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SPORT/286: Fair-Play-Preis sollte zum nationalen Leuchtturm werden (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 44 / 27. Oktober 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Fair-Play-Preis sollte zum nationalen Leuchtturm werden
Handballerin Wibke Kethorn und Paralympics-Sieger Michael Teuber im Rampenlicht

Von Andreas Müller


Den Abend jüngst in Hamburg wird Handball-Spielerin Wiebke Kethorn nicht so schnell vergessen. Aus dem Trainingslager der Nationalmannschaft schnell angereist und von Bundestrainer Rainer Osmann kurzzeitig freigestellt, hatte sich die 24-Jährige vom Bundesligisten VfL Oldenburg im Fond eines Taxis in einer filmreifen Szene von Jeans und T-Shirt befreit, eilig festliche Abendgarderobe angelegt und für eine Sportler-Ehrung der besonderen Art zurecht gemacht. In der Handelskammer der Hansestadt sollte Wibke Kethorn wenig später gemeinsam mit Paralympics-Sieger Michael Teuber den diesjährigen Preis für Fair Play und Toleranz entgegen nehmen. Eine Trophäe, die vom Bundesinnenministerium des Innern (BMI) zum nunmehr zehnten Mal ausgelobt und traditionell beim von der Stiftung Deutsche Sporthilfe ausgerichteten "Fest der der Begegnung" überreicht wurde. "Ich dachte, das ist eine Veranstaltung in einer kleineren Runde. Ich war total überrascht, in welchem Rahmen das stattfand", gestand die Preisträgerin des Jahres 2009 anschließend ihre doppelte Verblüffung, das ihr rund 700 Gäste lautstark und herzlich Beifall zollten. Am Tag danach, als sie morgens zum nächsten EM-Qualifikationsspiel der deutschen Handball-Frauen nach Italien aufbrach und die Bronze-Skulptur im Gepäck hatte, die den Trost des Siegers an den Verlierer versinnbildlicht, schien sie noch immer darüber verwundert, dass gerade sie aus den Händen von Christoph Bergner, dem Parlamentarischen Staatssekretär für Sport im BMI, den Fair-Play-Preis überreicht bekommen hatte.


Ein Berg auf Teneriffa und eine großartige Torszene

"Die heute mit dem Preis für Toleranz und Fair Play im Sport Ausgezeichneten beeindrucken durch ihr vorbildlich faires Verhalten beziehungsweise durch ihr langjähriges Engagement für den Sport und die Gesellschaft. Toleranz und Fairness sind die wichtigsten Grundlagen des Sports", erklärte Christoph Bergner und würdigte die Verdienste der beiden Preisträger. Der Behindertensportler Michael Teuber habe nicht nur mehrfach Gold bei Weltmeisterschaften und Paralympischen Spielen gewonnen, sondern zeige durch vielfältiges Engagement auf, über welche Möglichkeiten ein paralympischer Spitzensportler verfügt, "um die soziale Integration von Menschen mit Beeinträchtigungen voranzutreiben". So wirke er seit 2005 als Laureus Sport Botschafter und seit 2008 als Paralympischer Botschafter. Unter dem Sporthilfe-Motto "Leistung. Fair Play. Miteinander" hatte der seit August 1987 nach einem Autounfall an beiden Beinen gelähmte Radsportler auf der Kanaren-Insel Teneriffa den mit 3.718 Metern höchsten Berg Spaniens an einem Tag befahren und bestiegen. Den Erlös für diese Aktion in Höhe von fast 19.000 Euro spendete Michael Teuber der Sporthilfe zur "Unterstützung der nächsten Sportlergeneration", wie Christoph Bergner ausführte.

Auch Wibke Kethorn sei Bergner zufolge "zum Vorbild für alle Sporttreibenden" geworden. Sie erhielt den Fair-Play-Preis für eine Aktion am 25. März 2009 im Heimspiel gegen den späteren Meister HC Leipzig. In der 20. Minute beim Stand von 9:7 für die Außenseiterinnen hatte sich die Oldenburgerin Angie Geschke auf der halblinken Position gegen die HCL-Abwehr durchgesetzt, war in den Siebenmeter-Kreis gesprungen und hatte Leipzigs Torhüterin Katja Schülke den Ball so unglücklich an den Kopf geworfen, dass sie auf dem Parkett liegen blieb. Der Ball war in diesem Moment zu Wibke Kethorn gesprungen, die in zentraler Position aus etwa neun Metern unbedrängt und locker ins Tor werfen und für ihre Mannschaft den Vorsprung auf drei Treffer hätte erhöhen können. Stattdessen legte sie den Ball ab, so dass die Torfrau behandelt und anschließend weiterspielen könnte. Im weiteren Spielverlauf kamen die Leipzigerinnen auf 10:10 heran, das Spiel ging schließlich 24:24 aus. Mit einem Sieg wären die Handballerinnen vom VfL Oldenburg erstmals in der Clubgeschichte in die Playoffs eingezogen. So jedoch fehlte ihnen am Ende der Hauptrunde ein Pünktchen gegenüber dem Frankfurter HC.

"So nah dran war der Handball-Bundesligist VfL Oldenburg am deutschen Rekordmeister HC Leipzig noch nie", wird auf der VfL-Website die Situation rund um die Fairplay-Geste des Jahres 2009 ausführlich beschrieben. "Leipzig war vor dem viertletzten Spieltag der Hauptrunde Zweiter (22:14 Punkte), Oldenburg als Dritter nur einen Punkt dahinter (21:15). Zudem hatte der HCL eine schlechte Phase, verlor zuvor in vier von sechs Pflichtspielen. Vor der Partie am 25. März galt der VfL eben nicht wie sonst als krasser Außenseiter. 'Heute treffen wir uns auf Augenhöhe', hatte VfL-Trainer Leszek Krowicki der Oldenburger Nordwest-Zeitung gesagt. Allerdings wusste auch er: Gewonnen hatte der VfL noch nie ein Spiel gegen die Leipzigerinnen, lediglich 2003 hatte es ein Remis (25:25) gegeben."

"Ich wette, 99 Prozent aller Handballer werfen in so einer Situation" An einen großen Preis für den "verweigerten Torwurf" war an diesem Märztag nach dem Schlusspfiff in Oldenburg noch keineswegs zu denken. Im Gegenteil schienen sich in der Halle zunächst eher Vorwürfe breit zu machen. "Mensch, macht mich jetzt nicht fertig wegen der einen Szene", lautete Wibke Kethorns erste Reaktion gegenüber der Presse. "Ich sah, dass Katja am Boden lag. So will ich kein Tor werfen. Klar, ich weiß, ich habe eine Torchance vergeben, doch dazu stehe ich", kommentierte die Spielerin die entscheidende Szene, während ihr Trainer Leszek Krowicki ihr sofort den Rücken stärkte: "Habt ihr das gesehen?", rief er den Journalisten zu. "So eine faire Geste. Ich wette, 99 Prozent aller Handballer werfen in so einer Situation." Als Spiel entscheidend wertete der Coach die Szene nicht. Seiner Mannschaft sei anschließend ja "noch viel Zeit geblieben".

Mit dem Abstand von über einem halben Jahr hat sich bei Wibke Kethorn die Überzeugung noch verfestigt, genau richtig gehandelt zu haben und in ähnlichen Situationen stets wieder so zu reagieren. "Das war eine absolut spontane Reaktion. Ich hatte in der Situation nicht unbedingt Zeit, viel nachzudenken. Ich glaube, gerade darauf bin ich stolz, dass ich in dem Moment intuitiv genau so reagiert habe", berichtete sie bei der Auszeichnung in Hamburg. "Ich möchte ein faires Tor werfen. Und ich möchte nicht weiterspielen, wenn sich eine Spielerin verletzt", erklärte die junge Frau, die nur allzu gern bei der Weltmeisterschaft im Dezember in China dabei wäre und ebenso hofft, mit dem VfL Oldenburg in dieser Saison den Sprung in die Playoffs zu schaffen.


"Momente, in denen einem als Zuschauer das Herz aufgeht"

In der Handball-Szene und weit darüber hinaus hat sich die junge Frau längst den Respekt verdient, der ihr nach der Großtat gebührt. "Ich finde es sensationell, dass das so eine Geste registriert und auf diese Weise gewürdigt wird, weil ja so kleine Szenen im Spiel selbst oft genau kaum so wahrgenommen werden", befindet Grit Jurack, die große Führungsspielerin der Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB). "Auf diese Auszeichnung kann unsere ganze Sportart stolz sein, zumal Frauen-Handball ja nicht so oft im Fokus steht." "Diese Geste ist so überzeugend, dass sie fast nicht zu toppen ist", merkt Dietrich Westphal an, im BMI Leiter des Referates für Toleranz und Fair Play im Sport. Athletinnen wie Wibke Kethorn seien gerade auch für "Kinder und Jugendliche wichtige Vorbilder", wies Sporthilfe-Chef Werner E. Klatten auf die gesellschaftliche Strahlkraft hin. Mit ihrem Verhalten habe die junge Frau für einen jener Momente gesorgt, "in denen einem als Zuschauer das Herz aufgeht", geriet Rosi Mittermaier-Neureuther von der Preisträgerin wie vom Preis selbst geradezu ins Schwärmen.

Die frühere Skirennläuferin, die bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck zweimal Gold und einmal Silber gewann, wurde 1997 vom Bundesminister des Innern in Absprache mit dem Deutschen Sportbund (DSB) zur "Nationalen Botschafterin für Sport, Toleranz und Fair Play" berufen und war in dieser Eigenschaft natürlich in Hamburg bei der Preisverleihung anwesend. Ihre Ernennung ging auf eine Initiative des Europarates zurück, der seine Mitglieder 1995 dazu aufrief, nationale Botschafterinnen und Botschafter für Sport, Toleranz und Fair Play zu berufen. Die Tätigkeit der Nationalen Botschafterin zielt im Wesentlichen darauf, das Bewusstsein für die fundamentale Bedeutung von Toleranz und Fair Play im Sport und darüber hinaus zu schärfen. Ein Vorhaben, das "angesichts der vielfältigen Manipulationsversuche im modernen Sport insbesondere durch Doping, von besonderer Bedeutung" sei, wie das für Sport zuständige BMI betont.


Was fehlt, ist ein großer deutscher Fair-Play-Preis

Entsprechend sei es ganz im Sinne der nationalen Sportpolitik, sowohl den Preis als auch dessen Protagonisten, die sich in Sporthallen und Stadien, auf Rasen, Tartan und Parkett, im Sattel oder auf Kufen den ethischen Werten des Fair Play verpflichtet fühlen, noch mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung zu schenken. Dietrich Westphal verhehlt vor diesem Hintergrund keineswegs seine Sympathien für die Begründung eines eigenständigen "großen deutschen Fair-Play-Preises". Eine solche Auszeichnung und deren Preisträger würden womöglich schon deswegen für mehr öffentliche Wahrnehmung sorgen, weil damit eine eigene Veranstaltung verbunden wäre, die hoffentlich zu ähnlicher bundesweiter Beachtung führen würde wie die traditionellen Galaabende zur Ehrung der "Sportler des Jahres" oder der "Ball des Sports".

Einer der Wege zu neuen Gipfeln und Helden bei der Würdigung von Fair-Play-Leistungen im deutschen Sport könnte sein, die bislang separaten Verleihungen der vom BMI, vom Verband der Sportjournalisten oder einzelnen Spitzenverbänden gestifteten Preise miteinander zu verschmelzen und "aus wenigen kleineren Leuchttürmen einen ganz großen" zu formen, wie Westphal als Vision formuliert. In diesem Falle würde künftig auch die Zersplitterung der einzelnen Auszeichnungsveranstaltungen entfallen. Beispielsweise steht beim "Fest der Begegnung" traditionell nun mal die Auszeichnung der "Juniorsportler des Jahres" im Vordergrund, so dass die anderen Ehrungen auf derselben Bühne objektiv betrachtet nicht adäquat im Mittelpunkt stehen können.

Mit einer Reform verbunden wäre zudem ein weiterer Vorteil: Ein großer nationaler Preis und die alljährliche Wahl einer würdigen Athletin und eines würdigen Athleten müssten zwangsläufig dazu führen, dass die entsprechende Jury aus Vertretern zum Beispiel von BMI, dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), vom Deutschen Behindertensportverband (DBS) und von der Deutschen Olympischen Gesellschaft (DOG) von sehr vielen und wünschenswerter Weise von sämtlichen ethischen Großtaten Kenntnis erhält. Auf diese Art würde sicher gestellt, dass bei der Vorauswahl und Entscheidung nach dem Motto "Primus inter pares - Erster unter Gleichen" möglichst keine der herausragenden Gesten unberücksichtigt bleibt, im Zuge der Wahl und der Ehrung möglichst viele dieser guten Taten der Öffentlichkeit bekannt werden und Verbände, Ligen sowie Vereine zusätzlich animiert werden, ihre Fair-Play-Erlebnisse des Jahres bzw. der Saison zusammenzutragen.


"Fair-Play gibt dem Sport überhaupt erst seinen Sinn"

Das aktuelle "Meldesystem" jedenfalls scheint noch längst nicht optimal. Die Wahrscheinlich ist groß, dass Szenen à la Wibke Kethorn im organisierten Sport hierzulande weitaus öfter vorkommen, als derzeit bekannt ist. Es müssen ja nicht immer die ganz großen und spektakulären Ereignisse im Stile von Tischtennis-Profi Timo Boll sein, der in China in der "Höhle des Löwen" vor Tausenden Zuschauern in der Halle und Millionen vor dem Fernseher bei der WM 2005 den Schiedsrichter korrigierte und einen wichtigen Punkt seinem chinesischen Gegenüber gutschreiben ließ. Es war übrigens der Matchball. Die Deutsche Sporthilfe sah in diesem Moment etwas derart Großes, dass ihm die Stiftung im Rahmen der Kampagne "Leistung.Fair Play. Miteinander" ein eigenes Poster widmete.

Fair Play, mit diesem Begriff verbinden sich auch die vielen kleinen, wie selbstverständlich daherkommenden Verhaltensweisen von Spitzen- und Hobbysportlern, allesamt erzieherischvorbildliche, Mut machende und zur Nachahmung einladende Alltags-Episoden. Oft unbemerkt, oft genug nicht einmal im Wettkampf selbst so richtig wahrgenommen. Was stünde einem nationalen Fair-Play-Preis besser zu Gesicht, als dass dessen Jury die Qual der Wahl hat. Zwischen möglichst vielen Kandidaten und ihren guten Taten auswählen zu können, das eröffnete nicht nur viele Alternativen bei der Preisverleihung, sondern zugleich die Chance, in einem Jahr sogar mehrere Großtaten zu würdigen und in der bekannt zu machen. Wie sagte doch der Behindertensportler Michael Teuber am Rande der jüngsten Ehrung in Hamburg: "Ohne Fair Play gibt es für mich keinen Sport. Fair Play gibt dem Sport überhaupt erst seinen Sinn."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 44 / 27. Oktober 2009, S. 33
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veröffentlicht im Schattenblick zum 4. November 2009