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LABOR/063: Frankenstein Junior und Galvanis Frösche (SB)


SCHABERNACK UND EXPERIMENTE FÜR HOBBYALCHIMISTEN

Frankensteins erste Versuche

Experimente mit statischer Elektrizität und ohne


Totes zum Leben erwecken?

Da gruselts den einen vor Gemütlichkeit, den zweiten schauderts ob der Anmaßung, Gott ins Handwerk zu pfuschen und den dritten kitzelt ein echtes wissenschaftliches Interesse, was denn wohl hinter dieser kühnen Behauptung stecken mag...

Nun, Frankensteins letzte Experimente sowie ihr Scheitern sind wohl in zahlreichen Dokumenten, Büchern, Hörspielen und Verfilmungen niedergelegt worden. Mit Sicherheit läßt sich sagen, daß die fiktive Gestalt des Forschers Frankenstein (war es vielleicht doch mehr als nur eine Legende?), zumindest jedoch seine Autorin Mary Shelley, durch die Experimente eines jungen italienischen Arztes und Naturforschers inspiriert worden war, der durch ein Zufallsexperiment zu der These kam, daß in den Muskeln jedes Lebewesens ein elektrischer Strom fließen müsse, den er als eine Art Lebenssaft interpretierte. Bei seinen späten Versuchen vergaß Frankenstein - oder war es seine Schöpferin? -, daß man diese These schon kurz darauf widerlegt hatte und daß man das Zucken eines Muskels unter Strom durchaus nicht mit dem Leben an sich verwechseln durfte. Das ist allerdings eine andere Geschichte. Doch wie kam es zu jener seltsamen Theorie?

Wie viele Wissenschaftler seiner Zeit unterrichtete Luigi Galvani seine Studenten im eigenen Hause. Man schrieb das Jahr 1780. Während sich Lehrer und Studenten der Wissenschaft hingaben - welcher Raum wäre da geeigneter gewesen als die Küche -, ging die Hausfrau im gleichen Raum ihren Kochgeschäften nach. Eines Tages, als sie gerade dabei war, Froschschenkel für den Mittagstisch zu enthäuten, entglitt ihr das Messer und fiel zufällig auf einen der Froschschenkel, der zur Weiterverarbeitung auf einer Zinkplatte lag. Zu ihrem größten Schreck begann der Schenkel heftig zu zucken, als wäre er noch lebendig. Schnell rief sie ihren Mann, der sie jedoch nicht beruhigte, sondern, von dieser Erscheinung unendlich fasziniert, sich von dieser Stunde an daran machte, dem Phänomen auf den Grund zu gehen, was eine Reihe nicht weniger aufregender Versuche nach sich zog.

Anfangs erzeugte er elektrische Funken mit einer Leidener Flasche, und richtete sie so aus, daß die Froschschenkel davon getroffen wurden. Was da eher zufällig und mit noch wenig konkreten Vorstellungen verfolgt wurde, mag einen Außenstehenden wohl sehr an Frankensteins Laboratorium erinnert haben. Eine düstere und dennoch gespannte Atmosphäre voll zischender, knisternder Elektrizität, grotesk zuckende Froschmuskeln und mitten drin der selbstvergessene Forscher, getrieben vom Drang, Totes zum Leben zu erwecken. Doch die Elektrizität seiner Leidener Flasche reichte nicht aus.

Franklin hatte 1752 schon behauptet, daß Gewitterwolken elektrisch geladen sind und daß sich diese Elektrizität in Blitzen entlädt. Galvani fragte sich, wie stark wohl die Elektrizität eines Gewitters sei und wie sich Muskeln verhalten würden, wenn man sie diesen Elementarkräften aussetzte. Das Entscheidende, Lebensspendende war für ihn die "elektrische Kraft" der Muskeln. Und eben dies nutzte dann auch Dr. Frankenstein, als er den toten Muskeln die lebendgebende elektrische Kraft des Gewitters einflößen wollte.

Alessandro Giuseppe Volta (1745 bis 1827), ein Landsmann von Galvani, widersprach als erster der These, daß die Elektrizität bei den Versuchen aus den Muskeln stamme. Seiner Ansicht nach kam die Elektrizität aus den Metallen. Im Verlauf der Geschichte und den folgenden Entdeckungen wurde allerdings Voltas These weitaus mehr Gewicht und Bedeutung verliehen, so daß der scheinbar belanglose Umstand, daß bei all diesen Experimenten immer zwei verschiedene Metalle im Spiel waren (z.B. Eisenklinge des Küchenmessers und Zinnplatte), in allen Schilderungen besonders hervorgehoben werden mußte, wie auch im folgenden:

Galvani soll also bei dem nächsten starken Gewitter Froschmuskeln an Kupferhaken befestigt haben, und diese hängte er ins Freie, wobei sie zufällig ein eisernes Gitter berührten. Die Muskeln zuckten tatsächlich stark während des Gewitters. Doch sie zuckten auch danach. Tatsächlich zuckten sie immer dann, wenn sie gleichzeitig mit zwei verschiedenen Metallen in Kontakt kamen. Galvani beachtete dies jedoch nicht, da für ihn feststand, daß die Restelektrizität aus den Muskeln stammen mußte.

Auch die Nachfolger Galvanis, allen voran Volta, widersprachen ihm zumindest insoweit nicht, als sie die Bewegung der Muskeln immer wieder mit elektrischen und mechanischen Vorgängen verglichen. Selbst wenn sie vielleicht vermuteten, daß zwischen Kupferhaken und Eisengittern und dem dazwischenliegenden Muskel als salzhaltiger und somit leitender Kontakt eine Spannung entstünde, die die Ursache für die Kontraktion oder vielmehr für den Krampf des Muskels sein sollte, dann stimmte man doch mit Galvani überein, daß es der fließende elektrische Strom war, der die Muskeln letztlich zum Zucken veranlaßte.

Kurz gesagt wurde und wird immer wieder der mystische und völlig ungeklärte Begriff "Elektrizität" für die Bewegung, das Leben und schließlich Frankensteins letzte Experimente verantwortlich gemacht. Beobachten kann man den Fluß der Elektrizität allerdings nicht. Man sieht nur die vermeintliche Wirkung und zieht gewissermaßen indirekt Schlußfolgerungen für ihr Zustandekommen. Das alles sagt genau genommen nichts über die Elektrizität selbst und noch weniger über das Zucken der Froschmuskeln aus.

Doch da wir so gerne bereit sind, das Zucken, Wackeln und Hin- und Hertaumeln mit Leben zu verwechseln, ruft selbst der folgende Versuch bei jedem Publikum großes Erstaunen hervor. Auch wenn er nichts mit dem mystischen Phänomen Elektrizität zu tun hat, handelt es sich doch um

Frankenstein juniors erste Versuche

Schon dem kleinen Frankenstein ging es in jungen Jahren allein darum, tote Gegenstände lebendig werden zu lassen. Um sich Gefährten zu schaffen, die seine maßlose Einsamkeit mit ihm teilten, schnitt er aus Zellophanpapier kleine Menschen aus oder auch Hunde oder Fische und legte sie auf einen Bierdeckel. Kurz darauf begannen die Figuren sich wie wild zu gebärden, rollten sich aufgeregt hin und her und zappelten, als ginge es um ihr Leben...

Wir können diesen Versuch sehr leicht nachmachen und stehen dann ebenso wie Galvani oder Frankenstein junior vor dem Problem: Was macht das Figürchen so "lebendig"? Besitzt Zellophan vielleicht ebenfalls eine geheime Kraft in sich?

Die wissenschaftliche Erklärung ist hier wesentlich einfacher: Zellophan ist hygroskopisch, d.h. es nimmt sehr schnell Feuchtigkeit auf. Wenn das geschieht, so quillt es auf und dehnt sich an dieser Stelle plötzlich aus. Geschieht das unregelmäßig, so bewegt sich die Zellophanfigur. Bierdeckel sind in der Regel ausreichend feucht, so daß sich das Zellophan ausdehnt, sobald es mit dem Bierdeckel in Berührung kommt. Es hebt sich an dieser Stelle vom Bierdeckel. So in die Luft gehoben trocknet es natürlich ebenso schnell und zieht sich wieder zusammen. Auf diese Weise gerät es erneut mit dem Bierdeckel in Kontakt, und das Spiel geht von vorne los. Die Figur bleibt ständig in Bewegung und erscheint ebenso lebendig wie ein zuckender Froschmuskel. Dennoch hat der heranwachsende Frankenstein nie versucht eine Leiche mit feuchten Tüchern wiederzubeleben, oder doch...?

Erstveröffentlichung 9. September 1995

11. April 2008