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BERICHT/322: Vorurteile bringen Menschen mit Epilepsie viel Leid (Der Ring)


DER RING
Zeitschrift der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel - September 2009

Vorurteile bringen Menschen mit Epilepsie viel Leid
Angelika Schmieder liegt Aufklärung am Herzen

Von Petra Wilkening


Ihr Bruder war bei den anderen Kindern "der mit der doofen Schwester". Freunde ihrer Eltern mögen Ähnliches gedacht haben, denn sie zogen sich zurück. Als Angelika Schmieder 1956 im Alter von zwei Jahren an Epilepsie erkrankte, veränderte sich das Leben der Bochumer Familie. Immer wieder hatten die Eltern und die Kinder unter den Vorurteilen und Ängsten der Mitmenschen zu leiden. Angelika Schmieder setzt sich darum seit Langem für mehr Aufklärung ein.


"Damals wurde Epilepsie gleichgestellt mit geistiger Behinderung, und viele waren überzeugt, dass Epilepsie ansteckend sei", erinnert sich Angelika Schmieder. Bei ihr kam hinzu, dass sie Linkshänderin war, denn die Epilepsie war mit einer rechtsseitigen Lähmung einhergegangen. Auch dafür wurde sie schief angesehen und ausgelacht.

Dank ihrer engagierten Eltern konnte Angelika Schmieder zu Hause aufwachsen, einen Kindergarten und später eine normale Schule besuchen. Ihre Anfälle waren nicht so stark: Ihr Mund zitterte dann, und sie konnte nicht mehr sprechen. Später wurden die Anfälle heftiger, und sie fiel auch hin. Als 18-Jährige kam sie zum ersten Mal zur Untersuchung in die Klinik Mara in Bielefeld-Bethel. "Na, wie war's in der Idiotenanstalt?", begrüßten ihre Kollegen sie bei ihrer Rückkehr. Zu jener Zeit arbeitete sie als Stationshelferin in einem Bochumer Krankenhaus.

Seit 1981 lebt Angelika Schmieder in Bethel. Sie hatte ihre Arbeit im Krankenhaus verloren, weil sie wegen ihrer Lähmung mit dem neu eingeführten Tablettsystem nicht zurechtkam.

Eine neue Stelle fand die epilepsiekranke Frau in Bochum nicht. "Die ersten Jahre waren schwer so weit weg von zu Hause", erzählt die 54-Jährige. Zuerst wohnte sie im Haus Sophia, einem strengen Frauenhaus. Dann wechselte sie den Platz mit einem Mann aus einer Wohngruppe am Ramaweg, der dort mit den vielen Treppen nicht mehr zurechtkam. "Er war der erste Mann in einem Frauenhaus und ich die erste Frau in einer Männer-Wohngruppe." Jetzt kann Angelika Schmieder schmunzeln, wenn sie an die Zeit zurückdenkt. Damals hatte die "Pionierin" aber bei den anderen Bewohnern einen schlechten Ruf, was ihr Heimweh noch verstärkte.

Heimisch wurde Angelika Schmieder in Bethel erst, als sie eine Stelle als Helferin in der Werktherapie Jabbok erhielt. "Das war das Richtige für mich. Ich brauche Menschen um mich!", sagt sie dankbar. Heute arbeitet sie in der Neuen Schmiede und in der Integrativen Öffentlichkeitsarbeit im Dankort. Ihre Kontakte zu anderen Menschen nutzt sie, um über Epilepsie aufzuklären und Vorurteile abzubauen.

"Ich habe mich damit abgefunden, dass ich Epilepsie habe, und deswegen kann ich auch ganz offen darüber sprechen. Wie soll Integration passieren, wenn die Aufklärung fehlt?", fragt Angelika Schmieder zu Recht. So redet sie nicht nur mit Besuchern der Öffentlichkeitsarbeit über ihre Erfahrungen, sondern informiert über ihre Erkrankung auch, wenn sie unterwegs ist. "Im Zug zum Beispiel erkläre ich meinen Nachbarn, dass ich epilepsiekrank bin und wie das mit einem Anfall ist. Ich möchte keine Panik auslösen, wenn ich tatsächlich einen bekomme." Viele sind dankbar für die Information und stellen interessierte Fragen. Aber es gibt immer noch auch jene, die sie auffordern, sich doch woanders hinzusetzen.


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Quelle:
DER RING, September 2009, S. 15
Monatszeitschrift für Mitarbeiter, Bewohner, Freunde
und Förderer der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel
Herausgeber: Pastor Ulrich Pohl in Zusammenarbeit mit der
Gesamtmitarbeitervertretung der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel
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veröffentlicht im Schattenblick zum 19. September 2009