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TAGUNG/291: Fachtag zur Unterstützten Kommunikation - vom Nichtsprecher zur Quasselstrippe (Bethel)


Pressemitteilung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel - 04.01.2013

Fachtag zur Unterstützten Kommunikation

Vom Nichtsprecher zur Quasselstrippe



Bielefeld-Bethel. Kommunikation ist wichtig. "Sie ist die Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben", betont Detlef Thiel-Rohwetter von der Beratungsstelle "Unterstützte Kommunikation" in Bielefeld-Bethel. Für Menschen, die sich nur eingeschränkt oder gar nicht über Lautsprache mitteilen können, stehen alternative Möglichkeiten zur Verfügung. Beim Fachtag "Wenn die Worte fehlen" Ende vergangenen Jahres stellten zwei Betroffene ihre computergestützten Kommunikationshilfen vor.

Norbert Kunze spricht. Besser gesagt: Er lässt sprechen und das seit fast acht Jahren. Vor ihm an einer Halterung am Elektrorollstuhl ist ein Display angebracht. Darauf sind verwirrend viele Tasten mit Symbolen angeordnet. Norbert Kunze kennt sie alle. Er beherrscht das Gerät - den Power Talker. Damit kann er sich im Alltag verständlich machen. Auch seinen Vortrag hat er mit der Kommunikationshilfe geschrieben. Für den körperlich sehr stark eingeschränkten Mann eine enorme Leistung. Zwei Monate habe er gebraucht, lässt er die 120 Seminar-Teilnehmerinnen und Teilnehmer wissen.

Norbert Kunze hat einen Computerarbeitsplatz in der Bethel-Werkstatt Basan für Menschen mit Behinderung in Bielefeld. Zum Fachtag kam der 29-Jährige jedoch nicht als Werkstatt-Beschäftigter, sondern als Referent des deutschsprachigen Verbands von ISAAC (International Society for Augmentative and Alternative Communication). In dem internationalen Netzwerk haben sich Betroffene, Angehörige sowie Fachleute aus Wissenschaft, Therapie und Pflege zusammengeschlossen, um die Situation von Menschen mit Kommunikationsbeeinträchtigungen zu verbessern.

Auch Kathrin Lemler ist ISAAC-Referentin und hält Vorträge über Unterstützte Kommunikation. Die 27-jährige Studentin der Erziehungswissenschaften hat aufgrund einer schweren Erkrankung keine Kontrolle über ihre Muskeln. Sie kann nicht Sprechen und ist auf eine elektronische Kommunikationshilfe angewiesen. Dafür benutzt sie einen Computer, in dessen Bildschirm eine Infrarotkamera eingebaut ist. "Sie folgt meiner Pupille, wenn ich auf den Bildschirm schaue", spricht die Computerstimme. Aus dem Abstand zur Pupille errechne der Computer dann den Buchstaben, den sie fixiere, erläutert Kathrin Lemler, die das autobiografische Buch "Ich spreche mit den Augen" geschrieben hat.

"Die Fähigkeit, sich verständlich zu machen, hat direkte Auswirkungen auf die Lebens- und Pflegequalität", sagt Dr. Susanne Wachsmuth. Die Dozentin der Universität Gießen hat zum Thema "Soziale Nähe durch Unterstützte Kommunikation" eine Habilitationsschrift verfasst. Ob Eltern-Kind-Beziehung, Freundschaften oder Partnerschaft - Kommunikation sei von herausragender Bedeutung. "Unsere Identität entwickelt sich in der Interaktion mit anderen. Dazu bedarf es der Fähigkeit zur Interaktion", sagt sie und verweist auf eine Passage aus dem Buch von Kathrin Lemler. Darin beschreibt diese, wie sie sich als Kind nichts sehnlicher wünschte als eine Freundin. Dank alternativer Kommunikationsmethoden hat sie sowohl einen festen Partner als auch eine beste Freundin gefunden. Und die hat auf die Frage, was sie denn am liebsten mit Kathrin mache, geantwortet: "Quasseln."

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Quelle:
Pressemitteilung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel vom 04.01.2013
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veröffentlicht im Schattenblick zum 9. Januar 2013