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TAGUNG/272: Inklusive frühkindliche Entwicklung und Armutsbekämpfung (bezev)


Behinderung und internationale Entwicklung 1/2011

Internationale Tagung: Inklusive frühkindliche Entwicklung - ein unterschätzter Baustein der Armutsbekämpfung

Von Benedikt Nerger, Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit (bezev)


Über 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmer trafen sich vom 3. - 4.2.2011 in Bonn, um über die Bedeutung der ersten Lebensjahre für die menschliche Entwicklung und Armutsbekämpfung zu diskutieren. Die Tagung "Inklusive frühkindliche Entwicklung - ein unterschätzter Baustein der Armutsbekämpfung" wurde gemeinsam veranstaltet von Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit (bezev), Caritas international, dem Kindermissionswerk Die Sternsinger und der Kindernothilfe (*).

Die Tagung befasste sich in zwei Schwerpunkten mit den Auswirkungen von Armut auf die frühkindliche Entwicklung und die Inklusion von Kindern mit Behinderung in entsprechenden Programmen. Die frühe Kindheit des Menschen wurde als Tagungsthema gewählt, da dieser Zeitraum eine wichtige Rolle spielt für das Entwicklungspotenzial der Kinder, der heranwachsenden Generation und damit der Gesellschaft als Ganzes. Sie trägt entscheidend zum Erreichen des Millenniumsentwicklungsziels der Armutsreduzierung sowie zu den Entwicklungszielen Gesundheit und Bildung bei.

Die Weltbank hat deshalb die frühkindliche Entwicklung als einen wichtigen Bereich der Armutsbekämpfung erkannt und widmet sich dieser mit einem eigenen Programmbereich. Interventionen in den ersten Lebensjahren - vor allem im sensiblen Alter von 0 bis 3 Jahren - haben für die geistige und körperliche Entwicklung des Menschen eine größere Wirkung als in späteren Lebensjahren. Investitionen in die frühkindliche Entwicklung sind effizienter als zu einem späteren Zeitpunkt. Dies gilt in besonderem Maße für Entwicklungsländer, wie Emiliana Vegas von der Weltbank erläuterte. Für ein Vorschul- und Ernährungsprogramm in Bolivien schätzt die Weltbank, dass jedem Dollar Projektkosten ein volkswirtschaftlicher Nutzen von 1,8 bis 3,66 Dollar entgegensteht.


Die Auswirkungen von Armut auf die frühkindliche Entwicklung

Neben den grundsätzlichen Zusammenhängen zwischen Armut und frühkindlicher Entwicklung ging es zunächst im Wesentlichen um die Frage, welche Armutsfaktoren diese nachhaltig beeinflussen können. Als besondere Risikofaktoren wurden die Folgen von Mangelernährung, armutsbedingten Krankheiten und die soziale Situation von Kindern und ihren Familien näher beleuchtet, da diese in der Entstehung von vermeidbaren Beeinträchtigungen eine wichtige Rolle spielen. Besonders gefährdet sind Kinder und Mütter, die in absoluter Armut oder in Kriegs- und Konfliktregionen leben oder an HIV/Aids erkrankt sind.

Insbesondere Mangel- oder Unterernährung wirken sich negativ auf die frühkindliche Entwicklung aus. Dabei ist nicht nur eine Protein-Energie-Mangelernährung von Bedeutung. Auch eine unzureichende Versorgung mit Spurenelementen (wie z.B. Jod) oder Vitaminen können Kinder langfristig schädigen. Jodmangel während der Schwangerschaft kann beim Kind zu irreversiblen intellektuellen, körperlichen und sensorischen Beeinträchtigungen führen, Vitamin A-Mangel ist eine bedeutende Ursache für Blindheit und Sehbeeinträchtigungen bei Kindern.

Unter den armutsbedingten Erkrankungen stellen die Durchfallerkrankungen ein wesentliches Risiko dar. Sie stellen allein schon ein Gesundheitsrisiko dar und führen außerdem dazu, wie andere Infektionskrankheiten auch, dass sich der Gesundheitszustand eines von Mangelernährung betroffenen Kindes weiter verschlechtert. Unterernährte Neugeborene und Kleinkinder haben insgesamt ein viermal höheres Risiko an weiteren, i.d.R. relativ leicht behandelbaren Infektionskrankheiten zu sterben. Nach Angaben von UNICEF erreichen weltweit 200 Millionen Kinder unter fünf Jahren nicht ihr kognitives und sozialemotionales Potenzial. Die eingeschränkte intellektuelle und kognitive Leistungsfähigkeit des Kindes hat Auswirkungen auf seine Schulleistungen, verringert seine späteren Chancen den Lebensunterhalt zu sichern und erhöht somit das Risiko in Armut zu leben.

Die Tagung richtete aber nicht nur den Blick auf Entwicklungsländer, sondern auch auf die Situation in Deutschland, wo etwa jedes sechste Kind von Armut betroffen ist. Auch in einem Land mit überdurchschnittlichem Bruttoinlandsprodukt können armutsbedingte, deprivierende Lebensbedingungen die soziale und emotionale, unter Umständen auch die kognitive Entwicklung der Kinder entscheidend negativ beeinflussen.



Inklusive frühkindliche Entwicklung

Der zweite Schwerpunkt der Tagung widmete sich der Frage, wie gute inklusive frühkindliche Programme und Angebote aussehen sollten. Mit Bezug auf frühkindliche Programme wurde deutlich, dass diese ganzheitlich ausgerichtet sein müssen, d.h. sie sollten Gesundheit, Ernährung, Bildung und die soziale und emotionale Situation berücksichtigen. Nach der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung haben Kinder mit Behinderung das Recht, gleichberechtigt mit einbezogen zu werden. Dies bedeutet, dass frühkindliche Programme inklusiv sein müssen.

Dass neben der menschenrechtlichen Verpflichtung auch ein großer Bedarf besteht, verdeutlichte Carissa Gottlieb von der University of Wisconsin. Studien aus 18 Ländern zeigen deutliche Zusammenhänge zwischen dem Ernährungszustand, frühen Fördermaßnahmen und dem Risiko einer Beeinträchtigung auf. Diesen Ergebnissen zufolge wiesen 23 % der untersuchten Kinder ein erhöhtes Risiko für eine Beeinträchtigung bzw. Behinderung auf.

Damit Kinder mit Behinderung in frühkindlichen Programmen berücksichtigt werden können, ist die Früherkennung von entscheidender Bedeutung, stellt in Entwicklungsländern aber eine große Herausforderung dar. UNICEF hat in Zusammenarbeit mit der University of Wisconsin einen einfachen 10-Fragen-Katalog entwickelt, der dies ermöglichen soll.

Zur Inklusion von Kindern mit Behinderung in frühkindlichen Programmen stellt der von der Weltgesundheitsorganisation entwickelte Ansatz der gemeindenahen Rehabilitation (CBR) eine gute Grundlage dar, der in allen wesentlichen Bereichen Möglichkeiten aufzeigt, wie Kinder mit Behinderung in allgemeinen Maßnahmen und im Rahmen der Gemeinwesenentwicklung berücksichtigt werden können.

Mit Praxisbeispielen aus Indien, Südafrika, Kambodscha und Chile wurde konkret aufgezeigt, wie inklusive frühkindliche Programme aussehen können. Usha Ramakrishnan aus Indien und Sandy Padayachee aus Südafrika stellten aus ihrer praktischen Arbeit heraus entstandene einfache Handbücher vor, zum Beispiel in Form eines Kalenders. Diese erklären die unterschiedlichen Entwicklungsstadien von Kindern im Alter von 0-6 Jahren und zählen Anzeichen auf, die auf eine mögliche Behinderung hinweisen. Gleichzeitig erfahren die Eltern, wie sie die kognitiven und emotional-sozialen Fähigkeiten ihres Kindes fördern können.

Am Beispiel Chile wurde ein staatliches Programm vorgestellt, das die Inklusion von Kindern mit Behinderung auf nationaler Ebene im vorschulischen Bereich erfolgreich umgesetzt hat und damit weiter ist, als die inklusive vorschulische Bildung in Deutschland, die diesen Umsetzungsgrad noch nicht erreicht hat.



Resümee

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde noch einmal die Bedeutung der frühkindlichen Entwicklung für die Entwicklungszusammenarbeit hervorgehoben. Einig war man sich darin, dass dieser Bereich insgesamt noch zu wenig Beachtung findet. Insgesamt bedarf der frühkindliche Bereich im staatlichen und nicht-staatlichen Bereich einer stärkeren Aufmerksamkeit, wobei frühkindliche Programme ganzheitlich und inklusiv angelegt sein sollten.

Die Präsentationen der Tagung sowie weitere Informationen zur inklusiven frühkindlichen Entwicklung sind unter www.bezev.de abrufbar. Voraussichtlich im Sommer 2011 wird die Tagungsdokumentation erscheinen.

(*) Die Tagung wurde zusätzlich gefördert durch den Evangelischen Entwicklungsdienst, Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, Misereor und Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen.


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Quelle:
Behinderung und internationale Entwicklung
22. Jahrgang, Ausgabe 1/2011, S. 30-31
Schwerpunkt: Menschen mit kognitiver Behinderung/
Lernschwierigkeiten in Entwicklungsprozessen
Redaktionsgruppe: Stefan Lorenzkowski, Christiane Noe,
Mirella Schwinge, Gabriele Weigt, Susanne Wilm
Schriftleitung: Gabriele Weigt
Anschrift: Wandastr. 9, 45136 Essen
Tel.: +49 (0)201/17 88 963, Fax: +49 (0)201/17 89 026
E-Mail: gabi.weigt@t-online.de
Internet: www.zbdw.de

Für blinde und sehbehinderte Menschen ist die Zeitschrift
im Internet erhältlich unter www.zbdw.de

Die Zeitschrift Behinderung und internationale Entwicklung wird von
Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V. (bezev) herausgegeben.


veröffentlicht im Schattenblick zum 3. Juni 2011