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BERICHT/368: Katze eklig - Erste Erfahrungen mit dem iPad (ISAAC)


UNTERSTÜTZTE Kommunikation - isaac's zeitung
International Society for Augmentative and Alternative Communication 4-2012

"Katze eklig"
Erste Erfahrungen mit dem iPad

Björn Sander



Unsere Tochter Karlotta (8 Jahre, Angelman-Syndrom) haben wir schrittweise an die, ihrem Entwicklungsstand entsprechend geeigneten Hilfsmittel herangeführt. Zuerst war dies im Kindergartenalter ein Step-by-Step mit drei Ebenen. Damit konnte uns Karlotta die aktuellen Kindergarten-Lieder vorspielen, was für sie immer ein großer Spaß war. Bald begleitete unsere Tochter auch ein GoTalk, zuerst mit 9 und dann mit 20 Symbolfeldern. Parallel haben wir mit ihr spielerisch den Einsatz von Symbolkarten begonnen. Allen Hilfsmitteln war bis dahin jedoch gemein, dass wir sie zu Hause nicht sehr konsequent - eher sporadisch eingesetzt haben. Langsam wuchs in uns das Gefühl, im Umgang mit den technischen Hilfsmitteln mehr Ehrgeiz entwickeln und mehr Zeit investieren zu müssen. Der Zeitpunkt der Einschulung rückte näher und unsere Tochter konnte sich verbal eindeutig nur mit ein paar Worten verständlich machen (Mama, Papa, Ja, Nein und einige mehr oder weniger verständliche Namen). Die alltägliche Kommunikation bestand überwiegend aus den von ihr erfundenen Gebärden sowie den maximal 20 Begriffen pro Ebene ihres GoTalks, mit dem sie kommunizieren konnte, falls das Gerät denn gerade in greifbarer Nähe war. Den Schulanfang bestritt unsere Tochter noch mit der "alten", aus der Kindergartenzeit vertrauten Technik. Im Kieler Elternkreis Unterstützte Kommunikation tauchte es dann auf: das iPad mit UK-App. Spätestens jetzt hatten unsere bisherigen UK-Mittel die Anmutung von Werkzeugen aus der Steinzeit. Sicherlich war ein GoTalk für unsere Tochter der geeignete Einstieg und eine gute Vorbereitung für technisch anspruchsvollere Geräte, doch waren die kommunikativen Möglichkeiten bei diesem Gerät sehr begrenzt und bald ausgeschöpft.

Für uns stellte sich die Frage: Sprachcomputer oder iPad mit UK-App für Karlotta? In Absprache mit der Schule, der Logopädin sowie mit der Beratungslehrkraft für Unterstützte Kommunikation fiel die Entscheidung für das iPad noch im ersten Halbjahr der 1. Klasse. Da unsere Tochter privat krankenversichert ist, und es schon schwierig war, Step-by-Step und GoTalk genehmigt zu bekommen, kam uns der vergleichsweise günstige Anschaffungspreis eines iPads sehr entgegen. Der Weihnachtsmann brachte kurz darauf das hippe Gerät, dessen Einsatz nicht nur auf die Kommunikation beschränkt ist. Erstmalig beschäftigte sich Karlotta ausdauernd an einem Ort mit einer Sache. Auch jetzt, neun Monate später, sitzt sie regelmäßig auf dem Sofa und ist in ihr iPad vertieft.

Mit der Playboard-App nehmen wir Sprachnachrichten für die Schule auf. Umgekehrt werden in der Schule Sprachnachrichten, Lieder und Fotos aufgenommen, so dass wir von Karlotta erfahren, was sie in der Schule erlebt hat. Daran hat Karlotta sichtlich Freude.

Besonders gern nutzt Karlotta die Möglichkeit, sich auf YouTube Filme anzusehen. Sie fordert dazu von uns ein, dass wir ihr Filme über Quallen, Zirkus-Clowns und Pferde heraussuchen: Mit dem iPad in der einen Hand zeigt sie mit der anderen Hand eine Gebärde, z.B. mit dem Zeigefinger auf die Nase für Clown. Für Qualle führt sie die Hand am ausgestreckten Arm auf und ab, was die Bewegung der Quallen nachahmt. Wenn sie sich Pferde wünscht, äußert sie dies allerdings mit einem Schnalzlaut, der ihr durch das therapeutische Reiten vertraut ist. Meist wird ein Film von ihr nach wenigen Sekunden abgebrochen, um einen anderen Film, ebenfalls nur kurz, anzusehen. Über das Ein- und Ausschalten der WLAN-Funktion am iPad können wir Karlottas Videokonsum zeitlich eingrenzen.

In der Hauptsache soll das iPad allerdings Karlottas Kommunikation unterstützen. Ein erster großer Erfolg stellte sich bereits nach vier Wochen ein. Nachdem Karlotta die App MetaTalkDE einfach nur ausprobiert hat, indem sie viele Male immer das gleiche Icon drückte, überraschte sie uns mit einer Wort-Kombination, die keinesfalls zufällig war, denn sie ergab einen Sinn: Eine unserer Katzen war auf den Küchentisch gesprungen und schleckte an einem Becher mit Wackelpudding, den Karlotta dort stehen gelassen hatte. Sie drückte auf dem iPad die beiden Felder: Katze und eklig. Seither kommuniziert Karlotta zunehmend sinnvolle Inhalte. Parallel spielt aber das freie Ausprobieren der UK-App für Karlotta weiterhin eine große Rolle. Auch mit dem iPad passiert jede Entwicklung in kleinen Schritten. Wir sind jedoch überzeugt, dass Karlotta von den vielfältigen Möglichkeiten des iPads sehr profitiert.


Kontakt:
sander(@)holtenauer-verlag.de

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Quelle:
UNTERSTÜTZTE KOMMUNIKATION - ISAAC's Zeitung
17. Jahrgang 2012, Nr. 4/2012, S. 35
Herausgeberin:
ISAAC, Gesellschaft für unterstützte Kommunikation e.V.
Deutschsprachige Sektion der International Society for Augmentative
and Alternative Communication (ISAAC)
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Am Blümlingspfad 98, 53359 Rheinbach
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veröffentlicht im Schattenblick zum 17. Januar 2013