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BERICHT/341: Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe inklusiv gestalten (ZBDW)


Behinderung und internationale Entwicklung 3/2010

Behinderung neu denken - Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe inklusiv gestalten

Von Gabriele Weigt


Der vorliegende Artikel gibt einen Überblick über die Herausforderungen, die sich aus Art. 32 und 11 der VN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe ergeben. Der der Konvention inhärente Paradigmenwechsel wird beschrieben und anhand der Prinzipien der Konvention werden die Anforderungen an die entwicklungspolitische und humanitäre Praxis hergeleitet. Abschließend wird das Innovationspotenzial der Konvention im Hinblick auf die Gestaltung von Gesellschaften für Alle kurz dargestellt.


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Einführung

Am 26. März 2009 ist die VN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (Behindertenrechtskonvention - BRK) in Deutschland in Kraft getreten. Zum jetzigen Zeitpunkt (November 2010) haben 96 Staaten die VN-Konvention ratifiziert1. Das Inkrafttreten der VN-Konvention im Mai 2008 stellt für Menschen mit Behinderung weltweit einen Meilenstein dar, da ihre Rechte auf gleichberechtigte Teilhabe an allen gesellschaftlichen Lebensbereichen zum ersten Mal auf eine völkerrechtlich verbindliche Grundlage gestellt worden sind. Gleichzeitig wird durch die Konvention eine Verbindung zu den anderen Menschenrechtskonventionen hergestellt und dadurch verdeutlicht, dass auch diese auf Menschen mit Behinderung anzuwenden sind. So gilt z.B. die Kinderrechtskonvention vollumfänglich für Kinder mit Behinderungen oder die Frauenrechtskonvention für Frauen mit Behinderung. Eine eigene Konvention für Menschen mit Behinderung war notwendig geworden, da die vorhandenen Menschenrechtskonventionen nicht in vollem Umfang auf Menschen mit Behinderung angewendet wurden bzw. nur dort, wo Menschen mit Behinderung ausdrücklich genannt wurden, wie in der Kinderrechtskonvention mit Art. 23.



Zur Anerkennung der Menschenrechte

Auf internationaler Ebene existierten schon lange Bemühungen, zur Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit Behinderung beizutragen. Als erster Meilenstein kann das von den Vereinten Nationen 1981 ausgerufene Jahr der Behinderten gelten, das weltweit die Belange von Menschen mit Behinderung mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit rückte. Diesem Jahr folgte die VN-Dekade der Menschen mit Behinderung und das VN-Weltaktionsprogramm von 1982-1993, das zur Chancengleichheit und gleichberechtigten Teilhabe beitragen sollte (United Nations 1982). Ein wichtiges Dokument für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung waren die Standard Rules for the Equalisation of Opportunities for Persons with disabilitys (United Nations 1993), die 1993 verabschiedet wurden. Die Standard Rules waren zu dieser Zeit bereits ein wichtiger Fortschritt, da ein Sonderberichterstatter ernannt wurde, der die Umsetzung im Hinblick auf die Verbesserung der Chancengleichheit von Menschen mit Behinderung überwachen sollte. Auch war mit der Verabschiedung der Standard Rules eine Berichterstattung der Staaten vorgesehen, die in regelmäßigen Abständen zu erfolgen hatte. Obwohl damit mehr Aufmerksamkeit auf die Situation von Menschen mit Behinderung gelenkt und zum ersten Mal ein menschenrechtlicher Anspruch formuliert wurde, hatten die Standard Rules das große Manko, dass sie kein völkerrechtlich verbindliches Dokument darstellten, das die Staaten zu einer Umsetzung verpflichtete.

Aufgrund der fehlenden Verbindlichkeit konnten die Standard Rules keine entscheidenden Verbesserungen für Menschen mit Behinderung bewirken, obwohl sie bereits sehr konkrete Vorschläge für eine gleichberechtigte Teilhabe und Chancengleichheit beinhalteten. So enthielten diese damals schon einen Artikel zur Entwicklungszusammenarbeit (Art. 22) und formulierten bereits 1993, dass Menschen mit Behinderung bei entwicklungspolitischen Maßnahmen gleichberechtigt zu berücksichtigen seien.

Wie wenig Wirkung die Standard Rules auf die Entwicklungszusammenarbeit hatten, lässt sich sehr deutlich an der wichtigsten entwicklungspolitischen Initiative des letzten Jahrzehnts ablesen, die Menschen mit Behinderung außer Acht lässt. Im Jahr 2000 wurden mit der Millenniumserklärung die acht Millenniumsentwicklungsziele (Millennium Development Goals - MDG) verabschiedet, die Menschen mit Behinderung weder in den acht formulierten Zielen selbst noch in den Indikatoren zur Umsetzung dieser Ziele erwähnt. Als eine Initiative zur Bekämpfung der weltweiten Armut war und ist diese für Menschen mit Behinderung im globalen Süden von besonderer Bedeutung. Umso gravierender ist ihre Nicht-Berücksichtigung oder Ausgrenzung, da Menschen mit Behinderung im globalen Süden besonders von den Folgen von Armut betroffen sind.

Anfang des neuen Jahrtausends wurde die Notwendigkeit eines völkerrechtlich verbindlichen Dokuments immer deutlicher, die zur Entwicklung und Verabschiedung der VN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung im Dezember 2006 führte (United Nations 2006). Gleichzeitig war aber im Prozess der Entstehung der Konvention sehr schnell deutlich geworden, dass keine Konvention zustande kommen würde, die nicht die Belange der Länder des globalen Südens berücksichtigen würde. Für viele Länder des Südens wäre eine Ratifikation der Konvention kaum möglich geworden, wäre nicht ein Artikel zur internationalen Zusammenarbeit (Art. 32) mit aufgenommen worden. Die Aufnahme dieses Artikels in die Konvention war ein schwieriger Prozess, insbesondere zwischen den Industrienationen und den Ländern des globalen Südens, da seitens der Industrienationen befürchtet wurde, dass die Umsetzung der Konvention an die Konditionalität der internationalen Zusammenarbeit gebunden würde. Mit der Bekräftigung der nationalstaatlichen Verpflichtung zur Umsetzung der Konvention (Art. 32, Abs. 2) konnten die Befürchtungen der Industrienationen letztendlich entkräftet werden, so dass ein eigener Artikel zur internationalen Kooperation erstmalig in eine Konvention der Vereinten Nationen aufgenommen werden konnte. Mit diesem muss sichergestellt werden, dass die internationale Zusammenarbeit, einschließlich internationaler Entwicklungsprogramme, Menschen mit Behinderung einbezieht und für sie zugänglich ist.

Gleichzeitig wurde im Entstehungsprozess der Konvention deutlich, dass es einen Artikel zu humanitären Notlagen (Art. 11) geben müsse, da die Länder des Südens von Katastrophensituationen besonders häufig betroffen sind und die Konvention dieser Situation Rechnung tragen müsse. In diesen Zeitraum fällt auch der Tsunami, der 2004 die Welt erschütterte und die Frage nach der Berücksichtigung von Menschen mit Behinderung in Not- und Katastrophensituationen stärker in das öffentliche Bewusstsein brachte. Mit einem eigenen Artikel zu Gefahrensituationen und humanitären Notlagen wurde darauf reagiert, so dass nun Menschen mit Behinderung in alle erforderlichen Maßnahmen einzubeziehen sind.


Verbesserte Rahmenbedingungen in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe

In der deutschen Entwicklungszusammenarbeit haben sich die Rahmenbedingungen für die Berücksichtigung von Menschen mit Behinderung schon seit 2006 verbessert. Im Dezember 2006 veröffentlichte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) das Politikpapier Behinderung und Entwicklung, das bereits für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit einen Paradigmenwechsel einläutete, da es sich darin "den Zielen eines menschenrechtlich orientierten, inklusiven Entwicklungsansatzes und einem sozialen Modell von Behinderung" verpflichtet (GTZ 2006: 10). Im gleichen Monat, am 13. Dezember 2006, wurde die VN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung von der Generalversammlung der Vereinten Nationen angenommen. Deutschland gehörte zu den ersten Ländern, die die Konvention am 30. März 2007 unterzeichneten. Im gleichen Jahr gab das BMZ eine Studie in Auftrag, "mit dem Ziel, Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und konkrete Empfehlungen auszusprechen, wie die Aufgaben der Bundesregierung, die sich aus Artikel 32 der Konvention ergeben, im Rahmen der deutschen Entwicklungspolitik aufgegriffen und im Einklang mit den Kriterien der Konvention und den Prinzipien der deutschen Entwicklungszusammenarbeit umgesetzt werden können" (GTZ 2009: 3). Die Ergebnisse dieser Studie wurden im September 2009 der Öffentlichkeit vorgestellt und in einer Zusammenfassung publiziert (GTZ 2009).

Neben dem BMZ, das zwar hauptsächlich für die Entwicklungszusammenarbeit zuständig ist - allerdings auch Referate für die entwicklungsorientierte Not- und Übergangshilfe hat - ist das Auswärtige Amt (AA) das zuständige Ministerium für humanitäre Angelegenheiten. Dieses hat 2010, als Reaktion auf die Ratifikation der VN-Konvention, Menschen mit Behinderung in seine humanitären Leitlinien (Auswärtiges Amt 2008: 3) ergänzend aufgenommen, so dass die Einbeziehung von behinderten Menschen nun auch in humanitären Notsituationen zu beachten ist.


Was bedeutet die Umsetzung der VN-Konvention für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe?

Zur Umsetzung einer inklusiven Entwicklungszusammenarbeit wird im Politikpapier des BMZ auf den so genannten twin-track-approach verwiesen, der international viel Anerkennung findet, wie z.B. von der Europäischen Union, der Weltbank oder der Internationalen Arbeitsorganisation. Der twin-track-approach beinhaltet ein zweigleisiges Vorgehen, wonach die Belange von Menschen mit Behinderung sowohl in allgemeinen Programmen zu berücksichtigen, als auch behinderungsspezifische Projekte und Programme durchzuführen sind. Dieser zweigleisige Ansatz ist nicht neu und findet ebenfalls in anderen Bereichen Anwendung, wie z.B. in der Gleichstellung von Männern und Frauen.

Für die Anwendung im Bereich Behinderung und für die Gestaltung einer inklusiven Entwicklungszusammenarbeit sind für die beiden Stränge des zweigleisigen Ansatzes die Prinzipien der Konvention zu beachten. Die Berücksichtigung dieser Grundsätze ist von großer Relevanz, da sich nur daraus inklusive Projekte und Programme im entwicklungspolitischen und humanitären Bereich im Sinne der Konvention entwickeln lassen.



Allgemeine Prinzipien der VN-Konvention

Die Konvention macht einerseits deutlich, dass alle Menschenrechte auch für Menschen mit Behinderung gelten und betont andererseits jedoch noch einmal explizit die Rechte von behinderten Menschen, wie z.B. das Recht auf Bildung, Arbeit oder Gesundheit.

Daneben werden aber diese Rechte durch grundlegende Prinzipien weiter beschrieben, die für die Ausgestaltung dieser Rechte von entscheidender Bedeutung sind. Durch diese wird die Konvention zu einem Menschenrechtsdokument, das die Umgehensweise mit Menschen mit Behinderung und ihre Teilhabechancen am gesellschaftlichen Leben auf eine neue Grundlage stellt.

Welches sind nun diese grundlegenden Prinzipien, die einen Paradigmenwechsel in der Umgehensweise mit Menschen mit Behinderung erfordern?



Menschenwürde, Autonomie und Unabhängigkeit

Ein wichtiger Grundsatz der Konvention ist die Achtung der dem Menschen innewohnenden Würde. Damit haben auch Menschen mit Behinderung ein Recht, ein Leben führen zu können, das ihre Menschenwürde achtet. Damit verbunden hat jeder Mensch ein Recht auf individuelle Autonomie, einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen sowie seiner Unabhängigkeit (lt. Schattenübersetzung: Selbstimmung: Netzwerk Artikel3 2009:10). Nach Bielefeldt "entspricht dies dem klassisch-liberalen Verständnis von Menschenrechten als Rechten freier Selbstbestimmung, in der die Würde des Menschen als eines Verantwortungssubjekts Anerkennung erfährt" (Bielefeldt 2009:10). Dieser Grundsatz ist für Menschen mit Behinderung von zentraler Bedeutung, da sie damit in ihrer vollen Menschenwürde geachtet werden müssen, als Menschen, die eigene Entscheidungen treffen und über Angelegenheiten, die sie betreffen, mitbestimmen können müssen. Dies bedeutet, dass nicht mehr Dritte darüber entscheiden können, was für Menschen mit Behinderung gut ist und getan werden kann, sondern sie selbst.



Nichtdiskriminierung

Ein weiteres Prinzip ist das der Nichtdiskriminierung. Dies bedeutet, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind und gleich zu behandeln sind. Eine Diskriminierung aufgrund von Behinderung ist seitens der Vertragsstaaten verboten. Diese "... garantieren Menschen mit Behinderungen gleichen und wirksamen rechtlichen Schutz vor Diskriminierung, gleichviel aus welchen Gründen" (VN-Konvention, Art. 5, Abs. 2, deutsche Übersetzung).



Teilhabe in der Gesellschaft

Des Weiteren erhalten Menschen mit Behinderung ein Recht auf eine "volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft und Einbeziehung in die Gesellschaft" (ebd., Art. 3, Abs. c). Sie haben das gleiche Recht und gleiche Wahlmöglichkeiten wie andere Menschen, in der Gemeinschaft zu leben. Damit verbunden ist ihre Wahlfreiheit darüber zu entscheiden, wo und wie sie leben möchten. Gleichzeitig ist zu gewährleisten, dass Menschen mit Behinderung Zugang zu einer Reihe von gemeindenahen Unterstützungsdiensten haben, einschließlich der persönlichen Assistenz, die zum Leben und zur Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft notwendig sind.



Chancengleichheit

Menschen mit Behinderung haben ein Recht darauf, die gleichen Chancen zu erhalten, wie andere Menschen auch. Dies bedeutet zum Beispiel, dass sie das gleiche Recht auf Schulbildung und lebenslanges Lernen haben, ein Recht auf Arbeit in einem offenen Arbeitsmarkt, und gleichberechtigte Teilhabe am kulturellen Leben haben oder am politischen Leben mit allen bürgerlichen Rechten teilnehmen zu können.



Barrierefreiheit

Ein entscheidendes Prinzip der Konvention ist das der Barrierefreiheit (in der dt. offiziellen Übersetzung: Zugänglichkeit2), das die Grundlage für die Teilhabemöglichkeiten für Menschen mit Behinderung schafft. Erst wenn die physische Umwelt, wie z.B. Schulen, Arbeitsplätze, Krankenhäuser, Bibliotheken, Theater, etc. für Menschen mit Behinderung zugänglich ist, können sie die Angebote dieser Einrichtungen annehmen. Menschen mit Behinderung werden erst zu KonsumentInnen, wenn sie in der Lage sind, ein Geschäft oder ein Cafe zu betreten. Sie werden erst mobil, wenn die Transportmittel in der Weise beschaffen sind, dass sie von mobilitätseingeschränkten Menschen genutzt werden können. Bei der Gestaltung der Infrastruktur reicht die physische Barrierefreiheit allein nicht aus. Sie ist zu ergänzen durch geeignete Informationen und Kommunikationsmedien in barrierefreien Formaten, die die Teilhabe von Menschen mit Behinderung ermöglichen. So gehören z.B. Beschilderungen in öffentlichen Gebäuden und Einrichtungen dazu oder die Veröffentlichungen von Informationen auch in leichter Sprache.



Diversität

Ein weiterer Grundsatz der Konvention liegt in der "Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und der Menschheit" (ebd., Art. 3). Damit wird der Defizit-Ansatz endgültig aufgegeben und durch einen diversity-Ansatz ersetzt. "Der Konvention liegt ein Verständnis von Behinderung zugrunde, in dem diese keineswegs von vornherein negativ gesehen, sondern als normaler Bestandteil menschlichen Lebens und menschlicher Gesellschaft ausdrücklich bejaht und darüber hinaus als Quelle möglicher kultureller Bereicherung wertgeschätzt wird" (Bielefeldt 2009: 6-7). Das Prinzip, die Unterschiedlichkeit der Menschen mit ihren Fähigkeiten, Fertigkeiten, aber auch Beeinträchtigungen als eine Bereicherung des menschlichen Lebens zu verstehen, ist ein wichtiger Schritt zur Überwindung des Defizit-Ansatzes, der darauf ausgerichtet ist, das zugeschriebene Defizit zu überwinden und die Menschen in die Gesellschaft zu integrieren. Vielmehr geht es darum, gesellschaftliche Bedingungen und Strukturen so zu verändern, dass diese der Vielfalt des der Menschen entsprechen, so dass eine gesellschaftliche Teilhabe aller möglich ist.

Für eine inklusive Gestaltung von allgemeinen Programmen der Entwicklungszusammenarbeit werden folglich Maßnahmen zur Barrierefreiheit fast immer dazu gehören, um auch die Teilhabe von behinderten Menschen zu ermöglichen. Dies kann z.B. der barrierefreie Bau eines Krankenhauses sein oder die Zur-Verfügung-Stellung von Informationsmaterialien auch in Brailleschrift oder einfacher Sprache. Weiterhin sind die Programme so zu gestalten, dass sie zur Selbstbestimmung, Nichtdiskriminierung, Chancengleichheit und Teilhabe an der Gesellschaft beitragen, Menschen mit Behinderung und ihre Organisationen aktiv beteiligen, Genderfragen berücksichtigen und Behinderung als Teil der menschlichen Vielfalt achten.

Diese Prinzipien gelten grundsätzlich auch für die behinderungsspezifischen Projekte, die im Rahmen des zweigleisigen Ansatzes durchgeführt werden, die sich direkt an Menschen mit Behinderung und ihre Organisationen richten, wie z.B. Vorhaben zum Empowerment.



Von der Theorie in die Praxis

Mit den oben beschriebenen Prinzipien erfordert die VN-Konvention gravierende Veränderungen in der Umgehensweisen mit Menschen mit Behinderung in der entwicklungspolitischen und humanitären Praxis. Behinderte Menschen werden bereits seit Jahrzehnten auch in entwicklungspolitischen Projekten unterstützt. Allerdings beschränkten sich diese in der Regel auf Sonderprojekte, die meistens von Organisationen durchgeführt wurden, die speziell zum Thema Behinderung arbeiten. Es dominierte ein fürsorge- und wohlfahrtsgetragener Ansatz. Dies äußerte sich zum Beispiel darin, dass in einem Positionspapier zur sozialen Sicherheit, Menschen mit Behinderung nur als EmpfängerInnen von Wohlfahrtsleistungen erwähnt wurden, sie aber bei Arbeitsmarktfragen keine Rolle spielten (BMZ 2002).

Das BMZ hat sich diesen Herausforderungen gestellt und mit einem bei der GTZ angesiedelten Sektorvorhaben Menschen mit Behinderung, einem Runden Tisch und weiteren Maßnahmen reagiert. Dennoch fehlt zur konsequenten Umsetzung einer inklusiven Entwicklungszusammenarbeit (- das Gleiche gilt für die Humanitäre Hilfe) ein strategischer Ansatz und ein inhaltliches Konzept, das den Erfordernissen der VN-Konvention entspricht. Ohne ein strategisches Vorgehen, das die zu erreichenden Ziele und notwendigen Akteure benennt sowie einen Zeitplan festlegt, wird die Konvention nicht zu erfüllen sein. Der Paradigmenwechsel erfordert ein ausformuliertes Konzept, das aufzeigt, wie inklusive Entwicklungsvorhaben aussehen können und welchen Kriterien sie genügen müssen.

Mit der Inklusion von Menschen mit Behinderung in Entwicklungsvorhaben sind nicht nur die staatlichen Akteure gefordert, sondern auch die nicht-staatlichen Organisationen. So genannte Mainstream-Organisationen (wie z.B. Welthungerhilfe, CARE, Oxfam, etc.), die sich allgemeinen entwicklungspolitischen Themen widmen und bisher Menschen mit Behinderung gar nicht oder kaum berücksichtigten, sind ebenfalls aufgefordert, ihre Projekte und Programme für Menschen mit Behinderung zu öffnen. Mit der VN-Konvention haben Menschen mit Behinderung ein Recht auf eine gleichberechtigte Teilhabe an allen Entwicklungsprozessen. Mit Art. 32 und 4 sind sie sowohl im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit, aber auch in den Entwicklungsprozess der Vertragsstaaten einzubeziehen. Letzteres beinhaltet eine nationalstaatliche Verantwortung der Länder des Südens, die sich mit der Ratifizierung der VN-Konvention zur Schaffung einer inklusiven Gesellschaft verpflichten. Es ist wichtig und notwendig, dass sie in ihren Bestrebungen dabei von allen internationalen Hilfsorganisationen unterstützt werden.

Aber nicht nur die Mainstream-Hilfsorganisationen stehen vor neuen Herausforderungen in der Erfüllung der Vorgaben der VN-Konvention. Auch die Organisationen, die speziell für Menschen mit Behinderung international tätig sind (z.B. Handicap International, CBM, Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe, bezev, etc.) sind gefordert, ihre Arbeit auf den Prüfstand zu stellen, ob diese den Anforderungen der Konvention entspricht. Dabei wäre es sicherlich zu kurz gedacht, sich im Rahmen des zweigleisigen Ansatzes weiterhin nur auf Projekte zu beschränken, die sich direkt an Menschen mit Behinderung wenden. Auch sie sind in der Verantwortung, durch den Abbau von Barrieren und Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen zur Gestaltung von inklusiven Gesellschaften beizutragen.

Ergänzend dazu ist im Sinne der Konvention ein stärkeres Engagement von deutschen Organisationen von Menschen mit Behinderung wünschenswert, die sich aktiv an der Ausgestaltung einer inklusiven Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe beteiligen.



Gesellschaft für Alle

In seinem viel beachteten Essay hat Heiner Bielefeldt das Innovationspotenzial der VN-Konvention nicht nur im Hinblick auf den verbesserten Menschenrechtsschutz von Menschen mit Behinderung beschrieben, sondern auch für die Weiterentwicklung des Menschenrechtsdiskurses. Darüber hinaus beinhaltet die Konvention m.E. das innovative Potenzial zu Gesellschaften für Alle beizutragen. Inklusion - das Leitmotiv der Konvention - bedeutet, dass gesellschaftliche Strukturen von Beginn an so gestaltet und verändert werden, dass sie der Vielfalt menschlichen Lebens (auch der Vielfalt des Lebens von Menschen mit Behinderung) gerecht werden. Barrierefreiheit im Sinne einesdes in der Konvention beschriebenen universellen Designs bedeutet, dass Produkte, Umfelder, Programme und Dienstleistungen so gestaltet sind, dass sie von allen Menschen möglichst weitgehend ohne eine Anpassung oder spezielles Design genutzt werden können. (Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen 2009: 9)3.

Der Diversitäts-Ansatz der Konvention erweist sich darüber hinaus im internationalen Kontext als sehr hilfreich, da er über den Behinderungsbegriff hinweg hilft. Obwohl die VN-Konvention dafür die ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health, WHO 2001) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zugrunde legt, ist eine internationale Vergleichbarkeit nach wie vor nicht gegeben. Sowohl in der Bewertung von Beeinträchtigungen der Körperfunktionen und -strukturen existieren interkulturelle Unterschiede, als auch in den gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Beeinträchtigungen. Oft wird zumal zwischen der Beeinträchtigung und der Behinderung gar nicht unterschieden oder es existieren in einzelnen Ländern unterschiedliche Definitionen. Die Unterschiedlichkeit kann sogar einzelne Kategorien von Behinderungen/Beeinträchtigungen betreffen. Während der Bereich der Lernbehinderung im deutschen Förderschulsystem (oder auch Sonderschulsystem) einen breiten Raum einnimmt, zählen Kinder mit Lernbeeinträchtigungen in manchen Ländern, wie z.B. Ecuador nicht zu der Gruppe der Menschen mit Behinderungen. Dies zeigt auf, dass über die Begrifflichkeit und die Frage, welche Begrifflichkeit wir brauchen, weiter nachgedacht werden muss4.

Im Bildungsbereich existiert mit dem von der UNESCO entwickelten Ansatz der inklusiven Bildung (Inclusive Education) bereits ein Konzept, das die Unterscheidung in behindert und nicht-behindert überflüssig macht. Das Ziel der inklusiven Bildung ist u.a. eine Schule für alle Kinder, in der alle Kinder mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten unterrichtet werden und in der auf die Unterschiedlichkeit der Kinder Rücksicht genommen wird. Es ist eine Schule, die Diversität gestaltet. Das Prinzip der inklusiven Bildung ist mit der VN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung auf andere Bereiche übertragbar und ermöglicht damit eine Inklusion auch anderer benachteiligter Gruppen. Das der Konvention inhärente Diversitäts-Prinzip gilt für alle Menschen und öffnet den Blick und die Chance Entwicklungsprozesse gemäß der menschlichen Vielfalt zu gestalten. Es ist zu hoffen, dass der im Bildungsbereich vorhandene Diversitäts-Ansatz auch in anderen Lebensbereichen Anwendung findet. Darin liegt die Chance, dem Ziel näher kommen, wirklich alle Menschen an Entwicklungsprozessen zu beteiligen und niemand zurück zu lassen.


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Anmerkungen

1 Die aktuelle Liste der Länder, die die VN-Konvention ratifiziert haben, kann abgerufen werden unter:
www.un.org/disabilities/countries.asp?id=166

2 An dieser Stelle wird der Begriff Barrierefreiheit aus der Schattenübersetzung der Konvention gewählt, da der Begriff der Barrierefreiheit in der deutschen Diskussion zur Umsetzung der Konvention benutzt wird.

3 Universelles Design schließt Hilfsmittel für bestimmte Gruppen von Menschen mit Behinderungen, soweit sie benötigt werden, nicht aus.

4 Als Lektüre ist hier das Buch von Rainer Schmidt "Lieber Arm ab als arm dran" zu empfehlen, der sich als Betroffener mit der Definition von Behinderung intensiv auseinandersetzt.



Literatur

AUSWÄRTIGES AMT (Anwendbar seit 01.01.2008): Konzept zur Förderung von Vorhaben der Humanitären Hilfe, Berlin

BEAUFTRAGTE DER BUNDESREGIERUNG FÜR DIE BELANGE BEHINDERTER MENSCHEN (2009): Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (deutsche Übersetzung der VN-Konvention) - Behindertenrechtskonvention (BRK), Berlin

BIELEFELDT, HEINER (2009): Zum Innovationspotenzial der UN-Behindertenrechtskonvention, Berlin

BMZ (2002): Förderung sozialer Sicherheit und sozialer Sicherungssysteme in Entwicklungsländern, Bonn

GTZ (DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR TECHNISCHE ZUSAMMENARBEIT) (2006): Behinderung und Entwicklung. Ein Beitrag zur Stärkung der Belange von Menschen mit Behinderungen in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, Politikpapier, Eschborn

GTZ (DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR TECHNISCHE ZUSAMMENARBEIT) (2009): Umsetzung der VN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, Eschborn

NETZWERK ARTIKEL 3 (2009): Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Schattenübersetzung, Berlin

SCHMIDT, RAINER (2010): Lieber Arm ab als arm dran, Gütersloh

UNITED NATIONS (1982): World Programme of Action concerning Disabled Persons, New York

UNITED NATIONS (1993): Standard Rules on the Equalization of Opportunities for Persons with Disabilities, New York

UNITED NATIONS (2006): Convention on the Rights of Persons with Disabilities and Optional Protocol, New York

WHO (2001): International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF), Geneva


Abstract: The article provides an overview on the challenges for the German development cooperation and Emergency aid resulting from Art. 32 and 11 of the UN Convention on the rights of persons with disabilities. The paradigm change that the Convention contains are described and the challenges and changes that result for the development cooperation and humanitarian aid. Finally the article also reviews the challenges the Convention underlines in developing a "Society for all" - an inclusive society.

Résumé: Le présent article donne un aperçu des défis posés par les articles 32 et 11 de la Convention des Nations Unies sur les droits des personnes handicapées pour la coopération au développement et l'aide humanitaire du gouvernement allemand. Le changement de paradigme innhérent à la Convention y est décrit, et sur base des principes de la Convention les exigences vis à vis de la pratique humanitaire et de développement sont présentées. En conclusion le potentiel innovatif de la Convention concernant la réalisation d'une "société pour tous" est mis en avant.

Resumen: El artículo presenta una visión general sobre los desafíos que resultan del artículo 32 de la Convención de los Derechos Humanos de Personas con Discapacidad para la cooperación al desarrollo y la ayuda humanitaria en Alemania. Se describe el cambio paradigmático de la convención y las exigencias a la práctica. Al final se discute el potencial que tiene la convención para la configuración de la "sociedad para todos".


Autorin: Gabriele Weigt ist Geschäftsführerin von Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit (bezev). Sie verfügt über langjährige Arbeitserfahrung im Bereich Behinderung und Entwicklung.
Kontakt: Gabriele Weigt, Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit (bezev), Wandastr. 9, 45136 Essen Tel.: +49 201 17 88 963, Fax: +49 201 17 89 026, weigt@bezev.de, www.bezev.de


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Quelle:
Behinderung und internationale Entwicklung 3/2010, S. 4-9
Schwerpunktthema: Umsetzung von Artikel 11/32 der Behindertenrechtskonvention
in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit
Anschrift: Wandastr. 9, 45136 Essen
Tel.: +49 (0)201/17 88 963, Fax: +49 (0)201/17 89 026
E-Mail: gabi.weigt@t-online.de
Internet: www.zbdw.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 1. Januar 2011