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INTERVIEW/027: Die DPG stellt vor - der Plasmadiskurs ...    Dipl.-Phys. Michael Schmidt im Gespräch (SB)




Kollegen von Michael Schmidt erforschen am INP das Entfernen von Arzneimittelrückständen mit einer anderen Plasmaquelle. - Foto: © 2015 by Schattenblick

"Eine weitere Möglichkeit sehe ich in der Reinigung von bereits kontaminiertem Wasser ", Michael Schmidt
Was im Labormaßstab funktioniert, muß noch auf industrielle Standards übertragen werden.
Foto: © 2015 by Schattenblick

Etwas ist fest, flüssig oder gasförmig - oder ein Plasma. Physiker nennen es den vierten physikalischen Aggregatzustand. Die Materie darin soll teilweise oder ganz aus freien Ladungsträgern, also aus Ionen und Elektronen bestehen. Im Weltraum befindet sich 99 Prozent der sichtbaren Materie in diesem Zustand. Heiße Plasmen sind der Stoff der Sterne, Kalte Plasmen nehmen fast den gesamten Raum dazwischen ein.

Auf der Erde ist dieser Aggregatzustand relativ unbekannt. Plasmaentladungen werden hier als Blitz bezeichnet, künstlich in Neonröhren oder in Anlagen wie dem Fusionsreator Wendelstein 7-X [1] erzeugt. Die besonderen Eigenschaften des gasförmigen Materiecocktails aus ionisierten Molekülen, Elektronen, Staub und UV-Strahlung wird aber zunehmend auch in verschiedenen industriellen und großtechnischen Anwendungen wie in der Medizin und Umweltforschung genutzt, um Oberflächen zu behandeln, Wunden zu heilen, Wasser zu desinfizieren oder zu reinigen.

Während sich Gewitterwolken mit Spannungen von einigen Millionen Volt entladen, brauchen die Forscher am Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie (INP) in Greifswald für die kalten Plasmen, die sie im Labor erzeugen, 10.000 Volt. Damit werden die Plasmaflammen gezündet, in denen dann Gasmoleküle einige ihrer Elektronen verlieren, worauf die elektrischen Felder dieser Ionen auf andere Partikel einwirken, Ladungen verschieben und elektrische Ströme fließen lassen. Dieses Zusammenwirken aus sechs Komponenten (ionisierte Moleküle, Elektronen, Staub, Wärme, UV-Strahlung und Radikale) ist für die besonderen Eigenschaften des Materiecocktails verantwortlich. Jede einzelne Komponente kann aber auch bei entsprechender Dosierung mit hochreaktiven und zerstörerischen Prozessen in Verbindung gebracht werden, mit denen der Laie keinen hautnahen Umgang haben möchte. Ob sich "Mix" als aggressiv, schädlich oder hochpotent nutzbar erweist, ist in der Plasmaforschung wie in vielen anderen Forschungsbereichen vor allem eine Frage der Dosierung. Allein "nur harmlos", ist er nicht.

Der Diplomphysiker Michael Schmidt arbeitet am INP, über das der Schattenblick anläßlich einer Journalistenreise im Sommer 2015 berichtete. [2] Mit Metallelektroden erzeugt er ein Plasma, das er in einem Abstand von wenigen Millimeter auf eine Wasseroberfläche wirken läßt. Nach einer halben Stunde ist das Wasser sauer und besitzt antibakterielle Eigenschaften.

Seine Arbeitsgruppe hat herausgefunden, daß sich die Leitfähigkeit und der pH-Wert bei demineralisiertem Wasser und bei Reinstwasser besonders stark ändern, bei Leitungswasser jedoch nur geringfügig. Mit dem Vortrag "Spitze - zu - Wasser - Entladung: optische, elektrische und chemische Charakterisierung sowie Anwendungsbeispiele" stellte er seine Forschungsergebnisse am 13. März 2017 auf der DPG-Frühjahrstagung in Bremen vor. Im Anschluß daran war er bereit, einige Fragen zu beantworten.


Foto: © 2017 by Schattenblick

"Zunächst müssen wir daran arbeiten, die Grundlagen zu verstehen", Michael Schmidt.
Foto: © 2017 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Daß man mit Hilfe von sogenannten kalten Plasmen Wasser desinifizieren oder dekontaminieren kann, weiß man schon seit einiger Zeit. Im Sommer 2015 konnten wir das Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie (INP) in Greifswald besichtigen und über einige solche Anwendungen berichten, die für den Umwelt- oder den medizinischen Bereich entwickelt worden sind. [2] Doch die Studie, die Sie in Ihrem Vortrag vorgestellt haben, geht offenbar von einem ganz neuen Ansatz aus. Könnten Sie diesen noch einmal schildern?

Dipl.-Phys. Michael Schmidt (MS): Es handelt sich ebenfalls um ein Projekt des INP Greifswald, an dem ich arbeite. Ich bin dabei, eine sogenannte Plasmaquelle für die Aktivierung von Flüssigkeiten bzw. von Wasser zu konstruieren, zu bauen und schließlich ihre Wirkung zu untersuchen. Das machen wir, weil sich herausgestellt hat, daß plasmaaktiviertes Wasser ganz besondere Eigenschaften erhält, und uns interessiert in diesem Fall die antimikrobielle Wirkung, die es nachweislich entwickelt. Nach der Plasmabehandlung kann man mit diesem Wasser verschiedene Mikroorganismen inaktivieren. Genauere Untersuchungen dazu haben wir beispielsweise an E-coli Bakterien gemacht, die sehr gut auf die Behandlung reagieren. Ein mögliche Anwendung unserer Forschung wäre eine leicht herzustellende Flüssigkeit, die man mit Plasma aktiviert und die man dann vielleicht zur Dekontamination oder Desinfektion verwenden kann.

SB: Erstaunlich an Ihrem Ansatz ist ja, daß das Plasma offenbar nicht direkt auf die Organismen einwirkt, um sie abzutöten, sondern daß Sie das Plasma auf eine Flüssigkeit einwirken lassen, die anschließend antimikrobielle Eigenschaften erhält.

MS: Genau, die Plasmasterilisation wird derzeit hauptsächlich bei Geräten angewendet. Durch das Herstellen von plasmaaktivierten Flüssigkeiten kommt noch eine weitere Dimension dazu. Inwieweit sich daraus tatsächlich auch nutzbare technische Anwendungen ergeben, muß sich allerdings noch herausstellen.

SB: Wie würden Sie das aktivierte Wasser beschreiben? Wird es durch das Plasma gewissermaßen in ein Desinfektionsmittel umgewandelt, wie Sagrotan, Alkohol oder was man sonst noch zur Oberflächendesinfektion einsetzt? Oder wirkt es stark antibiotisch? Sie haben in Ihrem Vortrag Petrischälchen vor und nach Zugabe von aktiviertem Wasser gezeigt, auf denen offensichtlich nichts mehr auf der Nährlösung gewachsen ist.


Powepoint-Darstellung zweier Petrischalen mit mikrobiellem Bewuchs und ohne, aus dem Vortrag. - Foto: © 2017 by Schattenblick, Darstellung: © by Michael Schmidt, INP

Versuchsbedingungen und Ergebnis
"Die Stärke der antimikrobiellen Wirksamkeit hängt davon ab, wie intensiv die Plasmabehandlung war", Michael Schmidt
Foto: © 2017 by Schattenblick, Darstellung: © by Michael Schmidt, INP

MS: Die Stärke der antimikrobiellen Wirksamkeit der Flüssigkeit hängt davon ab, wie lange wir das Plasma darauf einwirken lassen konnten, beziehungsweise wie intensiv die Plasmabehandlung war. Wenn ich wie im Labormaßstab mit kleinen Mengen arbeite, dann muß ich sie nur relativ kurz behandeln. Wenn sich aber herausstellt, daß sich diese Flüssigkeit gut für die Inaktivierung bestimmter Organismen eignet, dann werden wir größere Menge davon benötigen. Denn die Mengen, mit denen wir umgehen, reichen natürlich nicht aus, um einen ganzen OP-Raum zu sterilisieren. Dafür brauchen wir noch ein Verfahren, mit dem sich diese Mengen produzieren lassen, wenn die Produktentwicklung überhaupt in diese Richtung gehen sollte. Denn die chemische Industrie ist da nämlich schon sehr weit. Mit denen zu konkurrieren ist enorm schwierig.

SB: Was wird an dem Wasser eigentlich genau verändert, daß es antimikrobiell wirkt? Wird das Wasser selbst in einen aggressiveren oder toxischen Zustand versetzt, setzen Sie der Flüssigkeit vorher noch weitere Chemikalien hinzu oder gelangen durch die Plasmabehandlung doch irgendwelche weiteren Stoffe in die Flüssigkeit hinein, mit denen man diese Wirkung erklären kann?

MS: Durch die Plasmaflamme kommt es irgendwie zu einem meßbaren Stoffeintrag in das Wasser. Aus einer jüngeren Quelle weiß ich, daß momentan davon ausgegangen wird, daß in dem Wasser durch die Plasmabehandlung neben Nitrat und Nitrit vor allem Peroxinitrit (ONOO-) als wirksame Komponente [3] entsteht. Das heißt, zunächst reagiert der Luftstickstoff in der Plasmaflamme zu Stickstoffmonoxid. Die Stickstoffemissionen von Plasma kann man im Spektrum sehen.

Ein kleiner Nebeneffekt dieses stickstoffangereicherten Wassers ist unter anderem auch, daß es bei Pflanzen ein besseres Wachstum erzeugt, also wie ein Düngemittel wirkt. Das wurde bereits ausprobiert. Die Pflanzen wachsen tatsächlich besser, wenn man sie mit solchem Wasser begießt. Aus Stickstoffmonoxid entsteht im Wasser schließlich Peroxinitrit. Den genauen chemischen Mechanismus dazu kennen wir noch nicht. Kurz gesagt entstehen also durch die Plasmabehandlung im Wasser Stoffe, die vorher nicht da waren. Aber nach meinem derzeitigen Kenntnisstand ist es vor allem das Peroxinitrit, das als Antwort auf die Ursache der antimikrobiellen Wirksamkeit favorisiert wird. Das ist der Stand der Forschung.

Weitere Untersuchungen haben allerdings gezeigt, daß das Wasser allein von Peroxinitrit, wenn man es der Flüssigkeit einfach nur zusetzt, nicht diese Wirksamkeit bekommt. Auch wenn man die gleiche UV-Strahlung benutzt, die auch aus der Plasmaquelle austritt, läßt sich der Effekt nicht vergleichen. Wenn man nur eine Ozonanwendung macht [4], das heißt nur Ozon durch die Flüssigkeit gasen läßt, hat das keinen entsprechenden Effekt. Erst wenn alle Komponenten durch die Plasmabehandlung zusammenkommen, wirkt das Wasser anschließend antimikrobiell.


Chemische Formel für Peroxinitrit - Grafik: gemeinfrei

Eine Formel garantiert noch keine Wirkung.
"Wenn man einfach nur Peroxinitrit hinzufügt, zeigt das nicht die gleiche Wirksamkeit", Michael Schmidt.
Grafik: gemeinfrei

SB: Peroxide gelten als hochreaktive Stoffe in der Chemie und Nitrite waren auch schon als krebserregende Agentien in anderen Zusammenhängen im Gespräch. Könnte diese Entdeckung, daß sich durch die Plasmabehandlung etwas im Wasser verändert, das lebensfeindlich oder sogar ein starkes Gift ist, dazu führen, daß man die bisherigen medizinischen Plasmaanwendungen vielleicht ganz neu überdenken muß? Bislang ging man bei diesen Anwendungen nicht von irgendwelchen Nebenwirkungen aus. Die Plasmabestrahlung wird aber, wie uns vor zwei Jahren in Greifswald demonstriert wurde [2], zumeist flächig oder fokussiert direkt auf eine Wunde gerichtet, um beispielsweise die Wundheilung anzuregen. Könnten Ihre jüngsten Erkenntnisse nicht auch ein Hinweis darauf sein, daß Plasmaanwendungen für organische Zellen doch schädlicher sind, als gedacht?

MS: Dahingehend wurden bisher noch keine Untersuchungen gemacht. Das ist aber eine Frage, die wir unbedingt beantworten müssen. Denn es könnte ja jemand auf die Idee kommen, zum Beispiel diese aktivierte Flüssigkeit direkt in eine Wunde einzubringen, um diese damit von Bakterien zu befreien. Dann muß natürlich zuvor gewährleistet sein, daß das keine weiteren negativen Auswirkung hat, das ist ganz klar. Allein bei einer entsprechenden Anwendung auf gesunder Haut muß man sichergehen können, daß damit nur die Keime abgetötet werden, die man auch abtöten will und weiter nichts passiert. Das war bisher einfach noch nicht zu machen, denn unser Bereich der Plasmaforschung ist noch relativ neu. Momentan ist jemand mit einer Masterarbeit dabei, die antimikrobielle Wirksamkeit des Wassers in verschiedenen Umgebungen und unter unterschiedlichen Bedingungen zu untersuchen.

In der Arbeit, die ich vorgestellt habe, werden nur die Bakterien direkt in die plasmaaktivierte Lösung hineingegeben. Damit läßt sich nur eine antimikrobielle Wirkung der Flüssigkeit darstellen. Ich weiß nicht ganz genau, was die Kollegin inzwischen im Einzelnen gemacht hat. Aber sie hat auf jeden Fall noch einiges mehr versucht, als nur eine Bakterienlösung und eine plasmaaktivierte Flüssigkeit zusammenzubringen.

Wenn sich dabei herausstellt, daß man über den erwarteten Effekt hinaus schädliche Auswirkungen erkennen kann, dann müssen die genau quantifiziert werden. Andere Studien oder Untersuchungen sind mir bisher noch nicht in der Literatur dazu untergekommen. Aber wie gesagt, auf jeden Fall steht diese Frage bei uns bereits auf dem Plan, die müssen wir beantworten und das werden wir auch.

SB: Läßt sich das Interesse an Ihrer Forschung möglicherweise auch auf das gewaltige Problem mit multiresistenten Keimen in Krankenhäusern zurückführen? Bisher bin ich davon ausgegangen, daß es durch die Resistenzenentwicklung vor allem an Antibiotika fehlt. Ist das nicht mehr so? Fehlt es auch an neuen und stärkeren Desinfektionsmöglichkeiten und könnte Ihre Plasmaforschung hier möglicherweise Abhilfe schaffen?

MS: Da müßten Sie auf jeden Fall einen Kliniker fragen, der Ihnen das besser sagen kann als ich. Natürlich kenne ich die Debatte über die multiresistenten Erreger und vor allem die Methicillin-resistenten Staphilococcus aureus (MRSA), die sich mit herkömmlichen Antibiotika nicht abtöten lassen. Das kann für ohnehin geschwächte Patienten, die damit im Krankenhaus zusätzlich infiziert werden, ganz schlimm sein. Meines Wissens wird momentan viel mit Wasserstoffperoxid (H2O2) gemacht. Aber das ist ein Stoff, der nicht besonders stabil ist. Man kann ihn nicht lange lagern. In Schwimmbädern wird nach wie vor mit Chlorlösung gearbeitet, die aber - wie derzeit diskutiert wird - eventuell auch krebserregend sein könnte. Es gibt also reichlich Bedarf, aber auch hier ist die chemische Industrie ebenfalls dabei, Lösungen zu suchen.

Ansonsten wird in den Kliniken OP-Besteck und ähnliches nach der Reinigung gewöhnlich in einem Autoklaven mit gespanntem Wasserdampf bei etwa 120 Grad desinfiziert und anschließend heiß getrocknet. Das funktioniert im Allgemeinen sehr gut bei Edelstahl, geht aber nicht, wenn es sich um empfindliche thermolabile Oberflächen beziehungsweise Werkzeuge oder medizinische Instrumente handelt. Da könnten die Plasma aktivierten Flüssigkeiten möglicherweise eine Option sein. Aber, wie gesagt, daß wir mit unserer plasmaaktivierten Flüssigkeit die Produkte der chemischen Industrie ersetzen können, sehe ich noch nicht.

Um Prognosen anzustellen, inwieweit wir mit unserer Forschung hier ein Mittel finden könnten, um solche speziellen Probleme wie das der MRSA-Organismen zu lösen, müßte ich mich sehr weit aus dem Fenster lehnen. Wir haben aktiviertes Wasser auch schon auf einen Stamm Staphylokokken gegeben, der darauf sehr gut reagiert hat, so daß wir ihn damit deaktivieren konnten. Aber das sind nur erste anfängliche Versuche, an denen man erstmal sondiert, ob überhaupt etwas passiert oder nicht. Dann braucht man gar nicht erst in dieser Richtung weiterzumachen. In diesem Fall sieht es aber so aus, als könnte etwas passieren. Dann muß man aber noch fundierte Fragestellungen entwickeln und die Forschung hieran noch wesentlich weiter ausbauen. Ich möchte mich jedoch davor hüten, an dieser Stelle schon Emotionen zu schüren oder Wünsche und Erwartungen zu wecken.

SB: Ich kann mir vorstellen, daß Ihre Forschungsergebnisse, die - wenn ich Sie richtig verstehe - bisher nur einen ganz kleinen Aspekt aufzeigen, schnell in eine solche Richtung interpretiert werden können, weil der Bedarf entsprechend groß ist. Dennoch würde mich interessieren, was Sie persönlich motiviert, dieses Projekt weiterzuverfolgen. Was sind Ihre eigenen Wünsche hinsichtlich zukünftiger Projekte? Welche möglichen zukünftigen Anwendungen haben Sie im Hinterkopf oder welchen Aufgaben würden Sie sich gerne widmen?

MS: Ich sehe da zwei relativ unterschiedliche Ansätze, die wir mit der Plasmaaktivierung weiter verfolgen sollten. Einmal stellen wir eine aktivierte Flüssigkeit her, die anschließend eine antimikrobielle Wirksamkeit hat, von der wir uns erhoffen, daß man sie möglicherweise einmal für Dekontaminationsaufgaben einsetzen können wird. Die weitere Möglichkeit sehe ich in der Reinigung von bereits mikrobiell oder anders kontaminiertem Wasser durch eine solche Plasmaanlage.

Einer meiner Kollegen am INP steht gerade kurz vor dem Abschluß einer Doktorarbeit. Er benutzt für seine Untersuchungen eine andere Plasmaquelle, bei der das Plasma direkt im Wasser erzeugt wird. Er hat sich des Themas angenommen, inwieweit sich damit medizinische und Medikamenten-Rückstände, die im Brauchwasser von Krankenhäusern anfallen, entfernen lassen. Nach dem, was ich bisher von seinen Präsentationen gesehen habe, scheint es so zu sein, daß er mit diesem Plasma tatsächlich einige dieser Komponenten im Wasser abbauen kann. Inzwischen werden die Stadtwerke mit ihren Klärwerken tatsächlich jetzt schon regelmäßig damit überfordert, daß die Abwässer mit Arzneimittelrückständen und Abbauprodukten überfrachtet sind. Es gibt auch besondere Vorschriften und Reinigungsprozeduren für Krankenhäuser, die befolgt werden müssen, damit diese hochwirksamen Stoffe nicht am Ende wieder ins Trinkwasser gelangen können. Das ist eine weitere Schiene, der wir nachgehen wollen, inwieweit wir bereits kontaminiertes Wasser mit Plasma entkontaminieren können. Und hier muß natürlich auch noch unbedingt die Frage beantwortet werden, was bei der Behandlung dann genau aus diesen Rückständen entsteht. So hat mir der Kollege, der darüber seine Doktorarbeit schreibt vor kurzem erklärt, was mit dem Schmerzmittel Diclofenac passiert, das sehr schwer mit konventionellen Methoden aus den Krankenhausabwässern zu beseitigen ist, wenn man es mit dem Plasmaverfahren unschädlich macht. Aber ich muß Ihnen ehrlich sagen, ich kann mich nicht mehr daran erinnern.

Die Forschung daran ist noch relativ jung. Auch wenn sie bereits seit 10 oder 15 Jahren existiert, ist das in wissenschaftlichen Maßstäben und vor allem in diesem Forschungsbereich noch nicht sehr lange. Und es gibt sehr viele Aspekte, die augenblicklich untersucht werden.

Meine Aufgabe besteht jetzt vor allem darin, die im Labor erzeugten Forschungsergebnisse auf einen industriellen Standard zu übertragen. Bei der Plasmabehandlung von Polymeroberflächen oder Kunststoffen hat das bereits wunderbar funktioniert. Inzwischen wird jede Plastiktüte erst einmal plasmabehandelt, um die Kunststofffolie für das Bedrucken vorzubereiten.

SB: Könnte man sagen, daß Sie bereits die großtechnische Anwendung für Ihren Forschungsbereich ins Auge fassen, also plasmaaktiviertes Wasser in industriellen Mengen zu produzieren?

MS: Das wäre für uns ein mögliches Ziel, wenn auch noch relativ weit entfernt. Im Labormaßstab funktioniert das alles bisher sehr gut. Doch wir müssen immer noch daran arbeiten, die Grundlagen zu verstehen. Dann gilt es, herauszufinden, wie sich davon auch ausreichend große Mengen herstellen lassen, so daß das Projekt in einen industriellen Rahmen kommt.

Zu dem ganzen Thema Plasma in Kontakt und in der Umgebung von Flüssigkeiten ist gerade ein sehr ausführlicher Review-Artikel von Prof. Peter Bruggeman (University of Minnesota Twin Cities, Minneapolis, USA) erschienen, der sehr genau auf diese einzelnen Fragen eingeht. Das sind 60 Seiten kondensierten Wissens, durch die ich mich derzeit gerade durcharbeite und eine Menge Stoff.

SB: Wie weit ist denn die Grundlagenforschung überhaupt? Sie sagten vorhin, man geht davon aus, daß vom erzeugten Peroxinitrit der deaktivierende Effekt ausgeht, aber hat man auch schon weitere Vorstellungen darüber, auf welche Weise die Mikroorganismen darauf reagieren?

MS: Die Mikrobiologen, die das untersuchen, wissen das bestimmt.

SB: Noch eine neugierige Frage, wie es zu dieser speziellen Plasmaforschung gekommen ist beziehungsweise was Sie persönlich auf diese Forschung gebracht hat: War das Ganze gewissermaßen ein Abfallprodukt der Plasmaforschung für die Anwendung von Plasmen in der Medizin oder sind Sie gezielt auf das Thema losgesteuert und hatten bereits eine Vorstellung, daß sich auf diese Weise so eine Art Zwischenprodukt zwischen Plasma und antimikrobieller Wirkung herstellen lassen müßte?

MS: Also über den historischen Werdegang der Forschung über diese plasmaaktivierten Flüssigkeiten weiß ich, ehrlich gesagt, nicht genug, um Ihre Frage beantworten zu können. Vielleicht kann ich das nach Lektüre des fraglichen Aufsatzes von Herrn Bruggeman, denn dort wird erwähnt, daß bereits 1873 erste Verdachtsmomente entstanden, daß dort etwas dran sein könnte, sowie erste Untersuchungen angestrebt wurden, dies zu bestätigen.

Ich selbst bin 2014 durch ein neues Projekt auf dieses Thema gestoßen. Damals gab es bereits einiges an Forschung im Bereich Plasmaaktivierung des Wassers mit Jet-ähnlichen Konfigurationen. Dabei wird ein Gas durch eine Plasmaladung geschickt. Auf die Art und Weise entsteht ein Plasmastift, wie dieser "kINPen®" vom INP. [5] Wenn man den dann auf eine Flüssigkeit richtet, dann wirkt diese anschließend antibakteriell. Im Zuge dieser Untersuchungen kam es dann zu der Frage, ob man diese Flüssigkeiten auch in einem größeren Maßstab herstellen kann. Denn die Jet-Anwendungen ergeben meist nur einige Milliliter, was für Laboruntersuchungen natürlich völlig ausreicht. Für eine mögliche Anwendung, wenn man sie im Auge haben sollte, ist das natürlich nicht genug.

Als sich dann noch herausstellte, daß die aktivierte Flüssigkeit auch nach Beendigung des Aktivierungsprozesses noch einige Zeit antimikrobiell bleibt, mehrere Tage sogar, hat uns das dazu verführt, darüber nachzudenken, so ein Gerät tatsächlich zu bauen.

SB: Vielen Dank, Herr Schmidt, für diesen ausführlichen Einblick in Ihre Arbeit.


Anmerkungen:

[1] https://www.schattenblick.de/infopool/natur/report/nrin0020.html

[2] Siehe auch:
https://www.schattenblick.de/infopool/natur/report/nrbe0002.html
https://www.schattenblick.de/infopool/natur/report/nrin0003.html
https://www.schattenblick.de/infopool/natur/report/nrin0007.html

[3] Chemisch sehr reaktive Peroxynitrit-Anionen entstehen bei der Rekombination von Stickstoffmonoxid- (NO·) und Superoxidradikalen (·OO-R). Beide Spezies entstehen neben anderen Radikalen im Plasma.

[4] Bei bereits in der medizinischen Ozontherapie eingesetzten sogenannten Ozon-Geräten wird durch einen komplexen technischen Prozess molekularer Sauerstoff aus der Umgebungsluft in reaktionsfreudigen atomaren sowie elektrisch geladenen Sauerstoff und Ozon gespalten. Die geladenen Sauerstoffatome werden auch als kaltes Plasma bezeichnet. Inzwischen gilt als bestätigt daß nicht das Ozon für die Keimeliminierung bzw. den Heilungsprozess verantwortlich ist, sondern die atomaren bzw. elektrisch geladenen Sauerstoffatome. Somit müsste die Ozontherapie korrekterweise eigentlich heute als Plasmatherapie bezeichnet werden.

[5] https://www.unternehmen-region.de/de/7507.php


Bisher im Schattenblick unter INFOPOOL → NATURWISSENSCHAFTEN → REPORT zur DPG-Frühjahrstagung in Bremen erschienen:

BERICHT/004: Die DPG stellt vor - Verantwortung der Wissenschaft ... (SB)
BERICHT/005: Die DPG stellt vor - Endlichkeit nicht vorgesehen ... (SB)
BERICHT/006: Die DPG stellt vor - Weltraumgravitationsforschung in spe ... (SB)

INTERVIEW/009: Die DPG stellt vor - unzureichend treibt voran ...    Prof. Dr. Claus Lämmerzahl im Gespräch (SB)
INTERVIEW/010: Die DPG stellt vor - Schwingungen und Perspektiven ...    Prof. Dr. Klaus Fredenhagen im Gespräch (SB)
INTERVIEW/011: Die DPG stellt vor - fortschreitendes Verständnis (Teil 1) ...    Prof. Dr. Domenico Giulini im Gespräch (SB)
INTERVIEW/012: Die DPG stellt vor - das Mögliche auch nutzen ...    Prof. Dr. Dr. Claus Beisbart im Gespräch (SB)
INTERVIEW/013: Die DPG stellt vor - die Maßstäbe prüfen ...    Martina Gebbe im Gespräch (SB)
INTERVIEW/014: Die DPG stellt vor - unbekannten Emissionen auf der Spur ...    Dr. Stefan Schmitt im Gespräch (SB)
INTERVIEW/015: Die DPG stellt vor - Zusammenschau ...    Dr. Irena Doicescu im Gespräch (SB)
INTERVIEW/016: Die DPG stellt vor - Vermächtnis der Vergleiche ...    Dipl. Ing. Stefanie Bremer im Gespräch (SB)
INTERVIEW/017: Die DPG stellt vor - fortschreitendes Verständnis (Teil 2) ...    Prof. Dr. Domenico Giulini im Gespräch (SB)
INTERVIEW/018: Die DPG stellt vor - die Sonne im Blick ...    Prof. Dr. Katja Matthes im Gespräch (SB)
INTERVIEW/019: Die DPG stellt vor - Wissenschafts- und Selbsterkenntnis ...    Prof. Dr. Hardi Peter im Gespräch (SB)
INTERVIEW/020: Die DPG stellt vor - Ursuppe der Forschung ...    Dr. Ralf König im Gespräch (SB)
INTERVIEW/021: Die DPG stellt vor - bis zum letzten Augenblick ...    Dr. Rolf König im Gespräch (SB)
INTERVIEW/022: Die DPG stellt vor - Ozon und sein doppeltes Gesicht...    Prof. Dr. Markus Rex im Gespräch (SB)
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INTERVIEW/024: Die DPG stellt vor - im Spiegel der Grenzen ...    Dr. Miriam Sinnhuber im Gespräch (SB)
INTERVIEW/025: Die DPG stellt vor - Schwarze Löcher nachzuweisen ...    Dipl.-Phys. Thomas Reiber im Gespräch (SB)
INTERVIEW/026: Die DPG stellt vor - Brücken in den Disziplinen ...    Dr. Corvin Zahn im Gespräch (SB)


22. Mai 2017


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