Biochemiker Professor ‘rpád Pusztai, die sich durch angedrohte Diskreditierung oder Sanktionierung nicht davon abbringen lassen, ihren Fragen weiter nachzugehen, auszuschalten, indem man versucht, sie in der Wissenschaftsgesellschaft nach Bedarf unmöglich zu machen oder bloßzustellen, wurde durch den Rücktritt des akademischen Editors offensichtlich nicht vermieden, sondern wohlplaziert.

Fußnoten:

[1] Major pesticides are more toxic to human cells than their declared active principles. - Häufig verwendete Pestizide sind für menschliche Zellen giftiger als ihre eigentlichen Wirkstoffe.

Kostenloser Download der vollständigen Studie ist auf dieser Seite möglich:
http://www.hindawi.com/journals/bmri/aip/179691/

[2] Spektrum der Woche, 13.2.2014, Seiten 24 bis 27 "Wie politisch darf wissenschaftliches Arbeiten sein?" von Lars Fischer, spektrum.de

[3] siehe auch
http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umrb0058.html

[4] Pusztai stellte seinerzeit die von Genprodukt-Herstellern vorgehaltene "substanzielle Äquivalenz" in Frage und büßte durch die Affaire letztlich seinen Lehrstuhl ein, siehe auch
http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/redakt/urna0005.html

25. Februar 2014