Schattenblick →INFOPOOL →PANNWITZBLICK → REPORT

BERICHT/004: Ohnmacht, Zwang und Psychiatrie - Unfixiert und nicht allein (SB)


Mit leeren Händen, doch streitbarer Parteinahme

Konferenz am 22./23. November 2013 in der Universität Essen



Das vermeintlich stärkste und mithin am schwersten aus dem Feld zu schlagende Argument aller Protagonisten von Zwangsmaßnahmen im Dunstkreis der Psychiatrie läßt sich in einer Frage zusammenfassen: Wie würdest du mit einem Menschen umgehen, der aufgrund seiner psychischen Verfassung sich selbst und andere massiv gefährdet? So unverzichtbar die politische, soziale, juristische und ethische Diskussion auch sein mag, ist sie doch leichterdings zu entwurzeln, wenn sie den Brückenschlag in die Praxis ausblendet oder nicht zu vollziehen vermag. Daß auf diesem Terrain der Auseinandersetzung mit ungleichen Waffen gefochten wird, liegt auf der Hand. Auf Konflikte mit brachialer Gewalt zu reagieren, Störungen repressiv zu befrieden, Menschen in kritischen Lebenslagen medikamentös ruhigzustellen und wegzusperren, bleibt stets die naheliegendere und einfachere, weil den herrschenden Verhältnissen adäquate Option.

Die volle Wucht staatlicher Gewalt, administrativer Verfügung und berufsständischen Interesses verdichtet sich zur Exekution erzwungener Eingriffe in Lebensführung und Physis des als psychisch krank stigmatisierten Menschen. Sie bedient sich einer langen Tradition fachspezifischer Verschlüsselungen und Sprachregelungen, die Unterwerfung, Kontrolle und Ausgrenzung mit klassifizierenden und Lösungen suggerierenden Mustern und Methoden verschleiern und zu Heilung umdeklarieren. Ihre Beweisführung ist ebenso kurzschlüssig wie schmerzhaft für das Opfer: Wenn die Polizei eine Störung entfernt, die Psychiatrie deren Einschluß garantiert, ein Medikament für Ruhe sorgt, scheint das Wesentlichste in Angriff genommen zu sein. Die akute Gefahr ist gebannt, und alles weitere wird man auch noch in den Griff bekommen.

Demgegenüber scheint jeder Ansatz, der sich einer Anwendung von Zwang enthält und widersetzt, in zweifacher Hinsicht mit leeren Händen dazustehen. Ihm fehlt nicht nur das institutionelle, instrumentelle und pharmazeutische Arsenal der Fesselung, sondern auch die von Zweifeln ungetrübte Antwort und Erfolgsgarantie. Was die Zwangspsychiatrie unter Kollateralschäden und unvermeidlichen Opfern des wissenschaftlichen Fortschritts verbuchen kann, fällt der alternativen Behandlungsmethode im Zweifelsfall als Bezichtigung auf die Füße, sie habe mit ihren Hirngespinsten eine sachgemäße Therapie verhindert und trage die alleinige Verantwortung für die Folgen.

Wer daher psychiatrischen Zwangsmaßnahmen den Kampf ansagt und sich entschieden auf die Seite der Betroffenen stellt, manövriert auf dünnem Eis. Mit eingeschliffenen Konventionen und anerkannten, ja für alternativlos erklärten Verfahrensweisen zu brechen, erfordert eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den eigenen Denkweisen und Handlungsoptionen. Es gilt, Grenzen der Kontaktnahme zu überschreiten, berufsständische Hierarchien auszuhebeln und Streitfelder zu eröffnen, auf denen eine saturierte, aufmunitionierte und legalisierte Übermacht uneingeschränkte Hegemonie für sich reklamiert. Und nicht zuletzt schürt man mit der eigenen Substanz jene Esse, in der die Werkzeuge streitbarer Parteinahme für die Schwachen und Schutzlosen erst noch zu schmieden sind.

Plakat zur Konferenz 'Psychiatrie ohne Zwang - Was ist das?' - Foto: © 2013 by Schattenblick

Foto: © 2013 by Schattenblick

Auf der Suche nach alternativen Behandlungsmethoden

Auf der Konferenz "Psychiatrie ohne Zwang - Was ist das?", die am 22./23. November 2013 in der Universität Essen stattfand, war der zweite Tag der Vorstellung und Diskussion alternativer Behandlungsformen gewidmet. In einem Workshop zum Thema "Neue Wege psychiatrischen Handelns aus der Sicht eines Psychiaters" und einem nachfolgenden Vortrag mit dem Titel "Chancen alternativer Behandlungsmethoden" stellte der in Basel lebende und praktizierende Psychiater und Psychotherapeut Dr. Piet Westdijk seine persönliche Erfahrung mit Lebenskrisen und die Grundzüge seiner Arbeit mit Patientinnen und Patienten vor. Die ungewöhnliche Reihenfolge, mit der Debatte in der Arbeitsgruppe zu beginnen und den Vortrag anzuschließen, entsprach einer durchgängigen konzeptionellen Planung der Konferenz, die Stimmen Psychiatrieerfahrener in den Mittelpunkt zu stellen und von deren Interesse ausgehend die anwesenden Experten zu befragen und kritisch auf den Prüfstand zu stellen.

Wie Piet Westdijk, der aus den Niederlanden stammt und seit 1981 in der Schweiz lebt, erzählte, sei er in einer schwierigen Lebenssituation selbst für einige Zeit als Patient in der Psychiatrie gewesen und seither davon beeinflußt, vielleicht sogar traumatisiert. Als er Ende der 1990er Jahre als Psychiater zunehmend überarbeitet gewesen sei und das Gefühl gehabt habe, das Leben nicht mehr bewältigen zu können, habe er eines Tages starke Medikamente gegen Epilepsie eingenommen und sei ins Koma gefallen. Daraufhin habe ihn ein Nachbar ins Krankenhaus gebracht, wo ihm der Magen ausgepumpt wurde. Er sei zunächst nach Hause zurückgekehrt, dann aber von einem Kollegen erneut in die Klinik gebracht worden. Da der zuständige Arzt Suizidalität nicht ausschloß, wies er Westdijk in die Psychiatrie ein, was damals als Fürsorglicher Freiheitsentzug (FFE) bezeichnet wurde. So fand er sich plötzlich auf einer Station mit seinen Klienten wieder, die ihn für eine Art Undercover-Agenten hielten. Er habe die Einnahme von Medikamenten abgelehnt und sei überhaupt nicht behandelt worden, bis er sich auf eigenen Wunsch außerhalb der Universitätsklinik in eine Therapie begeben und nur noch die Nacht auf der Psychiatriestation verbracht habe. Wenngleich es ihm in der Psychiatrie ungleich besser als zahllosen Zwangsbehandelten ergangen sei, habe er damals doch einen Schritt von fortan prägender Wirkung auf die andere Seite gemacht.

Die Psychiatrie als ärztliche Heilkunde seelischer Störungen sei in der Gesellschaft weithin akzeptiert und tief verankert. Was aber die Seele sei, werde bekanntlich höchst unterschiedlich interpretiert und könne nur als offene Frage aufgefaßt werden. Von einer angemessenen ärztlichen Behandlung, die natur- und geisteswissenschaftlich begründet sein sollte, könne daher auf diesem Gebiet im Grunde nicht die Rede sein. Unter den diversen Aspekten der Seele, die gestört sein können, ließe sich bei neurologischen Funktionen des Bewußtseins noch am ehesten eine ärztliche Mitsprache begründen. Ob diese aber auch für das Denken, den Willen oder die Persönlichkeit eines Menschen gelten soll, müsse man doch bezweifeln. Die Interventionslust des Arztes entspringe der Überzeugung, er könne heilen oder wenigstens das Leiden lindern. Der Psychiater gebe vor, über einen klar definierten Komplex seiner Zuständigkeit zu gebieten und von Berufs wegen angehalten zu sein, Menschen selbst dann zu helfen, wenn diese es nicht wollen. So erfinde der Psychiater Symptome und Diagnosen, zu denen nicht zuletzt eine fehlende Krankheitseinsicht gehört. Damit würden Teufelskreise etabliert und Schmerzen zugefügt, die von der Verabreichung von Neuroleptika bis hin zur Elektrokrampftherapie reichen, die nach wie vor praktiziert wird.

Westdijk ist in einer unabhängigen Praxis tätig, was es ihm erlaubt, nach seinen eigenen Vorstellungen und Überzeugungen zu arbeiten. Er könne als Arzt Zwang nie ganz ausschließen, sei aber bestrebt, ihn soweit es irgend geht zu verhindern. Aus diesem Grund gehört er als einziger Arzt dem Vorstand des von Anwälten geführten Vereins Psychex [1] an, der sich in der Schweiz für Zwangsbehandelte einsetzt. Die breite Mehrheit seiner Berufskollegen übe große Macht aus und bediene sich Praktiken, gegen die er laut protestiere. Die Psychiatrie annektiere beispielsweise Begriffe wie Trauer, die man zur Depression erkläre und medikamentös behandle. Antidepressiva könnten jedoch dazu führen, daß sich der Behandelte überhaupt nicht mehr spürt und diesbezüglich keine Entscheidungen mehr treffen kann. Nebenwirkungen würden den Betroffenen zumeist verschwiegen, wobei eine wesentliche Wirkung von Neuroleptika darin bestehe, daß man deren Nebenwirkungen nicht wahrnimmt. Daß sich ein Mensch dadurch in seinem gesamten Wesen verändert, merke sein Umfeld, er selber jedoch nicht.

Mehr als 30 Jahre psychiatrischer Arbeit hätten ihn gelehrt, daß er immer weniger wisse und dies seinen Patientinnen und Patienten auch offen sagen müsse. Inzwischen zweifle er daran, daß es so etwas wie Depressionen überhaupt gibt. Es gelte, den Psychiater zurückzufahren und mit den Menschen zu reden, um gemeinsam herauszufinden, was ihnen Probleme bereitet und wie sie diese lösen könnten. Das erfordere viel Geduld und gelinge nicht immer. Er habe sich die Grundhaltung zu eigen gemacht, anzunehmen, was ist, und zusammen daran zu arbeiten, wie es weitergeht. Mehr habe er nicht im Arztkoffer. Damit enttäusche er zunächst seine Klienten, die von ihm eine rasche Lösung erwarteten. Er könne ihnen aber berichten, daß er durch seine langjährige Tätigkeit eine gewisse Menschenkenntnis gewonnen und viele Klienten mit ähnlichen Problemen wie ihren in seiner Praxis gesehen habe, denen es im Laufe der Zeit besser gegangen sei.

Psychotherapie, die diesen Namen verdient, sei seines Erachtens nur ohne Zwang möglich. Die Patientinnen und Patienten könnten unter vielen verschiedenen Methoden wählen, und er selbst mache keine Werbung für irgendeine Schule, wenngleich ihm aufgrund seiner Ausbildung die Systemische Methode am nächsten liege. Jede Methode habe ihre spezifischen Vorteile, und während man zu Beginn der Berufstätigkeit nach der erlernten Verfahrensweise vorgehe, entwickle man im Laufe der Jahre ohnehin seine eigene Methode.

Im Vortrag - Foto: © 2013 by Schattenblick

Piet Westdijk
Foto: © 2013 by Schattenblick

Beispiele widerlegter Zwangsbehandlung

In seinem Vortrag stellte Westdijk beispielhaft einige Problemkomplexe vor, die als besonders schwierig gelten und so gut wie immer zu einer Zwangsbehandlung führen. Er berichtete von einer 80jährigen dementen Patientin mit aggressivem Verhalten, deren Orientierung in Zeit, Raum und hinsichtlich ihrer Person erheblich eingeschränkt war. Sie schlug bei jedem Versuch, sich ihr zu nähern, derart um sich, daß ihre Familie keinen Rat mehr wußte. Der gerufene Notfallarzt wies sie in eine geriatrische Klinik ein, wo sie schließlich in die geschlossene psychogeriatrische Abteilung verlegt wurde. Sie durfte die Station nicht verlassen, konnte aber frei herumlaufen, unabhängig davon, wie sie aussah und welche Kleidung sie trug. Vor allem aber wurden keine zwangsmedizinischen Maßnahmen durchgeführt. Im Laufe der Zeit nahm ihre Aggression ab, die mit der Einengung in ihrem früheren Umfeld zusammenhing, die sie nicht verstehen konnte. Sie werde wahrscheinlich auf Dauer ein geschultes Umfeld brauchen, ohne jedoch in alte Verhaltensweisen zurückzufallen, so der Referent. Zwar handelt es sich um eine geschlossene Abteilung, in der man aber verrückt sein dürfe. Diese Alternative scheine ihm in Basel unter den gegebenen Umständen zumindest noch vertretbar zu sein.

Als zweiten hochproblematischen Komplex führte Westdijk Abhängigkeit an und schilderte den Fall einer 40jährigen Patientin, die seit der Trennung von ihrem Ehemann schwer alkoholabhängig war und bereits zahlreiche klinische Zwangsaufenthalte hinter sich hatte. Sie entwickelte eine alkoholbedingte Entzugsepilepsie, woraufhin sie gegen ihren Willen in ein geschlossenes Wohnheim verlegt werden und dort ein Jahr bleiben sollte. Mit Hilfe eines Psychex-Anwalts wehrte sie sich erfolgreich dagegen. In der Folge kam sie zu Westdijk in ambulante Begleitung. Im Unterschied zu Deutschland, wo die Budgetierung nur wenige Minuten wöchentlich vorsieht und dafür 13 Euro vergütet, erhält er für eine Stunde (50 Minuten) pro Woche 200 Franken (etwa 150 Euro) von der Krankenkasse. Er setzte nach Ende ihres Klinikaufenthalts schrittweise alle Medikamente ab, doch kam es mehrfach zu Rückfällen, die so massiv waren, daß sie freiwillig wieder in die Klinik ging. Dort wurde sie jedoch nicht mehr medikamentös zwangsbehandelt und konnte das Krankenhaus im Einvernehmen verlassen. Vorgesehen sei nun eine Gruppentherapie beim Blauen Kreuz, eine Fortsetzung von Westdijks Bemühungen und eine Beschäftigung im Sinne einer Tagesstruktur. Das sei keine außergewöhnliche Geschichte, auf die irgend jemand stolz sein könne, aber es gehe ja ums Leben, so der Referent. Weil er nicht aufgebe und an sie glaube, gebe auch sie nicht auf.

Der dritte Problembereich betraf Psychosen, wofür Westdijk auf die Geschichte einer 18jährigen Patientin einging, die mit der Diagnose Schizophrenie in der Klinik gelandet war, nachdem sie sich als Studienanfängerin sehr auffällig verhalten, ein Komplott zwischen der Universitätsleitung und ihren Eltern "erahnt" und entsprechend aufrührerische E-Mails verschickt hatte. Von der Polizei in die Klinik gebracht, legte sie mit Hilfe eines Psychex-Anwalts erfolgreich Widerspruch ein und kam zu Westdijk. Er sah eine Ablösungsproblematik, während er die Diagnose Schizophrenie oder, schlimmer noch, Verdacht auf Hebephrenie und die massive neuroleptische Behandlung für absurd hielt. Er hörte ihr zunächst einmal zu und vereinbarte mit ihr einen schrittweisen Abbau der Medikamente. Man redete viel miteinander und bezog auch die komplizierte Familie mit ein. Die Therapie dauerte ein Semester, bevor die Patientin ihr Studium in Brüssel fortsetzen konnte, wo ihr Westdijk einen ähnlich ausgerichteten Kollegen empfehlen konnte. Auch diese Entwicklung klinge unspektakulär, doch wäre die übliche Verfahrensweise eine jahrelange Gabe von Neuroleptika und in deren Folge eine kognitive Beeinträchtigung gewesen, die ein Studium unmöglich gemacht und vermutlich eine lange Psychiatriekarriere nach sich gezogen hätte.

Piet Westdijk mit Buch - Foto: © 2013 by Schattenblick

Menschen an der Grenze des Erträglichen
Foto: © 2013 by Schattenblick

Zuletzt kam Westdijk auf suizidale Menschen zu sprechen und führte dazu eine frühere Patientin an, die sich 1991 das Leben genommen hat. Sie hatte zuvor ein Buch über ihre Situation geschrieben und dazu zahlreiche eindrückliche Bilder gezeichnet. Er las Passagen eines Textes vor, den er selbst über seine Begegnungen mit ihr verfaßt hat. Wie es darin heißt, gehe es in einer Therapie nicht um eine Reparatur kranker Psychoteile, sondern um einzigartige Begegnungen, innerhalb derer gegenseitig Neues gesät wird. Man habe zusammen Teilantworten gefunden, die ihren großen Schmerz jedoch nicht überwinden konnten. Der Tod werde überall tabuisiert, während sie ihn gespürt und das kaum ausgehalten habe. Man sei schwerhörig für das Leiden, das Leben und den Tod und vermeide ungelöste Fragen, die doch immer wieder gestellt werden müßten. Als ihm diese Patientin eines Tages erzählte, daß sie sich eine Pistole beschafft habe, beschloß er nach schwerem Ringen mit sich, daß er sie nicht verraten und der Psychiatrie überantworten dürfe. Es sei eine schreckliche Situation auch für ihn gewesen, die er in Kontakt mit ihrer Familie im genannten Sinne eingegangen sei. Diese Patientin habe auch sein Leben maßgeblich geprägt und begleite ihn in gewisser Weise noch heute.

Mit der Anwendung von Zwangstherapie verschrieben sich Psychiater dem Prinzip, etwas Störendes aus dem Weg zu räumen. Unter den somatischen Kollegen gelten die Chirurgen nicht umsonst als die größten Helden, weil sie das Kranke wegoperieren können. Sobald es jedoch um chronische, nicht heilbare Leiden gehe, werde es nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Ärzte schwierig, die das als Versagen erlebten. Daraus resultiere die brachiale Haltung, gewaltsame Übergriffe zu rechtfertigen, um die angebliche Heilung herbeizuführen. In der Auseinandersetzung mit Angst habe er ein Prinzip gelernt, das er für alle psychiatrischen Probleme anwenden möchte, so Westdijk. Man könne als Therapeut Angst nicht aus der Welt schaffen, sondern müsse sie annehmen und aushalten. In einem zweiten Schritt könne man dann darangehen, die Angst zu verstehen. Wolle man sie sofort mit Medikamenten beseitigen, komme man nie dazu, ihr auf den Grund zu gehen. Das gelte in gewissem Sinn auch für die Gesellschaft, die mit Angst nicht umgehen könne und sie medikamentieren, psychiatrisieren oder in Altenheimen verstecken wolle. Die Gesellschaft müsse lernen, solche Probleme auszuhalten und mit ihnen zu leben - und das sei verdammt schwierig, schloß der Referent seinen sehr persönlich gehaltenen Vortrag.

Handgeschriebener Übersichtsplan der Konferenz - Foto: © 2013 by Schattenblick

Dichter Ablauf des Programms
Foto: © 2013 by Schattenblick

Wissen verbreiten, Isolation überwinden

In einer lebhaften Diskussion im Workshop wie auch nach dem Vortrag brachten die psychiatrieerfahrenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer kompetent und engagiert eine ganze Reihe drängender Fragen zur Sprache. So beklagten sie unter anderem fehlende Informationen über die rechtliche Handhabe, sich gegen Zwangsmaßnahmen zu wehren, und eine geringe Kenntnis vorhandener therapeutischer Alternativen. Es sei dringend erforderlich, diese zu vernetzen und Wissen weiterzugeben, zumal vielerorts entsprechende Angebote fehlten. Während Psychex leider nur in der Schweiz tätig und der Aufbau einer solchen Organisation in Deutschland bislang nicht gelungen ist, sind die Hinweise des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE) [2] zu empfehlen, der beispielsweise eine Liste zumindest halbwegs alternativer Therapeuten veröffentlicht hat.

Wie Piet Westdijk bestätigte, seien ihm selbst in der Schweiz nur sehr wenige Kolleginnen und Kollegen bekannt, die ähnlich dächten und arbeiteten wie er. Für Deutschland könne er mangels Informationen so gut wie keine diesbezüglichen Empfehlungen geben. Was die Risiken einer alternativen Herangehensweise betreffe, habe ihm persönlich noch nie jemand einen Strick daraus gedreht. Er schließe jedoch keineswegs aus, daß das jederzeit geschehe könne. An dieser Stelle sei die entschiedene Aussage einer Teilnehmerin zitiert, die die Frage aufwarf, ob es im Zwangssystem Psychiatrie trotz Machtausübung, Profitstreben und Bestechung durch die Pharmaindustrie nach wie vor Freiräume gebe, sich diesem Druck nicht zu fügen. Man könne sich auch in einem Zwangssystem entscheiden, wie man sich verhält, gab sie zur Antwort, wofür sie spontanen Beifall erhielt.

Piet Westdijk im Workshop - Foto: © 2014 by Schattenblick

Gespräch auf Augenhöhe
Foto: © 2013 by Schattenblick

Wie entkommt man der pharmazeutischen Fessel?

Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Kongresses waren die Meinungen geteilt, auf welche Weise man Psychopharmaka absetzen könne und solle. Einige waren der Auffassung, daß ein kalter, allenfalls von milden Heilmitteln unterstützter sofortiger Entzug möglich sei, sofern lückenlos eine sachkundige Begleitung sichergestellt werde könne. Andere teilten Piet Westdijks Überzeugung, daß man die psychiatrisch verabreichten Medikamente nicht einfach komplett absetzen dürfe, da man andernfalls gravierende Rückschläge riskiere. Psychiatrieinsassen erhielten mitunter zehn oder gar fünfzehn verschiedene Medikamente mit unbekannter Wechselwirkung und oftmals in hoher Dosierung. Auch wenn die Anzahl geringer und die Dosierung niedriger sei, müsse man im Einzelfall sorgfältig prüfen, was in welcher Abfolge unternommen werden könne.

Westdijk plädierte aufgrund seiner Erfahrungen für einen schrittweisen und sehr vorsichtigen Ausstieg, der in Abstimmung mit der Patientin oder dem Patienten zu steuern sei. Trete eine Verschlechterung ein, müsse man das Absetzen unterbrechen, stabilisiere sich die Situation, könne man weiter fortfahren. Unterdessen sei es erforderlich, andere Medikamente zu verschreiben, da man besonders problematische Präparate durch etwas weniger gefährliche ersetzen und Reaktionen auf das sukzessive Absetzen abfedern müsse. Viele Medikamente erzeugten Angst und schwere Abhängigkeit, so daß bereits bei einer Reduzierung der Dosis sehr gefährliche Reaktionen bis hin zu Epilepsieanfällen auftreten könnten. Das "Ausschleichen" müsse daher mit Umsicht und stets eng am jeweiligen Menschen und dessen aktueller Situation durchgeführt werden, wobei Angehörige oder Freunde eine große Hilfe seien, sofern sie das aushalten können. Zudem müsse man wissen und das auch allen Beteiligten offenlegen, daß eine schrittweise Absetzung unter Umständen Jahre dauern kann.

Entsprechend gelte es auch in einer akuten Notlage zu prüfen, ob man von vornherein ohne Medikamente auskommt. Viel hänge davon ab, ob die Familie zur Mithilfe bereit sei. Andernfalls sei eine stationäre Unterbringung kaum zu umgehen, wobei man leider selten Kliniken finde, die auf Medikamente verzichteten. Notfalls greife man auf Medikamente zurück, wähle aber weniger starke und dosiere vorsichtig. Das gehe nicht immer, aber häufiger, als man meint, sprach sich Piet Westdijk gegen absolut gesetzte Prinzipien auf diesem Sektor des Widerstreits mit psychiatrischen Zwangsmaßnahmen aus.

Bunter Turm bei Nacht angestrahlt - Foto: © 2013 by Schattenblick

Universität Essen illuminiert
Foto: © 2013 by Schattenblick


Fußnoten:

[1] http://www.psychex.ch/

[2] http://www.bpe-online.de


Bisherige Beiträge zur Konferenz "Psychiatrie ohne Zwang - Was ist das?" im Schattenblick unter
www.schattenblick.de → INFOPOOL → PANNWITZBLICK → REPORT:

BERICHT/003: Ohnmacht, Zwang und Psychiatrie - Keine Fesseln und Gewalt (SB)
INTERVIEW/004: Ohnmacht, Zwang und Psychiatrie - Geschlossene Gesellschaft, Dr. David Schneider-Addae-Mensah im Gespräch (SB)

23. Februar 2014