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MEDIZIN/150: Sporttherapeut Christoph Freese zu Muskel-Skelett-Erkrankungen (Der Ring)


DER RING
Zeitschrift der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel - Februar 2009

Sporttherapeut Christoph Freese zu Muskel-Skelett-Erkrankungen

"Jeder kann individuelle Strategien entwickeln!"


Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen sind der Schwerpunkt der Seminare, Vorträge, Trainings und Mitmachaktionen, die ein Jahr lang im Rahmen der Kampagne "Bethel bewegt sich" stattfinden. Über Ursachen, Prävention und Behandlung der Erkrankungen sprach DER RING mit dem Diplom-Sportwissenschaftler Christoph Freese, Leiter der Sporttherapie im Zentrum für medizinische Rehabilitation (ZMR) in Bielefeld-Bethel. Das Interview führte Gunnar Kreutner.


FRAGE: Herr Freese, mit welchen arbeitsbedingten Muskel-Skelett-Erkrankungen kommen Bethel-Mitarbeitende zu Ihnen in das ZMR?

CHRISTOPH FREESE: Bei uns werden viele Mitarbeitende mit Rückenproblemen aus dem Pflegebereich der Alten- und Behindertenhilfe und Krankenschwestern aus dem Klinikbereich behandelt. Aber auch über Gelenk- und Knieprobleme und über Beschwerden im Schulter- und Nackenbereich klagen die Patienten.

FRAGE: Was sind die wesentlichen Ursachen für diese Beschwerden?

CHRISTOPH FREESE: Grundsätzlich haben Muskel-Skelett-Erkrankungen zugenommen, weil die Arbeitsdichte insbesondere im Pflegebereich größer geworden ist. Ansonsten sind vor allem zu wenig Bewegung oder einseitige Belastung die Ursachen. Wenn jemand einen Bürojob ausübt und immer nur an seinem Schreibtisch sitzt, kommt sogar beides zusammen. Neben erworbenen Muskel-Skelett-Erkrankungen können auch angeborene Fehlstellungen in Gelenken oder Verletzungen Muskel-Skelett-Erkrankungen verursachen - insbesondere Arthrose.

FRAGE: Welche Rolle spielt Stress?

CHRISTOPH FREESE: Stress kann körperliche Reaktionen auslösen, die negative Auswirkungen auf Muskeln, Knochen und Gelenke haben, besonders, wenn Stress auf Dauer empfunden wird. Autofahrer kennen vielleicht die Situation, dass ihnen auf der Autobahn jemand zu dicht auffährt. Dann wird man nervös und zieht vor Anspannung unbewusst die Schultern an. Bei einem länger andauernden Spannungszustand der Muskulatur empfindet der Betroffene irgendwann Schmerzen. Er nimmt eine Schonhaltung ein, die aber eine Fehlstellung ist und zu neuen Schmerzen führt. So beginnt ein Teufelskreis.

FRAGE: Was kann man dagegen tun?

CHRISTOPH FREESE: Jeder ist für seine Gesundheit verantwortlich und sollte aufmerksam sein. Mit Hilfe eines Therapeuten kann man lernen, die Entspannungsfähigkeit zu verbessern. Wir lassen die Betroffenen wahrnehmen, wo sie Verspannungen und Fehlhaltungen haben. Anschließend helfen wir ihnen, individuelle Strategien zu entwickeln, um selbstständig aus dem Teufelskreis herauszukommen. Das klappt oft nur durch ein entsprechendes Training unter fachlicher Anleitung.

FRAGE: Wie können Mitarbeitende Muskel-Skelett-Erkrankungen von vornherein verhindern?

CHRISTOPH FREESE: Zunächst einmal kann jeder privat und am Arbeitsplatz für sich schauen, dass er täglich ein Plus an Bewegung hat. Ich bin aber überzeugt, dass sich viele - zum Beispiel in der Pflege schwerstbehinderter Menschen - bereits richtig bewegen, denn sonst würden sehr viel mehr Mitarbeitende mit Beschwerden zu uns kommen. Grundsätzlich ist es schwierig, an dieser Stelle praktische Tipps für die Arbeit zu geben, denn die Ursachen und Probleme sind von Fall zu Fall, je nach Arbeitsplatz und Tätigkeit, zu verschieden. Daher ist es für die Therapeuten wichtig, durch Schilderungen der Betroffenen oder sogar durch einen Besuch vor Ort am Arbeitsplatz ein genaues Bild vom Umfeld und der Arbeitsweise zu erhalten.

FRAGE: Welche Möglichkeiten haben Arbeitgeber, um Muskel-Skelett-Erkrankungen in der Belegschaft vorzubeugen?

CHRISTOPH FREESE: Seit Anfang dieses Jahres können Unternehmen pro Kopf und pro Jahr 500 Euro steuerlich absetzen, die sie für die betriebliche Gesundheitsförderung ausgeben - so viel zur allgemeinen Information. Den Betheler Gesundheits- und Krankenpflegeschulen bieten wir zum Beispiel an, ihre Azubis einmal im Jahr an unseren gesundheitsfördernden Maßnahmen zur Vermeidung von Rückenproblemen teilnehmen zu lassen. Dieses Angebot wird von den Krankenkassen bezahlt. Die Gesundheits- und Krankenpflegeschule im Johannesstift nutzt diese Möglichkeit bereits.

FRAGE: Welchen Stellenwert hat betriebliche Gesundheitsförderung für Sie als Sportwissenschaftler?

CHRISTOPH FREESE: Das betriebliche Gesundheitsmanagement muss in der Unternehmensphilosophie einen gewissen Stellenwert haben und darf nicht nur proklamiert und beschlossen werden. Ich habe den Eindruck, dass die Bethel-Führung hier bereits sehr verantwortungsvoll denkt und auch viel initiiert oder unterstützt. Es ist prima, dass es Aktionen wie die Fahrrad-Kampagne oder das aktuelle Projekt "Bethel bewegt sich" gibt. Gut fand ich auch die Studie zur Befindlichkeit der Mitarbeitenden, die im Betheler Psychiatrie-Bereich durchgeführt wurde. Es ist wichtig, dass solche Maßnahmen von Geschäftsführung und Management angestoßen oder gefördert werden.

FRAGE: Viele Menschen haben große Probleme mit dem "inneren Schweinehund". Wie schaffen Sie es, sie trotzdem zu motivieren?

CHRISTOPH FREESE: Wir versuchen, die Menschen da abzuholen, wo sie sind. Wenn sie keinen wirklichen Antrieb verspüren, machen Angebote wenig Sinn. Darum ist es ja so wichtig, den Betroffenen den Spaß an der Bewegung zu vermitteln. Der Patient darf Übungen nicht als lästige Pflicht empfinden. Sobald Bewegung Spaß macht, kommt beides zusammen: Ich bewege meine Seele und den Körper - und das ist sehr wichtig. Die neuesten Rückenschulungen sehen daher so aus, dass möglichst wenig dogmatisch, also nicht wie ein Gesundheitsapostel, gearbeitet wird. Das heißt: möglichst wenig Theorie, dafür viel Bewegung mit Musik, viele gruppendynamische Übungen, hält möglichst bei allem den Spaß im Auge behalten.

FRAGE: Wie arbeitet die Rehabilitation im Bereich der Muskel-Skelett-Erkrankungen generell?

CHRISTOPH FREESE: Wir müssen die Verhältnisse an den Arbeitsplätzen der Betroffenen kennen. Daher bietet das ZMR zum Beispiel eine Ergonomie-Beratung am Arbeitsplatz an, um festzustellen, unter welchen Bedingungen Mitarbeitende arbeiten, und um ihnen dann entsprechend helfen zu können. Vielleicht stellen wir vor Ort direkt fest, dass zum Beispiel die räumliche Anordnung der Betten, an denen jemand aus dem Pflegebereich arbeitet, nicht optimal ist. Wenn uns jemand seine Situation und Arbeitsweise schildert, bekommt er praktische Tipps zur Koordination und Selbstwahrnehmung. Interessierte Mitarbeitende sollten sich bei ihrer Krankenkasse informieren, ob die Kosten für das Angebot übernommen werden.


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Quelle:
DER RING, Februar 2009, S. 12-13
Monatszeitschrift für Mitarbeiter, Bewohner, Freunde
und Förderer der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel
Herausgeber: Pastor Ulrich Pohl in Zusammenarbeit mit der
Gesamtmitarbeitervertretung der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel
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veröffentlicht im Schattenblick zum 21. Februar 2009