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WERKSTATT/278: Teilhabe durch Arbeit?! Werkstätten, Arbeitsprojekte & Co als notwendige Lernfelder (Soziale Psychiatrie)


Soziale Psychiatrie Nr. 154 - Heft 4/16, Oktober 2016
Rundbrief der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V.

Teilhabe durch Arbeit?!
Werkstätten, Arbeitsprojekte & Co als notwendige Lernfelder und Schutzräume
Ein Beitrag zur fahrlässigen Diskussion über Sonderwelten

Von Michael Asmus, Fritz Bremer, Rainer Holsten und Barbara Stürmer


Vorab: Im vergangenen Jahr erschien bei '53° Nord'(*) ein Gespräch mit der von den Vereinten Nationen beauftragten Beobachterin der Umsetzung der Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) - bezogen auf die Entwicklung der Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) in Deutschland. Sie forderte die Abschaffung der »Sonderwelten« der Werkstätten und die Vermittlung der Menschen mit Behinderung auf dem »ersten Arbeitsmarkt«. Sie ging von der Situation in Großbritannien aus: Dort arbeiteten in den Werkstätten die weniger schwer behinderten Menschen, die im Zuge der Abschaffung dieser Einrichtungen in die Arbeitswelt integriert werden sollten. Die Einladung, Werkstätten in Deutschland zu besuchen, lehnte sie ab. Sie beurteilte also die Situation in Deutschland, ohne zu wissen, welche Menschen mit welchen Behinderungen hierzulande in den WfbM arbeiten und betreut werden. Obwohl die Voraussetzungen nicht stimmten, hatten ihre Aussagen eine Wirkung. Wer öffentlich so spricht, befördert die Tendenz, nicht ernsthaft und mit Aufmerksamkeit über die Lebenswelt der betroffenen Menschen und über Entwicklungsschritte hin zu mehr Inklusion nachzudenken, sondern spielt voluntaristisch und fahrlässig mit der Lebenssituation vieler Menschen mit Behinderung. Arbeitsprojekte und Werkstätten für Menschen mit Behinderungen sind ein vitaler und wirkungsvoller Bestandteil regionaler Ökonomie und für die betreuenden und betreuten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter reales Arbeitsleben.

Seit längerem diskutieren wir über die voraussichtlichen Folgen des sich abzeichnenden Bundesteilhabegesetzes. Auf der Grundlage dieses Gesetzes könnten schwer chronisch psychisch erkrankte Menschen, die als nicht förderfähig beschrieben werden, den heute noch geltenden Rechtsanspruch auf Eingliederungshilfen im Feld 'Arbeit und Beschäftigung' verlieren. Andererseits könnte für viele psychisch erkrankte Menschen in Zukunft gelten: Bei ihnen sind die fünf oder drei von insgesamt neun Kriterien nicht gegeben, die den Anspruch auf Eingliederungs- bzw. Teilhabeleistungen unter anderem im Bereich Arbeit und Beschäftigung begründen. Das Gesetz schwächt die Rechtssicherheit beim Zugang zur Eingliederungshilfe, bzw. es eröffnet neuen Raum für Ermessensentscheidungen.

Wer ist »Wir«?

Wir sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der 'Brücke Neumünster' und zuständig für die Leitung der Werkstatt für psychisch erkrankte und psychosozial behinderte Menschen (WfpbM) sowie der Arbeitsprojekte für psychisch erkrankte und psychosozial behinderte Menschen (Eingliederungshilfe), des Weiteren für die Leitung des Eingangs- und Berufsbildungsbereichs der WfpbM, den WfpbM-Sozialdienst und die Arbeitsprojekte. Wir - das sind vor allem aber die betreuten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die wir zu ihrer Arbeits- und Betreuungssituation befragt haben.

In der WfpbM gibt es folgende Arbeitsbereiche: Siebdruckerei, Beschriftungsservice, Näherei, Stickerei, Onlineshops, Computerrecycling, Online-Gebrauchtbuchhandel und Verwaltung.

Die WfpbM 'Brückenpfeiler' besteht und wird entwickelt seit dem Jahr 2000. Zurzeit arbeiten dort 60 betreute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die Arbeitsprojekte sind: Tischlerei, Druck, Satz und Paranus-Verlag, Hauswirtschaft und Kantine, Fahrradwerkstatt und Fahrradladen. In diesen Betrieben entwickeln wir die Arbeit seit Ende der Achtzigerjahre. Zurzeit werden hier 58 Menschen in der Arbeit angeleitet und begleitet.

Mit Blick auf die oben angesprochenen Diskussionen bzw. Infragestellungen unserer Arbeit wollten wir wissen: Wie sehen die direkt beteiligten und betroffenen Menschen ihre Arbeits- und Betreuungssituation? Welche Bedeutung hat ihre Mitarbeit in den verschiedenen Betrieben für sie? Hat die Zugehörigkeit zu einem Betrieb der 'Brücke' aus ihrer Sicht eine diskriminierende Wirkung? Erfahren sie aufgrund dieser Zugehörigkeit Ausgrenzung oder Teilhabe? Inwiefern erscheint ihnen die Situation mangelhaft? Was fehlt ihnen und was hilft?

Wir haben dazu einen Fragebogen mit fünf Fragen entworfen, der für freie Antworten Raum gibt. 36 Fragebögen wurden verteilt. 29 Fragebögen wurden ausgefüllt zurückgegeben.

Unsere Befragung ist sicher nicht repräsentativ. Uns war aber daran gelegen, die Erfahrungen der betreuten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen zu lernen. Deshalb haben wir die Befragung mit der Bitte um eine möglichst offene und freie Meinungsäußerung angekündigt.

Arbeit in der Werkstatt und wie betreute Mitarbeiter sie sehen und erleben - Fragen und Antworten

Frage 1: Welche Bedeutung/welchen Wert hat die tägliche Arbeit in der Arbeitseinrichtung für dich?

Am häufigsten wurde die Wichtigkeit von Tagesstruktur durch die Arbeit in den Einrichtungen genannt (23 Nennungen). »Durch den Aufbau einer Tagesstruktur, dem Nachgehen einer Aufgabe und die Integration in eine Gemeinschaft, hat die tägliche Arbeit, gerade in Zeiten der Krise, einen wichtigen Anteil an dem Aufbau meiner Stabilität gehabt« (Teilnehmer, 32 Jahre, Arbeitsprojekt).

Eine befragte Teilnehmerin stellte fest: »Ich fühle mich aufgrund der Einschränkung, die ich habe, gebraucht, gefordert. Ich bin ein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Ich komme raus und hocke nicht den ganzen Tag zu Hause, wo ich dann ins Grübeln geriete. Andererseits fühle ich mich bei der Bezahlung manches Mal ausgenutzt« (46 Jahre, Arbeitsprojekt). Hier wird das Gebrauchtsein als ein Teil der Tagesstruktur beschrieben und zugleich deutlich gemacht, dass die Entlohnung nicht der auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt entspricht. Dieser Mangel berührt die Befragten zwar sehr, schränkt allerdings die Bedeutung der hilfreichen Tagesstruktur nicht ein.

»Ich fühle mich endlich wieder wichtig und bestätigt, dass ich doch etwas kann« (Teilnehmerin, Alter unbekannt, WfpbM). Das Gebrauchtwerden und Teil-der-Gesellschaft-Sein wurde am zweithäufigsten genannt (8 Nennungen). Ähnlich auch die folgende Aussage: »Ich bin einfach froh, dass es solche Einrichtungen wie den 'Brückenpfeiler' gibt, der Menschen wie mir mit Defiziten und Einschränkungen einen Platz in der Gesellschaft gibt, wo man sich ohne Angst und Druck fortbewegen kann.« Das wird von vielen als Voraussetzung für die Stabilisierung psychischer Gesundheit erfahren und in vielen Gesprächen so beschrieben.

»Aufgrund der sozialen Kontakte hier sind die Krankenhausaufenthalte auf null gesunken, weil ich hier mit meinen Kollegen und Anleitern über private Probleme reden kann« (Teilnehmer, 38 Jahre, WfpbM). Sich »aussprechen« zu können, insbesondere über Folgen der Erkrankung, wird als Hilfe empfunden. Sieben Befragte haben Ansprechpartner und soziale Kontakte als wichtiges Element der WfpbM und der Arbeitsprojekte genannt.

Ebenfalls 7 Befragte betonen die Wichtigkeit der Stärkung von Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl als wichtige Erfahrung der Arbeit in der WfpbM und in den Arbeitsprojekten: »Durch sie [die Arbeit] kann ich Neues erlernen und Ausdauer üben. Es ist wertvoll für mich, auch etwas leisten zu können« (Teilnehmerin, 53 Jahre, WfpbM). - »Wenn ich hier nicht arbeiten würde, wäre mein Selbstbewusstsein nicht so groß« (Teilnehmer, 38 Jahre, Arbeitsprojekte).

Interessant ist, dass die Befragten von Arbeit und nicht von Beschäftigung sprechen. Arbeiten ist etwas, das man selber tut, beschäftigt wird man durch andere.

Frage 2: Was gefällt dir an deiner Arbeit?

In den Antworten zu Frage zwei kommt es zu Überschneidungen mit denen auf Frage eins. Auch hier wird die Bedeutung von Tagesstruktur, Selbstvertrauen und Gebrauchtwerden genannt. Neu sind die Aspekte: Kreativität, sinnvolle Arbeit, Selbstständigkeit.

Am häufigsten wird die Wichtigkeit, einer sinnvollen Arbeit nachzugehen, genannt (8 Nennungen). Eine sinnvolle Arbeit, bei der man - seinen Kenntnissen und seiner Leistungsfähigkeit entsprechend - gefordert wird, bei der keine Langeweile entsteht und bei der man etwas Produktives tut oder eine gefragte Dienstleistung erbringt, macht betreute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zufrieden. »An meiner Arbeit gefällt mir das familiäre Klima, die Möglichkeit, jeden Tag etwas mit meinen eigenen Händen zu erschaffen und daran zu wachsen« (Teilnehmer, 28 Jahre, Arbeitsprojekt).

Selbstständigkeit wurde mit 6 Antworten an zweiter Stelle der Prioritätenliste genannt.

»Dass ich selbstständig arbeiten kann und mein Wissen an die Kollegen weitergeben kann!« (keine Angaben). Hieraus lesen wir Stolz auf Selbstständigkeit und Bedeutung-für-andere-Haben.

»Mir gefällt sehr gut, dass ich für alle anfallenden Aufgaben eingesetzt werde. Ich bekomme auch gerne mal Spezialaufträge, die ich erledigen soll. Ich habe im Laufe der Jahre mehr Verantwortung übertragen bekommen. Mir gefällt die Abwechslung bei meiner Arbeit. Sehr gut finde ich, dass darauf Rücksicht genommen wird, wie es uns geht. Ich werde dementsprechend eingesetzt« (Teilnehmerin, 46 Jahre, Arbeitsprojekt). Diese Aussage erfasst im Grunde alle bisher genannten Aspekte und lässt die Wirksamkeit der Arbeit erahnen.

Kreativität wurde von 5 Befragten genannt. »Mir gefällt an meiner Arbeit, dass ich kreative Arbeiten ausführen kann« (Teilnehmerin, 28 Jahre, WfpbM). Diese und andere Aussagen belegen den großen Wert, den es für psychisch erkrankte Menschen hat, mit ihrer Kreativität im Arbeitsalltag wirksam werden zu können. »Ich habe ein großes Spektrum an Möglichkeiten, meine Arbeit so zu gestalten, wie ich es möchte« (Teilnehmer, 25 Jahre, WfpbM).

Frage 3: Was gefällt dir an deiner Arbeit nicht? Vermisst du etwas an deinem Arbeitsplatz? Welche Veränderungen wünschst du dir?

Der am häufigsten genannte Mangel bezieht sich auf die geringe Entlohnung für die geleistete Tätigkeit. Ein 32-jähriger Teilnehmer aus einem Arbeitsprojekt beschreibt dies eindrücklich mit folgenden Worten: »Es gibt keine gerechte Entlohnung. Die Klientinnen und Klienten werden im Prinzip zu lebenslangen Frührentnern und Sozialhilfeempfängern gemacht. Gerade Menschen, die sich trotz einer Erkrankung oder Beeinträchtigung jeden Tag zur Arbeit motivieren und ihren Beitrag leisten, was bereits als Leistungswilligkeit in besonderem Maße zu erkennen ist, verdienen eine gerechte Aufwandsentschädigung, egal ob die Belastbarkeit eingeschränkt ist oder nicht.«

Die Antwort einer weiblichen 49-jährigen Teilnehmerin geht in die gleiche Richtung: »Ich würde mir wünschen, dass Menschen, die zur Arbeit gehen, ein Gehalt bekommen, von dem sie leben können, und nicht auf Grundsicherung angewiesen sind.«

Die Äußerung eines Werkstattbeschäftigten lautet: »Ich würde mir höhere Werkstattlöhne wünschen. Dadurch wäre man von keinem Amt abhängig und wäre kein Bittsteller.«

Andere Rückmeldungen drücken die Problematik knapper, aber ebenfalls klar aus: »niedrige Bezahlung« oder »mehr Geld wünsche ich mir«.

Der Wunsch nach einer gerechteren Entlohnung und Unabhängigkeit von zusätzlichen Sozialleistungen zur Deckung des eigenen Lebensunterhalts ist nicht nur leicht nachvollziehbar, sondern auch ein deutlicher Ausdruck von persönlich empfundener fehlender Wertschätzung.

In den Vollversammlungen der Werkstatt wurde das Thema Mindestlohn und Lohngerechtigkeit mehrfach diskutiert.

Die Bedeutung von Wertschätzung für die gezeigte Leistung wird nicht nur deutlich in der Kritik am geringen Gehalt, sondern auch im Wunsch nach Aufmerksamkeit und Anerkennung durch Anleiter.

Ein 37-jähriger Werkstattbeschäftigter beschreibt seinen Veränderungswunsch vorsichtig mit den Worten: »Es könnte, wenn er es schafft, mein Gruppenleiter ein oder zwei Mal mehr nach mir gucken und fragen, ob alles in Ordnung ist.« In diesem Zusammenhang kann auch die Kritik eines 30-jährigen Werkstattbeschäftigten gesehen werden, der beschreibt, dass »die Vorgesetzten oft zu wenig Zeit haben«.

Weitere Rückmeldungen weisen mit jeweils 4 Nennungen auf Mängel in der Arbeitsausstattung (veraltete Maschinen und Arbeitsmaterialien) und auf die Bedeutung einer klaren Arbeitsstruktur und Anleitung hin.

Ein 34-jähriger Teilnehmer aus einem Arbeitsprojekt beschreibt die Wichtigkeit von klaren und eindeutigen Absprachen am Arbeitsplatz: »Manchmal gibt es Situationen, bei der sich Mitarbeiter nicht vollkommen einig sind, sodass ich zwei verschiedene Versionen erhalte, wie ich eine bestimmte Arbeit ausführen soll.« Ein 25-jähriger Werkstattbeschäftigter bemängelt, dass »die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern nicht immer stimmt und zu Problemen führt«.

Eine weitere Äußerung benennt ebenfalls die besondere Bedeutung von Klarheit und Struktur: »Dass mein Gruppenleiter mich oftmals nicht Aufgaben zu Ende machen lässt. Dass ich oft noch viele Dinge nebenbei machen muss. Dass ich einen Auftrag nach dem anderen abarbeiten kann. Und dass mein Gruppenleiter mehr Struktur in die Arbeit reinbringt.« Die Feststellung »Nicht zu viele Aufträge gleichzeitig bearbeiten, erst einen anfangen und beenden« unterstreicht diesen Wunsch.

Drei Nennungen weisen auf die Notwendigkeit einer ruhigen Arbeitsatmosphäre hin: »mehr Ruhe, ruhige Atmosphäre«, »vielleicht einen extra Ruheraum, wenn es einem mal nicht so gut geht«.

Ein 36-jähriger Teilnehmer aus einem Arbeitsprojekt beschreibt es mit folgenden Worten: »Die Arbeit ist manchmal zu belebt und zu laut. Ja, die Tischlerei brennt manchmal laut. Es herrschen auch manchmal zu viele Debatten um irgendwelche Themen wie die Kaffeemaschine usw. Das ganze Reden ist mir manchmal zu viel.«

Abschließend sind noch einzelne Rückmeldungen zu erwähnen, die Wünsche nach einer stärkeren Vermittlung von theoretischen Fachkenntnissen und nach einer kreativen, abwechslungsreichen und kontinuierlichen Beschäftigung ausdrücken.

Frage 4: Welche Ziele möchtest du mit deiner Arbeit in der Einrichtung erreichen?

Die meisten Rückmeldungen (7 Nennungen) zu dieser Frage beschreiben berufliche Ziele außerhalb der Einrichtung und drücken den Wunsch nach Weiterentwicklung und Annäherung an den allgemeinen Arbeitsmarkt aus, sei es in Form einer Ausbildung (Aussagen von zwei 25-jährigen Werkstattbeschäftigten): »Mein Ziel ist es, trotz meines Handicaps eine Ausbildung im geschützten Rahmen zu absolvieren« und: »Ich möchte in eine Ausbildung auf dem 1. Arbeitsmarkt«, oder sei es in Form eines Arbeitsplatzes (»Teil- oder Vollzeit 1. Arbeitsmarkt«).

Ein 28-jähriger Teilnehmer im Arbeitsprojekt beschreibt seine Zielsetzung mit folgenden Sätzen: »Mit meiner Arbeit in der Tischlerei möchte ich meine Arbeitsbelastung steigern, sodass ich in der Lage bin, eine Ausbildung angehen zu können. Darüber hinaus ist die Struktur, welche mir die Arbeit gibt (Arbeitszeiten), sehr hilfreich, nicht so leicht in meine alten Angewohnheiten (Depressionen) zurückzufallen.«

Ein 48-jähriger Werkstattbeschäftigter möchte »auf eigenen Beinen stehen und einen Arbeitsplatz, wo man eigenes Geld verdient«. Eine andere Antwort deutet auf ein ähnliches Ziel hin: »Ich möchte eine Stabilität, die es mir ermöglicht, das Arbeitsprojekt zu verlassen.«

Andere benannte Ziele tragen den eigenen Leistungsgrenzen Rechnung und gehen eher in Richtung einer geringfügigen Beschäftigung, außerhalb oder auch innerhalb eines geschützten Rahmens. Ein 38-jähriger Teilnehmer im Arbeitsprojekt benennt folgendes Ziel: »Dass ich so weit stabil bin, dass ich einen 450-Euro-Job machen kann, vielleicht sogar bei der 'Brücke'.«

Eine 46-jährige Teilnehmerin aus einem Arbeitsprojekt beschreibt sehr differenziert: »Ich möchte meine Ausdauer erhöhen. Noch bin ich bei höherem Arbeitsaufkommen erschöpft. Ich möchte den Status quo halten, denn es geht mir zurzeit ganz gut. Ich möchte als Ziel gerne auf 450-Euro-Basis arbeiten. Um auf den ersten Arbeitsmarkt zu kommen, fehlt es mir an Fitness (Gesundheit).«

Weitere Zielsetzungen sind: die Verbesserung von Belastbarkeit und Ausdauer (5 Nennungen), die Verbesserung der psychischen Stabilität (4 Aussagen), die Verbesserung von Selbstvertrauen und -sicherheit (4 Nennungen) und eine regelmäßige Tagesstruktur (3 Nennungen).

Erwartete Ziele wie eine sinnvolle Tätigkeit und soziale Kontakte wurden nur vereinzelt angegeben und spielten bei den Rückmeldungen zu dieser Frage eher eine untergeordnete Rolle.

Die Ergebnisse zum Themenkomplex Ziele deuten darauf hin, dass die Mehrheit der benannten Ziele stark zukunftsorientiert ist und es sich möglicherweise um sozial erwünschte Zielsetzungen (Verlassen des sozialen Versorgungssystems, Verdienen des eigenen Lebensunterhaltes ­...) handelt. Die eher geringe Anzahl an Nennungen aus den Themenbereichen Tagesstruktur, sinnvolle Beschäftigung und Sozialkontakte lässt sich nach unserer Einschätzung damit erklären, dass diese durch die aktuelle Tätigkeit als bereits erreicht erfahren und damit nicht als längerfristige Zielsetzungen wahrgenommen werden.

Frage 5: Ist deine Arbeit in der Arbeitseinrichtung von der Gesellschaft anerkannt? Vermutest du Gründe dafür?

Die Antworten auf diese Frage bilden eine Dreiteilung ab: ein Drittel fühlt sich anerkannt, ein Drittel nicht und ein weiteres Drittel stimmt zum Teil zu.

Für gesellschaftliche Anerkennung sorgen zum Beispiel allgemein verbesserte Aufklärung über psychische Krankheiten oder anspruchsvolle Aufgaben sowie Tätigsein als Wert an sich: »Ich denke schon, denn in der heutigen Zeit sind die Menschen mehr aufgeklärt, was psychische Erkrankungen angeht. Es kann jeden treffen« (Teilnehmerin, 51 Jahre). - »Ja, finde ich schon! Ich habe nicht den Ruf, auf der faulen Haut zu liegen. Außen stehende Leute, Bekannte bewundern meine Arbeit. Die Modenshows haben dazu beigetragen, dass unsere Arbeit öffentlich auch auf Bewunderung stößt« (Teilnehmerin, 43 Jahre, WfpbM).

Der Hinweis auf die Leistungsgesellschaft und Vorurteile gegenüber Werkstattarbeit generell oder Unkenntnis über psychische Beeinträchtigungen stehen dem entgegen: »Es wird wenig anerkannt - zum größten Teil wegen der sehr niedrigen Bezahlung; zum anderen ist das Wissen, die Aufklärung über die Einrichtung, Mitarbeiter und die Arbeit selbst zu gering!« (Teilnehmer, 30 Jahre). - »Nein. Da ich denke, dass wir in einer sehr leistungsstark orientierten Gesellschaft leben« (männlich, ohne Altersangabe).

Manchem fällt es schwer, mit dem Thema Anerkennung umzugehen: »Es ist schwierig, es zu erzählen, weil viele Menschen damit nicht umgehen können. Da wir keine sichtbare Behinderung haben, denken sie, dass wir doch gesund sind« (Teilnehmer, 25 Jahre).

Und manchmal geht es um das Nachdenken über Zwischentöne: »Ich habe oft das Gefühl, dass meine Arbeit belächelt wird. Eine Bekannte sagte mir: Du gehst ja ein bisschen arbeiten« (Teilnehmerin, 49 Jahre).

Die gelegentlich diskreditierende Diskussion über die Finanzierung der Hilfen für Menschen mit Behinderungen zeigt Wirkung: »Ich vermute nicht, dass die Arbeit anerkannt wird, da der Staat für unseren Arbeitsplatz Geld bezahlt, halten es viele für rausgeschmissenes Geld« (Teilnehmerin, 55 Jahre).

Anerkennung lässt sich wohl am ehesten im nahen gesellschaftlichen Umfeld erfahren, und manche gehen auch bei neuen Kontakten offensiv mit ihrer Situation um: »Im Freundes- und Familienkreis ist meine Arbeit völlig akzeptiert. Ob sie gesamtgesellschaftlich anerkannt ist, kann ich nicht genau sagen. Auf Basaren und bei Kundenaufträgen habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Auch verheimliche ich meine Arbeit nicht, wenn ich neue Menschen kennen lerne. Trotzdem denke ich, dass die Psychiatriegemeinschaft aufgrund der geringen finanziellen und sozialen Absicherung und der geringen Ausstiegschancen noch den Stellenwert einer Parallelgesellschaft hat« (Teilnehmer, 32 Jahre). - »In meinem Umfeld ist es relativ uninteressant, wo ich arbeite, es wird akzeptiert. Die Gesellschaft allgemein hat doch noch Vorurteile gegenüber psychisch beeinträchtigten Menschen« (Teilnehmerin, 53 Jahre).

Allerdings gibt es hier auch ganz andere Erfahrungen: »Ja und nein. Als ich Familienmitgliedern von meiner Arbeit dort erzählt habe, waren sie positiv gestimmt und haben sich gefreut, dass es mir dort so gut geht. Einige Freunde allerdings sind mit Ablehnung gekommen, unter anderem auch mit Sprüchen wie: 'Mit so vielen kranken Menschen könnte ich gar nicht klarkommen (alles Psychos)'. Das machte mich traurig. Grund? Von vielen wird eine psychische Erkrankung nicht als Krankheit angesehen, sondern als Spinnerei« (Teilnehmerin, ohne Altersangabe).

Ermutigung durch Resonanz

Die Antworten der betreuten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ermutigen uns, zu sagen: Die Arbeit in diesen Betrieben ermöglicht eine begrenzte, relative Zugehörigkeit. Die betreuten Mitarbeiter leisten zusammen mit den Anleitern sinnvolle Arbeit, die von anderen Menschen oder Firmen nachgefragt wird, über die andere Menschen sich freuen. Kunden und Kundinnen gehen in der Kantine oder in der Fahrradwerkstatt ein und aus. Betreute Mitarbeiterinnen beraten und bedienen, telefonieren, montieren und reparieren und sind bei der Auslieferung der Waren dabei. In diesen Betrieben wird gestritten, es gibt Mobbing, jede Menge Ärger - wie im richtigen inklusiven Leben. Hier wird allerdings auch gesprochen und um Verständigung gerungen. Es gibt ein Besprechungswesen, das für alle Beteiligten eine wichtige alltägliche Möglichkeit der Orientierung und Klärung gibt. Sinnvolle Arbeit, überschaubare Arbeit, das Erkennen der Bedeutung der Arbeit, Verständigung und Zugehörigkeit - das alles wird in diesen Betrieben erfahrbar und ist wichtig für psychische Gesundheit. Die Antworten, die wir vorgestellt haben, belegen diese Erfahrungen.

Der Soziologe Hartmut Rosa sprach bei der Fachtagung der Sozialpsychiatrischen Dienste im April 2016 über die Bedeutung von Resonanzräumen und sagte, Abwesenheit von Resonanz sei Entfremdung. Arbeit mit Menschen, auch Arbeit mit Dingen bringe Resonanz. Nicht Autonomie sei das Gegenteil von Entfremdung, sondern Resonanz. Er beschrieb sozialpsychiatrische Arbeit als Schutz von Resonanzräumen (siehe die Berichte zur Tagung im »Eppendorfer« 6/2016 und in der »Sozialen Psychiatrie« 3/2016). Genau das wollen wir in den Arbeitsprojekten und in der Werkstatt erreichen.

Die Erfahrungen der betreuten Mitarbeiter müssen ernst genommen werden. Es wäre respektlos, Menschen, die sich äußern wie hier zitiert, zu sagen, sie wären nur untergebracht in unzeitgemäßen und nicht inklusiven »Sonderwelten« und sie müssten dringend von denselben befreit werden. In Arbeitsprojekten und Werkstätten kann sich die Entwicklung von mehr inklusiven Erfahrungen im Leben eines psychisch erkrankten Menschen vorbereiten. Das, was sie dort tun und lernen können, macht für sie Sinn und ermutigt, Neues zu versuchen. Vollkommen zu Recht kritisieren die Befragten, dass sie zu wenig Geld bekommen, auch dass es manchmal zu viel, manchmal zu wenig Arbeit gibt. Das sind Unzulänglichkeiten, an denen wir - soweit es in unserer Entscheidung liegt - täglich arbeiten.

Vielfalt der Bedürfnisse achten und fördern

Für die Menschen, deren Antworten hier vorliegen, sind Werkstätten und Arbeitsprojekte angemessen und notwendig.

Es gibt andererseits psychiatrieerfahrene Menschen, die lehnen diese Angebote ab, betrachten sie als unzureichend und unzumutbar oder gar als entwürdigend. Sie würden niemals einen entsprechenden Antrag bei einem der Reha-Träger stellen.

Für einige ist diese Ablehnung gut und förderlich, weil sie helfen kann, einen eigenen Weg in Ausbildung und Beruf zu finden. Für andere ist die Ablehnung solcher Einrichtungen förderlich, weil sie Energie freisetzt für ganz andere Lebensentwürfe, in denen berufliche Arbeit keine Rolle spielt, in denen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aber zum Beispiel durch bürgerschaftliches Engagement oder durch künstlerische oder literarische Arbeit erfahrbar wird.

Wieder andere psychisch erkrankte Menschen verbauen sich durch die Ablehnung den Zugang zu einer Unterstützung, die ihnen helfen könnte aus Erkrankungs-, Einsamkeits- und Diskriminierungserfahrungen wieder herauszufinden.

Und es gibt diejenigen, die es durch ihre Erkrankung so schwer haben (Reizüberflutung, Antriebsschwäche, Ängste im Kontakt zu anderen, Stimmenhören, Beziehungsvorstellungen), dass sie den Anforderungen und dem Alltagsleben in diesen Betrieben nicht gewachsen sind.

Es gibt also nicht »die psychisch erkrankten Menschen« für die diese Arbeit sinnvoll und notwendig ist, aber eine große Gruppe, für die es wichtig ist, die Arbeit in den Betrieben in zeitgemäßer Weise weiterzuentwickeln.

Zum Beispiel müssen gesetzliche Grundlagen geschaffen werden für eine bessere Entlohnung der betreuten Mitarbeiterinnen. Mindestens sollte der monatliche Verdienst ausgenommen werden von der Anrechnung bei Grundsicherung und Sozialhilfe. Auch für die betreuten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Arbeitsprojekten sollten in Zukunft Sozialversicherungsleistungen gezahlt werden.

Um die Betriebe zeitgemäß weiterentwickeln zu können, brauchen die Träger Zugang zu investiven Mitteln. Jedenfalls hier im Norden fallen Land und Kommunen in diesem Punkt fast vollständig aus. Stiftungsmittel reichen allein nicht aus.

Wege in den Arbeitsmarkt: Entwicklung durch Kooperation

Seit 27 Jahren sammeln wir Erfahrungen in den Arbeitsprojekten, seit 16 Jahren in der Werkstatt. Wir haben immer wieder betreute Mitarbeiter beim Übergang in Ausbildung und Beruf begleitet und unterstützt. Da könnte aber mehr geschehen. Eine von allen gewollte und engagiert vorangebrachte Zusammenarbeit von kommunaler Verwaltung, Agentur für Arbeit, Unternehmensverbänden, Betrieben in der Region, Sozialdiensten der Werkstätten und Arbeitsprojekte, der Integrationsfachdienste und Integrationsämter könnte viel mehr psychisch erkrankten Menschen den Weg in Ausbildung und Beruf bahnen helfen (siehe zum Beispiel das Bamberger Modell). Und natürlich gehört in diesen Zusammenhang auch die Entwicklung von Integrationsbetrieben in allen Regionen. Wenn alle Beteiligten die berufliche Integration von psychisch erkrankten Menschen als gemeinsames Ziel hätten und kooperativ daran arbeiten würden, dann wäre das eine Hilfe für viele betroffene Menschen und eine Bereicherung für viele Betriebe.

Der zurzeit vorliegende Gesetzentwurf zum Bundesteilhabegesetz schafft nach unserem Kenntnisstand keine ausreichenden Voraussetzungen für ein umfassendes Bündnis für Integration. So wird zum Beispiel die Rechtsgrundlage für Arbeits- und Beschäftigungsprojekte nicht gestärkt, sondern geschwächt.

Werkstätten und Arbeitsprojekte als »Sonderwelten« zu diskreditieren, ihre Abschaffung zu fordern, ohne tragfähige Alternativen und deren Finanzierung vorzuschlagen, ist verantwortungslos und fahrlässig. Es zeugt darüber hinaus sowohl von Unkenntnis der Lebenssituation der Menschen, um die es hier geht, als auch von Unkenntnis der von Konkurrenz-, Zeit- und Kontrolldruck geprägten Sonderwelten in Betrieben der gewerblichen Wirtschaft, die für viele psychisch erkrankte Menschen unverträglich sind. Das oben angedeutete Bündnis für Integration könnte allerdings geeignet sein, Wege in die Arbeitswelt zu bahnen, unter anderem indem Betriebe sich auf besondere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorbereiten. Das wäre nicht nur eine Inklusionsprojekt, sondern zugleich ein Vorhaben zur Stärkung psychischer Gesundheit.

Aber: Die Forderung nach Inklusion mit Blick auf Menschen mit psychischen Erkrankungen als »gleiche Teilhabe für alle - gleiches Risiko für alle« zu verstehen ist zynisch.

Wir halten nichts von Argumentationen, die nur scheinbar auf der emanzipativen Höhe der Zeit sind, sich auch noch auf die UN-BRK berufen, tatsächlich aber das neoliberale Geschäft des Abbaus von Hilfen und der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit betreiben. Wir treten dem entgegen, indem wir den Erfahrungen psychisch erkrankter und behinderter Menschen, die wir kennen, und unseren Erfahrungen in der Arbeit trauen.

Wir fordern mit diesem Artikel respektvollen Umgang mit den Erfahrungen der Menschen, die aufgrund von psychischer Erkrankung besonderer Lernfelder und Schutzräume bedürfen. Der Rechtsanspruch darauf darf ihnen nicht genommen werden.


Die Autorinnen und Autoren sind Mitarbeitende der 'Brücke Neumünster': Michael Asmus, Diplom-Psychologe, ist Leiter des Sozialdienstes; Fritz Bremer, Diplom-Pädagoge und Sonderschullehrer, ist pädagogischer Leiter; Rainer Holsten, Diplom-Pädagoge und Betriebswirt, ist Werkstattleiter; Barbara Stürmer, Ergotherapeutin, ist Leiterin des Berufsbildungsbereichs.
E-Mail: fbremer@bruecke.de
Internet: bruecke-ggmbh.de

(*) Agentur und Verlag; Informationsdienstleister für die berufliche Teilhabe behinderter Menschen.

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Quelle:
Soziale Psychiatrie Nr. 154 - Heft 4/16, Oktober 2016, Seite 20 - 24
veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autoren und der Redaktion
Herausgeber: Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V.
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E-Mail: dgsp@netcologne.de
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Erscheinungsweise: vierteljährlich, jeweils zum Quartalsanfang
Bezugspreis: Einzelheft 10,- Euro
Jahresabo: 34,- Euro inkl. Zustellung
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veröffentlicht im Schattenblick zum 24. Dezember 2016

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