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RATGEBER/319: Biotop Duschkopf (SB)


VON APFELESSIG BIS ZITRONE

Bewährte Alltagschemie einfach erklärt


Verkeimter Duschstrahl

Die aktuelle Hitzewelle fördert das Verlangen, den eigenen Körper unter dem Duschstrahl abzukühlen. Doch die Erfrischung kann unangenehme Folgen haben, denn der feuchte Duschkopf bietet in der zunehmenden Wärme die idealen Brutbedingungen für Bakterien. Ein Mikrobiologe, Dr. Norman Pace von der University of Colorado, Boulder (USA), rät daher jedem, der die Dusche benutzen will, "den Wasserstrahl etwa eine Minute lang nur laufen zu lassen, ehe man sich darunter stellt. Sonst würde man schlicht eine ganze Ladung Bakterien voll ins Gesicht bekommen." Das als Feuchtigkeit in der Luft verwirbelte Wasser sollte möglichst auch nicht eingeatmet werden. Pace hatte im September letzten Jahres eine Studie veröffentlicht, in der er den Biofilm, der sich in Duschköpfen bildet, an 45 Orten in der USA untersucht hatte. [1]

Er konnte mit seinen Mitarbeitern signifikante Konzentrationen von NTM (nicht-tuberkulösen Mykobakterien) und vor allem Mycobacterium avium (besser bekannt als Erreger der Geflügeltuberkulose) in Duschköpfen nachweisen, die um das 100fache höher lagen, als die im Trinkwasser selbst gefundenen Werte.

Mycobacterium avium, sowie andere atypische Mykobakterien können zu Mykobakteriosen wie Erkrankungen des Bronchialtrakts und der Lungen führen, die in Industrieländern inzwischen weiter verbreitet sind als Tuberkulose und deren Vorkommen sich tatsächlich parallel zum Duschverhalten gesteigert hat. Für die meisten Menschen sei es völlig ungefährlich, ein Duschbad zu nehmen, doch sobald die Immunabwehr geschwächt sei, etwa bei älteren Menschen, Schwangeren oder ohnehin von anderen Infektionen betroffenen Personen (HIV-Infizierten oder Leukämieerkrankten), könne die tägliche Dusche zum Hochrisikofaktor werden.

Vor allem Duschköpfe aus Kunststoff sind sehr anfällig für Bakterienbewuchs. Sind krustenartige oder schleimige Ablagerungen spürbar, sollte man lieber gleich ein Bad nehmen.

Duschköpfe aus Metall, vor allem aus antimikrobiellen Kupferlegierungen, können dagegen die Keimzahl verringern und auch die Neubesiedlung wesentlich erschweren. Unter Laborbedingungen konnte bereits bewiesen werden, daß Oberflächen aus Kupfer so toxisch wirken, daß sie innerhalb kürzester Zeit bis zu 99 Prozent der Keime eliminieren. Eine Studie an Türklinken aus Kupfer in einer Hamburger Klinik ergab unter Alltagsbedingungen, daß sich sogar die Zahl der gefährlichen antiobiotikaresistenten Bakterien (MRSA) um ein Drittel verringern ließ. [2]

Desinfektionsmittel oder das regelmäßige Sterilisieren des Duschkopfes sind ebenfalls empfohlene Maßnahmen, um die Keimbelastung zu senken. Doch müßte dies dann gewissermaßen vor jeder Dusche passieren, da 24 Stunden ausreichen, um den Biofilm zu regenerieren. Zudem schaffen gewöhnliche Desinfektionsmittel für den Haushalt nicht einmal das, was sie versprechen:

So werben Desinfektionsmittelhersteller häufig damit, daß ihre Produkte 99,9 oder 99,99 Prozent aller Keime abtöten würden. Der an der Universität von Ottawa forschende Mikrobiologe Jason Tetro überprüfte diese Behauptung für den kanadischen Sender CBC an den Händen von Achtklässlern. Dabei kamen die drei getesteten Haushaltsdesinfektionsmittel nur auf Werte zwischen 46 und 60 Prozent. [3]

Die offensichtliche Diskrepanz läßt sich sehr schnell mit den Ausgangsbedingungen erklären, die bei Laborversuchen des Herstellers natürlich so gewählt werden, daß ein optimales, werbewirksames Ergebnis dabei herauskommt. Die zu testenden Hautflächen oder Gegenstände werden nämlich schon im Vorwege desinfiziert, dann wird ein bestimmter ausgewählter Testkeim in definierter Konzentration aufgebracht und schließlich mit dem Mittel behandelt. Nach einer ausreichend langen Einwirkungszeit werden dann die verbliebenen Keime gezählt. Mit der Realität hat das wenig zu tun.

Was bleibt, ist derzeit tatsächlich nur, den schlimmsten Befall durch
längeres Laufenlassen der Dusche vor der Nutzung auszuspülen.

Quellen:
[1] Journal reference: Proceedings of the National Academy of
Sciences, DOI: 10.1073/pnas.0908446106

[2] Informationsdienst Wissenschaft e.V. - Pressemitteilung der Asklepios Kliniken Hamburg GmbH, Jens Oliver Bonnet, 16.06.2009 Internet: idw-online.de

[3] Telepolis, Peter Muehlbauer 20.12.2009

20. Juli 2010