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BERICHT/328: Was kann eine Wohnstätte für Bewohner mit Demenz tun? (LHZ)


Lebenshilfe Zeitung, Nr. 4 - Dezember 2009

"Gestern wusste ich doch noch, wie das geht"
Was kann eine Wohnstätte für Bewohner mit Demenz tun?

Von Beate Heckmann


Viele Menschen mit geistiger Behinderung erreichen heute das Rentenalter. Nicht selten treten dann Krankheiten wie Demenz auf: Das Gehirn leistet immer weniger, die Menschen sind verwirrt. Wohnstätten müssen sich darauf einstellen. Wie das gehen kann, zeigt eine Einrichtung in München.


Der Beginn der Demenz ist gerade im Bereich der geistigen Behinderung nicht leicht zu erkennen. Menschen mit Behinderungen neigen (wie die sogenannten "normalen" Menschen) dazu, diese Störungen sehr geschickt zu überspielen und zu verstecken. Sie merken selbst, dass sich etwas verändert. Teilweise können sie damit schlecht umgehen, da ihr ganzes Leben aus Defiziten besteht (und ihnen das sehr wohl bewusst ist).

Beispiel 1: Eines Morgens saß eine Bewohnerin unserer Einrichtung vor ihrem Frühstücksteller, ihre Vorliebe für süße Beläge war bekannt. Sie hatte ein Brot auf den Teller gelegt und blickte erkennbar verzweifelt auf das geöffnete Nutella-Glas vor sich. Auf die Frage eines Mitarbeiters, was denn los sei, antwortete sie unglücklich: "Gestern wusste ich doch noch, wie das geht."

Wir unterscheiden drei Stadien der Demenz:

Stadium 1: leichter Verlust des Kurzzeitgedächtnisses, beginnende Sprachstörungen, Vermeidungsstrategien

Stadium 2: gravierender Verlust von Sprache und Auffassung, Desorientierung, Verwirrung, Unruhe, Reizbarkeit, Aggressionen, psychische Veränderungen wie Depressionen, Psychosen, Halluzinationen, Störungen der motorischen Funktionen, Auftreten von Epilepsie

Stadium 3: zunehmende Bettlägerigkeit, Inkontinenz, wenig bis keine Eigenaktivitäten, große Schluckproblematik, zunehmendes Schlafbedürfnis, Reduktion der epileptischen Anfälle (so sie erst im zweiten Stadium aufgetreten sind)

Gefragt ist hier die genaue und individuelle Beobachtung des Betreuungspersonals verbunden mit einer detaillierten ärztlichen Diagnostik. und - so vorhanden - dem psychologischen Fachdienst, um andere Ursachen ausschließen zu können.

Die Dokumentation und Erhebung des Lebenslaufs ist ein absolut notwendiges Mittel. Angehörige sollten als Informationsquelle genutzt werden. Viele Verhaltensmuster, die im Alter ausgeprägter werden, haben einen biografischen Hintergrund.

Ist es überhaupt möglich, Menschen mit geistiger Behinderung und Abbauprozessen bzw. einer Demenz in Wohngruppen zu integrieren? Es gibt - leider - keine Standardlösungen, in jedem Fall muss individuell entschieden und reagiert werden. Entscheidend ist für mich, dass wir als Einrichtung dem behinderten Menschen ein Zuhause bieten und er meist den Wunsch hat, in diesem Zuhause bleiben zu können.

Das Personal sollte sich an den Wünschen des betreuten Menschen orientieren. Seine Eigenheiten müssen akzeptiert werden.

Die Vertrautheit zum Betreuungspersonal ist sehr wichtig und erleichtert den Zugang bei "schwierigem" Verhalten. Veränderungen im Ablauf, welcher Art auch immer, stellen einen hohen Stressfaktor dar.

Beispiel 2: Bei zunehmender Demenz liegt oft ein erhöhtes Schlafbedürfnis vor bzw. ein Rückzug in das eigene Bett. Oft kommt es aber durch unkontrollierte Drehbewegungen zu Stürzen aus dem Bett. Hier kann man natürlich ein Bettgitter anordnen lassen, allerdings sollte man diese freiheitsentziehende Maßnahme sehr genau abwägen. Wir haben uns in diesen Fällen meist dafür entschieden, ein Bettnest einzurichten, oder für ein verstellbares Pflegebett. Bei einer Pflegeverrichtung kann die Betreuungskraft das Bett hochstellen, im Ruhefall kann es bis zum Boden abgesenkt werden. Eine zusätzliche Matte vor dem Bett kann weiteren Schutz bieten.

Von Vorteil sind angepasste Orientierungshilfen, zum Beispiel ein bildbezogener Mitarbeiter-Dienstplan, Piktogramme zur Bezeichnung von Funktionsräumen, eine farbliche Abgrenzungs-Gestaltung von bestimmten Räumen wie Küche, Gang, Büro; behindertengerechte Handläufe beidseits der Wegstrecken, individuelle taktile und visuelle Gestaltung von Zimmertüren und so weiter.

Ebenfalls sinnvoll ist ein frühzeitiger Erhalt der Mobilität durch Krankengymnastik und Ergotherapie. Die Übungen sollten durch die Mitarbeiter in der Einrichtung übernommen werden können, um eine möglichst hohe Routine zu gewährleisten. Die Übungen werden, wenn frühzeitig mit ihnen begonnen wurde, im Langzeitgedächtnis abgespeichert. Dies hat auch im Abbauprozess den längsten Erhalt.

Ein vertrauter Hausarzt, den der Bewohner auch an sich heran lässt, ist hilfreich, ebenso dessen Zusammenarbeit mit notwendigen Fachärzten. Das Betreuungspersonal, sollte Kenntnis über die Routineparameter haben, was muss/sollte wann und in welchen zeitlichen Abständen kontrolliert werden?

Da das Personal vor Ort den Bewohner mit am besten kennt, müssen Veränderungen zuverlässig an die Ärzte weitergegeben werden, damit eine Behandlung rechtzeitig eingeleitet werden kann.

Eltern haben oft große Probleme mit demenziellen Erkrankungen ihrer Kinder, sie werden in ihrem eigenen Alterungsprozess von den Kindern überholt und müssen sich eventuell sogar mit dem Sterben ihrer Kinder auseinandersetzen. Es ist notwendig, sich für Gespräche mit Angehörigen ausreichend Zeit zu nehmen, auftretende Probleme nicht zwischen Tür und Angel zu besprechen. Hilfreich ist, den Angehörigen zu zeigen, dass man den behinderten Menschen wahrnimmt und achtet. Es stellt nicht die eigene Fachlichkeit in Frage, wenn man den Fachdienst hinzuzieht.

Bei einer notwendigen Einweisung ins Krankenhaus begleiten wir immer den behinderten Menschen durch einen Mitarbeiter, der den Bewohner kennt. Eine Übergabe an den anwesenden Arzt und (sehr wichtig) das betreuende Stationspersonal ist unerlässlich. Wir übergeben auch ein gut geführtes Notfallblatt, das neben den wesentlichen Behinderungsformen und der Medikation auch die persönlichen Eigenheiten und Ängste und ebenso erreichbare Telefonnummern innerhalb der Wohneinrichtung enthält. Falls notwendig, werden von unserem Personal auch Leistungen im Krankenhaus übernommen, zum Beispiel das Eingeben von Essen, wenn der Bewohner das vom Krankenhauspersonal ablehnt.

Oft wird bei einer Einweisung in ein Krankenhaus das Legen einer Magen-Sonde angeregt. Ich bin keine grundsätzliche Gegnerin von Sonden, allerdings ist nach meiner Ansicht jeder Einzelfall sorgfältig zu prüfen. Essen stellt für jeden Menschen eine hohe Lebensqualität dar. Diese mit einer Sonde auf eine reine Ernährungsversorgung zu reduzieren, ist problematisch.

Bei unseren Erfahrungen im Umgang mit demenziell erkrankten Menschen mit geistiger Behinderung haben wir auch einige "Problemzonen" im Wohnbereich identifiziert, die wir in jedem Einzelfall überprüfen.

Spiegel und glänzende Böden verwirren oft, die Menschen erkennen ihr eigenes Bild im Spiegel nicht mehr und reagieren teilweise aggressiv. Licht und Schaffen stellen scharfe Grenzbereiche im Sichtfeld dar, die nicht mehr richtig eingeordnet werden können und daher Unsicherheit verursachen.

Höhe kann vom Auge nicht mehr richtig berechnet werden und macht daher Angst, besonders in Verbindung mit großen Fenstern. Dies betrifft auch Rolltreppen, die relative schnelle Veränderung von Entfernung und Höhe kann nicht mehr richtig verarbeitet werden. Leider sind Lifte nicht immer eine gute Alternative, vor allem wenn sie offen gebaut sind. Aufpassen muss man auch bei sogenannten offenen Plattformen, die einen nach unten durchsichtigen Bodenbelag haben. Der Bodenbelag wird nicht als betretbare Fläche erkannt.

Große Vorsicht ist im Bad geboten. Menschen mit einer demenziellen Erkrankung schätzen die Einstellung der Wassertemperatur nicht mehr richtig ein. Verbunden mit dem meist bei einer geistigen Behinderung vorhandenen reduzierten Schmerzempfinden kann es hier zu sehr schweren Verbrühungen kommen.

Beispiel 3: Eine Bewohnerin begann bereits zu schreien, sobald sie erkannte, dass sie in die Badewanne steigen sollte. Alle Versuche unsererseits, ihr das Baden mit Duftzusätzen, mit Musik, die sie mochte, und Mitarbeiterinnen, denen sie vertraute, schmackhaft zu machen, scheiterten. Wir probierten es dann mit der Dusche, die sie erstaunlicherweise gut annahm. Es war nicht das Wasser, das sie ablehnte. Sie konnte die Höhe des eingelassenen Wassers nicht mehr abschätzen und hatte so das Gefühl, in eine unbekannte Tiefe einsteigen zu müssen.

Natürlich sollte die Einrichtung auch nach möglichen Stolperschwellen untersucht werden, um die Verletzungsgefahr zu minimieren. Wie bereits erwähnt, bedürfen auch freiheitsentziehende Maßnahmen einer genauen Überprüfung.

Leider immer noch die Ausnahme sind Einrichtungen, die Wohnformen für geistig behinderte Menschen mit Abbauprozessen schaffen bzw. diese im vorhandenen Zuhause behalten wollen und individuelle Lösungen suchen. Dabei lassen die demografischen Daten erst nach dem Jahr 2020 keine weitere Zunahme von Menschen mit geistiger Behinderung und Demenz erwarten.

Der Bedarf eines Menschen mit Behinderung auf Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft endet nicht mit dem Beginn einer demenziellen Erkrankung.


Beate Heckmann ist Diplom-Sozialpädagogin und leitet den Bereich Wohnen in der Einrichtung Regens Wagner München. Ihr Beitrag wurde hier gekürzt wiedergegeben, der Originaltext ist im Internet unter www.lebenshilfe.de nachzulesen.


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Quelle:
Lebenshilfe Zeitung, Nr. 4/2009, 30. Jg., Dezember 2009, S. 22
Herausgeber: Bundesvereinigung Lebenshilfe
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veröffentlicht im Schattenblick zum 31. Dezember 2009