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KOMMENTAR/115: Ressourcen - Ökobauten ... (SB)



Was ist schöner, als eine Tasse Kaffee zu genießen? - Antwort: Eine Tasse Kaffee mit dem Gefühl zu genießen, damit die Welt zu verbessern ...

Viele Jungunternehmer behaupten, mit ihren Geschäftsideen die Welt zu einem besseren Ort verwandeln zu wollen. Ein "stückweit" die Welt retten und gleichzeitig damit Geld verdienen? Startups zu Problemfeldern wie Kinderarbeit, Zwangsverschuldung, Welthunger, Vitaminmangel in Entwicklungsländern, Klimawandel, Umweltverschmutzung, Plastikmüll, Pflegenotstand, Altersarmut, ungleiche Bildungschancen und Ressourcenknappheit liegen im Trend und werden gern von Medien aufgegriffen, um die zumeist jungen und vorzeigbaren "Social Entrepreneurs" (zu deutsch: Soziale Gründer) und ihre vermeintlich "nachhaltigen" Lösungen für drängende gesellschaftspolitische Probleme vorzustellen, was den Jungunternehmern kostenlose Werbung, soziale Aufmerksamkeit und bereits gute Profite für den meist schwierigen Start verschafft und dem zahlenden Konsumenten den mit guten Gewissen verfeinerten Genuß beschert.

Bei genauerer Betrachtung erweisen sich einige der nach außen nachhaltigen Geschäftskonzepte, wie die sich selbst auflösende Plastiktüte [1] als äußerst fragwürdig. Letztere schafft zwar das Müllproblem im Meer aus den Augen, zieht dafür aber ganz neue Probleme nach sich und läßt den Einkaufsbummel bei Regenwetter in einem verklebten Desaster aus Tütenmasse und Einkauf enden.


Gutbürgerliches Café im Schloß Elisabethenburg in Meiningen. - Foto: Jürgen Regel, Marian. [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons Foto: 2007 by Adam C. Baker [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Flickr

Gepflegter Genuß mit doppelt gutem Gewissen durch Kaffeetassen, die aus fair gehandeltem, recycelten Kaffeesatz bestehen?
Die Rechnung geht nicht auf!
Foto links: Jürgen Regel, Marian. [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons
Foto rechts: 2007 by Adam C. Baker [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Flickr

Welcher dem produkteigenen Anspruch nicht gerecht werdender Unsinn sich auch noch hinter manch angesagter Weltverbesserungs- und Geschäftsidee verbergen kann, zeigt das folgende Beispiel, das als Recyclingprodukt seit einiger Zeit immer wieder von sich Hören macht: die Kaffeetasse aus Kaffeesatz, die nicht nur so aussieht und so schmeckt, sondern tatsächlich zu einem Teil aus diesen scheinbar unvermeidlichen Überresten unserer Zivilisation gefertigt wird.

Allein in Deutschland werden jährlich über 560.000 Tonnen Kaffeepulver verbraucht. Verwertet werden die Reststoffe meist gar nicht. Entsprechende über eine halbe Million Tonnen (Trockengewicht) an geschmacklich ausgezogenem Kaffee landen jedes Jahr im Biomüll oder auf den Komposthaufen. Meist werden organische Stoffe wie Stroh energetisch genutzt (verbrannt oder verkokst). Daher scheint die Geschäftsidee eines jungen Berliner Designers, den Kaffeesatz lokaler Gastronomen einzusammeln und in einen biologisch abbaubaren "Verbundwerkstoff" zu verwandeln, um daraus neue Kaffeetassen zu pressen, geradezu logisch nachhaltig und recycle-technisch konsequent zu sein. [2] Die Idee entstand in einer Bozener Cafeteria während des Studiums für Produktdesign in Italien, für dessen Bewältigung offenbar zahlreichen Tassen Espresso für den Jungunternehmer zweckdienlich waren, da die organischen Reste des Muselmanengebräus an sein Umwelt-Gewissen appellierten.

Im Rahmen der Uniarbeit entstand ein erster Prototyp, der außer Kaffeeprütt aus einem verzehrfähigen Bindemittel (karamellisiertem Zucker) bestand. Die daraus gepreßten Tassen umgaben jedes daraus genossene Getränk mit "einem Hauch von Kaffeebonbon". Doch stießen die ersten Tassen, die sich bestenfalls 20 mal verwenden ließen, weil sie sich beim Gebrauch langsam auflösten, auf wenig Resonanz. Selbst der Clou, daß die Tassen während des Kaffeetrinkens quasi mitverzehrt werden können, fand bei den verwöhnten Gaumen jener Kunden, die auch die anspruchsvollen Preise zahlen konnten, wenig Anklang.

Inzwischen wurde die Rezeptur der Tasse soweit optimiert, daß sie spülmaschinenfest ist und als Alternative zu ganz gewöhnlichem Keramik-Kaffeebechern, Tassen im Haushalt oder in der Gastronomie eingesetzt werden kann. Das neue Recyclingprodukt wurde Anfang 2015 auf dem "Coffee Festival" in Amsterdam erstmals öffentlich präsentiert und von den Medien ausgesprochen positiv in Szene gesetzt. Unter dem Namen "Kaffeeform" begann die Firma mit der Produktion in größeren Stückzahlen und dem Verkauf in ausgewählten Fachgeschäften. Tassen aus Kaffeesatz samt passender Unterteller vertreibt der Berliner Designer inzwischen auch im Internet. Allerdings hält er sich bedeckt, was die genaue Zusammensetzung des Verbundwerkstoffs angeht. Abgesehen von Kaffeesatz sollen Buchholzmehl, Hanffasern und ein Biopolymer den Werkstoff nicht nur haltbar, sondern auch wunderbar leicht und quasi unkaputtbar beim Sturz aus 1,5 Metern Höhe machen.

Das noch wunderbarere Material, das seinen wirtschaftlichen Aufschwung durch die Nachfrage an nachhaltigen Produkten erhält, wird selten mit der Frage konfrontiert, wozu gerade umweltbewußte Konsumenten, die noch alle Tassen im Schrank haben, ein weiteres angesagtes Tassen-Produkt in ihre Sammlung integrieren sollten, um daraus nichts anderes als Kaffee trinken zu können. Denn wie der Prototyp aus Zucker bleibt der Kaffeesatzgeschmack auch nach Trocknung und Bearbeitung erhalten und prägt das Aroma des jeweiligen Getränks, das daraus genossen wird, wenn diesem nicht sogar der auch in Kaffeegeschäften gern verwendete, appetitanregende Kaffeeduftstoff auf die Sprünge hilft.

Was also sind die weltverbessernden Attribute eines Produkts, das weder vielseitig verwendbar, noch besonders ansprechend oder zeitlos gestaltet ist, für dessen Produktion aber zumindest sechs bis zwölf Tassen Kaffee getrunken werden müssen? Zumal der müllvermeidende Anspruch durchaus auch anders gelöst werden könnte. Tatsächlich gibt es zahllose sinnvolle Möglichkeiten, wie man anfallenden Kaffeesatz als Diagnostikum für Zukunftsprognosen, Pilzzuchtsubstrat, Blumendünger, Kompost, Schnecken- oder Ameisen-Repellent, Geruchvertilgungs- oder Reinigungsmittel und, und, und ... wiederverwenden kann. [3] Dazu sieht die Ökobilanz einer solchen Designer-Kaffeetasse geradezu vernichtend schlecht aus, so daß sie nicht einmal mit der ausschließlichen Nutzung von Kaffeeabfällen, die durch "fair-gehandelten" Kaffee erzeugt wurden (wie sie der Unternehmer nach eigener Aussage bevorzugt) ein gutes Gewissen hergibt, wenn man den eingangs erwähnten Anspruch einmal ernst nimmt.

Wir erinnern uns: Eine Tasse Kaffee braucht etwa 7 Gramm Kaffeepulver. Bei Anbau, Düngung, Pflanzenschutz, Rösten, Abfüllen, Mahlen und Aufbrühen werden je nach eingesetzter Energiemenge zwischen 50 und 100 Gramm CO₂ frei. [4] Der weite Transport der Kaffeebohnen hat hierbei noch einen relativ kleinen Anteil. Neben diesem CO₂-Fußabdruck kostet Kaffee pro Tasse 140 Liter Wasser. Das hat Michael Kuhndt vom Wuppertal Institute Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production für die Initiative "Klima sucht Schutz" ausgerechnet. Vor allem für die Bewässerung der Pflanzen und für das Waschen der Bohnen werden ungeheure Mengen an Wasser aufgewendet. Wie bei fast allen landwirtschaftlichen Produkten entfällt der Großteil des Wasserverbrauchs, mehr als 90 Prozent, auf die Herstellung, also die Landwirtschaft.

Auf die kleinste Designer-Espressotasse aus 42 Gramm Kaffeeprütt kommt somit ein ökologischer Fußabdruck von 600 Gramm CO₂ und 840 Liter Wasser. Hierbei ist allerdings noch nicht die Menge an CO₂ eingerechnet, die bei dem Energiebedarf für das Trocknen des Kaffeesatzes in Trockenöfen oder bei der Produktion des Biopolymers anfällt. Zudem kosten die größeren, etwa doppelt so großen Milchkaffee- und die supergroßen Cappuccino-Tassen die Umwelt bzw. ihren Ressourcen entsprechend mehr (für eine von vier Komponenten: 1.200 bis 2.000 Kilogramm CO₂ und 1.680 bis 2.520 Liter Wasser).

Auch die alle Umweltsünden verschleiernde Zauberformel "Biopolymer" schützt den Werkstoff nicht davor, daß auf dem Weg seiner Herstellung ebenfalls Wasser und CO₂ verbraucht und andere Umweltschadstoffe emittiert werden, wie sich anhand der Unterbegriffe schon erahnen läßt. Bio-Polyethylen, Polycaprolacton, Biopolyester, Polyvinylalkohol, Polyhydroxyalkanoate, Polylactid (Polymilchsäure PLA) PLA-Blend oder Celluloseblend sind derzeit die gängigsten Biopolymer-Bestandteile.

Zwar kann die neue Kaffeesatztasse ihr geringes Gewicht (wenig Transportkosten) in die Waagschale der Ökobilanz werfen. Das war 's dann aber auch schon. Denn man muß nicht einmal das Kaffeesatzlesen bemühen, um vorherzusagen, daß ein derart mit Kaffeeprütt verquarzter Kunststoff oder Biokunststoff schlecht zu recyclen ist! Die Umweltbilanz verschlechtert sich daher analog zu Keramiktassen und -bechern, die überraschenderweise im Vergleich zu Einweg- und gut zu recycelnden Plastikbechern schlechter dastehen, als man denkt, wie ein Bericht des Radiosenders Bayern 1 unlängst ergab. Denn sie müssen abgewaschen werden und kosten somit laufend Energie. [5] In der erwähnten Öko-Gesamtbilanz lagen und liegen die verpönten Einwegbecher sogar um rund 20 Prozent vor Tassen oder Bechern aus Keramik. Und noch etwas ergab die Studie der TNO (eine niederländische Organisation für angewandte Wissenschaft): Es kommt auf den Gebrauch des Einzelnen an. Je seltener Plastik- oder Keramikgeschirr gespült wird, desto günstiger fällt seine Ökobilanz aus - genauer gesagt, ab fünfmaliger Verwendung ohne Spülen beginnen Mehrwegbecher umweltverträglicher zu werden. Nach jahrelanger Nutzung zwischen 500 und 3.000 Mal (mit moderaten Spülgängen dazwischen) beginnen sich auch die Umweltauswirkungen von Keramikgefäßen allmählich zu neutralisieren.

Für letzteres allerdings scheint das neue Design prädestiniert zu sein. Denn was sollte mit Tassen wohl leichter fallen, die in ihrem kaffeebraunen Prüttdesign aus jedem Waschgang organoleptisch unterschiedslos hervorgehen ...


150jähriger Kaffeebecher mit frisch gebrühtem Bohnenkaffee ins rechte Licht gerückt - Foto: © 2018 by Schattenblick

Noch immer das umweltfreundlichste aller Trinkbehältnisse, vor allem bei sparsamem Abwasch, umsichtigem Umgang und (100)jahrelangem Gebrauch.
Foto: © 2018 by Schattenblick


Anmerkungen:


[1] http://www.schattenblick.de/infopool/natur/chemie/chula296.html

[2] https://www.kaffeeform.com/de/mission/

[3] https://www.smarticular.net/kaffeesatz-in-garten-haushalt-und-kosmetik-weiterverwenden/

[4] https://rp-online.de/leben/gesundheit/ernaehrung/kaffee-special/und-auch-eine-oekologische_aid-16419399

[5] https://www.br.de/radio/bayern1/inhalt/experten-tipps/umweltkommissar/umwelt-plastik-keramik-tasse-100.html


22. Oktober 2018


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