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BILDUNG/242: Teilhabe in der Regelschule - Assistenz macht es möglich (LHZ)


Lebenshilfe Zeitung, Nr. 4 - Dezember 2008

Ein starkes Team
Teilhabe in der Regelschule: Assistenz macht es möglich

Von Verena Weiße


Furkan Bektas aus Köln ist neun Jahre alt. Er hat eine autistische Behinderung. Trotzdem besucht er eine ganz normale Grundschule. Dabei braucht er aber Hilfe. Die bekommt er von Steffi Adolph, seiner Schulbegleiterin.


"Wenn du so laut bist, können wir nicht in die Klasse gehen." Steffi Adolph bleibt vor der Türe stehen und nimmt Furkans Arm. Er schreit weiter und schaut nach unten. Plötzlich hält er inne. Beide gehen in die Klasse hinein, in die 2b von Lehrerin Mira Kern.

Furkan packt seinen Ranzen aus, legt seinen Sprachcomputer und seinen Stundenplan auf den Tisch, auf dem Symbole für Lesen, Schreiben und Rechnen kleben. Steffi Adolph hilft ihm beim Auspacken und setzt sich schräg hinter ihn.

Furkan ist sehr laut, spricht nicht, ist manchmal unruhig. Eigentlich geht er in die Förderschule für geistige Entwicklung. Doch seit diesem Schuljahr nimmt er am regulären Unterricht der Gemeinschafts-Grundschule Vogelsanger Markt in Köln teil.

Furkan besucht nach Möglichkeit jeden Tag vier Schulstunden den Grundschul- oder gemeinsamen Unterricht. Den Rest der Zeit wird er individuell gefördert oder ist im Klassenverband der Förderschule.

Der Unterricht in der Regelschule tut ihm gut, weil er intellektuell trotz seiner Behinderung den Stoff aufnehmen und verarbeiten kann. Alleine könnte der Neunjährige aber nicht am Unterricht teilnehmen. Deswegen hat er eine Schulbegleiterin.

Steffi Adolph unterstützt ihn seit anderthalb Jahren, gibt ihm Struktur, zeigt ihm Regeln und Grenzen auf. Die 27-Jährige arbeitet als Schulbegleiterin bei der Lebenshilfe Köln, genauer gesagt als "Fachkraft Integrationshilfe".

Der Unterricht beginnt. Furkan sitzt an seinem Schreibtisch, zieht die Kapuze über den Kopf und gähnt. Er steckt zwei Finger in den Mund. Der Schüler murmelt etwas vor sich hin. "Pssst, Furkan, sei leise." Steffi Adolph beugt sich über ihn und zeigt ihm eine laminierte Karte, auf der steht: "Ich möchte mit meiner Erzählkarte erzählen." Sie hält ihm eine andere Karte hin mit "Ja" und "Nein". Er tippt auf "Nein".

Lehrerin Kern unterrichtet unterdessen unbeirrt weiter und fragt in die Schülerrunde: "Wie heißt die Zahl unter A?" Steffi Adolph nimmt Furkans Finger in die Hand und führt ihn über das Blatt. "Hast du die Zahl schon gefunden? Furkan ist unkonzentriert, er scheint nicht zuzuhören. "Schau' aufs Blatt. Konzentrier' dich!"

"Was kann ein Vogel?", fragt die Lehrerin. Furkan schaut gedankenverloren in die Klasse, während Steffi Adolph seinen Finger übers Blatt bewegt. Es scheint, als ob er durch seine Mitschüler hindurchschaut. Die Schüler sollen nun zwei Farben mit G suchen.

"Jetzt kannst du dich melden", sagt die Schulbegleiterin. Er meldet sich und kommt dran. Furkan tippt etwas in seinen Sprachcomputer. "Grün", tönt es aus dem Lautsprecher. Plötzlich haut er auf den Tisch. "Pssst." Sie nimmt seine Hand und beruhigt ihn.

Steffi Adolphs Tag beginnt um kurz vor acht Uhr. Sie holt Furkan vom Bus ab und begleitet ihn während seines gesamten Schultags bis 14 Uhr, und kümmert sich um seine Unterrichtsmaterialien. "Ich arbeite am engsten mit ihm zusammen und kenne ihn dadurch sehr gut. Anfangs haben wir eine Vertrauensbasis aufgebaut und unsere Grenzen ausgetestet. Vertrauen ist wichtig, denn sonst öffnet er sich nicht und verweigert die Mitarbeit", sagt die Schulbegleiterin.

"Auch wenn es manchmal nicht so scheint, bekommt Furkan sehr viel mit und kann die Dinge im Unterricht gut umsetzen." Auch die Zusammenarbeit mit seiner Lehrerin an der Förderschule sei wichtig.

Der behinderte Junge braucht Steffi Adolph als Übersetzungs- und Umsetzungshilfe. Allerdings soll Furkan die Hilfe im Laufe der Zeit immer weniger benötigen und dadurch auch immer weniger abhängig von seiner Assistentin werden. Seit Ende der Herbstferien wird er nur noch drei Tage von seiner Assistentin begleitet.

Steffi Adolph ist ausgebildete Heilerziehungspflegerin (HEP) und hat während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt. "Erfahrungen, auch im Umgang mit aggressiven Verhaltensauffälligkeiten, sind wichtige Voraussetzungen für eine Schulbegleiterin", betont Silke Mertesacker, Pädagogische Leiterin Offene Hilfen bei der Lebenshilfe Köln. Wichtig seien des Weiteren Fortbildungen zum Thema Autismus, Unterstützte Kommunikation und herausforderndes Verhalten. Es sei ein schwieriger Balanceakt zwischen Unterstützung und Selbstständigkeit, so Mertesacker.

Ziel sei die Integration der Schüler in den Unterricht, so dass die Begleitung irgendwann nicht mehr nötig ist. Bei Kindern mit komplexem Behinderungsbild sei das allerdings schwer zu erreichen.

Die Lebenshilfe Köln bietet die Integrationshilfe seit mehr als zehn Jahren an, als reines Fachkräftemodell bei Schülern mit Autismus, herausfordernden Verhaltensweisen oder sehr schweren Behinderungen. Zurzeit werden 53 Schüler/innen betreut.

Furkan kann sich gerade nicht konzentrieren und zappelt auf seinem Stuhl hin und her. Seine Helferin hält ihm drei Kästchen hin mit der Aufschrift: "Ich möchte in der Klasse sein", "Ich möchte im Mehrzweckraum arbeiten" und "Ich möchte auf dem Flur arbeiten". "Leg' die Karten mal richtig hin, Furkan. Möchtest du mit Memory auf dem Flur weitermachen?" Er tippt die Ja-Karte an. Beide gehen auf den Flur und setzen sich an einen Tisch, an dem zwei Stühle stehen.

Furkans Konzentration muss geschult werden, da er viele Eindrücke bekommt, die er aufgrund seiner Behinderung nur schwer verarbeiten kann. Steffi Adolph breitet die Memory-Karten in der Mitte des Tisches aus und erklärt die Zahlenpärchen. Er schaut auf die umgedrehten Ziffern und tippt auf ein Pärchen. "Gut, Furkan".

Nach 15 Minuten gehen sie zurück in den Klassenraum. Er ist wieder bereit für den Unterricht.


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Wie bekommt man eine Schulassistenz?

Dazu Silke Mertesacker von der Lebenshilfe Köln: "In Köln gibt es ein relativ geregeltes Verfahren, das ist in anderen Kommunen nicht immer so. Man muss einen Antrag beim Sozial- oder Jugendamt stellen. Das Jugendamt ist zuständig, wenn es sich um eine so genannte seelische Behinderung im Sinne des Sozialgesetzbuch (SGB) VII handelt (z.B. Autismus), bei allen anderen Behinderungen das Sozialamt. Das Amt fordert dann ein Gutachten des Schulamtes (pädagogischer Bedarf) sowie des Gesundheitsamtes (Behinderungsform) an. Aufgrund dieser Gutachten wird eine Entscheidung über Zuständigkeit, Art und Umfang der Schulbegleitung getroffen und den Eltern mitgeteilt. Das dauert bis zu drei Monaten. Die Eltern können einen Anbieter mit der Schulbegleitung beauftragen. Das Amt kann (wie immer im Sozialrecht) einen billigeren Anbieter verlangen, wenn dieser die gleiche Leistung nachweist. Sozial- und Jugendamt unterstützen bei der Suche nach einem Anbieter. Der Anbieter schließt mit den Eltern einen Vertrag ab."

• Folgende Kriterien müssen erfüllt sein:

Der Schüler/die Schülerin muss eine Behinderung im Sinne der Eingliederungshilfe haben (§§ 53/54 SGB XII bzw. § 35 SGB VIII). Außerdem muss deutlich werden, dass Unterstützungsmaßnahmen aufgrund der Behinderung beim Schulbesuch notwendig werden, die durch das Lehr- bzw. Schulpersonal nicht geleistet werden können.

• Haltung des Kulturministeriums:

In Nordrhein-Westfalen sind die Schulen nicht mit Assistenzen für einzelne Schüler augestattet. In § 92 Abs. 1, Satz 1, des Schulgesetzes für das Land NRW steht: "Kosten für die individuelle Betreuung und Begleitung einer Schülerin oder eines Schülers durch die die Teilnahme am Unterricht in der allgemeinen Schule, der Förderschule oder der Schule für Kranke erst ermöglicht wird, gehören nicht zu den Schulkosten." Damit wird deutlich, dass hier die Sozialhilfe, also Eingliederungshilfe, vorrangig ist.

Da Schule Ländersache ist, muss man sich im jeweiligen Bundesland informieren, wie dort die Bedingungen für eine Schulassistenz sind.


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Quelle:
Lebenshilfe Zeitung, Nr. 4/2008, 29. Jg., Dezember 2008, S. 20
Herausgeber: Bundesvereinigung Lebenshilfe
für Menschen mit geistiger Behinderung
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jährlich viermal (März, Juni, September, Dezember).


veröffentlicht im Schattenblick zum 14. Januar 2009