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PHARMAZIE/076: Mit der Antialkoholdroge in die nächste Sucht (SB)


... und das auch noch medizinisch kontrolliert


Das Wundermittel, das schon vor Jahren in der Diskussion war und mit dem man das Verlangen nach Alkohol dämpfen können soll, heißt schlicht "Kudzu" und ist der Wirkstoff einer Schlingpflanze, der nach Erkenntnis von amerikanischen Forschern diese Wirkung besitzt.

Das Potential der Pflanze hatte man schon 2003 bei Tierversuchen entdeckt, hieß es im Fachblatt "Alcoholism: Clinical and Experimental Research", doch mußten die Funde erst noch "klinisch" an menschlichen "Vieltrinkern" überprüft werden.

Zwei Jahre später galten die an sich schon zweifelhaften Menschenversuche an Randständigen (Alkoholikern und Arbeitslosen) als abgeschlossen, wie man dem Bericht der Forscher der Harvard- Universität (Boston) am McLean Hospital in Boston entnehmen kann.

Das Ergebnis: die "Kudzu-Pille" konnte den Alkoholkonsum bei den Betroffenen etwa auf die Hälfte reduzieren, angeblich sogar ohne Nebenwirkungen zu erzeugen. Da fragt man sich, warum die vermeintliche Wunderdroge nicht schon längst auf dem Markt ist.

Schon die von den Wissenschaftlern veröffentlichte Beschreibung der Versuchsbedingungen, unter denen sie ihre Erkenntnisse erwarben, rufen beim kritischen Betrachter jedoch erste Zweifel hervor:

Danach hatte das Team um Scott Lukas sein Labor für die Untersuchung und die Versuchspersonen "gemütlich", d.h. mit Lehnsessel, Fernseher und gefülltem Kühlschrank in unmittelbarer Reichweite eingerichtet.

Auch die Anzahl an Versuchspersonen (14 Probanden), die die Wissenschaftler für ihre Untersuchungen rekrutieren konnten, ist kaum repräsentativ. Dazu kommt, daß die Frauen und Männer, die für den Versuch die geeigneten Voraussetzungen mit sich brachten, d.h. über ausreichend Zeit verfügten und die Gewohnheit hatten, mindestens drei bis vier alkoholische Getränke pro Tag zu konsumieren, nur aus einem Personenkreis Randständiger gewonnen werden konnten, für die eine menschenwürdige Unterbringung und die bequeme Versorgung mit ausreichend Alkoholika ein äußerst verlockendes Angebot darstellte, das sie in ihrer Situation kaum ausschlagen konnten.

Doch mögen hier schon die veränderten Lebensbedingungen eine Einschränkung des Alkoholkonsums erleichtert haben.

Die Personen wurden nacheinander zur Beobachtung ins "Trink-Labor" eingeladen. Und:

Tatsächlich tranken Studienteilnehmer nach Einnahme einer Kudzu- Pille im Durchschnitt nur noch 1,8 Flaschen Bier - im Vergleich zu 3,5 Bier nach Einnahme einer wirkungslosen Placebo-Pille."
(dpa, 17. Mai 2005)

Das ist zwar ein klarer Unterschied, der jedoch nicht unbedingt von der Einnahme des Medikaments abhängen muß.

Lukas und die beteiligten Wissenschaftler gehen davon aus, daß die Kudzu-Substanz den Blutalkoholspiegel schneller ansteigen läßt. Dadurch empfinden die Teilnehmer eher den Effekt des Alkohols und verspürten kein Verlangen nach Nachschub. Diese Theorie wurde bisher jedoch nicht stoffwechselchemisch untersucht oder bestätigt und macht auch sonst keinen Sinn. Denn auf diese Weise würde einfach der für den Rausch notwendige Alkohohlspiegel früher erreicht, die gesundheitlichen und sozialen Folgen wären jedoch die gleichen.

Offensichtlich soll das aus Asien stammende Gewächs, das dort als harmloser Parasit Sträucher, Bäume und Häuser überwuchert, als Naturheilstoff besonders schnell durch die erforderlichen Zulassungsanforderungen geschoben werden, weil man sich erhofft, mit dem neuen Mittel gegen die Alkoholsucht Abhängige wieder für Arbeitsmarkt und gesellschaftliche Anforderungen verfügbar zu machen, und zwar zu jedem Preis.

Ebenfalls erwähnt wurde, daß zum gleichen Zweck Kudzu-Pillen bereits zum Abgewöhnen des Rauchens vertrieben würden, was offensichtlich ihre Harmlosigkeit zusätzlich unterstreichen sollte.

Doch gerade dieses letzte Argument zeigt, auf welch wackeligen Füßen das gesamte Konzept steht. Denn ein Mittel, das die Lust auf das Rauchen mindert und gleichzeitig den Alkoholkonsum senkt, greift mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht, wie hier behauptet, im Alkoholmetabolismus, d.h. im enzymatisch gesteuerten Abbau des Alkoholspiegels an, sondern an einer Stelle des zentralen Gehirnstoffwechsels. Kurz gesagt: es dämpft die "Lust" auf den Alkoholkonsum, indem es auf andere Weise für Ersatz sorgt. Ein auf diese Weise wirksames Mittel muß also besser als Alkohol mit den durch die Lebensumstände vorhandenen Lebensängsten und Depressionen aufräumen.

Allerdings sind Stoffe, die in den Gehirnstoffwechsel eingreifen und beispielsweise den Abbau von Serotonin verzögern oder über einen anderen Weg stimmungsaufhellend wirken, nicht mehr harmlos zu nennen. Sie schaffen ihrerseits Abhängigkeiten, medizinisch und pharmazeutisch gesteuert und in diesem Falle auch noch wissenschaftlich bzw. medizinisch kontrolliert.

Erstveröffentlichung 14. Juli 2005
aktualisierte Fassung

10. Dezember 2008