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FRAGEN/172: In den Köpfen muss sich noch viel verändern (LHZ)


Lebenshilfe Zeitung, Nr. 2 - Juni 2011

In den Köpfen muss sich noch viel verändern!


LHZ-Serien: Politiker in Berlin
Nacheinander befragen wir die behindertenpolitischen Sprecherinnen und Sprecher der fünf Fraktionen im Deutschen Bundestag. Immer ein Tandem aus einem Reporter mit und einem ohne Behinderung führt das Gespräch. Nico Altmann, Jonny Chambilla und Peter Pankow sind Schauspieler beim integrativen Theater Thikwa in Berlin. Sie haben sich gemeldet, als wir Interviewer/innen mit einer geistigen Behinderung suchten. Als Bühnenprofis können die Drei mit Lampenfieber umgehen. Die Gespräche werden immer in der Gruppe vorbereitet: Erst holen wir uns Informationen über die Politiker aus dem Internet, dann überlegen wir uns die Fragen.



In den Köpfen muss sich noch viel verändern!

Nico Altmann und Kerstin Heidecke haben sich mit Markus Kurth von den Grünen unterhalten. Der 45-jährige Politiker aus Dortmund engagiert sich seit seiner Jugend für soziale Themen.


FRAGE: In der Zeitung "Das Parlament" ist ein Artikel über Sie erschienen - mit der Überschrift "Der Differenzierte". Wir, also das Thikwa-Reporter-Team, haben uns darüber unterhalten, was das heißen könnte. Es hat ja mit Unterscheidung zu tun, vielleicht auch mit Abwägen, oder nicht Schwarz-Weiß-Malen. Wie stehen Sie zu diesem Titel?

MARKUS KURTH: Ich fand ihn immer ganz gut. Ich bin wirklich ein Typ, der nicht gern schwarz-weiß malt. Ich glaube, man muss als Politiker nicht immer drauf schlagen, ich kann auch mal anerkennen, wenn die politische Konkurrenz eine gute Idee hat. Allerdings muss man auch zuspitzen können. Das habe ich inzwischen gelernt und kann es mehr, als zu der Zeit, in der der erwähnte Artikel erschienen ist.

FRAGE: Die Atomkatastrophe in Fukoshima hat uns alle sehr erschreckt. Ich war vor einiger Zeit selbst in Japan und habe das Drama besonders betroffen verfolgt. Was wollen die Grünen in der Umweltpolitik besser machen als andere Parteien?

MARKUS KURTH: Wir sind ja schon immer für ein Ende der Atomkraft gewesen und jetzt wollen wir, dass so schnell wie möglich in Deutschland die Atomkraftwerke abgeschafft werden. Wir wollen, dass bald elektrische Energie und Heizenergie aus erneuerbaren Energien kommt. Was uns von anderen Parteien unterscheidet, ist, dass wir den Fragen des Lebensstils nicht ausweichen. Wenn alle Menschen so Energie verbrauchen würden, wie Deutschland...

FRAGE: Aber die Amerikaner verbrauchen noch viel mehr Energie als wir!

MARKUS KURTH: Das macht die Sache nicht besser. Wir können nicht weitermachen wie bisher. Das fängt beim Autofahren an. Ein nachhaltiger Lebensstil ist eine Überlebensfrage.

FRAGE: Und was uns bei dem Thema noch aufgefallen ist: Plötzlich sind alle Parteien ganz schön grün. Ist das ehrlich? Ärgert Sie das?

MARKUS KURTH: Grundsätzlich ärgert es mich nicht. Es freut mich, dass in der gesamten Gesellschaft das Umweltthema einen höheren Stellenwert hat. Aber man muss sich genau ansehen, ob das bei den anderen Parteien nur eine Mode ist, um Wähler zu gewinnen. Immerhin erscheint jetzt in der Atompolitik eine Kehrtwende realistisch. Und die Kompetenz der Grünen ist dabei ja unbestritten.

FRAGE: Für uns ist die UN-Behindertenrechtskonvention sehr wichtig. Deutschland hat ja schon vor über zwei Jahren seinen "Stempel" unter das Papier gesetzt. Aber wie soll es jetzt weitergehen, damit wir wirklich gleichberechtigt sind in der Gesellschaft?

MARKUS KURTH: Was wir brauchen, sind Veränderungen seitens der Politik. Es darf zum Beispiel nicht von den Kosten abhängen, ob jemand in der eigenen Wohnung oder im Heim lebt. Es muss auch für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf möglich sein, in der eigenen Wohnung zu leben. Aber auch in den Köpfen muss vieles anders werden. Durch Gesetze allein kann man das Denken nicht verändern. Wir müssen etwas tun, damit das Bewusstsein der Menschen sich verändert. Damit müssen wir in der Schule anfangen. Kinder sollen von Anfang an merken, dass Menschen verschieden sind. Das passiert automatisch, wenn es gemeinsamen Unterricht gibt, oder wenn Kinder verschiedener Schulen gemeinsame Ausflüge und Klassenfahrten unternehmen. Ich habe zum Beispiel bei einem Blindenfußballspiel erlebt, wie das die sehenden Kinder beeindruckt hat.

FRAGE: Wir treffen in Kreuzberg, wo sich unser Theater befindet, auch viele arme Menschen, manchmal Bettler oder Kinder, um die sich niemand zu kümmern scheint. Wie soll Gerechtigkeit mit grüner Politik umgesetzt werden? Wie denken Sie über ein Mindesteinkommen?

MARKUS KURTH: Politik kann sicher nicht Armut vollständig beseitigen. Es wird immer Ungerechtigkeiten geben. Wir wollen, dass jeder nach seiner Leistungsfähigkeit zum Gemeinwesen beiträgt. Das bedeutet für mich, dass diejenigen, die sehr viel Geld haben, entsprechend mehr Lasten schultern. Es geht nicht nur darum, Menschen ein Existenzminimum zu geben, sondern darum, dass wir ihnen helfen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, so wie es ihnen möglich ist. Menschen, die das brauchen, soll aber ein menschenwürdiges Existenzminimum gezahlt werden.

FRAGE: Wir Thikwa-Schauspieler haben ja einen guten Job, wir verdienen mit unseren Werkstatt-Arbeitsplätzen eigenes Geld. Trotzdem ist es zum Leben sehr wenig. Wie kann man das ändern?

MARKUS KURTH: Das ist schwierig zu machen. Die Unterstützung für Menschen mit Behinderung wird aus der Sozialhilfe geleistet, also über das Fürsorgerecht. Es müsste ein eigenes Leistungsgesetz geben für Menschen mit Behinderung, wo die Unterstützung unabhängig von Einkommen und Vermögen geleistet wird. Das würde aber bedeuten, dass andere Vorteile wegfallen.

FRAGE: Obwohl wir ziemlich erfolgreiche Schauspieler sind, und wir wirklich stolz auf unsere Arbeit sein können, begegnen manche Menschen uns mit Mitleid. Oder sie glauben nicht, dass das unser Beruf ist, weil wir zum Beispiel nur langsamer oder undeutlicher sprechen können. Was läuft da schief?

MARKUS KURTH: Das ist eine Frage des Denkens. Es gibt viele Menschen, die meinen, dass Behinderung ein Leid ist. Sobald man mehr mit Menschen mit Behinderung zu tun hat, löst sich dieser Irrtum auf. Als Schulkind dachte ich, es gäbe nichts Schlimmeres als im Rollstuhl zu sitzen. Das kam daher, dass Lehrer und Verwandte nur mit Schrecken darüber berichtet haben. Mein Sohn ist jetzt sieben Jahre alt und wird ganz anders erzogen. Er kommt manchmal mit zu meinen Terminen, dort begegnet er auch Menschen mit Behinderung. Er weiß schon jetzt, dass es vielleicht Besonderheiten gibt, aber dass es nicht Leid bedeutet.

FRAGE: Ihr Wahlkreis ist zwar Dortmund, aber trotzdem: Wie war für sie die "schwäbische Revolution", also der Sieg der Grünen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg?

MARKUS KURTH: Das hat mich natürlich sehr gefreut. Aber man soll schon auf dem Teppich bleiben. Es ist auf jeden Fall eine große Chance und viel Verantwortung. Aber seit diesem Sieg wird man als grüner Gesprächspartner anders behandelt.

FRAGE: Haben Sie auch gegen Stuttgart 21 protestiert?

MARKUS KURTH: Nicht direkt, aber indirekt. Ich habe ja die Aktion "Markus macht mobil". Gemeinsam mit anderen Bürgern kümmern wir uns um Bahnhöfe, die nicht barrierefrei sind. Da sind auch ältere Menschen bei oder Leute vom Fahrradclub. So zeigen wir, dass das Thema alle betrifft. Wir wollen nicht, dass Geld in einen teuren Bahnhofsumbau fließt, solange es noch Bahnhöfe gibt, die nicht für jeden zugänglich sind.

FRAGE: Wir haben auf Ihrer Internetseite viele Texte in sehr schwerer Sprache und ziemlich wenige in leichter Sprache gefunden. Wollen Sie das nicht ändern?

MARKUS KURTH: Es ist ziemlich aufwändig, die Texte in leichte Sprache zu übersetzen. Und ich muss sehr schnell ziemlich viele Dinge schreiben. Aber ich werde mich bessern und versuchen, mehr Inhalte in leichter Sprache auf meine Webseite zu stellen.

FRAGE: Auf der Seite haben wir auch gelesen, dass Sie mal Hausbesetzer waren. Wie war das damals? Was wollten Sie erreichen?

MARKUS KURTH: Ich wollte einfach, dass Häuser, die leer stehen, bewohnt werden - und nicht, dass Eigentümer damit Geld verdienen können, Häuser verfallen zu lassen. Die Wohnungsnot betraf damals besonders Leute, die wenig Geld hatten. Das galt auch für mich als Student. Aber ich habe mich immer friedlich verhalten.

FRAGE: Zum Schluss noch eine Frage, die wieder mit Ihrer Heimat Dortmund zu tun hat: Wie finden Sie die Borussia? Und was machen Sie gern in Ihrer Freizeit?

MARKUS KURTH: Was für eine Frage! Ich bin seit vielen Jahren leidenschaftlicher Borussia-Dortmund-Fan. Ich bin sehr froh, dass sie Deutscher Meister sind. In Dortmund laufen derzeit alle mit einem Lächeln durch die Gegend. Was ich am liebsten selbst mache? Viel Zeit habe ich nicht, aber meine Familie und ich lieben Fahrradtouren ins Münsterland, oder ins Berliner Umland.


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Quelle:
Lebenshilfe Zeitung, Nr. 2/2011, 32. Jg., Juni 2011, S. 12
Herausgeber: Bundesvereinigung Lebenshilfe
für Menschen mit geistiger Behinderung
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veröffentlicht im Schattenblick zum 27. Juli 2011