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PROJEKT/702: "Normal ist, wenn man auszieht" - Wohnschule "WohnTräume" ebnet den Weg (Selbsthilfe)


Selbsthilfe - 3/2014

WOHNSCHULE "WOHNTRÄUME" DES SANKT VINCENZSTIFTS EBNET DEN WEG

"Normal ist, wenn man auszieht"

Von Mirijam Beuers



In vielen Fällen wohnen Menschen mit Beeinträchtigung bis ins hohe Alter mit ihren Familien zusammen oder sind in Wohnheimen und Wohngruppen zu Hause. Für den Alltag dieser Menschen, deren Familien und Angehörige hat dies oftmals vielschichtige Auswirkungen. So reduzieren sich auch die sozialen Kontakte häufig auf das Umfeld der Familie bzw. der Wohngruppe oder des Wohnheimes. Dabei ist es doch eigentlich normal, dass man auszieht. Dies sollte für Menschen mit einer Beeinträchtigung genauso gelten wie für ihre nichtbehinderten Altersgenossen. Denn auch für Menschen mit Beeinträchtigung gilt das Grundrecht auf ein selbstbestimmtes Leben und auf eine "unabhängige Lebensführung". Das ambulante Bildungsangebot WOHNSCHULE "WohnTräume" der Sankt Vincenzstift gGmbH möchte deshalb Menschen auf diesen Lebensabschnitt vorbereiten und richtet sich an Jugendliche und Erwachsene mit einer Beeinträchtigung.


Freie Wahl der Wohnform


Ein wichtiger Aspekt der Selbstbestimmung ist die freie Wahl der Wohnform: Menschen mit Beeinträchtigung sollen laut UN-Konvention die Möglichkeit erhalten, "ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben". Durch einen Auszug in eine ambulante Wohnform können Menschen mit Beeinträchtigung unabhängig von den Eltern und Betreuern ihren eigenen Lebensstil finden, ein eigenverantwortliches Leben führen und Hilfen in Anspruch nehmen, wenn diese erforderlich sind. Sie können somit ihr eigenes soziales, gesellschaftliches und wirtschaftliches Netzwerk aufbauen und größtmögliche Teilhabe in ihrem Leben erreichen.

Das ambulante Bildungsangebot Wohnschule "WohnTräume" ist ein Teil des FamilienServiceZentrums der Sankt Vincenzstift gGmbH, deren Träger die Josefsgesellschaft in Köln ist. Die Wohnschule "WohnTräume" wurde am 02. November 2009 eröffnet und richtet sich an Jugendliche und Erwachsene mit einer Beeinträchtigung, die noch zuhause wohnen oder bereits in einer stationären Wohnform leben.

Für die Teilnehmer entstehen Kosten in Form einer monatlichen Kursgebühr. Im Rahmen der Eingliederungshilfe kann beim jeweiligen Kostenträger ein Antrag auf Kostenübernahme gestellt werden. Zusätzlich wird für jeden Teilnehmer eine Aufwandsentschädigung für Verbrauchsmaterialien/Essen von 15 Euro pro Monat erhoben.


Selbstständig leben

Ziel der Wohnschule ist es, die Teilnehmer durch gezieltes Lernen und praktisches Üben zu befähigen, selbstständig zu wohnen und selbstbestimmt zu leben und eigenverantwortlich zu handeln. Deshalb werden die Teilnehmer dabei unterstützt, ihre individuellen Wohn- und Lebenswünsche herauszufinden und somit auch die persönliche Lebensqualität zu erhöhen. Das Lernumfeld umfasst alle Lebensbereiche, wie beispielsweise die Wohnsituation, das Arbeitsumfeld, sowie den Freizeitbereich und die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.

Die Wohnschule soll helfen, die bisherigen individuellen Fähigkeiten der Teilnehmer zur Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit weiter auszubauen. Durch einen hohen Betreuungsschlüssel bzw. kleine Gruppen sind individuelle und ergänzende Hilfestellungen zur Weiterentwicklung der Fähigkeiten und Fertigkeiten des Einzelnen möglich, die über die bisher geleistete Förderung innerhalb des Elternhauses oder der Wohngruppe hinausgehen bzw. diese ergänzen. Zur Arbeit mit den Teilnehmern gehört eine intensive Zusammenarbeit mit den Eltern und Betreuern.


Einen Lebensweg entwickeln

Der Besuch der Wohnschule soll die Teilnehmer unterstützen, eigene Wünsche und Vorstellungen für den weiteren Lebensweg zu entwickeln sowie die Möglichkeiten zu deren Realisierung kennen zu lernen und zu erproben. Die Teilnehmer sind dabei Experten in eigener Sache, die durch das Angebot die für sie individuelle Wohn- und Lebensform finden sollen. Gleichzeitig kann damit auch ihre persönliche Lebensqualität erhöht werden, damit sie selbstbestimmt am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen können.


Erfolgreich Alltag lernen

Die Wohnschule bietet Kurse an, die ein Jahr lang, ein bis zwei Mal wöchentlich (halbtägig und ganztägig) stattfinden. Der Unterricht findet in verschiedenen, ineinander übergreifenden und aufeinander abgestimmten Modulen statt, die die jeweilige Thematik sechs bis acht Wochen lang behandeln. Die Inhalte der Module werden für die jeweiligen Teilnehmer der unterschiedlichen Kurse mit deren individuellen Wünschen, Bedürfnissen, Fähigkeiten und Ressourcen abgebglichen und angepasst. So ist die Entwicklung der Module ein fortlaufender Prozess. Zudem werden die einzelnen Module nicht isoliert betrachtet, sondern übergreifend behandelt. Beispielsweise ist das Kochen und Backen mit dem Erstellen eines Einkaufszettels und dem Einkauf an sich, der Auswahl der Lebensmittel, dem Bezahlen und dem sozialen Kontakt zu anderen Menschen verbunden.

Seit Beginn 2009 haben die Teilnehmer von fünf Kursen die Wohnschule erfolgreich beendet. Zukünftig werden hoffentlich noch viele Menschen durch die Wohnschule in ein selbstbestimmtes Leben finden können.


KONTAKT:

St. Vincenzstift gGmbH
FamilienServiceZentrum
Wohnschule "WohnTräume"
Vincenzstr. 60
65385 Rüdesheim / Rhein
Tel: 06722 4024137 (Mi-Fr)
Fax: 06722 495403
m.beuers@st-vincenzstift.de
www.st-vincenzstift.de

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Quelle:
Selbsthilfe 3/2014, S. 28-29
Zeitschrift der BAG SELBSTHILFE e.V.
Herausgeber: Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe
von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung
und ihren Angehörigen e.V.
BAG SELBSTHILFE
Kirchfeldstr. 149, 40215 Düsseldorf
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Einzelpreis: 5,00 Euro.


veröffentlicht im Schattenblick zum 4. Februar 2015


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