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UMWELTLABOR/294: Verstrahlt - Meeresklagen ... (Teil 1) (SB)



Eine Karte der Weltmeere, auf der die Plätze früherer Atommüll-Verklappungsareale als rote Punkte im Verhältnis zur dort versenkten Menge gekennzeichnet sind - Grafik: By Masaqui als CC BY-SA 3.0 [http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0], via Wikimedia Commons

Wie hoch ist die radioaktive Belastung der Weltmeere?
Allein bis 1993 wurden folgende registrierte Mengen versenkt: SU: Sowjetunion (39.243 TBq), Rußland (2.8 TBq), GB: Großbritannien (35.088 TBq), CH: Schweiz (4.419 TBq), BE: Belgien (2.120 TBq). US: USA (3.496 TBq), JP: Japan (15 TBq), KR: Süd Korea (unbekannt TBq), NZ: Neuseeland (mehr als 1 TBq). F: Frankreich (354 TBq), G: Deutschland (0,2 TBq), I: Italy (0,2 TBq), NL: Holland (336 TBq), S: Schweden (3,2 TBq)
Grafik: By Masaqui als CC BY-SA 3.0 [http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0], via Wikimedia Commons


Der größte Teil des radioaktiven Mülls, den die Menschheit seit Entdeckung der Kernspaltung produziert, landet im Meer. Das weiß man spätestens, seit 2011 in Fukushima eine dreifache Kernschmelze ausgelöst wurde, nur 25 Jahre nach der nuklearen Katastrophe in Tschernobyl 1986. Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften sowie technische Mängel hatten in beiden Fällen dazu geführt, daß große Mengen radioaktiven Materials freigesetzt worden waren. Innerhalb der ersten 10 Tage sind allein in Tschernobyl einer Schätzung zufolge eine an radioaktive Stoffe gebundene Aktivität von mehreren Trillionen (1018) Becquerel entwichen. Durch Fukushima verdoppelte sich dieser Wert inzwischen, was allein die Abgaben in Atmosphäre und Boden betrifft. Zudem ist die Größe der bereits erfolgten Verseuchung des Pazifischen Ozeans in den ersten Wochen der Katastrophe durch das zum Kühlen verwendete Wasser sowie durch die täglichen "unbeabsichtigten" und regelmäßig genehmigten Einleitungen ins Meer bis heute nicht absehbar. Daß all dies die Effekte von Tschernobyl auf die Meere längst übertrifft, gilt allerdings bereits als sicher. [1]

Noch weniger abzuschätzen ist die Menge an Radioaktivität, die von atmosphärischen Nuklearwaffentests von 1945 bis 1980 erzeugt wurde und in die Meere gelangte. Sie gilt jedoch im weltweiten Konsens immer noch als größte Quelle für die Verbreitung von radioaktiven Materialien über die ganze Welt. Damit läßt sich aber auch die laut des WBGU-Hauptgutachtens nur vierte große Quelle gut verschleiern: die bis heute legal durchgeführten Einleitungen radioaktiver Abwässer aus nuklearen Wiederaufbereitungsanlagen. [1, 2] Diese könnten durch neue Energiekonzepte, die weltweit eine Renaissance für Kernkraftnutzung vorsehen, wieder Fahrt aufnehmen.

Die Wahrscheinlichkeit, daß ein vergleichbarer Super-GAU in einem der 440 weltweit aktiven und 60 neu geplanten Kernkraftwerken bereits in 10 bis 20 Jahren wieder einmal "passiert", wie eine konventionelle Hochrechnung des Max-Planck-Instituts für Chemie 2012 ergab [3], läßt sich somit auch statistisch nicht mehr beschönigen.

Derart "auslegungsüberschreitende Vorfälle", wie sie der verharmlosende nukleare Amtsschimmel nennt, wären nicht einmal nötig, um zu erkennen, daß die "normale" Kernkraftnutzung für den Menschen nicht beherrschbar und mit tödlichen Risiken verbunden ist, die letztlich jeden treffen, mitunter auch jene Entscheidungsträger, die nach wie vor an dieser Technologie festhalten. Immer wieder tauchen unerwartete Altlasten auf, über die bereits im wahrsten Sinne des Wortes Gras gewachsen ist. Man erinnere sich an die vier H-Bomben, die 1966 durch die Explosion eines US-Langstreckenbombers über dem spanischen Dorf Palomares niedergingen. Wie durch ein Wunder explodierte nur bei zwei der vier Bomben die Initialzündung, ohne die verheerende Kettenreaktion auszulösen. Dennoch wurden über das gesamte Areal einschließlich des Küstenmeeres drei Kilogramm Plutoniumstaub fein verteilt, der bis heute noch im Boden zu finden ist.

Nach ähnlichen Dekontaminierungsarbeiten, wie sie heute in Fukushima noch an der Tagesordnung sind, wurde auch hier schwach kontaminiertes Erdreich einfach umgepflügt. Die Pflanzen verbrannte man, was damals wie heute nur dafür sorgte, daß sich die Radioaktivität noch weiter verbreitete. Obwohl in der Region längst Salat und Tomaten für den Export angebaut wurden, fand man unlängst - wie Spektrum der Wissenschaft berichtete [4], aufgrund neuer Siedlungspläne im Zuge des Baubooms an der Mittelmeerküste, daß die Radioaktivität an einigen Stellen deutlich höher als erwartet ist. Rund ein halbes Kilogramm Plutonium befindet sich wohl noch im Erdreich, vor allem konzentriert auf ein Gebiet von einigen dutzend Hektar. Waffenplutonium hat eine lange Halbwertzeit von über 24.000 Jahren. Ein Teil des Plutoniums ist mittlerweile auch in andere radioaktive Substanzen zerfallen, die noch stärkere Strahlung aussenden.


Eine der zwei 1,45-Megatonnen-Bomben, die unversehrt geborgen werden konnte, vor den Personen, die maßgeblich an der Suche und Bergung beteiligt waren bzw. für die die Bergung politisch verwertbar war. - Foto: By U.S. Navy, Courtesy of the Natural Resources Defense Council [gemeinfrei], via Wikimedia Commons

Die Geschichte militärischer wie ziviler Kernkraftnutzung wird durch menschliches Versagen genauso begleitet wie durch technische Fehler.
Von links nach rechts: Sr. Don Antonio Velilla Manteca, Leiter der Spanischen Atomenergiebehörde in Palormares, Brigadier General Arturo Montel Touzet, Koordinator des Bergungsunternehmens, Admiral William S. Guest, Kommandeur der U.S. Navy Task Force 65; Major General Delmar E. Wilson, Kommandeur der Sixteenth Air Force.
Foto: By U.S. Navy, Courtesy of the Natural Resources Defense Council [gemeinfrei], via Wikimedia Commons

Wie mit einem roten Faden, der sich durch die Geschichte der Kernkraftnutzung zieht, reihen sich menschliche Unzulänglichkeiten und Nachlässigkeiten aneinander, die mit der nuklearen Aufrüstung in den 1940er Jahren in den Plutoniumfabriken in Hanford (USA) und der vergleichbaren Anlage Majak (Rußland) begonnen haben. Sie führten zu einer beispiellosen Kontamination der Umweltmedien Luft, Boden und Wasser mit entsprechend verheerenden Folgen für das Leben unseres Planeten, die nun den unverrückbaren Normalzustand darstellen. Bis heute sind Flußläufe, Böden und Ufersedimente wie die im Einzugsbereich der Tetscha (Rußland, Majak) in einem Maße radioaktiv vergiftet, daß sie eigentlich Sperrgebiet sein müßten. Dennoch wurden manche Dörfer bis heute nicht evakuiert und die Einwohner bewußt einer Strahlung ausgesetzt, die sie mit ihrer örtlich erzeugten Milch (24 Bq/ Liter) oder Fischen aus eigenen Teichen (600 Bq/kg) zu sich nehmen, oder sie leben auf einem Erdreich, in dem bis heute noch über 180.000 Bq/kg Trockenmasse gemessen werden kann. [5] Die unvorstellbare Belastung mit radioaktiven Isotopen dieser Gegend geht aber nicht allein auf die ebenfalls fast in Vergessenheit geratene drittschwerste radioaktive Katastrophe (nach Tschernobyl und Fukushima) von 1957 zurück, bei der in der Anlage ein Lagerbehälter für radioaktiven Abfall explodierte und 270.000 Einwohner sowie die Umwelt mit großen Mengen an freigesetzten radioaktiven Substanzen belastet wurden. Die Anlage hat seit ihrer ersten Inbetriebnahme 1949 ihre Abfälle in den nahe gelegenen Fluß Tetscha entsorgt. Ab 1951 durften die Einwohner den Fluß nicht mehr nutzen. Bis dahin sollen bereits 100 Petabecquerels an radioaktiven Substanzen in den Fluß gelangt sein. 10.000 Menschen wurden evakuiert. Doch viele, die es nicht schaffen konnten, sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen, sind geblieben. Mit regelmäßigen Untersuchungen wurden diese Bauernopfer der Nuklearindustrie von der sowjetischen Forschung seit 1953 systematisch für die nuklearmedizinische Grundlagenforschung wissenschaftlich ausgewertet.

Wie lange der Fluß auch danach noch für die Entsorgung des Atommülls zuständig war, bleibt dahingestellt. Inzwischen wurden drei - allerdings offene - Rückhaltebecken gebaut, in denen sich große Mengen an radioaktiven Stoffen befinden, die sich immer weiter aufkonzentrieren. In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung wurde die Menge des angesammelten Atommülls aus Majak auf 17 Trillionen Becquerel geschätzt. Trotz alledem gilt das Gebiet offiziell als nicht mehr gefährlich und darf wieder besiedelt werden, auch wenn Messungen etwas anderes raten würden. Der Betrieb der Anlage wurde nie vollständig eingestellt. Auch nach den Unfällen wurden dort zeitweise 25.000 Arbeiter beschäftigt. 2010 waren es auch nach Angaben der Süddeutschen Zeitung noch 14.000 Beschäftigte. Inzwischen werden dort vor allem Brennstäbe hergestellt und Brennstoff für kleinere Atomreaktoren wiederaufbereitet. [6]

Um es nochmal deutlich zu sagen: Wir sprechen hier nicht nur von augenfälligen, wiederholten Reaktorunfällen (das waren in Majak zwischen 1953 und 2010 allein 15 Vorfälle), sondern vor allem von den akzeptierten, häufigen Störungen und Störfällen im "alltäglichen" Kernkraftgebrauch, von unbedachten Kontaminationen bei Castor-Transporten und auch von den immer noch geduldeten, permanenten radioaktiven Belastungen und Emissionen aus aktiven oder stillgelegten Kernkraftwerken und Wiederaufbereitungsanlagen. Gerade bei diesen scheint es unhinterfragt hingenommene Praxis zu sein, radioaktive Isotope, die sich nicht von Filteranlagen oder anderen Abtrennverfahren entfernen lassen, mit staatlicher Genehmigung ungehindert in Wasserläufe und Atmosphäre abzulassen. Offiziell registriert, aber vielleicht auch unbemerkt, landen diese Auswürfe der Atomindustrie über Niederschlag und Wasserführung letztlich im Meer. Wie hoch die radioaktive Belastung tatsächlich ist, läßt sich derzeit nicht feststellen. Zuverlässige Angaben allein über die Einleitungen aus Fukushima existieren nicht. Und da gerade diese alltägliche radioaktive Belastung gemeinhin gar nicht existiert und schon gar nicht offen diskutiert wird, stellt sich angesichts mancher bekannt gewordener Zahlen in diesem Zusammenhang doch die Frage nach der Dunkelziffer.

Vergeblich sucht man auch nach zugänglichen, wissenschaftlichen Studien über die Folgen der als problematisch bekannten Kontaminationen, über Wirkungen und Niedrigdoseneffekte oder die Verbreitung der teilweise über Hunderttausende von Jahren aktiv bleibenden Strahlungsrückstände in den Ozeanen. So findet sich quasi nach dem Motto "daß nicht sein kann, was nicht sein darf" in dem seit 2010 (einem Jahr vor Fukushima) regelmäßig erscheinenden Zustandsbericht der Weltmeere (World Ocean Review 1-4) [7] überhaupt nichts über die Radioaktivität in den weltumspannenden Gewässern. In dieser mehrere Bände umfassenden Studie, die wissenschaftlich vom Exzellenscluster "Ozean der Zukunft" und dem International Ocean Institut (IOI) begleitet und vom Mareverlag herausgegeben wird, steht weder etwas über die unaufhörlichen "legalen" Einleitungen radioaktiver Abwässer, noch etwas zu den Folgen der seit 1993 verbotenen Praxis, Fässer mit leicht bis schwer radioaktiven Abfällen im Meer zu verklappen. Nicht einmal die durch die Kernkrafthavarie in Fukushima verursachte, aktuelle Verseuchung des Pazifiks wird erwähnt. Dabei wurde nichts von diesen bekannten Quellen der nuklearen Meeresverstrahlung je in Angriff genommen. Der kürzlich erschienene Meeresatlas der Heinrich Böll Stiftung [8], der nach seinem eigenen Selbstverständnis "einen aktuellen Einblick in den Zustand und die Gefährdung der Meere, von denen wir leben" geben will, erwähnt das inzwischen zugeschlagene Kapitel der Meeresverstrahlung zwar in einem kleinen Absatz über die "Radioaktivität im Meer" unter dem Oberbegriff "Verschmutzung - Müll und Gift im Meer" neben zuvor genannten Problemen, die mit Düngemitteln, Plastikmüll, Chemie und Schwermetallen, Ölverschmutzungen, Munition und Lärmverschmutzung einhergehen - mehr aber auch nicht. Dabei sind gerade die Meeresströmungen für Radionuklide wie auch für alle anderen Schadstoffe der globale Verteiler schlechthin. Doch bis heute wird das Meer als gigantischer Abfluß betrachtet, in dem man alles, was man in der Atmosphäre nicht haben will, verschwinden lassen kann.

Hinweise darauf, wie notwendig eigentlich gründlichere Untersuchungen wären, geben privat oder durch NGOs finanzierte Messungen und Recherchen von Greenpeace oder der IPPNW (Internationale Ärztevereinigungen zur Verhütung des Atomkriegs) oder das private französische Strahlungsforschungsinstitut "Commission de recherche et d'information indépendantes sur la radioactivité Association Française" (CRIIRAD) [deutsch: Französische Kommission für unabhängige Forschung und Information über Radioaktivität], die bei Fragen nach den offiziell längst vergessenen Altlasten zu Rate gezogen werden. [9]

Durch ihre Aktionen und Aktivitäten machten sie bereits in den 1970er Jahren auf die bis dahin verschleierten atomaren Probleme aufmerksam, wie die frühere Dumping- bzw. Verklappungs-Praxis, bei der allein auf dem Meeresgrund Europas mindestens 100.000 Tonnen radioaktive Abfälle unbestimmter Zusammensetzung und Strahlungsaktivität in gewöhnlichen Metallfässern versenkt wurden. Etwa 30.000 Fässer mit Atommüll aus England und Belgien liegen allein im flachen Ärmelkanal. Laut der Meeresbiologin Dr. Gisela Gerdes [10], die in einer selbst initiierten Studie und einem Artikel in der Zeitschrift Waterkant auf die zwar bekannten, aber in der Summe geradezu erschlagenden Fakten aufmerksam machte, verrotten im Atlantik 250.000 Behälter unterschiedlicher Bauart mit leicht-, mittel- und hochradioaktiven Abfällen in Tiefen zwischen 65 und 4.750 Metern, zuweilen ganze Atomreaktoren. Ihren Recherchen zufolge sind der Internationalen Atombehörde (IAEA) 17 russische U-Boot- oder Schiffsreaktoren bekannt [11], von denen noch sieben Brennstäbe enthielten, die durch Versenken entsorgt wurden. Dazu kommen weitere Reaktoren aus russischen und US-Atom-U-Booten, die bei Manövern sanken. 90.000 Container mit radioaktivem Material, das zwischen 1946 bis 1970 versenkt wurde, lagern vor der Ostküste der USA [12]. Mindestens 10.895 Tonnen an radioaktivem Müll aus England, Frankreich Belgien und Deutschland wurden darüber hinaus 400 Kilometer vor der portugiesischen Küste 1967 verklappt [13]. Diese Angaben täuschen aber darüber hinweg, daß bei vielen Verklappungen heute nicht mehr nachzuvollziehen ist, wo die Behälter versenkt wurden, noch wie groß der Anteil an strahlender Materie war bzw. welche Stoffe darin lagerten. Sie täuschen aber auch vor, daß sich seither etwas geändert hat oder diese öffentlich aufgedeckten und angeprangerten Probleme inzwischen gelöst sind.

Die damalige Bundesregierung rechtfertigte ihre Genehmigung so: "Die Kosten bei der Zwischenlagerung vermindern sich bei einer endgültigen Beseitigung durch Versenken in das Meer besonders augenfällig". Im Grunde wider besseren Wissens hielten die Entscheidungsträger an dem Grundsatz "The solution of pollution is dilution" fest, die Stoffe würden sich nach Korrosion der Fässer im Meer innerhalb kurzer Zeit so verdünnen, daß sie nicht mehr nachweisbar sein oder zumindest die Grenzwerte unterschreiten würden.

Laut dem Dokumentarfilmer Thomas Reuter [14] hatte das deutsche Innenministerium sogar noch 1979 einen Forschungsauftrag an die Kernforschungsanlage Jülich erteilt, wie die Entsorgung von weiteren 20.000 Fässern radioaktiven Mülls im Meer am besten zu bewerkstelligen sei. Belege darüber hätten seine Recherchen in den Jülicher Akten ergeben. Aber auch das 1993 in Kraft getretene Dumping-Verbot kann die Strahlung nicht stoppen, die abhängig vom jeweiligen Stoff bzw. Isotopengemisch nach eigenen Gesetzen und zum Teil sehr langen Zeiträumen erst freigesetzt wird. Darüber hinaus gibt es keine Garantien darüber, daß solche irrwitzigen Praktiken tatsächlich beendet sind. Die Theorie der Verdünnung wurde von der Praxis widerlegt. Noch sind viele Fässer nicht verrottet und moderne analytische Verfahren können inzwischen sogar geringste Spuren der nuklearen Gifte nachweisen. Zudem reicht im Grunde ein einziges aktives Isotop aus, um den Stoffwechsel einer Zelle so in Aufruhr zu versetzen oder einen neuralgischen Punkt in der Erbsequenz zu verletzen, daß daraus ein Tumor entsteht.

Videoaufnahmen aus dem Jahr 2010 zeigen Fässer im Ärmelkanal mit korrodierten Stellen, abplatzenden Verkrustungen und Löchern, durch die strahlendes Material austreten und Seewasser und Boden kontaminieren kann. Zuvor schon haben, wie Gisela Gerdes in ihrer Studie zusammenfaßt [10], zwischen 1980 und 2000 Messungen im Oberflächenwasser des Versenkungsgebiets westlich von Portugal Austritte von radioaktiven Stoffen dokumentiert, ab 1986 wurde eine signifikante Zunahme der Aktivität von Radionukliden festgestellt, während Vergleichswerte aus einem benachbarten Seegebiet weitgehend unverändert blieben.

"Un"heimliche Einleitungen mit staatlicher Genehmigung

Die heutigen Praktiken beim alltäglichen Gebrauch der Kernkraft stehen den inzwischen größtenteils vergessenen Skandalen oder den großen nuklearen Katastrophen nur wenig nach. Yannick Rousselet von Greenpeace zufolge [5] werden allein in der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague über ein viereinhalb Kilometer langes Abflußrohr täglich 400 Kubikmeter (entsprechend 400 Tonnen) radioaktives Abwasser in die Straße von Alderney (Ärmelkanal) gespült. In einem Jahr käme man auf eine Menge an kontaminierten Wasser, die 33 Millionen 200 Liter-Fässer entspräche, gab der Greenpeace-Experte an, "Wäre das alles in Fässern, wäre es seit 1993 verboten, sie ins Meer zu werfen." Entsprechende Einleitungen seien auch aus anderen nuklearen Anlagen zu erwarten, kommentiert der Dokumentarfilm, immerhin lassen sich Wiederaufbereitungsanlagen für 80 Prozent der radioaktiven Emissionen in Europa verantwortlich machen. Neben der Entsorgung ihrer atomaren Notdurft ins Meer dürfen Aufbereitungsanlagen wie La Hague nach einer offiziellen Genehmigung der ASN (die französische Behörde für nukleare Sicherheit oder L'Autorité de sûreté nucléaire) ihre aus den Abgasen nicht abzufilternden Isotope Tritium und Krypton-85 in die Atmosphäre ablassen. Direkt an der Anlage konnte Greenpeace eine Aktivität von 90.000 Becquerel pro Kubikmeter Luft messen. Das ist ein Vielfaches der 1963 in Deutschland gemessenen Beta-Aktivität, die nach den oberirdischen Kernwaffenversuchen durch Niederschläge deponiert wurde. Kryptonkonzentrationen, aber auch die ebenfalls aus La Hague stammenden Jod-129-Emissionen, verteilen sich über Europa und sind bei Regen in Deutschland und bis in die Arktis meßbar. Auch diese Isotope finden ihren Weg letztlich in die Sondermüllkippe Meer und von dort ihren Weg an den Strand.


Ein Mitarbeiter des DWD mißt die täglichen Radioaktivitätswerte in der Luft - Foto: © DWD Pressebilder

Warum betrachtet der Deutsche Wetterdienst (DWD) die laufenden Messungen der Radioaktivität in der Luft und im Niederschlag als wichtige Aufgabe und Teil der Daseinsvorsorge?
Foto: © DWD Pressebilder

Yannick Rousselet nennt den Betrieb von Wideraufbereitungsanlagen mit ihren unvermeidlichen, strahlenden Begleiterscheingungen eine gewissermaßen "legale, permanente nukleare Unfallsituation, in der wir uns hierzulande befinden. Die Anwohner um die Wiederaufbereitungsanlage atmeten permanent radioaktive Luft. Auch der Atomkomplex Sellafield an der Westküste Großbritanniens setzt gleichermaßen auf die "Verdünnungsentsorgung", das heißt, radioaktive Stoffe werden ins Meer und in die Luft abgelassen. 1983 gerieten aufgrund eines "Irrtums" hochradioaktive Lösungsmittel und Chemikalien in die irische See und sorgten für eine spektakuläre Absperrung von weiten Strandabschnitten. Zehn Jahre später lief bei einer Unfallserie plutoniumverseuchte Flüssigkeit aus. Auf behördlichen Druck wurden die Einleitungen in den letzten Jahren reduziert. Doch der Arte-Dokumentarfilm "Versenkt und Vergessen - Atommüll vor Europas Küsten" aus dem Jahr 2013 zeigt, daß der Strand von Sellafield (2012 als einer der saubersten Strände Englands ausgezeichnet) täglich mit Spezialgeräten von freigespültem Plutonium gereinigt werden muß und spricht davon, daß die erhöhten Krebsraten in und um Sellafield, vor allem Hirntumore und Leukämie, von der britischen Regierung verschwiegen werden. Eine Krebsstatistik wurde erst gar nicht eingerichtet. [15]

Wen nimmt es da noch wunder, daß der Aufschrei über eine entsprechende Menge an radioaktiv verseuchtem Wasser (ebenfalls 300 bis 400 Tonnen), die täglich aus der havarierten Anlage in Fukushima in den Pazifik fließt, nicht weltweit zu entsprechenden Schlußfolgerungen führte?

Wie der Titel der Arte-Dokumentation zu diesem Thema wird die Gesamtproblematik von den beteiligten Interessen "versenkt und vergessen", während der davon kurzfristig erschütterte Zuschauer dem weitverbreiteten Irrtum aufsitzt, daß ein Problem, das angesprochen wurde und offen auf dem Tisch liegt, auch entsprechende politische Konsequenzen nach sich zieht.

Neue Konzepte nuklearer Rohstoff- und Energiegewinnung haben in verstärktem Maße den Meeresboden im Visier. Daß die Rechnung "aus-den-Augen-aus-dem-Sinn" bereits in der Vergangenheit nicht aufging und auf welchen Wegen die heimlichen, nuklearen Lasten des Meeres wieder in Erscheinung treten, soll in weiteren Folgen genauer beleuchtet werden.

(wird fortgesetzt)


Anmerkungen:

[1] Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), Welt im Wandel - Menschheitserbe Meer 2013.
https://www.bundestag.de/blob/343752/067511dca1326578500be4e57c2f92ac/ausschussdrucksache_hauptgutachten_wbgu_meer_18_16_133-data.pdf

[2] UNSCEAR - United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation (2000): Sources and Effects of Ionizing Radiation. UNSCEAR 2000 Report to the General Assembly. Volume I: Sources. New York: UNSCEAR.
http://www.unscear.org/docs/publications/2000/UNSCEAR_2000_Report_Vol.I.pdf

[3] http://www.mpic.de/index.php?id=34298&type=0

[4] Spektrum der Wissenschaft, 15.01. 2016 "Nuklearunfall in Spanien - Als es Atombomben regnete" von Dirk Eidemüller
abgerufen am 31.07.2017
http://www.spektrum.de/news/als-es-atombomben-regnete/1393804

[5] Doku German Arte 2016, "Albtraum Atommüll", von Gilbert Ochsenkühn
Veröffentlicht am 23.07.2016 - abgerufen am 17.07.2017:
https://www.youtube.com/watch?v=dIq2KxeInxM

[6] http://www.sueddeutsche.de/wissen/der-gau-in-majak-ewiges-feuer-in-der-geheimen-stadt-1.891321

[7] http://worldoceanreview.com/

[8] https://www.boell.de/de/meeresatlas

[9] http://www.criirad.org/

[10] Gisela Gerdes, Radioaktiver Abfall in Meeren und an Küsten - Gefahren für Mensch und Umwelt, Waterkant 1/2014, Seite 17 ff.

Ein Interview mit der Meeresbiologin finden Sie hier:
http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umri0091.html

[11] mehr dazu siehe:
http://www.wissenschaft-und-frieden.de/seite.php?artikelID=0040

[12] http://wolfgang-huste-ahrweiler.de/2011/04/07/endlager-ozean-nicht-nur-tepco-in-fukushima-auch-in-la-hague-sellafield-und-anderenorts-verseuchen-atomkonzerne-die-weltmeere-mit-atommull-von-max-eckart/

[13] http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/atommuellfaesser-im-aermelkanal-entdeckt-a-893776.html

[14] Ausführlicher Report der ARD über strahlenden Altlasten im Meer:
https://www.swr.de/report/strahlende-altlast/-/id=233454/did=8815982/nid=233454/176p172/index.html

[15] abgerufen am 17.7.2017:

https://www.youtube.com/watch?v=KJELLoMeRlo

2. August 2017


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