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VERBAND/701: Erfolgreiche Kommunikation im Verband (Selbsthilfe)


Selbsthilfe - 1/2013

DER TON MACHT OFT DIE MUSIK
Erfolgreiche Kommunikation im Verband

Von Holger Borner



Sei es in Mitgliederversammlungen, auf Vorstandssitzungen oder auch auf Feiern: Die Selbsthilfegruppe, der Verein oder der Verband sind Orte, wo jede Menge geredet und gestritten wird. Leider passiert es dabei allzu oft, dass ein anfangs engagiert Mitwirkender frustriert aufgibt, weil er mit seinem Anliegen nur auf Desinteresse stößt und mit der anfallenden Arbeit allein gelassen wird. Vielleicht will er aber auch einfach die Meinung anderer nicht gelten lassen und gerät deshalb mit den anderen Vereinsmitgliedern leicht in Streit. Die BAG SELBSTHILFE hat sich im Rahmen des von der DAK - Unternehmen Leben geförderten Projekts "Verbandsgerechtes Kommunikationsmanagement" mit dem Thema Kommunikation näher befasst.

Ursachen für Kommunikationsmängel

Eine im Jahr 2012 bei den Mitgliedsverbänden gestartete Umfrage hat ergeben, dass eine Verbesserung der Kommunikationsstrukturen im Verband für notwendig erachtet wird. Gründe für auftretende Mängel sind zum Teil strukturelle Gegebenheiten (z.B. Landesverbände unterschiedlicher Größe oder räumlich weit auseinander liegende Selbsthilfegruppen). Auch behinderungsbedingte Kommunikationsschwierigkeiten oder schlichtweg technische Unzulänglichkeiten (kein Computerzugang) werden von Befragten als (Mit-)Ursache aufgeführt. Einhellig ist bei allen Verbänden jedoch die Auffassung, dass vor allem der allgemeine zwischenmenschliche Umgang oft ein ernsthaftes Problem darstellt und insoweit gerade bei der Arbeit in den Vereinsgremien ein Verbesserungsbedarf bei der Kommunikation gesehen wird.


Wertschätzung für den Gesprächspartner

Dies berichteten auch die Teilnehmer der zum Abschluss des Projekts stattgefundenen Fachveranstaltung in Düsseldorf. Hier ging es unter anderem darum, den Anwesenden Wege und Methoden einer Kommunikation aufzuzeigen, die vor allem mit Wertschätzung für den anderen Gesprächspartner verbunden ist. Es hat sich gezeigt, dass diese Form der Kommunikation dabei helfen kann, Konflikte von vornherein zu vermeiden und gemeinsame Ziele leichter zu erreichen. Das ist im Verein beziehungsweise in der Selbsthilfe nicht anders als im familiären Bereich, im Arbeitsleben oder auch auf der großen Weltbühne der internationalen Politik.

Zwischenmenschliche Kommunikation findet regelmäßig in der gleichen Grundform statt: Jemand verpackt sein Anliegen in eine Nachricht und der Empfänger entschlüsselt diese Mitteilung. Kommunizieren läuft normalerweise also vollkommen automatisch ab. Allerdings passiert es zuweilen, dass uns der andere missversteht oder nicht in der Lage ist, unsere Botschaft zu entschlüsseln. Wie schnell aus einer solchen Situation heraus ein Konflikt entstehen kann, weiß wohl jeder.


Körpersprache sagt oft mehr

Kommunikation kann übrigens auch über Körpersprache oder durch Schweigen stattfinden. Letztlich heißt das: man kann nicht nicht kommunizieren! Zu diesen reinen Kommunikationsweisen kommen verschiedene Stilelemente hinzu, die bei jedem aufgrund seines Charakters unterschiedlich stark ausgeprägt sind. So ist der eine eher ein selbstloser Typ, der seinen Standpunk schnell aufgibt, der andere handelt dagegen vornehmlich aggressiv und versucht, andere zu entwerten. Es gibt auch den bestimmenden und belehrenden Stil, der bei Personen vorherrscht, die alles unter ihrer Kontrolle halten wollen. Es finden sich darüber hinaus noch weitere Stilelemente, wobei der jeweilige Kommunikationsstil des Einzelnen durch eine individuelle Mischung dieser Elemente geprägt ist.


Konflikten vorbeugen - geht das?

Beim Thema Kommunikation handelt es sich also um eine komplexe Angelegenheit und da erscheint es nicht verwunderlich, dass unter bestimmten Voraussetzungen leicht ein Konflikt entstehen kann. Konflikte beginnen regelmäßig mit einfachen Unstimmigkeiten. Nach und nach nimmt der Umgang miteinander dann immer primitivere Formen an. Was mit einer verbalen Diskussion begann, kann so in eine Prügelei ausarten. Aber lassen sich solche Entwicklungen möglicherweise vermeiden? Wie kann man sein eigenes Anliegen dem anderen näherbringen, ohne ihn zu kränken? Wie kann man umgekehrt andere Positionen akzeptieren lernen, ohne seine eigene Haltung aufzugeben? Und wie gelangt man zu einer für alle Beteiligten zufriedenstellenden Lösung?


Was persönliche Bedürfnisse mit Kommunikation zu tun haben

Unsere Kommunikation wird von persönlichen Bedürfnissen geleitet. Dazu gehört zum Beispiel das Bedürfnis nach Nahrung, Schutz und Obdach, Sicherheit und auch nach Gesundheit. Daneben gibt es die Ichbezogenen Bedürfnisse nach Freiheit und Selbstbestimmung, Selbstwert oder Kreativität. Schließlich haben wir noch die sozialen Bedürfnisse, nach Akzeptanz, Wertschätzung und nach Respekt. Diese vielen Bedürfnisse können erfüllt oder auch weniger oder sogar gar nicht erfüllt sein. Welcher der Zustände vorliegt, zeigt sich sogleich an unseren Gefühlen. Lehnt beispielsweise die Krankenkasse ein beantragtes Hilfsmittel ab, sind daraufhin vermutlich die Bedürfnisse des Antragstellers nach Freiheit und Selbstbestimmung, aber auch nach körperlicher Bewegung sowie Akzeptanz und Wertschätzung unerfüllt. Der Betroffene reagiert auf die Ablehnung verärgert, vielleicht auch besorgt oder entmutigt. Umgekehrt fühlen sich Menschen an einem sonnigen Tag, an dem sie mit ihrem Partner einen Spaziergang unternehmen, vermutlich fröhlich, vielleicht auch befreit, entspannt und optimistisch. Kein Wunder, sind doch in diesem Moment die Bedürfnisse nach Unabhängigkeit, Ruhe, Wärme und Licht sowie nach Nähe und Geborgenheit aller Voraussicht nach vollends erfüllt.


Erfolgreicher kommunizieren

Jede Art von Kommunikation ist also von dahinter liegenden Positionen und Interessen geleitet. So ist es umso leichter, die Sichtweise und das kommunikative Verhalten des anderen zu verstehen und - als einen nächsten Schritt - zu akzeptieren. Erforderlich hierfür ist allerdings ein ausreichendes Maß an Empathie, das wir dem anderen entgegenbringen. Dieses gelingt uns, wenn wir zunächst versuchen zu beobachten, ohne das Beobachtete (z.B. die Worte, die Gestik oder auch sonstiges Verhalten des anderen) zugleich zu bewerten. Vielmehr sollte man ergründen, welche Gefühle und Bedürfnisse den anderen bewegen, z.B. durch Fragen wie "Sind Sie deshalb enttäuscht?". Nicht unbedingt hilfreich ist es, hier gleich mit Ratschlägen, Trösten, Belehrungen oder gar Drohungen zu reagieren. Sinnvoller ist es, sich nach den gangbaren Wegen aus Sicht des anderen zu erkundigen, wie "Was müsste aus Ihrer Sicht passieren?" Hierdurch kann eine Basis dafür geschaffen werden, dass sich der andere umgekehrt auch mit unserer Position und unseren Interessen auseinandersetzt und hierfür Verständnis entwickelt.

Diese Vorgehensweise wird sicherlich nicht gleich auf Anhieb gelingen, sondern benötigt viel Training. Probieren Sie es aber doch einfach einmal auf der nächsten Vorstandssitzung aus. Kommunikation ist ohnehin ein unerschöpfliches Thema, und auch zu der kurz skizzierten wertschätzenden Kommunikation (bzw. gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg) gibt es jede Menge Literatur sowie zahlreiche Seminare und Workshops. Vielleicht finden Sie ja Geschmack daran.

Konfliktfreie Kommunikation ist ein unerschöpfliches Thema und so können an dieser Stelle nur einige Aspekte des Themas behandelt werden. Es lohnt sich aber, sich einmal näher damit zu befassen. Dazu stehen vielfältige Literatur sowie zahlreiche Workshops und Seminare zur Verfügung.

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Quelle:
Selbsthilfe 1/2013, S. 10-11
Zeitschrift der BAG SELBSTHILFE e.V.
Herausgeber: Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe
von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen e.V.
BAG SELBSTHILFE
Kirchfeldstr. 149, 40215 Düsseldorf
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veröffentlicht im Schattenblick zum 13. Juni 2013