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BERICHT/001: Prothetische Freiheiten - Eine kulturelle Errungenschaft in Tanz und Behinderung (SB)


Prothetische Freiheiten
Eine kulturelle Errungenschaft in Tanz und Behinderung

Auftritt des venezolanischen Tanzensembles "Transito"
in der Botschaft der Bolivarischen Republik Venezuela - 3. Dezember 2008

"Behinderung" - die Einschränkung liegt allein auf Seiten derjenigen,
die diesen Begriff zwischen sich und andere stellen


Am 3. Dezember 2008 fand in der Botschaft der Bolivarischen Republik Venezuela in Berlin eine Präsentation des Tanzprojektes "Tanz und Behinderung" statt. Die elfköpfige venezolanische Gruppe "Transito" stellte in kleinen Tanz- und Bewegungsszenen ihr Programm wie auch Projekt vor und dokumentierte damit die gelungene und keineswegs nur in Aussicht gestellte oder angestrebte Aufhebung trennender Verhältnisse zwischen "behinderten" und "nicht-behinderten" Menschen. Daß der Begriff "Behinderung" im Namen des Programms ("Tanz und Behinderung") überhaupt aufgegriffen wurde, erfüllte somit einzig den Zweck, auf einfachste Weise in die Thematik einzuführen, was angesichts der Tatsache, daß das Ensemble "Transito" diesen Begriff und seine gesellschaftpolitischen Implikationen in ihrer künstlerischen Arbeit bereits gegenstandslos gemacht hat, leicht nachzuvollziehen ist.

Um dem konventionellen Verständnis Rechnung zu tragen, sei vorausgeschickt, daß es sich bei dieser Tanzvorführung, bei der das vollständige Programm der Gruppe in Auszügen präsentiert wurde, um ein gemeinsam von Menschen, die sich in und mit Rollstühlen bewegen, wie auch von Menschen, die aufrecht auf ihren zwei Beinen laufen, gestaltete Vorführung handelt. Getragen von dem Engagement ihrer Mitarbeiter - des Choreographen Alexander Madriz sowie der nach konventionellem Verständnis "behinderten" wie "nicht-behinderten" Tänzer und Tänzerinnen - hat dieses 1997 ins Leben gerufene Tanzensemble eine künstlerische wie soziale Realität geschaffen, an der sich die Institutionen und Initiativen der sogenannten "Behindertenarbeit", wie sie hierzulande betrieben und gestaltet wird, ein Beispiel nehmen könnten.

Der Name der Gruppe besteht aus dem spanischen Wort "transito", das gleichermaßen "Transit" und "Verkehr" wie auch "Durchfuhr", "Überbrückung und "Übergang" bedeutet. In einem Vorab-Gespräch mit Schattenblick-Redakteurinnen stellten die "Transito"-Aktiven klar, daß sie sich in ihrer praktischen Arbeit wie auch in ihrem Selbstverständnis längst von der Unterscheidung zwischen vermeintlich behinderten und nicht-behinderten Menschen verabschiedet haben und bestenfalls von Menschen mit körperlichen Unterschieden ausgehen. Tatsächlich jedoch wurde selbst diese Definition den tänzerischen Darbietungen wie auch der Lebensrealität dieser Gruppe wie auch ihrer einzelnen Mitglieder nur höchst unzureichend gerecht, da die vermeintlichen körperlichen "Behinderungen" keineswegs als zentrale Achse oder inhaltlicher Schwerpunkt ihrer Arbeit aufgefaßt werden.

Die venezolanischen Tänzer und Tänzerinnen bewegten sich in der aus mehreren szenischen Vorführungen alltäglicher Situationen bestehenden Präsentation mit einer Grazie, Ausdruckskraft und Körperkontrolle, die jeden Gedanken an Unterscheidungskriterien in Hinsicht auf die von einigen mitverwendeten Rollstühle nebensächlich erscheinen ließen. Die Rollstühle bzw. der Umgang mit ihnen waren selbstverständliche Bestandteile einer Choreographie, in der den Zuschauern auf tänzerisch anspruchsvolle Weise die Selbstverständlichkeit des Umgangs "behinderter" und "nicht-behinderter" Menschen miteinander aufs Eindrücklichste nahegebracht und vermittelt wurde. Wer bislang darauf verzichtet hatte, sich mit dieser Thematik intensiver zu befassen, wird auf kürzestem Wege verstehen und nachvollziehen können, daß die "Behinderung" - wenn überhaupt - auf Seiten derjenigen liegt, die sich in willfähriger Übernahme gesellschaftlich vorgegebener Dogmen bereitfinden, zwischen "behinderten" und "nicht-behinderten" Menschen zu unterscheiden.

Die Gruppe "Transito" stellte klar, daß es sich bei ihrem Programm, in das theatralische Ausdruckselemente wie Mimik und Gestik ebenso eingearbeitet wurden wie die sportlichen Vorerfahrungen ihrer Mitglieder, um keine politische Darbietung handelte. Vielmehr machte sie durch ihre Vorführungen der interessierten Öffentlichkeit deutlich, daß - wie es eine Tänzerin im Vorgespräch formuliert hatte - jede menschliche Regung und jede zwischenmenschliche Begegnung durch Bewegung zum Ausdruck gebracht werden könne. Dies war keineswegs zuviel versprochen, weshalb der Arbeit dieses Ensembles, das in Venezuela neben Vorführungen auch Workshops durchführt und wie ein Straßentheater-Projekt an öffentlichen Plätzen in Erscheinung tritt, um durch sein Beispiel andere Menschen zu ermutigen, ein ganz besonderer und keineswegs ausschließlich künstlerischer Wert beizumessen ist. In einer von Sprachverarmung und -einschränkung wie auch ganz genereller Beschneidung menschlicher Ausdrucks- und Verständigungsmittel geprägten Zeit gibt die Gruppe "Transito" ein anschauliches Beispiel für ein Sprach- und Bewegungspotential, das wahrhaftig eine Fortschrittsoption für das menschliche Denken versprechen könnte.

Wiewohl "Transito" sich selbst keineswegs als "politisches" Tanztheater versteht, weil keine explizit "politischen" Themen behandelt, sondern menschliche Alltagserfahrungen und -situationen dargestellt werden, ließe sich die Arbeit dieser Tänzer und Tänzerinnen mit Leichtigkeit auch als eine "politische" definieren, da sie ein Menschen- und Gesellschaftsbild vermitteln, das politische Absichtserklärungen dergestalt, "behinderte" Menschen in die Gesellschaft "integrieren" zu wollen, zu Makulatur verkommen läßt. Wenn hierzulande, wie angeblich wohlwollend auch immer, Anstrengungen unternommen werden, um "Behinderte" am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen, stellt dies einen gewaltigen Rückschritt dar gegenüber der Entwicklung und sozialen Realität, die die Gruppe "Transito" in Venezuela bereits herstellen konnte, da die Ausgrenzung vermeintlich randständiger Menschen auf diese uns vertraute Weise immer und immer wieder erneuert und postuliert wird.

Gleichwohl wurde die an eine systemische Grausamkeit heranreichende Ignoranz der gesellschaftlich dominierenden Position, die Menschen in "Behinderte" und "Nicht-Behinderte" glaubt unterscheiden zu müssen, bei der in der venezolanischen Botschaft präsentierten Tanzdarbietung der Gruppe "Transito" in einer der Szenen sehr wohl inhaltlich thematisiert. Einer der Tänzer (im Rollstuhl) erzählte, unterstützt durch eine nahezu pantomimische Bewegung, die Geschichte eines kleinen Jungen, der an einer Tierhandlung vorbeikam und sich einen Hund kaufen wollte. Auf seine Frage, wieviel denn einer der Hunde kosten würde, bekam er "20.000 Bolivares" zur Antwort. Der Junge durfte sich die Hunde ansehen, obwohl er nur 5.000 Bolivares dabei hatte, und dabei fiel ihm ein kleiner Hund auf, der hinter den anderen herhumpelte. Der Tierhändler erzählte ihm auf seine Frage hin, daß dieser Hund seit seiner Geburt krank sei und sein Leben lang humpeln werde. Der Junge wollte dieses Tier sofort kaufen, doch der Händler wehrte ab und sagte, diesen Hund könne er ihm nicht verkaufen, den könne er aber geschenkt haben.

Das wiederum wollte der Junge nicht, der darauf bestand, seine 5.000 Bolivares als Anzahlung zu zahlen und auch den restlichen Preis Monat für Monat abzubezahlen. Der Tierhändler wehrte noch immer ab und erklärte, daß er das nicht machen könne, weil er den Jungen dabei übers Ohr hauen würde. Der Hund sei schließlich nichts wert, er werde niemals richtig laufen und springen können. Da schob der Junge sein Hosenbein hoch und ließ sein krankes Bein - er hatte dort ein großes Metallgestell - sehen. Er könne auch nicht richtig rennen, erklärte er dem Verkäufer. Doch glaube er, daß es wichtig sei, daß der Hund zu jemandem komme, der versteht, warum er nicht so gut rennen kann. Daraufhin sagte der Verkäufer zu dem Jungen, daß er den anderen kleinen Hunden nur wünschen könne, daß sie auch so gute "Herren" bekommen wie ihn.

In dieser Geschichte offenbart sich wie in dem gesamten Projekt der Gruppe "Transito" ein Menschenbild und Lebensverständnis, wie es in westeuropäischen Staaten wie auch der Bundesrepublik Deutschland selten anzutreffen ist. Ein solches Verständnis - nicht von ungefähr fand die Präsentation dieses Projektes in der Botschaft Venezuelas statt - ist in dem Heimatland der Tänzer und Tänzerinnen bereits in staatliche Politik übergeführt worden. Blancanieve Portocarrero, die Botschafterin der Bolivarischen Republik Venezuela in der Bundesrepublik Deutschland, hatte in ihrer Begrüßungsansprache angekündigt, daß die Künstlerinnen und Künstler offenbaren werden, wie sie "ihre eigene Intimität, ihr eigenes Inneres entdeckt haben" und sprach von einer "tiefgreifenden Art und Weise", der "eigenen Körperkunst Ausdruck zu verleihen durch die eigene Bewegung und den Ausdruck des eigenen Seins". "Wir möchten sagen zu Ihnen", so die Botschafterin, "wir sind nicht behindert, sondern wir sind Personen mit besonderen Fähigkeiten. Wir haben keinerlei Einschränkung, um leben zu können, sondern wir sind der wunderbare Ausdruck der menschlichen Schöpfung in einer Bewegung". Die "sehr begabten" und "sehr spezialisierten" Künstler und Künstlerinnen zeigen, daß sie "Interpreten der Bewegung" und nicht der "Behinderung" sind.


Die Gruppe "Transito" wurde in ihrer wenn auch kurzen Darbietung im vollen Umfang diesen einleitenden Worten gerecht und so entstand an diesem Abend in der Botschaft Venezuelas eine Atmosphäre und Realität, wie sie hierzulande auch in "behindertengerechten" Einrichtungen nicht anzutreffen ist. Der Hinweis darauf, daß es sich bei dem Projekt "Tanz und Behinderung" der Gruppe "Transito" um keine Therapiemethode handelt und die Schauspieler nicht krank sind, wirkt in seinem Rückbezug auf die vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse schon eher befremdlich und irritierend, weil die Selbstverständlichkeit und Würde des Umgangs der Menschen miteinander - vor, während und nach der eigentlichen künstlerischen Darbietung - eine ganz eigene, starke Sprache spricht, die keiner weiteren Worte mehr bedarf. So sagte Botschafterin Portocarrero von den Künstlern und Künstlerinnen des Projektes "Transito":

Sie sind Adler, die fliegen. Es sind Seelen, die sich treffen. Küsse, die mit den Wolken getauscht werden. Blumen, die singen und viele Vögel. Es ist ein ästhetischer Ausdruck einer neuen Zeit, einer neuen Intimität, von neuen Menschen, von Menschen, die sich vollkommen frei fühlen.

Die Frage, warum sich die Bolivarische Republik Venezuela in der deutschen Bundeshauptstadt kulturell mit diesem Projekt präsentiert, beantwortet sich vor diesem Hintergrund fast schon von allein, offenbart es doch auf künstlerisch, ästhetisch und kinetisch anspruchsvollste Weise die kreativen Ergebnisse der Anstrengungen, die von den Menschen Venezuelas, unterstützt durch ihre Regierung der Bolivarischen Revolution seit der Ära von Präsident Hugo Chávez, unternommen wurden.

Die Botschaft der Botschafterin bestand denn auch darin, durch "Transito" der Welt zu sagen, daß die Regierung und das Volk Venezuelas heute "eine andere Etappe in der Geschichte dieser Welt durchwandern". Für Blancanieve Portocarrero, der bei den Vorarbeiten zu der im Jahre 2000 verabschiedeten neuen Verfassung Venezuelas die Aufgabe zugekommen war, für die Verfassungsgebende Versammlung die Kapitel über die sozialen Rechte - und damit auch der "Behinderten" - zu koordinieren, stellte die Tatsache, daß eine Gruppe wie "Transito" heute ins Ausland reisen und dort ihre kulturellen Ausdrucksweisen vorstellen kann, eine ganz besondere Freude dar. Denn an dieser Stelle ist - wie auch in vielen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Venezuelas - die Saat der damaligen Arbeit bereits aufgegangen. In unspektakulärster und damit auch in überzeugendster Form ruft "Transito" auf die Bühne, in welcher Weise und in welchem Ausmaß die "neue Zeit" in Venezuela von den Menschen angenommen und keineswegs nur akzeptiert, sondern eingefordert und zu ihrer eigenen Sache gemacht worden ist.

9. Dezember 2008