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PROJEKT/637: Job-Coaching - Ein Arbeitskollege auf Zeit (Selbsthilfe)


Selbsthilfe - 4/2011

JOB-COACHING
Ein Arbeitskollege auf Zeit

von Reinhard Hötten


Für jeden Menschen bedeutet Arbeit Teilhabe an der Gesellschaft, Normalität und die Sicherung des Lebensunterhaltes. Dies gilt für behinderte Menschen in besonderem Maße, die dabei gleichzeitig von erhöhter Arbeitslosigkeit bedroht sind. Wie kann ein Job-Coach hier unterstützend wirken? Ein Job-Coach oder Arbeitstrainer ist eine Fachkraft, die einen Mitarbeiter direkt an seinem Arbeits- oder Praktikumsplatz anleitet und ihm hilft, seine Arbeit richtig zu erlernen. Job-Coaches sind dafür ein- bis zweimal pro Woche für mehrere Stunden über einen Zeitraum von 3-6 Monaten im Betrieb, arbeiten teilweise auch mit und werden so zu einer Art "Kollege auf Zeit". Sie erleben dabei sowohl den behinderten Menschen mit seinen Fähigkeiten und Grenzen als auch das Verhalten der Kollegen und Führungskräfte und können bei Missverständnissen vermitteln.



Alltag erleben - Integrieren - Verändern

Eine der Aufgaben des Job-Coaches ist es, in Absprache mit dem Betrieb Anforderungen vorübergehend so auf das Lernniveau anzupassen, dass der behinderte Mitarbeiter schrittweise seine Fähigkeiten erweitern kann. Gleichzeitig teilen sie den betrieblichen Alltag mit allen Mitarbeitern des Arbeitsbereiches und erweitern dadurch ihre Handlungsmöglichkeiten in das betriebliche Umfeld hinein. Ein Job-Coach wird dabei am Anfang meistens neugierig beäugt. Dieses Interesse an seiner Person nutzt der Job-Coach um Kontakte herzustellen und so eine Basis für gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Die Aussage eines Job-Coaches "nach vier Wochen muss man zur Familie gehören" beschreibt diese Haltung sehr deutlich.


Allparteilicher Helfer

Integration wie Inklusion erfordern Veränderungsprozesse von Menschen. Diese sind häufig mit Ängsten und Unsicherheiten verbunden. Job-Coaches verstehen sich dabei als allparteilich und achten darauf, dass sie diese Haltung, auch und gerade bei Spannungen, nicht verlieren. Partei ergreifen Job-Coaches letztlich für den Integrationsprozess und für jeden, der sich daran beteiligt. Sie bieten Schutz um Lernen zu ermöglichen und regen mit kreativen Ideen neue Möglichkeiten an.


Qualität ist entscheidend

Der erste Ansatz im Job-Coaching ist immer die fachliche Qualifizierung am Arbeitsplatz. Wenn diese gelingt, ist eine Wirkung oft schnell sichtbar und der Erfolg rückt näher. Meistens bestehen Lösungen aber aus mehreren kleinen Schritten aller Beteiligten. Job-Coaches verfolgen dabei einen pragmatischen Ansatz, der sich an den Möglichkeiten des Einzelfalls orientiert. Sie richten ihre Aufmerksamkeit auf mögliche Veränderungsschritte, die einen Prozess in Bewegung bringen. Das Ergründen von Ursachen ist hierfür nicht wichtig, entscheidend ist die Ausrichtung auf Lösungen. Gegenseitige Grenzen, gleichgültig ob diese in der Behinderung, in wirtschaftlichen Zwängen oder in sozialen Vorurteilen liegen, sind als Realitätsdefinitionen der Beteiligten zu verstehen und als solche erst mal zu akzeptieren. Durch die Ideen des Job-Coaches sowie seine zeitlichen wie fachlichen Ressourcen entstehen dann aber neue Möglichkeiten, die Zusammenarbeit zu gestalten.


Kleine Schritte - große Wirkung

Wichtig ist es, eine Bewegung in Gang zu setzen. Bereits kleine Schritte können Veränderungen signalisieren, die sich dann, bei entsprechender positiver Bewertung, gegenseitig verstärken und motivierend wirken. Ein erster Schritt kann z.B. ein leicht verbessertes Arbeitsergebnis, eine kleine Änderung im Sozialverhalten oder eine wertschätzende Ansprache gegenüber dem behinderten Menschen sein. Auch pünktliches Erscheinen, saubere Arbeitskleidung oder eine betriebliche Anpassung der Anforderungen können entsprechend wirken. Es ist eine wichtige Aufgabe der Job-Coaches, hier einen möglichen Ansatzpunkt zu finden. Die Erfahrung zeigt, dass letztlich immer die Seite zu Lösungen beiträgt, die dazu fähig ist. Welche das im Einzelfall ist, spielt für den Erfolg keine Rolle.


Zentrales Thema: Kommunikation

Ein häufiges Thema sind Missverständnisse: Durch Vorurteile und Unsicherheiten wissen viele Menschen oft nicht, wie man behinderten Menschen begegnen soll: Überfürsorge oder Ausgrenzungen sind auch im Betrieb typische Reaktionsmuster. Auf der anderen Seite sind sich auch viele behinderte Menschen unsicher, wie sie persönlich mit ihren Einschränkungen umgehen sollen. Hier ist die Spannbreite ebenso breit und reicht von deutlicher Überschätzung der eigenen Fähigkeiten bis zu einem persönlichen Empfinden von Minderwertigkeit. Dies spielt insofern eine große Rolle, da durch diese inneren Haltungen Kommunikationsprobleme vorgezeichnet sind. Diese sind oft schwerwiegender als eine Fehlpassung von Arbeitsleistung und Anforderungen. Ein mit sich und seinen Grenzen integrierter behinderter Mensch ist nach unserer Erfahrung immer eine Bereicherung für die soziale Gemeinschaft. Das Gleiche gilt für Betriebe: Wenn die Grenzen behinderter Menschen nicht anders behandelt werden wie die Grenzen eines jeden Menschen, entsteht ein angenehmes Betriebsklima und ein effektiver Umgang mit menschlichen Ressourcen. In einem Job-Coaching können hier Impulse für den Betrieb entstehen, die deutlich über die einzelne Person hinausgehen. Zum Beispiel kann es viel bewirken, wenn ein behinderter Mensch im geschützten Rahmen des Job-Coachings seine Leistungsbereitschaft zeigen kann, die Führungskräfte oder Kollegen dies wahrnehmen und allein dadurch ihre Haltung ihm gegenüber ändern.


Qualifikation der Job-Coaches

Das LWL-Integrationsamt Westfalen bietet seit über 20 Jahren Job-Coaching für schwerbehinderte Menschen an. Dabei wird auf eine möglichst breite berufliche Qualifikation der beauftragten Fachkräfte geachtet, damit sie sich leichter in die verschiedenen Perspektiven ihrer Kunden hineinversetzen können. Sehr wichtig ist auch eine persönliche Reflexionsfähigkeit, um die innerliche Unabhängigkeit zu behalten und dadurch neue Impulse in den Betrieb tragen zu können. Um den eigenen Fachkräftebedarf zu bedienen und um darüber hinaus zur fachlichen Weiterentwicklung beizutragen, bietet das LWL-Integrationsamt gemeinsam mit dem dem LWL-Berufsbildungswerk und dem Handwerkskammer Bildungszentrum in Münster eine Weiterbildung zum Job-Coach an. Diese dauert über ein Jahr und bereitet umfangreich auf diese spezielle Aufgabe vor.

Nähere Hinweise finden Sie unter
www.job-coaching.de


KONTAKT
Reinhard Hötten
LWL-Integrationsamt Westfalen
48133 Münster
reinhard.hoetten@lwl.org


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Quelle:
Selbsthilfe 4/2011, S. 22-23
Zeitschrift der BAG SELBSTHILFE
Herausgeber: Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe
von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung
und ihren Angehörigen e.V.
BAG SELBSTHILFE
Kirchfeldstr. 149, 40215 Düsseldorf
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veröffentlicht im Schattenblick zum 25. Januar 2012