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BILDUNG/296: Musik geht überall... Menschen ohne Grenzen (mundo - TU Dortmund)


mundo - Das Magazin der Technischen Universität Dortmund Nr. 12/10

Menschen ohne Grenzen
Musik geht überall, sagt die Rehabilitationswissenschaftlerin Irmgard Merkt

Von Angelika Willers


Menschen singen und Maschinen klingen. Beides zusammen ergibt unter der Regie von Irmgard Merkt ein Konzert der besonderen Art an einem besonderen Ort: 'Washing Machines and Crew' nennt sie den fulminanten Auftritt, den Menschen mit Behinderung zusammen mit Profimusikern in einer Dortmunder Großwäscherei einem überraschten Publikum geboten haben. Die Jugendlichen und Erwachsenen gaben alles, um aus dem Rattern und Knattern der Unterhemdenfaltmaschinen, Nachtkleidertrockner und Blusenbügler Musik werden zu lassen - und das Publikum wippte mit. "Bei Musik sind alle Menschen in Takt", sagt die 64-Jährige, die seit 1991 den Lehrstuhl Musikerziehung und Musiktherapie in Pädagogik und Rehabilitation bei Behinderung inne hat und sich seit vielen Jahren dafür einsetzt, Menschen mit Behinderung am kulturellen Leben teilhaben zu lassen.

Die Liebe zur Musik und ein 'uralter Wunsch nach Gerechtigkeit' sind die Triebfedern von Irmgard Merkt. Als Professorin in den Rehabilitationswissenschaften kann sie diese beiden Lebensthemen miteinander verknüpfen: "Ich arbeite in meinem 'Traumberuf'", sagt die Münchnerin, die seit 1975 im Ruhrgebiet lebt. Schon als Schülerin hat sie Anfang der 1960er Jahre schwierigen Kindern Musikstunden gegeben. Schon damals war ihr klar, dass Musik ebenso schön wie nützlich sein kann. In ihrer Geburtstadt studierte sie zunächst Operngesang und - weil sie gern vermittelt - wechselte sie später zum Fach Musik für das Lehramt am Gymnasium. Ihr Studium fiel in die 1968er Jahre, die sie bis heute stark geprägt haben: "Die Idee von der Zweckfreiheit der Künste, die Idee l'art pour l'art, hat mich nie überzeugt. Musik ist immer Ausdruck der Gesellschaft, die sie hervorbringt, sie wird in Dienst genommen, wird von jemandem benutzt. Wofür sie benutzt wird, das ist entscheidend. Musik als 'Mittel' - diese Vorstellung hat mich nie erschreckt. Musik fördert Sozial- und Sprachkompetenz, Wahrnehmung und Bewegung. Beim großen Thema 'Förderung durch Musik' möchte ich dabei sein. Musik soll etwas für die Menschen bewirken, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen."


Nur wenige sahen in Behinderten mehr als Therapieempfänger

Als Irmgard Merkt 1978 als wissenschaftliche Assistentin zu Prof. Dr. Werner Probst an die damaligen Pädagogische Hochschule Ruhr Dortmund kam, war das Thema 'Musik mit Behinderten' noch recht exotisch, erinnert sie sich: "Nur sehr wenig Leute waren bereit, in Behinderten mehr zu sehen als lebenslange Therapieempfänger." Es sollte noch einige Jahre dauern, bis eine neue Sichtweise Raum gewann. Der Bund-Länder-Modellversuch Bochumer Modell in den Jahren 1979 bis 1983, initiiert von Werner Probst, sorgte dafür, dass die öffentlichen Musikschulen nun auch Menschen mit Behinderung als Klientel betrachteten. In Verbindung mit dem Bochumer Modell entwickelte Irmgard Merkt ein musikpädagogisches Konzept für den Unterricht der Kinder der damals so genannten 'Gastarbeiter'. Sie war die erste, die dieses Feld der interkulturellen Musikerziehung beackert und darüber promoviert hat. Ihr Bestreben war es, die Kinder und ihre Herkunftskultur ernst zu nehmen. So ging sie der Musik der Türkei auf den Grund und suchte statt nach den Unterschieden nach den Gemeinsamkeiten zwischen der arabisch-türkischen und der europäisch-deutschen Musikkultur. 1983 entwickelte sie ihren ebenso einfachen wie genialen Schnittstellenansatz. Angelehnt an die Mengenlehre bündelt dieser die Gemeinsamkeiten als Teilmenge. Gemeinsamkeiten finden und Unterschiede nicht verwischen - das ist bis heute das Motto der interkulturellen Musikpädagogik. Längst gilt sie als Urgestein auf diesem Gebiet, und bis heute gibt es kaum eine Veröffentlichung dazu, in der sie nicht zitiert wird.

1991 folgte sie nach einigen Jahren als Professorin für Musik in der Sozialpädagogik an der FH Dortmund dem Ruf auf den Lehrstuhl des scheidenden Werner Probst und besetzt damit einen der bundesweit nur drei Lehrstühle, die im Bereich Musik und Menschen mit Behinderung lehren und forschen. "Diese wenigen Lehrstühle haben in den vergangenen Jahren einiges in Bewegung gebracht", resümiert Irmgard Merkt und ist darüber froh: "Heute gibt es immer mehr Menschen aus den verschiedensten Berufen, die sich für das Thema interessieren, und eine ständig steigende Zahl von Musikgruppen, in denen Menschen mit Behinderung mitwirken. "Waren bislang eher Kinder und Jugendliche mit Behinderung im Fokus des Interesses, sind es vor dem Hintergrund der Alterspyramide zunehmend die Erwachsenen. Gerade sie brauchen im Sinne des lebenslangen Lernens die Gelegenheit zur Entwicklung künstlerischer Aktivitäten - mit dem Ziel eventueller künstlerischer Professionalisierung einerseits, mit dem Ziel erfüllter Freizeitgestaltung andererseits. "Der offenkundige Paradigmenwechsel in Sachen Integration und Inklusion von Menschen mit Behinderung geht zumindest von Seiten der Politik in die richtige Richtung", meint Irmgard Merkt: "Die UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen beispielsweise und das Sozialgesetzbuch IX der Bundesrepublik regeln das Recht auf gesellschaftliche und vor allem auch auf kulturelle Teilhabe." Viele gehören heute zum Netzwerk Kulturelle Teilhabe. Menschen mit Behinderung selbst, Eltern, Pädagogen - und immer mehr Künstlerinnen und Künstler. Ein starkes Netzwerk, an dem sie kräftig mitknüpft.

InTakt und Europa InTakt - diese Begriffe sind mit dem Namen Irmgard Merkt verbunden. Die Weiterbildungsveranstaltungen InTakt laufen seit 1998 und bringen Menschen mit und ohne Behinderung aus der ganzen Bundesrepublik nach Dortmund. Europa InTakt gibt es seit 2003, dem Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung. Zum vierten Mal kommen vom 6. bis 10. Oktober 2010 integrative Musikgruppen aus mehreren europäischen Ländern nach Dortmund, um in international gemischten Gruppen musikalische Themen zu erarbeiten. Der parallele internationale Kongress beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Frage der Qualitätsdiskussion: "Unter welchen Gesichtspunkten können und müssen wir über die Kulturarbeit mit Menschen mit Behinderung sprechen? Welche Projekte gibt es in den Ländern Europas - und nach welchen Kriterien kann man sie beurteilen?" Europa InTakt 2010 ist eines der großen inklusiven Projekte der Kulturhauptstadt RUHR.2010, aber nicht das einzige Kulturhauptstadtprojekt von Irmgard Merkt. Ein Vorprojekt zum großen Day of Song am 5. Juni dieses Jahres war der Tag der Singkulturen am 10. April. Er brachte die Vielfalt der Musikkulturen des Ruhrgebiets in die TU Dortmund und in das Abschlusskonzert im Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Und ihre Idee, beim Day of Song in der Arena Auf Schalke einen Gebärdenchor auftreten zu lassen, brachte ihr und den Teilnehmern viel Anerkennung. Das ist das Ziel, das Irmgard Merkt vehement verfolgt: Sie möchte Menschen mit Behinderung nicht auf dem Behinderten-Ticket reisen lassen, sondern ihre Kompetenzen öffentlich machen "Der Behindertenbonus schadet der Inklusion. Deshalb muss es uns um neue Qualitäten und um Professionalisierung im Kunst- und Kulturbetrieb gehen." Teil des Netzwerkes InTakt ist auch das Ehepaar Christa und Wilhelm Sonnemann, beide Stifter des Intakt-Förderpreises: Seit nunmehr sieben Jahren können jährlich innovativ und integrativ arbeitende Musikgruppen und herausragende musikpädagogische Ideen mit diesem Förderpreis ausgezeichnet werden. "Eine wunderbare Zusammenarbeit im Dienste der Musik und der Integration", so Merkt.


Musikalische Talente herausfinden, ausbilden und fördern

Um Integration geht es auch beim aktuellen Forschungsprojekt Dortmunder Modell Kulturarbeit und Menschen mit Behinderung, kurz DOMO. Finanziert wird es vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales für drei Jahre mit 270.000 Euro. Dass das Geld ausgerechnet aus dem Integrationsfonds fließt, freut Irmgard Merkt besonders und schmunzelnd erklärt sie, dass Domo auf Japanisch 'Danke' heiße. Die Idee hinter dem Projekt: Unter den rund 1.200 Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderung, die in den drei Dortmunder Werkstätten arbeiten, die künstlerisch-musikalischen Talente herauszufinden und diese musikalisch auszubilden und zusätzlich zu fördern. Dabei geht es in gleicher Weise um Breitenbildung wie um Talentförderung mit dem Ziel einer Professionalisierung. Zur Breitenförderung plant Irmgard Merkt die Gründung eines Chors, in dem behinderte und nichtbehinderte Menschen mindestens drei Jahre lang musikalisch zusammenarbeiten. Als Ort schwebt Irmgard Merkt nichts Geringeres vor als der Konzertsaal in der Orchesterakademie. Bevor es allerdings so weit ist, steht die Musikalität der einzelnen Probanden auf dem Prüfstand. Auch hier beweist Irmgard Merkt viel Fingerspitzengefühl bei der Auswahl der Sängerinnen und Sänger. Weil sie aus Erfahrung weiß, dass Menschen mit Behinderung sich sprachlich mitunter schwer tun, hat sie mit ihren Mitarbeiterinnen das musikalische Interview entwickelt. Wie das geht? Das erläutert sie mit lautmalerischen Gesten: "Wir sitzen mit acht Leuten am Tisch, klatschen und singen gemeinsam und finden so heraus, wer über musikalische Grundfähigkeiten verfügt." Einige Stücke für den integrativen Chor wird Irmgard Merkt selbst schreiben. Und das Publikum darf sich schon mal darauf einstellen, dass nicht nur der klassische Chorklang zu hören sein wird: "Die ganze Bandbreite stimmlichen Ausdrucks ist dabei und das Instrument Körper kommt mit Body-Percussion zum Einsatz", erläutert Irmgard Merkt. Damit das klappt, wird partnerschaftlich geprobt. Jeder Mensch mit Behinderung bekommt einen Singpaten, denn das gibt Sicherheit und Kontinuität. Bei aller Breitenförderung hat Irmgard Merkt auch immer die Förderung einzelner Talente im Blick. Wer sich beim musikalischen Interview als besonders begabt zeigt, erhält Instrumentalunterricht, einzeln und in der Gruppe mit nichtbehinderten Menschen. In den drei Jahren, auf die das Forschungsprojekt angelegt ist, bekommen diese Talente eine Ausbildung, die es ihnen ermöglicht, später einmal Mitglied einer Band oder einer anderen Formation zu werden und schließlich selbstverständlicher Teil des öffentlichen kulturellen Lebens zu sein.

"Genauso funktionieren Teilhabe und Integration", sagt Irmgard Merkt: "Menschen mit Behinderung zeigen sich in ihren künstlerischen Kompetenzen. So kann die Gesellschaft der Nichtbehinderten die Menschen mit Behinderung neu wahrnehmen."

Als Wissenschaftlerin möchte sie ungenutzte Ressourcen von Menschen mit Behinderung finden und diese gesellschaftlich relevant machen. Immer mit dem Ziel, die unsichtbaren Barrieren, die es beim Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung häufig gibt, zu 'entgrenzen'. Auch ihren Studierenden bringt sie diesen unverkrampften Umgang mit behinderten Menschen bei: Sie lernen schon im Studium, die Vermittlung von Musik in den Vordergrund zu stellen und auch, dass in diesem Metier Theorie und Praxis nicht voneinander zu trennen sind. Wer im Kopf ungewöhnliche Ideen für ungewöhnliche Projekte entwickelt, muss diese auch gleich dem Praxistest unterziehen: "Haben Sie nicht alle etwas dabei, mit dem man Musik machen kann?", fragte sie ihre Studierenden in einer großen Vorlesung im Audimax. Und als Antwort erklang voller Inbrunst die 'Symphonie der 1.000 Kugelschreiber'.


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Quelle:
mundo - das Magazin der Technischen Universität Dortmund, Nr. 12/10, S. 72-75
Herausgeber: Referat für Öffentlichkeitsarbeit
Universität Dortmund, 44221 Dortmund
Redaktion: Angelika Willers (Chefredakteurin)
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mundo erscheint zwei Mal jährlich.


veröffentlicht im Schattenblick zum 9. Oktober 2010