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PHARMAZIE/071: Herbstzeitlose - Gichtmittel im Heu nicht erwünscht (SB)


Altes Naturheilmittel macht Bauern nervös


"Zeitlos, schön, aber giftig" sei sie, die Herbstzeitlose, heißt es dieser Tage in einer Pressemitteilung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die über den Informationsdienst Wissenschaft an die Medien verbreitet wird. Sie sieht aus wie ein Krokus, ist wieder vermehrt auf vielen Wiesen zu finden, aber vor allem extrem gesundheitsschädlich, heißt es da.

Allerdings findet sich die "Herbstzeitlose" seit einigen Jahren wieder vermehrt in vielen Wiesen, die für die Heuernte genutzt werden. "Gerade in naturschutzfachlich wertvollen Wiesen breitet sie sich derzeit rasch aus. Wenn Landwirte solches Heu verkaufen und zum Beispiel ein Pferd erkrankt, so wird schnell nach einem Schuldigen gesucht," so Prof. Annette Otte von der Professur für Landschaftsökologie und -planung im Interdisziplinären Forschungszentrum der Universität Gießen. Damit so ein Problem erst gar nicht entsteht, hat sie es sich jetzt zum Ziel gesetzt, die Herbstzeitlose besser zu erforschen, um ihre Ausbreitung zu regulieren.
(idw, 25. Juli 2007)

Was für die Land- und Heuwirtschaft ein extrem unwirtschaftlicher Schädling ist, dessen Eingrenzung von der DBU mit 200.000 Euro gefördert werden soll, hat aber in der Naturheilmedizin, Pharmazie und sogar in der Pflanzenzucht immer noch seine Bedeutung. Daher soll die Giftpflanze auch nicht vollständig vernichtet werden:

"Aber nicht auszurotten, denn die typische Pflanze unserer Heuwiesen wird auch heute noch in Medizin und Pflanzenzucht verwendet," erklärt Otte.
(idw, 25. Juli 2007)

Man sollte meinen, daß die früher in allen Arzneibüchern (DAB8, DAB7 (DDR), ÖAB9 und Helv. VI) mit dem lateinischen Namen Colchicum autumnale L. erwähnte und unter der Monographie Colchici Semen vertretene Arzneipflanze schon ausreichend erforscht worden ist.

Die bisherige pharmazeutische Forschung interessierte aber ausschließlich Fragen zur pharmazeutischen Nutzung, d.h. die Inhaltsstoffe, das natürliche Vorkommen, die pharmakologische Wirkung, schließlich die Pflanzenteile der Herbstzeitlose, die die meisten Alkaloide enthalten und wann diese und unter welchen Bedingungen geerntet werden müssen.

So weiß man denn auch, daß die Pflanze ursprünglich in Süd-, Mittel- und Westeuropa, meist auf nährstoffreichen, feuchten Wiesen, Auen und Böschungen zu Hause ist. Ihr Vordringen z.B. in die nördlichen Regionen unserer Heimat läßt sich nur als ein weiterer Hinweis auf klimatische Veränderungen verstehen.

Die Pharmazeuten wie die Giftmischer früherer Zeiten nutzen die kugelrunden, 2-3mm im Durchmesser großen, braunroten Samen der mehrjährigen Knollenpflanze, die man im Juni bis Juli von den wildwachsenden Wiesenpflanzen absammeln kann. Da das auch meist die Zeit der Heuernte ist, läßt sich die Aufruhr nachvollziehen, die das neuerliche Ausbreiten dieser Pflanze in der Landwirtschaft auslöste. Dazu kommt, daß die Pflanze einen ungewöhnlichen Fortpflanzungskreislauf besitzt: Aus der tief in der Erde liegenden Knolle entwickelt sich erst im Herbst die rosa gefärbte sogenannte Perigonblüte, die dem harmlosen Krokus zum Verwechseln ähnlich sieht. Dieser unkonventionellen Blütezeit, die somit auf den Spätsommer und Herbst fällt, verdankt die Giftpflanze im übrigen ihren Namen. Sie blüht nämlich dann am schönsten, wenn die meisten anderen Wiesenpflanzen längst abgeblüht sind.

Die Befruchtung findet im unterirdisch gelegenen Gynäceum statt. Die Blätter und die vielsamigen, scheidewandspaltigen Kapseln bilden sich aber erst im Frühjahr des darauffolgenden Jahres.

Warum das Vorkommen der Herbstzeitlosen erneut zum Problem geworden ist, liegt nach Prof. Otte an dem eher begrüßenswerten, naturschutzorientierten Trend unserer Zeit. Empfehlungen zur Bekämpfung der auch als "Giftkrokus" bekannten Pflanze stammten noch aus den Jahren, in denen man die Pflanze durch Überdüngung mit Jauche und Gülle bekämpft habe.

"Diese Methoden aus den Fünfziger bis Siebziger Jahren sind mit heutigen, am Naturschutz orientierten Entwicklungszielen artenreicher Wiesen nicht mehr vereinbar." Deshalb sei es jetzt an der Zeit, einen Weg zu finden, das Vorkommen der Herbst-Zeitlosen in artenreichen, wertvollen Wiesen über ein besonderes Management zu regulieren. Dafür würden in drei Regionen Hessens Untersuchungen durchgeführt. Otte: "Dort gibt es genügend unterschiedliche klimatische, standörtliche und nutzungsbedingte Ausgangsbedingungen, um so ein umfassendes Bild über Verbreitung und Möglichkeiten der Eindämmung der Art zu erhalten."
(idw, 25. Juli 2007)

So würden bei den Untersuchungen auch die jahreszeitlichen Schwankungen des Giftgehalts der Pflanzen ermittelt, und zwar in sämtlichen Pflanzenteilen, auch in den Blättern und Blüten. Dort sind ebenfalls Alkaloide zu finden, nur in wesentlich geringerer Konzentration als in den bitteren Samen.

Das besondere "Management" reduziert sich dann letztlich ganz profan darauf, den Zeitpunkt zu bestimmen, bei dem in der Heuernte nur ungefährliche Mengen des Giftstoffes enthalten sind, erklärte Prof. Otte. Allerdings müsse man immer auch die anderen Pflanzen der Wiesen im Auge behalten, unter denen sich auch andere Giftpflanzen befinden könnten.

In den Untersuchungen würden deshalb auch die Auswirkungen jeder Maßnahme auf andere, insbesondere zu schützende Arten untersucht. "Unsere Erkenntnisse wollen wir dann in einer Broschüre an Landwirte, Pferdehalter und Naturschutzpraktiker weitergeben," so Otte.
(idw, 25. Juli 2007)

Dabei denkt sie z.B. auch an brütende Vögel, die man in solchen Wiesen finden könne. Die Forscherin rät dazu, die Pflanze aus privaten Gärten ganz zu entfernen, vor allem wenn Kinder darin spielen.

Schon kleine Mengen, die über den Mund in den Körper aufgenommen würden, könnten Schluckbeschwerden, Übelkeit oder sogar tödliche Atemlähmungen verursachen.
(idw, 25. Juli 2007)

Genauer gesagt sind die letalen Dosen für Colchicin 0,02 Gramm der Reinsubstanz, 5 Gramm Samen oder 50 g Tinktur. Der Tod tritt durch Atemlähmung ein.

Laut Monographie enthält die Herbstzeitlose insgesamt etwa 20 verschiedene Alkaloide, die in einer Konzentration von 0,5 - 1.0 % vorliegen. Colchicin ist das Hauptalkaloid. Von den Nebenalkaloiden ist Demecolcin (Desacetyl-N-Methylcolchicin) das wichtigste. Das Colchicin findet sich hauptsächlich in der Samenschale. Größere Alkaloidmengen sind auch in den Knollen enthalten, während die Alkaloid (Gift-)konzentration in allen anderen Teilen der Pflanze vergleichsweise gering ist.

Seltsamerweise ist das Hauptgift, Colchicin, ein probates Mittel bei einem akuten Gichtanfall, wobei man jedoch den genauen Wirkmechanismus noch nicht kennt. Einem von Gichtschmerzen Betroffenen ist das jedoch meist vollkommen gleich, weil er das Gift nur über den kurzen akuten Zeitraum von höchstens 3 Tagen und dann nur 4 mal täglich 0,5 Milligramm zu sich nimmt und es in der Wirkung einfach nichts Vergleichbares gibt.

Wenn man jedoch bedenkt, daß Colchicin außerdem ein ausgesprochenes Zell- und Kapillargift ist, das die Zellteilung in der Metaphase unterdrücken kann und demzufolge eine cytostatische Wirkung besitzt, erscheint einem das Gift als vermeintliches Naturheilmittel doch recht bedenklich. Wegen seiner geringen therapeutischen Breite hat es zwar direkt als Cytostatikum nie Anwendung gefunden, doch ist eine cytostatische Wirkung als Nebenwirkung nicht auszuschließen und die kann letztlich zu Veränderungen der Erbsubstanz führen, d.h. cancerogene Wirkung besitzen.

Dagegen hat sich das ebenfalls in der Herbstzeitlose enthaltene Demecolcin (Colcemid(R)), das 30-40mal weniger toxisch ist, durchaus klinisch bewährt, z.B. in einer Dosierung von 5-8 Milligramm zur Behandlung von chronisch myeloischer Leukämie und malignen Lymphomen. Auch bei verschiedenen Hautkrebsarten wird es als Reinsubstanz lokal angewendet.

Für pflanzliche Zellen ist Colchicin ungiftig. Wie schon erwähnt unterbindet es die Spindelbildung bei der Kernteilung, wobei sich anschließend Zellen mit einem vermehrten Chromosomensatz (Mitosegift!) bilden. Diese Wirkung hat man sich schon seit langem in der Pflanzenzüchtung zur Erzeugung von polyploider Rassen zunutze gemacht, ohne die man in der Landwirtschaft gar nicht mehr auskommen würde. Auf diese Weise wurde z.B. der Ertrag fast aller heutigen Getreidesorten pro Halm enorm d.h. um das Zwei- bis Vierfache erhöht, womit man die Versorgung der Bevölkerung in den Industrieländern zunächst gewährleisten konnte.

Die Arzneipflanzen werden jedoch nicht mehr aus den Wiesen herausgesammelt, sondern für ihre pharmazeutische Verwendung und zur Gewinnung des Mitosegiftes großflächig angebaut. Auch eine biotechnische Gewinnung der begehrten Inhaltsstoffe, bei der man auf die Pflanze ganz verzichtet, ist im Gespräch.

Warum sich die Herbstzeitlose inzwischen wieder zunehmend wild aussäht, ist noch ungeklärt. Vermutlich hat die Wildform im Laufe der Jahre der Auseinandersetzung mit den Zivilisationsgiften der Menschheit (Gülle und Dünger) an Robustheit zugenommen und sagt ihr nun gestärkt erneut den Kampf an.

25. Juli 2007