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VERBAND/681: 125 Jahre Psychiatrie - 100 Jahre Morija (Der Ring)


DER RING
Zeitschrift der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel - November 2011

125 Jahre Psychiatrie - 100 Jahre Morija
"Ein Ort, wo wir hingehen können"

von Robert Burg


Ein Doppel, das eigentlich ein "Tripel" ist: Mitte Oktober wurde mit einer Festveranstaltung in Bielefeld-Bethel ein zweifaches Psychiatrie-Jubiläum gefeiert. Doch neben 125 Jahren Psychiatrie und 100 Jahren Morija - heute Gilead IV - gab es jüngst noch ein weiteres wegweisendes Ereignis zu feiern: Bethel übernahm vor 25 Jahren die psychiatrische Pflichtversorgung für die Stadt Bielefeld.


Die Psychiatrie in Bethel nahm 1886 mit drei Häusern für Privatpatienten ihren Anfang, in denen sich der Stiftungen zufolge "nervöse Damen", "gemütskranke Männer" und "vornehme Schlingel" erholen durften. Von dem überschaubaren Anfang zu dem heutigen, weit verzweigten Angebot stationärer, teilstationärer und ambulanter Hilfen wurde die Entwicklung bei der Jubiläums-Veranstaltung in der Neuen Schmiede nachgezeichnet. Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl von der Universität Bielefeld geleitete die Zuhörer in seinem Vortrag durch 125 Jahre Psychiatrie-Geschichte, von den frühen Aktivitäten im 19. Jahrhundert bis nah an die Jetztzeit (vgl. DER RING Oktober 2011). Den "Staffelstab" für die 1980er-Jahre übernahm Dr. Günther Wienberg, im Vorstand für das Arbeitsfeld Psychiatrie zuständig. Die Bethel-Psychiatrie sei ein "Leuchtturm" mit gewaltiger Innovationskraft, in dessen Einflussbereich viele wegweisende Prozesse in Gang gesetzt worden seien, so Dr. Wienberg. Die Übernahme der psychiatrischen Pflicht- und Vollversorgung für die Stadt Bielefeld markierte die entscheidendste Veränderung für das Arbeitsfeld in jener Zeit. Zwar wurde sie in den Bethel-Fachkreisen zunächst kritisch gesehen, entwickelte sich aber schließlich zu einem Erfolgsmodell.

Davon ist auch Bielefelds Oberbürgermeister Pit Claussen überzeugt: "Sie machen das besser, als die Stadt Bielefeld es gemacht hätte", so der Politiker. "Hier ist ein Hilfesystem entstanden, mit dem sich nur wenige Städte vergleichen können." Dabei sei Bethel in der Entwicklung moderner Psychiatrie-Angebote stets eine treibende Kraft gewesen. Zu den weiteren Leitmotiven jener Zeit zählten die Enthospitalisierung und Deinstitutionalisierung. Auch Günter Garbrecht, Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des nordrhein-westfälischen Gesundheitsausschusses, unterstrich die Bedeutung der von Bethel ausgehenden Impulse, die weit über Bielefeld hinausreichten.

Auch räumlich entwickelte sich das Arbeitsfeld Psychiatrie, manchmal in rasantem Tempo. Ab 2000 wurden Angebote an neuen Orten aufgebaut, etwa im Ruhrgebiet. Heute ist Bethel mit Psychiatrie-Angeboten in vier Bundesländern vertreten; insgesamt stehen in der klinischen Behandlung 1086 stationäre und teilstationäre Plätze zur Verfügung, hinzu kommen vier psychiatrische Ambulanzen. 1984 wurden Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen an vier Standorten vorgehalten, heute sind es 17. Die Eingliederungshilfe mit stationären und teilstationären Plätzen sowie der Bereich der ambulanten Hilfe entwickelten sich ebenfalls zügig. Gab es in den 1980er-Jahren noch gar keine aufsuchenden Angebote, so werden heute alleine in Bielefeld 3000 Fälle pro Quartal gezählt. Beispiele für das vielfältige Hilfesystem seien etwa ein Krisendienst, eine Trauma-Ambulanz und eine Beschwerdestelle. Rund 200 laufende Partnerschaften - mit anderen Trägern, Initiativen oder Vereinen - wirkten in diesem System mit, betonte Prof. Dr. Martin Driessen, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Ev. Krankenhaus Bielefeld.

Die Perspektive Betroffener brachte Sybille Prins vom Verein Psychiatrieerfahrener bei der Veranstaltung ein. Als Meilensteine der jüngeren Zeit nannte Prins die Abschaffung der Isolierzellen Anfang der 1990er-Jahre sowie die Einführung von "Gastfamilien" für Psychiatrie-Patienten. Auch die "Trialogische Zusammenarbeit" von Angehörigen, Patienten und Profis sei gut unterstützt und gefördert worden. Mittlerweile sei die Psychiatrie in Bethel eine verlässliche Stütze für viele Betroffene: "Wir haben hier einen Ort, wo wir hingehen können", zitierte Sybille Prins eine Bekannte. "Ohne den gerät man in einer Krise unter die Räder."


Zukunftsaufgaben

"Unterschiedlichkeit muss Normalität werden", forderte Prof. Dr. Ingmar Steinhart, der sich besonders mit der weiteren Entwicklung der Psychiatrie im Sozialraum befasste. "Gemeindepsychiatrie bedeutet professionelle Unterstützung auf dem Weg zur Inklusion", stellte der Geschäftsführer von Bethel. regional fest. Doch noch etliche Aufgaben seien zu lösen. Dazu zählen Refinanzierungsprobleme, fehlende Partizipationsmöglichkeiten und eine "Therapeutische Kette", die sperrig und unflexibel sei: "Warum benötige ich sechs Zwischenschritte, wenn ich aus dem geschlossenen in den ambulanten Bereich wechseln will?", fragte Prof. Steinhart. Auch die "fürsorgliche Belagerung" durch wohlmeinende, aber bevormundende Mitarbeitende müsse beendet werden. "Im Mittelpunkt unseres Handelns muss der Wille des Klienten stehen."


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Quelle:
DER RING, November 2011, S. 12-13
Monatszeitschrift der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel
Herausgeber: Pastor Ulrich Pohl in Zusammenarbeit mit der
Gesamtmitarbeitervertretung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel
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veröffentlicht im Schattenblick zum 18. November 2011