Schattenblick →INFOPOOL →PANNWITZBLICK → REPORT

BERICHT/002: "Der Pannwitzblick" ... den Marsch in die eugenische Gesellschaft verhindern (SB)


Filmvorführung und Filmgespräch am 22. September 2011 in Berlin Weissensee


Anläßlich der durch empirische Ergebnisse an angeblich Verstorbenen erfolgten Erosion des Hirntodkonzeptes, ohne das die Transplantationsmedizin auf die bisherige Weise nicht mehr praktizierbar wäre, hieß die höchste bioethische Institution der USA, der President's Council on Bioethics, im Dezember 2008 mit mehrheitlichem Beschluß eine neue Definition des lebenden menschlichen Organismus gut. Um als lebendiger Mensch zu gelten, seien drei Kriterien zu erfüllen: "(1) Offenheit für die Welt, (2) die Fähigkeit, auf die Welt einzuwirken, und (3) die gefühlte Notwendigkeit, die zum Handeln antreibt, um zu erlangen, was man braucht und als verfügbar erkennt." [1] Damit wurde zwar die bisherige Definition des Hirntods hinfällig, doch überantworten diese Kriterien zum Beispiel Embryonen dem medizinischen Forschungs- und Nutzungsinteresse. Darüber hinaus kommt die Relativierung des biologischen Lebensbegriffs dem sich ebenfalls in diesem Gremium abzeichnenden, auch von deutschen Bioethikern unterstützten Vorstoß, das Verbot der Entnahme lebenswichtiger Organe bei lebenden Menschen gänzlich aufzuheben, entgegen. Einer der Hauptstreitpunkte in dieser Debatte betrifft die Kategorie des Bewußtseins. Wer nicht über ein solches verfüge, was zum Beispiel für Komapatienten in Anspruch genommen wird, soll ebenfalls als nichteinwilligungsfähiger Organspender in Frage kommen. In Britannien wiederum hat man sich auf die Hirnstammtod-Definition geeinigt, was bedeuten kann, daß Patienten mit Super-Locked-in-Syndrom trotz erhaltenen Bewußtseins der Ausweidung durch die Explanteure zum Opfer fallen. Wann der Punkt erreicht sein wird, geistig oder körperlich schwerwiegend Behinderten das Lebensrecht zu entziehen, um ihre Körper zu vernutzen, ist bei dieser Entwicklung nur eine Frage der Zeit.

Im Mai 2011 erhält der australische Bioethiker Peter Singer zusammen mit der italienischen Philosophin Paola Cavalieri den Ethikpreis der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) für die Initiierung des Great Ape Projects (GAP) [2]. Auftritte Singers in Deutschland waren noch in den 1990er Jahren von so starken Protesten begleitet, daß sie häufig verhindert wurden. Während sich an seinen behindertenfeindlichen Ansichten nichts geändert hat, ist die Gesellschaft heute sehr viel eher dazu bereit, den Menschen der Maßgabe bloßen Nutzendenkens zu unterwerfen. Der von GBS-Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon als "einer der klarsten und zugleich mitfühlendsten Denker unserer Zeit" [3] bezeichnete Singer kann sich wachsender Zustimmung erfreuen, was behinderte Menschen als Bedrohung empfinden müssen, attestiert Schmidt-Salomon doch mit hinlänglicher Deutlichkeit: "Fakt ist: Hätte meine Mutter einst die Schwangerschaft mit mir unterbrochen, hätte 'ich' damit keine Probleme, denn dieses 'Ich', das ich heute bin, hätte es gar nicht gegeben." Die von der Stiftung im Grundsatz vertretene Position, man müsse "Kranke und Behinderte fördern - nicht aber Krankheit und Behinderung" [4], setzt ein positives Menschenbild, das davon abweichende Erscheinungsformen normativ abwertet. Kranke und Behinderte sollen zwar leben, doch das unter Vorbehalt. Auf ihnen lastet das Urteil des prinzipiell weniger oder nicht Lebenswerten. Ihre Existenz sei lediglich dem zum Zeitpunkt ihrer Geburt noch nicht erfolgten Fortschritt der Humangenetik geschuldet, was ein diskriminierungsfreies Leben im gesellschaftlichen Kontext dieser Bioethik unmöglich macht.

'Krüppelzeitung - Brisanz der Behindertenbewegung'  - Foto: © 2011 by Schattenblick

Reminiszenz an bewegte und streitbare Zeiten
Foto: © 2011 by Schattenblick

Die Verwandlung des Menschen in eine Ressource erscheint unaufhaltsam

Die Inwertsetzung des Menschen verläuft längst nicht mehr allein durch die Mehrwertabschöpfung in Lohnarbeitsverhältnissen. Sein Körper selbst ist zum Kampffeld eines Nutzungsanspruchs geworden, der die physische Substanz ebenso in den Blick erweiterter gesellschaftlicher Reproduktion nimmt, wie er Autonomiebestrebungen bekämpft, die der Zurichtung auf fremdbestimmte Arbeit im Wege stehen. Die den einzelnen zu permanenter Verfügbarkeit nötigende Optimierungslogik überwölbt die Ausbeutung durch tayloristische Arbeitsregimes verheißungsvoll mit Jobkonzepten individueller Selbstverwirklichung. Ganz im Sinne der neoliberalen Transformation emanzipatorischer Forderungen wird der Mensch erst richtig zum Menschen, wenn er seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten nicht etwa um seiner selbst willen, sondern zum wirksameren fremdnützigen Gebrauch entwickelt.

Fernab der antiquierten Idee, die technologische Produktivkraftentwicklung befreie den Menschen von den Zwängen der materiellen Überlebenssicherung und eröffne ihm die Chance auf eine selbstbestimmte Entwicklung, wird er als angebliches Mängelwesen der Konditionierung durch den wissenschaftlich und industriell adaptierten Naturzwang überantwortet. Das über diesen hinausgetriebene Prinzip der Autonomie voraussetzungsloser Existenz fällt im Jargon der Bioethik als "Benefit" zurück auf die Wertzuweisung, anhand der sich das nackte Leben zu legitimieren hat. Wo etwas sich lohnen muß, anstatt bedingungsloser Selbstbestimmung zu genügen, ist die Verweigerung fremdnützigen Gebrauchs von Sanktionen bedroht.

Das durch die Hintertür affirmativer Leistungs- und Schönheitsnormen wieder eingeführte "unwerte Leben" eugenischer Bevölkerungspolitik war und ist Ergebnis einer Vergesellschaftungspraxis, die zur Bestimmung jeglichen Werts auf Vergleichsparameter angewiesen ist. Wie das Beispiel eines Lohns zeigt, den der Verkäufer seiner Arbeitskraft vom Eigentümer der Produktionsmittel nur deshalb erhält, weil ihm der Zugang zu diesen zuvor genommen wurde, tritt in diesen Bemessungsgrundlagen ein Interesse hervor, das im gesellschaftlichen Abtausch stets zu Lasten eines Akteurs geht. Gestreckt über die Lebenszeit übersetzt sich diese Last in den Verbrauch physischer Substanz, als quantifizierbares Ergebnis des Tausches von Geld gegen humane Produktivkraft.

Erhalt und Vergrößerung dieser Ressource ist Kernziel einer Gesundheitsfürsorge, die in der Verquickung von medizinischer Ethik und gesellschaftlicher Reproduktion einem betriebswirtschaftlichen Kalkül ausgesetzt wird. Ohne die komplexe Normierung des warenförmigen Produkts ärztlichen Engagements ist die kommerzielle Durchorganisation des medizinischen Reparaturbetriebs nicht zu machen, daher treten immer differenziertere Prozesse und Kataloge diagnostischer und therapeutischer Klassifizierung an die Stelle einer vorrangig vom individuellen Urteilsvermögen des Arztes und vom Vertrauensverhältnis zwischen dem Patienten und ihm bestimmten Behandlungspraxis. Diese wiederum genügen dem Leitmotiv marktwirtschaftlicher und neoliberaler Zurichtung, dem eigenverantwortlichen Handeln angeblich rational entscheidender Marktteilnehmer, indem bei jeglicher Erkrankung zuerst danach gefahndet wird, inwiefern dem Betroffenen anhand eines angeblichen Fehlverhaltens die Schuld an seiner Misere aufgelastet werden kann.

Über die Schattenseite sozialdarwinistischer Selbstoptimierung, die Sanktionierung angeblich selbstinduzierter Gesundheitsschädigungen durch den Konsum von Genußgiften, den Verstoß gegen ernährungsphysiologische Grundsätze oder die Vernachlässigung der körperlichen Fitness hinaus, rückt die Verweigerung der reproduktiven Qualitätssicherung immer mehr ins Blickfeld bezichtigungsmedizinischer Disziplinierung. Erbbiologischen Risiken, wie gering sie auch sein mögen, soll mit den Möglichkeiten der prädiktiven Medizin im Wortsinn zu Leibe gerückt werden. Werdende Mütter, die die Möglichkeiten humangenetischer Evaluation und vorgeburtlicher Diagnostik nicht vollständig in Anspruch nehmen, setzen sich dem Vorwurf aus, dem Gemeinwesen mit der Geburt eines für seine zukünftige Pflichterfüllung unzureichend ausgestatteten Kindes Schaden zuzufügen. Wo die Life Sciences Möglichkeiten der Verhinderung angeblich behinderten und untüchtigen Lebens anbieten, sollen diese auch genutzt werden, angeblich um dem davon betroffenen Menschen unnötiges Leid zu ersparen.

Die Frage, ob die damit vollzogene Verallgemeinerung der unterstellten Subjektperspektive irgend etwas mit dem Menschen zu tun hat, der am besten gar nicht erst geboren oder, wie einige Bioethiker fordern, auch noch nach der Geburt getötet werden soll, wird nach Kräften unterdrückt, weil sie von universaler Bedeutung ist. Sie betrifft nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern stellt den Lebensanspruch eines jeden Menschen zur Disposition der an ihn gestellten Forderung, sich seine Existenz durch Unterwerfung unter die Imperative der Arbeitsgesellschaft zu verdienen. Wurde mit dem zynischen Leitmotiv "Arbeit macht frei" die Vernichtung durch Arbeit im System der NS-Konzentrationslager auf die Spitze menschlicher Verachtung getrieben, so soll der Mensch im Spiegel eugenischer Medizin immer noch nicht dazu frei sein, ohne jede Rechenschaftspflicht selbstbestimmt zu leben. Befreit zum Verkauf seiner Arbeitskraft wird er dem Zwang einer Produktivität ausgeliefert, deren Ergebnis mangelinduzierter Beherrschbarkeit so selbstverständlich wie unausgesprochen in Anspruch genommen wird.

Im Unterschied zur offenen Beseitigung angeblicher Volksschädlinge im NS-Staat kommt die eliminatorische Praxis biomedizinischer Eugenik im Gewand lauterster Menschenfreundlichkeit daher. Wer sollte etwas dagegen haben, daß ein behinderter Mensch gar nicht erst geboren wird, dient dies doch zur angeblichen Minderung eines Leides, das von der Not, die die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse treibt, allerdings nicht zu trennen ist. Die Stigmatisierung der Behinderung soll vergessen machen, daß Raubinteressen, die den anderen zum Objekt eigenen Überlebens degradieren, das Feld der Vergesellschaftung beherrschen. Den anderen als lebensuntüchtig auszugrenzen heißt immer auch, dieser Gefahr selbst ausgesetzt zu sein. Die Teilbarkeit vermeintlich unteilbarer Grundrechte legitimiert längst geteilte Verhältnisse. Das Recht auf Leben zu postulieren, anstatt in aller Parteilichkeit und Subjektivität zu leben, setzt die Verfügungsgewalt übergeordneter Instanzen voraus. Die soziobiologische Ethik des größeren Nutzens eines biomedizinisch optimierten Daseins sichert mithin den Frieden einer Ordnung, die an der konstitutiven Not des Überlebens zu Lasten des anderen nicht rühren will.

Buchcover 'Der Pannwitzblick' - Foto: © 2011 by Schattenblick

Das Buch zum Film
Foto: © 2011 by Schattenblick

Von der Banalität selektierender Betrachtung

"Zwischen Menschen hat es einen solchen Blick nie gegeben. Könnte ich mir aber bis ins letzte die Eigenart jenes Blickes erklären, der wie durch die Glaswand eines Aquariums zwischen zwei Lebewesen getauscht wurde, die verschiedene Elemente bewohnen, so hätte ich damit auch das Wesen des großen Wahnsinns im Dritten Reich erklärt. Der jene blauen Augen und gepflegten Hände beherrschende Verstand sprach: 'Dieses Dingsda vor mir, gehört einer Spezies an, die auszurotten selbstverständlich zweckmäßig ist. In diesem besonderen Fall gilt es festzustellen, ob nicht ein verwertbarer Faktor in ihm vorhanden ist.'"

Diese Schlüsselszene aus dem Buch "Ist das ein Mensch" des KZ-Überlebenden Primo Levi beschreibt den Blick des wissenschaftlichen Leiters der chemischen Abteilung des Lagers Auschwitz-Monowitz, Dr. Pannwitz, als dieser über Leben und Tod des Häftlings mit der Nummer 174517 befindet. Vom Fachwissen des als Chemiker ausgebildeten italienischen Juden hängt ab, ob er gleich ermordet wird oder sich dem Tod erst einmal durch eine Arbeitsstelle in den zum I. G. Farben gehörigen Buna-Werk des Lagers entziehen kann. Auch dort war man seines Lebens nicht sicher, wie das Schicksal Fritz Löhner-Bedas belegt. Der für die Texte in Deutschland außerordentlich beliebter Schlager wie "In der Bar zum Krokodil", "Ausgerechnet Bananen", "Ich hab' mein Herz in Heidelberg verloren" oder "Dein ist mein ganzes Herz" verantwortlich zeichnende Wiener Jude wurde am 4. Dezember 1942 von SS-Schergen erschlagen, nachdem einige I.G.-Farben-Direktoren seinen zu geringen Enthusiasmus beim Verrichten der Zwangsarbeit bemängelten. Einer von ihnen verlangte, daß, wer nicht mehr arbeiten könne, in der Gaskammer verrecken solle, und dieser Aufforderung zur Beseitigung "unproduktiven" Lebens wurde, wenn auch nicht auf diese Weise, umgehend Folge geleistet. Zeugnis von Löhner-Bedas Häftlingsschicksal legt auch das von ihm verfaßte Buchenwaldlied ab, das sich allerdings weit geringerer Bekanntheit erfreut als die von ihm verfaßten Evergreens der guten Laune.

Levi hingegen überlebte Auschwitz, weil seine Kenntnisse als Chemiker für die deutsche Kriegsindustrie verwertbar waren, und hat mit der Beschreibung dieses Aquariumblicks eine elementare Aussage zum Gewaltverhältnis zwischen Menschen getroffen. Der andere könnte nicht fremder sein als in dem Augenblick, in dem er sich zugunsten des eigenen Überlebens nicht nur vollständig vom Schicksal ihm ausgelieferter Opfer trennt, sondern sie mit tödlicher Konsequenz zu Nichtmenschen erklärt. Die von dem 1987 verstorbenen Levi in seinem letzten Buch "Die Untergegangenen und die Geretteten" ausgemachte "Grauzone", durch die sich eine "lange Verbindungskette zwischen Opfern und Henkern" ziehe, läßt ahnen, daß die Welt im Lager wie überall sonst nicht eindeutig in Täter und Opfer einzuteilen ist. Der Überlebenskampf kann auch in feindseliger Ausschließlichkeit toben, wo die Solidarität aller Betroffenen schon deshalb geboten erscheint, weil vereinter Widerstand aussichtsreicher wäre, als sich allein zur Schlachtbank führen zu lassen.

Primo Levi war sich der Grenzen seiner Zeugenschaft bewußt und konnte sie gerade deshalb in Anspruch nehmen. Unter Verweis auf die "Muselmanen", jene Häftlinge, die so sehr vom Tod gezeichnet waren, daß sie auch von den noch nicht durch Hunger, Versklavung und Mißhandlung völlig ausgelaugten KZ-Insassen gemieden wurden, erklärte er: "Wir Überlebenden sind nicht nur eine verschwindend kleine, sondern auch eine anomale Minderheit: Wir sind die, die aufgrund von Pflichtverletzung, aufgrund ihrer Geschicklichkeit oder ihres Glückes den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben. Wer ihn berührt, wer die Gorgo erblickt hat, konnte nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder ist stumm geworden. Vielmehr sind sie, die 'Muselmanen', die Untergegangenen, die vollständigen Zeugen, jene, deren Aussage eine allgemeine Bedeutung gehabt hätte." [5]

Distanzierung, ob aus der Höhe herrschaftlicher Verfügungsgewalt oder in der bedrohlichen Nähe der Gefahr, erweist sich als zentrales Manöver einer Überlebenssicherung, die den anderen Menschen nicht nur alleine läßt, sondern sehenden Auges dem größeren Räuber überläßt. Sie wird auch in jener kategorialen Aberkennung des Menschseins manifest, mit Hilfe derer medizinische und biopolitische Maßnahmen begründet werden, denen sich der einzelne auch zum Preis seines Lebens zum angeblichen Wohl des größeren Ganzen zu unterwerfen hat. Im Unterschied zum rassistischen Genozid an den europäischen Juden kommt der von utilitaristischer Verteilungslogik bestimmte Tod auf leisen Sohlen und spricht mit freundlicher Stimme wohlmeinende Worte. Das vorgeblich freiwillige Ableben alter oder behinderter Menschen im Rahmen der um sich greifenden modernen Euthanasie soll ebenso zu ihrem Besten sein wie die mit humangenetischer Finesse erfolgende Verhinderung aufgrund mutmaßlicher physischer Deformationen unerwünschter Kinder. Um den Wunsch, mit fremder Hilfe vorzeitig aus dem Leben zu scheiden oder gar nicht erst auf die Welt zu kommen, zu dokumentieren, finden sich stets Betroffene, die bezeugen, was nicht bezeugt werden kann. Auch der angeblich Hirntote kann nicht mehr davon berichten, was ihm bei Entnahme seiner Organe widerfuhr, während sich der große Kreis der Nutznießer einig ist in der Überzeugung, daß er nichts lieber tat, als im Leibe anderer fortzudauern.

Kein Wunder also, daß die Stimme der Schwachen im Getöse zweckrationaler Mangelverwaltung kaum mehr zu vernehmen ist, daß "rohe Bürgerlichkeit" (Wilhelm Heitmeyer) überall dort mit scharfer Klinge Raum greift, wo Platz für das Aufblühen sich dem sozialen Gewaltverhältnis widersetzender Subjektivität sein könnte. Um so erfreulicher sind die kleinen Zeichen des Festhaltens an Überzeugungen, die sich dem Marsch in die eugenische Zukunft verweigern. Ein solches wurde am 22. September vom Gen-ethischen Netzwerk (GeN) in Berlin mit einer kleinen Filmreihe gesetzt, in deren Rahmen auch der 1991 unter der Regie von Didi Danquart von der Medienwerkstatt Freiburg 1991 produzierte und mehrfach ausgezeichnete Film "Der Pannwitzblick" zur Aufführung gelangte. Geladen zum anschließenden Gespräch war Udo Sierck. Er konnte als Protagonist des Films, Mitverfasser des gleichnamigen Buchs und Mitbegründer der Krüppelbewegung aus erster Hand davon berichten, wie diese zumindest für die linke Kritik am biomedizinischen Zugriff auf den Menschen bedeutsame Dokumentation aus heutiger Sicht zu beurteilen ist.

Udo Sierck - Foto: © 2011 by Schattenblick

Udo Sierck
Foto: © 2011 by Schattenblick

"Der Pannwitzblick" ... nach 20 Jahren sehenswerter denn je

Zu Beginn wartet "Der Pannwitzblick" mit eindrücklichen Belegen für die sozialdarwinistische Grundlegung eugenischen Denkens anhand einiger Ausschnitte aus Filmen auf, die zur NS-Zeit gedreht wurden. Das Lehrmaterial für medizinisches Personal, das in Anstalten für geistig oder körperlich Behinderte arbeitete, kündet vom vermeintlich natürlichen Charakter der Auslese, mit der das Schwache eliminiert wird, und propagiert die Vorzüge, die die Beseitigung des scheinbar nicht Lebenswerten für alle anderen haben soll. Spannt man den Bogen vom Beginn eugenischen Denkens im 19. Jahrhundert bis zur modernen Humangenetik und der darauf aufbauenden Entwicklung biomedizinischer Formen der Sozialkontrolle, dann wird an diesen historischen Dokumenten deutlich, daß Wissenschaftskritik ohne Herrschaftskritik nicht wirksam sein kann. Auch wenn die Vernichtung "unwerten" Lebens in der völkischen Gesundheitsideologie des NS-Staates bis zur Konsequenz der systematischen Ermordung wehrloser Menschen getrieben wurde, heißt das nicht, daß die sich darin artikulierenden Auffassungen der Mediziner und Gesundheitspolitiker ein für alle Mal diskreditiert wären. Sie unterliegen einem auch in liberalen demokratischen Gesellschaften mehrheitsfähigen ökonomischen Nützlichkeitskalkül. So wird etwa die Information, daß die medizinischen Kosten eines Menschenleben im hohen Alter extrem ansteigen können, längst als stichhaltiges Argument für aktive Sterbehilfe ins Feld geführt.

Ein besonders eindrückliches Beispiel für die Aufgabe der Medizin, dem Menschen nicht nur ein möglichst beschwerdefreies Leben zu ermöglichen, sondern ihn verwertungstauglich zuzurichten, bietet der Film am Beispiel der contergangeschädigten Theresia Degener. Sie wird, wie alte Archivaufnahmen zeigen, als kleines Mädchen von den Ärzten begutachtet wie ein Tier, dem man bestimmte Reaktionen entlockt, und dabei vollständig zum Objekt degradiert. Dabei ist sie bis auf die Unterhose nackt, ein kleines Zugeständnis an die Kamera, denn ohne fremde Beobachtung war sie stets unbekleidet, wie sie als erwachsene Frau im Rückblick auf ihre Zeit als Untersuchungsgegenstand berichtet.

Aus Degeners Mund erfährt der Zuschauer, daß Contergankinder als Menschen, die ohne oder nur mit rudimentären Extremitäten geboren wurden, besonders für Prothesenbauer interessant seien, da sie überhaupt keine Empfindung für die "fehlenden" Organe haben. Dabei wehrte sie sich von Anfang an gegen die künstlichen Arme, die die Ärzte ihr anpaßten, um ihre Vorstellungen davon, wie ein vollwertiger Mensch beschaffen zu sein hat, ins Bild zu setzen. Im Alter von drei bis acht Jahren muß sie die verhaßten Prothesen gegen ihren Willen tragen, obwohl die Riemen, über die sie bewegt wurden, zwischen den Beinen ins Fleisch schneiden. Der im Film zu sehende Wirkungsgrad der Prothesen steht in keinem Verhältnis zur Befähigung und Beweglichkeit, die Degener mit ihren Füßen erreicht hat, sondern drückt nur Einschränkung aus, beziehungsweise unterstreicht das Stigma der Behinderung.

Für das Mädchen entsprach die Linse der Kamera den Blicken des Kameramanns und der Ärzte, die sagen: "Du bist anders, du bist fremd, du gehörst nicht zu uns, dich machen wir anders". Anhand der Prothesen wird der Erfolg eines Dressurakts gefeiert. Theresia Degener wird nicht nur zum Objekt einer Vorführung, die dem technischen Geschick der Prothesenbauer gewidmet ist, sie wird, einer Marionette gleich, dem Willen der Ärzte unterworfen. Wie sie im Film berichtet, mußte sie beim Einüben des Prothesengebrauchs Bewegungen trainieren, die sie mit den Füßen viel besser ausführen konnte und auch praktizierte, wenn die Therapeutin nicht hinschaute. Als die Ärzte entdeckten, daß sich die Contergankinder selbst halfen, indem sie ihre Füße funktionell zu Armen entwickelten, wurden ihnen Schnürstiefel angezogen, um diesem Akt der Emanzipation Einhalt zu gebieten.

Das Beispiel führt dem Zuschauer deutlich vor Augen, daß Behinderte sich helfen lassen müssen, ob sie damit einverstanden sind oder nicht. Es wird nicht gefragt, ob das vermeintliche Optimum menschlicher Funktionalität auch von dem Menschen so empfunden wird, der diesem Ideal mit Krücke und Korsett nachkommen soll. Er soll keine Gelegenheit erhalten, seine körperlichen Möglichkeiten zu erkunden und ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sondern sich einer produktionsadäquaten Funktionalität beugen, die insbesondere durch die Rehabilitationsmedizin durchgesetzt wird. Es wird nicht überlegt, ob die Anpassung an einen künstlichen Arm eine organische Überforderung darstellt, da dieser Arm nicht auf die gleiche Weise bewegt werden kann wie eine gewachsene Extremität. Mit der Behindertenprothetik wird der Schattenriß eines Ideals exekutiert, das hinter der Erfüllung organischer Funktionen vermutet wird, aber nichts anderes spiegelt als den Stand der gesellschaftlichen Produktionsweise und den darin affirmierten Naturzwang.

Die an den Rollstuhl gebundene Nati Radtke erklärt, daß der Pannwitzblick immer vorherrscht, daß man ihn nur mehr oder weniger stark empfindet. Der Blick hat mit Macht zu tun, und die Entscheidung der jeweiligen Autorität ist immer existentiell. Das trifft nicht nur für Ärzte zu, denn diese Macht kann sich jeder schon dadurch Schwächeren gegenüber aneignen, indem er ihnen zu verstehen gibt, daß sie nicht dazugehören. Ganz deutlich drückt dies Wolfgang Röcker mit den Worten aus "Unsere Angst ist ihre Gewalt". Man müsse attraktiv, beweglich und schnell im Denken sein, sonst ist man lebensunwert.

Hans Henning Atrott, Gründer und ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS), und der australische Bioethiker Peter Singer treten als Repräsentanten einer besseren Welt auf, in der aktive Sterbehilfe nicht nur bei sterbenskranken Menschen geleistet und behindert geborenen Babies die Auseinandersetzung mit diesem Leben vorenthalten werden soll. Udo Sierck klärt in dem Film als davon potentiell Betroffener darüber auf, daß deren Thesen an den Menschen, die davon bedroht sind, vorbeigehen. Während die angebliche Notwendigkeit, den ohnehin möglichen Freitod legalistisch zu institutionalisieren, mit sterbewilligen Personen beworben wird, haben diejenigen, die unter allen Umständen leben wollen, kaum eine Stimme. Verfügt wird ihr Schicksal stets von Menschen, die der Tötungsandrohung nicht ausgesetzt sind. Die Behinderten sind an der Diskussion nicht beteiligt, weil sie nicht zu den Betroffenen gehören, wenn sie den Wunsch zu sterben nicht äußern. Sie wären jedoch als nächste betroffen, wenn es ersteinmal zur gesetzlich verankerten Ausübung von Sterbehilfe käme.

Schaut man genauer hin, dann drückt der Begriff der Sterbehilfe ein Gewaltverhältnis gegenüber besonders verletzlichen Menschen aus. Es wird suggeriert, daß es für dich mit deiner Behinderung besser ist zu sterben, weil du dich von der Mühsal der Existenz und andere von deiner Last befreist. So ist auch die Aussage zu verstehen, daß Sterbehilfe der Medizin den Schrecken nehmen kann, indem der Schrecken dauerhafter Behandlung durch die schnelle finale Lösung ersetzt wird. Im Rahmen institutionalisierter Menschenverwaltung soll es nur die Wahl zwischen langer oder kurzer Qual geben, in jedem Fall aber verfügt und verordnet durch sogenannte Experten, die über Wohl und Wehe nach Gutdünken entscheiden. Die im Tod vermutete Lösung aller Probleme denunziert die Streitbarkeit, sich von niemand anderem als dem Leben selbst niederstrecken zu lassen, als widernatürliches Aufbegehren gegen die Schöpfung, die das Schwache dem Starken opfert. Ganz wie sich der Mensch Gott unterwirft, um ja nicht auf eine Weise stark zu werden, die diesem die Stirn bietet, soll er zu Lasten der Schwächeren überleben, anstatt deren Position einzunehmen und damit jeder Herrschaft eine Absage zu erteilen.

Der Limbus zwischen Pannwitz und Levi kennzeichnet ein Verhältnis zwischen Menschen, deren einzige Verbindung in der Ausschließlichkeit der Vernichtungsabsicht besteht. Auf der Seite des "Normalen" ist man sich einig darüber, was mit Andersartigen zu geschehen hat, ansonsten gäbe es das Selbstverständnis einer wie auch immer gearteten Normalität nicht. Ein Reiseveranstalter wird auf die Klage von Kunden hin regreßpflichtig gemacht, weil diese sich durch die Anwesenheit einer Behindertengruppe im gleichen Hotel gestört fühlten. Eine Versicherung kommt zu dem Schluß, daß Querschnittslähmung schlimmer ist als der Sterbevorgang. Geurteilt wird aus der Sicht derjenigen, die ihre sogenannte Gesundheit zur Norm gesellschaftlicher Produktivität in Abgrenzung zu allen erheben, die der von ihnen in Anspruch genommenen Definition nicht entsprechen. Dabei sind die Übergänge zur ausgewiesenen Behinderung fließend, werden doch schon körperliche Eigenheiten, die nicht der Schönheitsnorm entsprechen, oder angeblich schädlicher Konsum von Genußmitteln als behandlungsbedürftige, die Karrierechancen mindernde Fehlentwicklungen ausgemacht.

Trotz aller behindertenpolitischen Aufklärung bleibt das Problem, daß die Antithese der massenmedial durch Film- und Werbeindustrie propagierten Körperbilder in einer zusehends sozialdarwinistisch orientierten Gesellschaft ausgegrenzt wird. Der oder die Behinderte symbolisiert etwas, das sich als nicht behindert begreifende Menschen entschieden von sich weisen. Die jenseits medizinischer Diagnosen mögliche Auseinandersetzung mit der Frage, wo körperliche oder geistige Einschränkungen, denen jeder Mensch auf diese oder jene Weise ausgesetzt ist, das Kriterium einer Behinderung erfüllen könnten, unterbleibt, weil die Distanz zu einem solchen Schicksal mit dem Streben, es besser als der andere zu haben, in eins fällt. So betreibt der vermeintlich Nichtbehinderte im Zweifelsfall die Elimination dessen, womit er nicht konfrontiert werden will. Die "Puppenliebe" der Normalen, von der der Rollstuhlfahrer Wolfgang Röcker im Film spricht, zieht tote Larven lebendiger Eigenständigkeit vor. Konfrontiert mit der Streitbarkeit der Schwachen wird dem vermeintlich Starken der eigene Mangel an Emanzipation und Autonomie um so unerträglicher, entlarvt er das gesellschaftliche Lehen der Persönlichkeit doch als zutiefst fremdbestimmtes, Anpassung und Unterwerfung sicherndes Konstrukt.

Immer wieder beschäftigt Röcker dieser in unangreifbarer Passivität Gewalt beschwörende Blick: "Sieh dir das an, unter ihre Lampen gedreht mein Fuß, wohin soll ich mich verbergen, sie wollen meine Augen essen, ihre Augen sind Vögel, sieh mal, diese Augen, es könnte dein Gesicht sein, dein Haar, dein Schoß, es ist aber deine Enteignung, zu ihrem Nutzen. (...) Der Mensch, Müll, Monsterkraut, ist auszureißen, aber das Auge, wohin soll ich es verbergen?" Der Blick penetriert jeden Winkel des Verstecks, er zerrt ins Licht, um zu begutachten und zu bewerten. Der Blick demonstriert Gleichgültigkeit bis Ablehnung, er sagt, daß das Objekt der Betrachtung nichts mit ihm zu tun hat, ja nicht einmal konventionelle soziale Handelsverhältnisse als Grundlage für eine befristete Koexistenz akzeptabel erscheinen. Bar jeder Bereitschaft zur Verständigung läßt er keinen Zweifel über die Beschaffenheit sogenannter Menschlichkeit. Das andere hat nur eine Funktion, es stört und steht im Weg, und dafür gibt es die Adresse der finalen Institutionen, der Ghettos der überflüssig Gemachten, der Pflegeheime der Vergessenen, der krankenkassentechnisch terminierte Aufenthalt im Hospiz.

Filmgespräch in der 'Brotfabrik' - Foto: © 2011 by Schattenblick

Filmgespräch in kleiner Runde
Foto: © 2011 by Schattenblick

Rückblick auf die Krüppelbewegung

Im Gespräch nach der Filmvorführung berichtet Udo Sierck über die Anfänge der Krüppelbewegung und was aus ihr geworden ist. Mitte der 1990er Jahre sei das Interesse an dem Film und damit an dem Thema auch über das Spektrum der Betroffenen hinaus sehr groß gewesen, doch das habe sich eindeutig geändert. Heute sei dies eingeweihten Kreisen vorbehalten, und auch die Behindertenbewegung sei nicht mehr so radikal wie vor 20, 25 Jahren. Ihre Aktivistinnen und Aktivisten widmeten sich heute eher der praktischen Arbeit etwa in Beratungsstellen, sie betrieben Politik in Gremien, die sich mit Behindertenfragen beschäftigen, und säßen als Abgeordnete in einzelnen Landesparlamenten. Die in der Krüppelbewegung vorherrschende Bereitschaft, sich gegen behindertenfeindliche Entwicklungen entschieden zu wehren, wäre kaum mehr vorhanden, weil viele ein Stück weit resigniert hätten, so Sierck.

Die Frage, ob es eine Entwicklung in der Krüppelbewegung gegeben habe, die den als Marsch durch die Institutionen begonnenen Karrieren vieler 68er entspräche, bejaht Sierck unter Verweis darauf, daß viele damalige Aktivisten und Aktivistinnen kurz vor dem Hochschulabschluß standen oder bereits Akademiker waren. Dies sei in entsprechende Karrieren gemündet, anstatt weiterhin auf die Barrikaden zu gehen. Von einer Krüppelbewegung möchte er heute nurmehr in Anführungszeichen sprechen. Diese habe sich unter anderem daran entwickelt, daß man etwa Rampen vor Postämtern gefordert und den öffentlichen Nahverkehr für Behinderte erschlossen habe. Heute wären barrierefreie Zugänge weithin verbreitet, so daß er es, einmal provokativ, so formulieren wolle: "Viele behinderte Leute sind einfach zufrieden."

Heute hätten behinderte Menschen, wenn sie mithalten können, nur wenig Probleme im Alltag. Allerdings wäre der Pannwitzblick weiterhin präsent. Sie hätten jedoch nicht mehr die Ausgrenzung vor Augen, die vor 30 Jahren üblich war. Dies wäre durchaus als politischer Erfolg zu betrachten, allerdings sehe er auf der anderen Seite, daß die Überlegung, ob Behinderte überhaupt zur Welt kommen sollten, immer offener ausgetragen werde. Auch hätte man vor 20 Jahren noch verhindern können, daß auf Tagungen und Kongressen die Tötung Neugeborener mit schweren Behinderungen propagiert wird. Heute erhalte ein Bioethiker wie Peter Singer, der dies vertritt, nicht nur einen Preis, sondern er kann auch in psychologischen Seminaren an der Uni Frankfurt auftreten, weil die Studentinnen und Studenten ihn hören wollen. Diese Entwicklung richte sich eindeutig gegen die Interessen der Behinderten. Er glaube zwar nicht, daß in absehbarer Zeit wieder Euthanasie-Aktionen stattfänden, aber daß die Entwicklung in zehn Jahren so weit gediehen wäre, daß man Neugeborene mit bestimmten Krankheiten tötet, hält er durchaus für möglich. So gehe es auch in der PID-Debatte um die Fortsetzung der traditionellen Selektionspolitik, gegen die er seit 30 Jahren kämpfe. Eine Gegenöffentlichkeit in dem Sinne, wie er sie sich wünsche, gebe es eigentlich nur noch in den Reihen der CDU.

Zudem sei die Behindertenpolitik schon seit dem Kaiserreich auf die produktive Verwertungsfähigkeit der Betroffenen ausgerichtet. Sierck habe sich lange im Bundesarchiv Koblenz mit der Gründungsphase der Behindertenpolitik in der Bundesrepublik Deutschland beschäftigt. Auch dort habe er festgestellt, daß es eigentlich nur darum ging, wie man Behinderte, Kriegs- oder Unfallopfer auf eine Weise rehabilitieren könne, daß sie sich produktiv in den Arbeitsprozeß einspeisen lassen. Demgegenüber wäre die Krüppelbewegung auch aus den Ideen der 68er hervorgegangen. Ihre Aktivistinnen und Aktivisten wären bereits aus politisierten Zusammenhängen wie etwa der Anti-AKW-Bewegung gekommen, so daß der Kampf gegen die menschenunwürdigen Zustände in den Anstalten dementsprechend radikal geführt wurde. Da sich dadurch einiges verbessert habe, da man mit der Forderung, behinderte Menschen nicht in Anstalten zu halten, sondern in die Stadtteile zu integrieren, erfolgreich war, sei es auch zu einem Bruch in der Mobilisierung gekommen.

Gnadenlos gescheitert wäre man allerdings mit dem Kampf gegen die humangenetischen Beratungsstellen und die Pränataldiagnostik. Zudem sei man mit einer Ausbreitung der Euthanasie konfrontiert, die insbesondere dort, wo Menschen von ihrer Umgebung abhängig sind, um sich greife. Der Überlegung, man wolle seinen Mitmenschen als Pflegebedürftiger nicht mehr zur Last fallen, könnten sich zumindest ältere Behinderte kaum entziehen. Auch werde der Erfolg, daß Behinderte nun eigene Wohnungen hätten, dadurch relativiert, daß viele resigniert hätten, zuhause hockten, nichts mit ihrem Leben anzufangen wüßten und nur noch darauf warteten, daß es zu Ende geht. Er selbst habe aus der Behindertenberatung in Hamburg vernommen, daß das größte Problem vieler körperbehinderter Leute darin besteht, daß sie den Alltag psychisch nicht mehr durchhalten. Das Problem werde dadurch verschärft, weil so die Behauptung, ein behindertes Leben lohne sich nicht, ungewollt bestätigt werde. Sicherlich sei das auch Folge einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zur Atomisierung des einzelnen, aber er bedauere, daß die Vereinzelung behinderter Menschen auch bedeute, daß keine politische Auseinandersetzung mehr stattfindet. Weil damit die Widerständigkeit der Behinderten schwinde, vergrößere sich die Gefahr, von eugenischen Entwicklungen eingeholt zu werden.

Die Auseinandersetzung mit der eugenischen und soziobiologischen Transformation des Menschenbildes betrifft nicht nur Behinderte, sondern jeden, der die Frage der Herrschaft des Menschen über den Menschen zu seiner eigenen macht. Eine Sprache zu entwickeln, die nicht von den euphemistischen Kategorien fremder Nutzungsinteressen verstellt ist, wäre ein erster Schritt hin zu einer von gesellschaftlichen Partizipationsverheißungen nicht zu korrumpierenden Parteilichkeit, zur Entwicklung einer Position der Schwäche, die ein ausschließendes Verhältnis zur vermeintlichen Stärke selektiver sozialrassistischer Praktiken hat.

"Hurbinek war ein Nichts, ein Kind des Todes, ein Kind von Auschwitz. Ungefähr drei Jahre alt, niemand wußte etwas von ihm, es konnte nicht sprechen und hatte keinen Namen: Den merkwürdigen Namen Hurbinek hatten wir ihm gegeben; eine der Frauen hatte mit diesen Silben vielleicht die unartikulierten Laute, die der Kleine manchmal von sich gab, gedeutet. Er war von den Hüften abwärts gelähmt, und seine Beine, dünn wie Stöckchen, waren verkümmert; aber seine Augen, eingesunken in dem ausgezehrten dreieckigen Gesicht, funkelten erschreckend lebendig, fordernd und voller Lebensanspruch, erfüllt von dem Willen, sich zu befreien, das Gefängnis der Stummheit aufzubrechen. Die Sehnsucht nach dem Wort, das ihm fehlte, das ihn zu lehren niemand sich die Mühe gemacht hatte, das Bedürfnis nach dem Wort sprach mit explosiver Dringlichkeit aus seinem Blick ..." [6]

Fußnoten:

[1] http://www.bundestag.de/dasparlament/2011/20-21/Beilage/001.html

[2] http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/sele0888.html

[3] http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/ethik-preis-fuer-tierrechtler

[4] http://www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/signal-fuer-tierrechte-aufgeklaerte-streitkultur

[5] Levi, Primo. Die Untergegangenen und die Geretteten, München 1993. Entnommen aus: Agamben, Giorgio. Was von Auschwitz bleibt, 2003, Frankfurt a.M.

[6] Levi, Primo. Die Atempause, München 1999. Entnommen aus: Agamben, Giorgio. Was von Auschwitz bleibt, Frankfurt/M., 2003

Zum Buch "Der Pannwitzblick" siehe
http://www.assoziation-a.de/gesamt/Der_Pannwitzblick.htm

Zur Sammelausgabe der "Krüppelzeitung" siehe

http://agspak.twoday.net/stories/5474652/

Kulturzentrum Brotfabrik - Foto: © 2011 by Schattenblick

Veranstaltungsort in Berlin-Weissensee
Foto: © 2011 by Schattenblick

11. Oktober 2011