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RECHT/666: Urteil erlaubt Präimplantationsdiagnostik in engen Grenzen (LHZ)


Lebenshilfe Zeitung, Nr. 3 - September 2010

"Wir wollen eine reiche Gesellschaft sein"

- Urteil erlaubt PID in engen Grenzen
- Frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt schreibt an die Lebenshilfe

Von Jeanne Nicklas-Faust


Im Juli hat der Bundesgerichtshof (BGH) einen Arzt freigesprochen, der in seiner Praxis Präimplantationsdiagnostik (PID) angewandt hatte. Dies ist eine Methode, bei der Embryonen im Rahmen der künstlichen Befruchtung vor der Einnistung in der Gebärmutter auf genetische Auffälligkeiten untersucht werden. Der BGH wie auch schon der Generalbundesanwalt halten es jedoch für dringend geboten, dass mittels der PID nur nach schwerwiegenden Krankheiten und Behinderungen gesucht werden darf. Das Problematische an dieser Methode ist, dass sie eine Entscheidung zwischen lebenswert und lebensunwert vornimmt, wie dies auch die Bundestagsabgeordnete und ehemalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt in einem Schreiben an die Bundesvereinigung Lebenshilfe formuliert. Damit würde das Lebensrecht von Menschen mit Behinderung relativiert. So hatte sich auch der Lebenshilfe-Bundesvorsitzende Robert Antretter in einer Pressemitteilung zu der Entscheidung des BGH geäußert. Er sieht in dieser Entscheidung einen Dammbruch, da die PID die Selektion nach erwünschten und unerwünschten Merkmalen ermöglicht.

"Viel zu sehr achtet unsere Gesellschaft noch auf die Einschränkungen, die sich aus einer Behinderung ergeben, statt die Fähigkeiten zu fördern"

Ulla Schmidt schreibt weiter: "Bei allem Mitgefühl im individuellen schweren Fall, stellt sich die Frage, ob unsere Gesellschaft ohne Menschen mit Behinderung insgesamt reicher wäre. Eine reiche Gesellschaft ist nach meiner Meinung eine Gesellschaft, in der das Besondere anerkannt wird, in der die Vielfalt und die Solidarität die Angst vor dem "Unnormalen" besiegen. Eine reiche Gesellschaft braucht die ganze Bandbreite des Lebens. Formen des "Andersseins", Menschen mit besonderen Fähigkeiten oder eben auch Menschen mit Behinderungen. Viel zu sehr achtet unsere Gesellschaft noch auf die Einschränkungen, die sich aus einer Behinderung ergeben, statt die Fähigkeiten zu fördern, die Menschen mit Behinderung mitbringen, und zu erkennen, welcher Reichtum für unsere Gesellschaft hieraus erwächst.

Manchmal frage ich mich, ob denn zu wenig darüber nachdenken, wie diese Diskussionen von behinderten Menschen wahrgenommen werden. Wie fühlt sich z.B. jemand, der mit Down-Syndrom geboren ist, wenn gesetzliche Regelungen diskutiert werden, nach denen er oder sie nicht existieren würde. Die Gesellschaft soll Menschen mit Behinderungen doch signalisieren, dass sie willkommen sind in unserer Mitte und dass wir sie brauchen, weil wir eine reiche Gesellschaft sein wollen. Wenn dies nicht mehr der Fall ist, ist das ganze Gerede von Inklusion unglaubwürdig."

Jeanne Nicklas-Faust,
stellvertretende Bundesvorsitzende


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Quelle:
Lebenshilfe Zeitung, Nr. 3/2010, 31. Jg., September 2010, S. 11
Herausgeber: Bundesvereinigung Lebenshilfe
für Menschen mit geistiger Behinderung
Bundesgeschäftsstelle, Leipziger Platz 15, 10117 Berlin
Telefon: 030/20 64 11-0, Fax: 030/20 64 11-204
E-Mail: LHZ-Redaktion@Lebenshilfe.de
Internet: www.lebenshilfe.de

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jährlich viermal (März, Juni, September, Dezember).


veröffentlicht im Schattenblick zum 21. Oktober 2010