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KULTUR/137: Theater Thikwa - einen Behindertenbonus will hier niemand (LHZ)


Lebenshilfe Zeitung, Nr. 2 - Juni 2010

REPORTAGE
Einen Behindertenbonus will hier niemand

Von Kerstin Heidecke


Im Theater Thikwa stehen behinderte und nicht behinderte Schauspieler gemeinsam auf der Bühne. Thikwa kommt aus der hebräischen Sprache und bedeutet Hoffnung. Die Lebenshilfe-Zeitung besuchte jetzt die Proben für ein Theater-Stück, das extra für die Lebenshilfe Berlin geschrieben wurde.


Heute Abend wird Alex ein romantischer Held sein. Aber auch ein strenger Beamter und ein verzweifelter Betreuer. Und das sind nur drei Rollen im neuesten Werk des Berliner Theaters Thikwa. In "Bergauf - im falschen Film" können die Zuschauer live die Dreharbeiten zu einem Werbe-Trailer verfolgen. Dieser soll den 50. Geburtstag der Lebenshilfe Berlin würdigen. Das Jubiläum ist echt, das "Making Of" ist nur der Kniff, mit dem die Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Themen auf die Bühne bringen: Wünsche, Träume, Liebe, Enttäuschung, Wut und Hoffnungen.


DSDS: Deutschland sucht den Superbetreuer

Alexander Lange, der romantische Held aus der ersten Szene, ist einer der zirka 20 Thikwa-Künstlerinnen und -Künstler mit und ohne Behinderung. In "Bergauf" schnappen sie sich die vermeintlich normale Wirklichkeit und machen ihre eigene daraus: Da gibt es die Show "Deutschland sucht den Superbetreuer", in der die Kandidaten versuchen müssen, den verwahrlosten Struwwelpeter (gespielt von Peter Pankow) zur Körperpflege zu motivieren.

Da parodiert der junge Schauspieler Nico Altmann frech die schwächelnde PR-Kampagne des Berliner Senats. Er flirtet mit Kamera und Publikum. Stellt aber auch ernst die Frage, warum er noch solo ist. Aus den in der Hauptstadt umstrittenen "be Berlin"-Slogans wird bei ihm trotzig und frei nach Wowereit - "Sei arm, sei sexy, sei behindert!"

Drumherum wuselt die eitle Filmmaschinerie: die Maskenbildnerin mit dem Puderpinsel, der Assistent, der die Klappe vor der nächsten Szene schlägt, und natürlich der Regisseur, der nach dem Dreh "gestorben" oder "im Kasten" rufen darf. Die drei Leute im Schattenbild lachen ihn aus. Wer lacht über wen?


Lampenfieber gibt's überall

Seit fast 20 Jahren bringt das Theater Thikwa behinderte und nicht behinderte Schauspieler, Tänzer und Regisseure zusammen. Für manche Produktionen werden externe Künstler ins Team geholt, so wie die preisgekrönte Filmemacherin Elfi Mikesch. Alle lernen dazu. Manche der Externen sagen, sie hätten die Arbeit mit den behinderten Schauspielern als echter, unmittelbarer erlebt. Und trotzdem: Lampenfieber gibt's überall. Alexander Lange, der seit 1995 dabei ist, erzählt: "Ich bin oft so aufgeregt, dass ich anfangs doch ins Publikum gucken muss." Die Pauke, mit der ein Stück startet, und die er nur mit seiner linken Hand schlagen kann, holt ihn dann wieder zurück. Für ihn ist besonders die Arbeit in der Gruppe wichtig, die Absprachen mit den anderen, die Anweisungen der Regisseure. "Das ist mein Theaterwissen."

Der 41-Jährige hat inzwischen auch Kino-Erfahrungen. Vier der "Thikwas" waren in "Kroko" zu sehen, dem Film von Sylke Enders, der 2004 den Bundesfilmpreis "Lola" in Silber gewann. Für Alexander Lange ist die Theaterarbeit ein Weg, ein bisschen mehr zu sich selbst zu finden. "Aber mich im Filme sehen, das mag ich nicht", sagt er. "Alex ist ein begnadeter Clown", lobt Dominik Bender, "jemand mit Sinn für Ironie und einer, der seine Arbeit sehr reflektiert." Der Schauspieler, Regisseur und Gründer des "Theater zum westlichen Stadthirschen" trainiert die Thikwa-Schauspieler in szenischer Improvisation. Seit sechs Jahren arbeitet er mit ihnen und sagt: "Das ist für mich eine große menschliche und künstlerische Bereicherung."

Thikwa bietet mehr als das typische Erzähl- oder Sprechtheater. Die Künstler spielen mit Performance-Elementen, mit Schattenbildern und Filmsequenzen auf einer Leinwand. Ausdrucksmöglichkeiten wie Tanz und Bewegung spielen eine große Rolle, schon bei den Trainings mit Karatelehrern oder mit renommierten Choreografen und Tänzern wie Alessio Trevisani, der auch mit der Berliner Tanzfabrik und der Oper Leipzig gearbeitet hat.


Anerkannte WfbM für künstlerische Tätigkeiten

Thikwa heißt Hoffnung. Aber einen Behindertenbonus will hier niemand. "Wir messen uns an der Qualität der Off-Theater-Szene", sagt Gerlinde Altenmüller, die künstlerische Leiterin. Mit denen konkurriert man schließlich auch um die öffentlichen Mittel. Thikwa hat sich einen festen und weithin anerkannten Platz in der Theaterszene erarbeitet. Seit 1990/91 sind viele Inszenierungen, Filme, Videos und Performances entstanden, die das Ensemble bei Festivals im In- und Ausland zeigen konnte, so im Jahr 2009 bei den internationalen Theaterfestivals: "Okkupation!" in der Schweiz, bei "No Limits" in Berlin oder im März 2010 bei den Grenzgänger-Theatertagen in München.

Zu Thikwa gehört seit 1995 die Theater-Werkstatt, in der die Künstler ausgebildet werden in Schauspiel und Tanz, Handwerk und Grafik oder Malerei und Plastik. Die Werkstatt wird betrieben vom Verein Thikwa und der Nordberliner Werkgemeinschaft (nbw) und ist vom Landesarbeitsamt als Werkstatt für behinderte Menschen für künstlerische Tätigkeiten anerkannt.

Mit dem Umzug der Theater-Werkstatt in die Fidicinstraße 3 in Kreuzberg wird das Team ab Oktober 2010 auf 40 Personen erweitert. Die Spielstätte F40 in der Fidicinstraße 40, die man sich seit 2006 mit dem English Theatre teilt, bleibt an dieser Stelle. Aber der Spielort wäre eigentlich auch gleichgültig - denn ein Thikwa-Motto lautet: "Der Geist lässt sich nicht behindern."


"Bergauf - im falschen Film"
gibt es wider im Juli 2010 zu sehen.
Termine unter www.thikwa.de

Schauspieler/innen:
Nico Altmann, Jonny Chambilla, Cornelia Glowniewski, Wolfgang Fliege, Corinna Heidepriem, Torsten Holzapfel, Alexander Lange, Martina Couturier, Martina Nitz, Peter Pankow und Roland Strehlke

Ideen und Konzept:
Gerlinde Altenmüller, Martina Couturier und Bente Schmidt

Regie:
Anja Clarissa Gilles

Mentorin:
Bente Schmidt

Bühne und Kostüme:
Isolde Wittke

Licht:
Christian Maith


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Quelle:
Lebenshilfe Zeitung, Nr. 2/2010, 31. Jg., Juni 2010, S. 22
Herausgeber: Bundesvereinigung Lebenshilfe
für Menschen mit geistiger Behinderung
Bundesgeschäftsstelle, Leipziger Platz 15, 10117 Berlin
Telefon: 030/20 64 11-0, Fax: 030/20 64 11-204
E-Mail: LHZ-Redaktion@Lebenshilfe.de
Internet: www.lebenshilfe.de

Die Lebenshilfe-Zeitung mit Magazin erscheint
jährlich viermal (März, Juni, September, Dezember).


veröffentlicht im Schattenblick zum 27. Juli 2010