Schattenblick → INFOPOOL → PANNWITZBLICK → REPORT


BERICHT/026: Pränataldiagnostik - Test inbegriffen ... (SB)


Inzwischen gleicht schon die ganz normale Schwangerschaft einem medizinischen Testparcours. Sie ist begleitet von diskreten Ratschlägen zum Qualitätskind - nicht zuletzt angesichts der Gefahr von bei Mängeln anfallenden Kosten. Zugleich bestimmen populärwissenschaftliche Reißer über "egoistische Gene", über die unbewusst an Erbqualitäten ausgerichtete Partnerwahl oder über den Sitz von Charaktereigenschaften im Gehirn das Bild des Menschen. Nicht weniges am Diskurs über die Verantwortung, das Wünschbare und die Wahlmöglichkeiten beim Elternwerden erinnert an die international erste große Zeit von Eugenik und Sozialhygiene vor dem Ersten Weltkrieg.
Petra Gehring - Was ist Biomacht? [1]


Als die Bundestagsfraktion der AfD am 22. April in einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung einen Zusammenhang zwischen Behinderung, als inzestuös stigmatisierten Partnerschaften und migrantischer Bevölkerung herstellte, war die allgemeine Empörung einhellig. Wer nahelegt, daß die Zuwanderung nichtdeutscher Menschen in die Bundesrepublik zu einer familiär bedingten Häufung mit Schwerbehinderung einhergehender Geburten führe, dem ist eine rassistisch argumentierende Form der Bevölkerungspolitik allemal anzulasten. Die AfD-Abgeordneten beriefen sich auf einen Artikel im Tagesspiegel aus dem Jahr 2003 [2], in dem sogenannte Verwandtenehen zwischen PartnerInnen aus der Türkei und Pakistan als Beleg für eine statistische Häufung genetischer Erkrankungen und Totgeburten bei Kindern angeführt wurden.

Das Beispiel zeigt nicht nur, daß es zur Formulierung einer Kleinen Anfrage, in der die Diskriminierung migrantischer Lebensformen bereits in der Fragestellung angelegt ist, sehr spitzfindiger Überlegungen bedarf. Es zeigt vor allem, daß die politische Rechte in den Fußspuren eines eugenischen Denkens wandelt, das sich nationalistische und rassistische Unterscheidungskritierien zu eigen macht. Letzteres stößt aus gutem Grund auf entschiedenen Widerspruch. Mit der Inanspruchnahme verteilungspolitischer Gründe, die sich gegen die Existenz als Kostenfaktoren bilanzierter Menschen richten, zeigt sich die AfD - und das ist ein Grund ihres Erfolges bei gutsituierten Mittelschichten - anschlußfähig für ein neoliberales Optimierungsdenken, das längst im Mainstream der Gesellschaft verankert ist.

Zwar ist allenthalben von Inklusion die Rede, und technische Innovationen cyberprothetischer Art werden gerne mit daraus resultierenden Verbesserungen des Lebens behinderter Menschen beworben. Geht es jedoch darum, ein Kind mit Down-Syndrom auf die Welt zu bringen, dann stehen werdende Eltern vor großen Problemen. Wer sich prinzipiell auf das Recht auf Nichtwissen beruft und diagnostische Interventionen während der Schwangerschaft ablehnt, die allein der humangenetischen "Qualitätskontrolle" dienen, läuft Gefahr, als verantwortungslos stigmatisiert zu werden. Wer gar nach einem Befund für Trisomie 21 am Embryo ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt bringt, dem wird zumindest unausgesprochen der Vorwurf gemacht, das Gemeinwesen mit vermeidbaren Kosten zu belasten.

An Anlässen für eine auf breiter gesellschaftlicher Ebene geführte Diskussion um die Frage, wer leben soll und wer nicht, wer dazugehört und wer nicht, fehlt es desto weniger, als meist auf technische Lösungen verwiesen wird, mit denen die Antwort, sei es aus ökonomischen Gründen oder aufgrund ideologischer Vorbehalte, bereits gegeben wurde. Wie bei der Abwehr flüchtender Menschen, wo nur noch um die Frage gestritten wird, auf welche Weise man sie wieder los wird, ist das Thema Behinderung vom reflexartigen Impuls, es irgendwie in Zuständigkeiten abzuschieben, mit denen der einzelne möglichst wenig zu tun hat, bestimmt. Der Abbau noch vorhandener Schranken gegen die umfängliche Freigabe und Finanzierung reproduktionsmedizinischer Lösungen wird dementsprechend weit intensiver beworben als der Anspruch, Kinder auch mit Einschränkungen auf die Welt zu bringen, die unter die sozialrechtliche Norm der Behinderung fallen.

Zweifellos hat es für Behinderte Fortschritte rechtlicher Art und gesellschaftlicher Inklusion gegeben. Diese wirken sich jedoch nicht gleichermaßen auf eine Medizin aus, die als Produktivfaktor auf dem sogenannten Gesundheitsmarkt den Kriterien eines kosteneffizienten und gewinnorientierten Kapitalseinsatzes zu genügen hat. Wie das einzelne Marktsubjekt dazu angehalten wird, den Wert der Ware Arbeitskraft durch persönliche Anstrengungen der Gesundheitsvorsorge, Leistungsoptimierung und Weiterbildung möglichst zu steigern, so werden auch die nachkommenden Generationen auf individuelle Durchsetzungsfähigkeit in der neoliberalen Konkurrenzgesellschaft konditioniert. Dies gilt um so mehr für eine von Abstiegsängsten geplagten Mittelschicht, deren Jugendliche sich längst keine Illusionen mehr darüber machen, daß sie im Erwerbsleben mit großer Wahrscheinlichkeit schlechter als ihre Eltern gestellt sein werden.

Sich als Schwangere vor diesem Hintergrund auf vorgeburtliche Untersuchungen zu beschränken, die die Gesundheit der Mutter und das störungsfreie Heranwachsen des Fötus gewährleisten sollen, aber keine Aussage zu dessen genetischer Verfassung treffen, bedarf mithin umfassender Informierung wie auch der Absicht, das Kind um seiner selbst willen unabhängig vom gesellschaftlichen Leistungsindex zur Welt zu bringen. Mit dem Angebot nicht-invasiver pränataler Bluttests (NIPT), die neben Trisomie 13, 18 und 21 auch das Turner- und Klinefelter-Syndrom sowie chromosomale Abweichungen von der binären Geschlechtsnorm feststellen können, werden Schwangere noch mehr dazu genötigt, sich dem qualitativen Ergebnis eines pränataldiagnostischen Verfahrens zu stellen. Da der Praenatest, von dem hier vor allem die Rede ist, ab der 9. Woche, mithin in den ersten drei Monaten, in denen ein Schwangerschaftsabbruch straffrei möglich ist, angewendet werden kann, sind Frauen bei einem Befund, laut dem ihr Kind voraussichtlich ein Down-Syndrom entwickeln wird, mit der Entscheidung konfrontiert, sich einem Schwangerschaftsabbruch zu unterziehen oder die sozialen und gesellschaftlichen Folgen in Kauf zu nehmen, die ein als behindert eingestuftes Kind mit sich bringt.


Identitäts- und bevölkerungspolitische Chiffren neoliberaler Optimierungslogik

Während der biomedizinische Fortschritt Tatsachen schafft, die die Inanspruchnahme prädiktiver medizinischer Verfahren fast zwingend erscheinen lassen, bleibt die öffentliche Debatte um die soziale Verträglichkeit humangenetischer Prognosen auf der Strecke eines individuell wie bevölkerungspolitisch bestimmten Nützlichkeitsprinzips. Ersteres betrifft liberale Forderungen nach biomedizinisch ermöglichten Formen der Selbstbestimmung durch Pränataldiagnostik (PND), Social Freezing, In-Vitro-Fertilisation (IVF), Präimplantationsdiagnostik (PID), Eizellspende oder Leihgebären. Hier reicht das Spektrum geltend gemachten Interesses an der Inanspruchnahme reproduktionsmedizinischer Leistungen vom Wunsch nach einer nicht von Schwangerschaft unterbrochenen Berufskarriere über den Erhalt versicherungstechnischer Boni bis zum Kindeswunsch nicht heterosexueller Paare oder dem feministischen Anspruch auf Befreiung vom Zwang zur biologischen Reproduktion. Das biopolitisch bestimmte Interesse an Tests, die Wahrscheinlichkeitsaussagen erbbiologischer Art machen, entspringt einem nicht minder breiten Spektrum von demographischem und sozialeugenischem Bevölkerungsmanagement bis zum Projekt der Schaffung eines leistungs- und abwehrstarken "Volkskörpers", exemplarisch vorgeführt in der in Buchform höchst erfolgreichen These "Deutschland schafft sich ab" des SPD-Politikers Thilo Sarrazin.

Dieser breiten Front aus BefürworterInnen der Anwendung reproduktionsmedizinischer Fortschritte steht eine schwindende Zahl von KritikerInnen biomedizinischer Interventionen, normgerechter Körperbilder und patriarchaler Zugriffe auf die Leiblichkeit von Frauen entgegen. Was noch in den 1990er Jahren von starken Bündnissen aus Feministinnen, Linksradikalen und AktivistInnen der Krüppelbewegung an fundierter Medizin- und Institutionenkritik geleistet wurde, wird heute von kleinen Initiativen wie dem Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik, dem Gen-ethischen Netzwerk, der Zeitschrift Bioskop oder dem Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte aufrechterhalten. In bedingtem Maße gilt das auch für politische Parteien wie Die Linke oder Die Grünen, die traditionellerweise für Behindertenrechte eintreten.

Kritik an reproduktionsmedizinischen Verfahren wird allerdings auch von sogenannten Lebensschützern geübt, die nicht nur in Deutschland, sondern etwa auch in den USA, Belgien und den Niederlanden zu den aktivsten GegnerInnen biomedizinischer Innovationen gehören. Da deren Opposition gegen die sogenannten Lebenswissenschaften praktisch identisch ist mit der Forderung nach Durchsetzung des Abtreibungsverbotes, der Stärkung der heterosexuellen Kleinfamilie wie auch der Umkehr emanzipatorischer Errungenschaften des Feminismus, kommen sie für die säkulare Linke und Frauenbewegung als Bündnispartner kaum in Frage. Wo, wie in den abrahamitischen monotheistischen Religionen, die Unterwerfung unter einen maskulin konnotierten Schöpfergott verlangt wird, scheint eine in ihrem bewertenden Blick wie ihrer personellen Ausstattung nach wie vor von Männern bestimmten Medizin nicht das Problem zu sein. Um so entschiedener werden "unnatürliche" Formen der Geschlechtlichkeit wie die Infragestellung ihres binären Charakters und die Forderung nach Beendigung der jahrtausendealten und keineswegs beendeten Herrschaft des Patriarchats angegriffen. Zur naturalistischen Kritik sogenannter Lebensschützer und der daraus hervorgehenden Schuldzuweisung an Frauen, die mit einem Schwangerschaftsabbruch gegen das vermeintliche Lebensrecht "ungeborener Kinder" verstoßen sollen, liegt ein Positionspapier [3] des Netzwerkes gegen Selektion durch Pränataldiagnostik vor. Aufklärung über die "Medizinethischen Strategien der 'Lebensschutz'-Bewegung" verschafft das aktuelle Buch "Kulturkampf und Gewissen" [4].


Gegen humangenetische Auslesepraktiken ...

Um so wichtiger erscheint die Arbeit der verbliebenen KritikerInnen biopolitischer Verfügungsgewalt, medizinaladministrativer Sozialkontrolle und marktförmiger Gesundheitspolitik. Diese stehen vor dem Problem, nicht nur mit einem massiv schwindenden Bewußtsein über die Rolle der medizinischen Wissenschaften und des institutionalisierten Gesundheitswesens bei der Durchsetzung von Interessen, die nur sehr bedingt die der PatientInnen sein können, sondern auch einem analog zur Individualisierung und Verbürgerlichung der neoliberalen Gesellschaft verlaufenden Bedeutungswandel einst unhintergehbarer Begrifflichkeiten konfrontiert zu sein.

Das betrifft insbesondere den für alle emanzipativen Bewegungen zentralen Begriff der Selbstbestimmung und Autonomie. Die Entkopplung sozialer Bedingungen von Gesundheit und Krankheit hat der generalisierten Bezichtigung des Menschen Raum gegeben, für Einschränkungen des physischen wie psychischen Wohlbefindens selbst verantwortlich zu sein. An und für sich sinnvolle Möglichkeiten präventiver Gesundheitsfürsorge sind zu Instrumenten einer normativen Disziplinierung der Lebensführung mutiert, die sanktionierende Rückschlüsse auf das Verhalten von PatientInnen zuläßt. So, wie für die Entstehung einer chronischen Erkrankung wie Diabetes II persönliche Defizite geltend gemacht werden, während die sozialen und gesellschaftlichen Umstände ihrer Genese kaum in den Blick genommen werden, kann auch beim Auftreten einer chromosomalen Normabweichung, die Zwischengeschlechtlichkeit hervorbringt, oder regulär behandelbarer "Erbschäden" wie einer Hämophilie oder einem Down-Syndrom der Vorwurf erhoben werden, durch die Entscheidung, sich keiner pränataldiagnostischen Maßnahmen unterzogen und einen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen zu haben, als Eltern verantwortungslos gehandelt zu haben.

Dieser Bezichtigung gemäß hieße selbstbestimmtes Handeln, am Embryo mit humangenetischen Mitteln Maß zu nehmen und das Wunschkind einer "Qualitätskontrolle" zu unterziehen, die seine Subjektivität von vornherein negiert, indem es als Besitzstand reproduktiven Vermögens zum Objekt eigener Projektionen gemacht wird. Da diesen gesellschaftlich bestimmte Werturteile innewohnen, kann sich das in Anspruch genommene Selbst als Platzhalter eines Interesses erweisen, das mit der Autonomie des werdenden Kindes ebensowenig zu tun hat wie mit dem Ideal elterlicher Liebe. Die verständliche Angst, mit den sozialen wie finanziellen Belastungen nicht umgehen zu können, die aus der Geburt eines behinderten Kindes resultieren, ist das Ergebnis gesellschaftlicher Bedingungen und nicht einer von diesen unabhängigen Selbstbestimmtheit. Eine solche Autonomie läßt sich nicht auf die Wahl zwischen mehr oder weniger attraktiven Konsumgütern reduzieren, wie eine Produktwerbung suggeriert, die das Unverwechselbare und Individuelle potentieller KundInnen sinnfälligerweise an der Austauschbarkeit und Vervielfältigung gleichrangiger Kaufentscheidungen festmacht. Sie entsteht vielmehr im Widerstreit mit herrschenden Normen, denen sich nicht zu unterwerfen den Mut verlangt, gegen den Imperativ der Anpassung und seine Belohnungs- und Bestrafungsmittel zu verstoßen.

Das wirft denn auch die für reproduktionsmedizinische Forschung und Entwicklung so zentrale Frage nach dem Recht auf das eigene Kind auf. Die biologische Erzeugung von Nachwuchs quasi in den Rang eines Menschenrechtes zu erheben und eine dementsprechende Bemittelung reproduktionsmedizinischer Forschung und Praxis freizusetzen ist ein Privileg gutsituierter Gesellschaften, innerhalb derer sozialeugenische Formen der Benachteiligung unterprivilegierter Teile der Bevölkerung nicht nur eine historische Tatsache sind. Werden die Fertilitätsprobleme in westlichen Gesellschaften beklagt, dann ist angesichts der Möglichkeit, der Adoption elternloser Kinder mehr Raum zu geben, ein Unterton Marke Sarrazin nicht zu überhören. Der Anspruch, der eigenen Existenz in Form eines Kindes von eigenem Blut und Fleisch Dauer zu verleihen oder auf diese Weise eine sinnentleerte Ehe zu retten, macht aus dem dabei entstehenden Menschen ein Objekt fremdnütziger Art. Werden zudem Möglichkeiten der humangenetischen Ausschließung unerwünschter Eigenschaften in Anspruch genommen, die im Zweifelsfalle über Leben und Tod entscheiden, kann allemal von einer eugenischen Form der Reproduktion gesprochen werden.


Wessen Risiko?

Angesichts dessen, daß nur etwa fünf Prozent der Schwerbehinderungen angeboren sind und davon nur ein kleiner Teil mit pränataldiagnostischen Mitteln erkannt werden kann, erscheint die Aufregung um die humangenetische Untersuchung des Embryos ohnehin übertrieben. Angesichts der vielen vermeidbaren Gründe für Behinderungen, die aufgrund von Arbeitsunfällen, Kriegen, Umweltgiften und anderen Belastungen zivilisatorischer Art entstehen, gibt es so viele Möglichkeiten gesundheitlicher Prävention wie Anlässe, diese aus ökonomischen, politischen oder anderen gesellschaftlichen Gründen zu unterschlagen. Allein die weithin akzeptierte Inkaufnahme Krankheit und Tod verursachender ökologischer Gifte und Umweltschäden zeigt, daß der politische und ökonomische Druck, mit dem die Kontrolle über die biologische Reproduktion durchgesetzt wird, mit den dafür angeführten Gründen, mehr Lebensqualität und -glück zu erwirtschaften, nur wenig zu tun hat.

Neben dem auf der Hand liegenden kommerziellen Interesse der Pharmaindustrie scheint die Strategie, die Menschen mit Risikoprognosen zu bestimmten Verhaltenskorrekturen zu nötigen, die Durchsetzung humangenetischer Testverfahren zu befördern. Bis zu 70 Prozent aller Schwangerschaften werden heute als mit Risiken mehr oder minder schwerwiegender Art behaftet eingestuft. Im Falle einer Trisomie 21, die aufgrund ihrer Häufigkeit als eine Art Leitbehinderung der PND fungiert, beschränkt sich der Erkenntniswert für die Schwangere darauf, einen Abbruch vornehmen zu können, was meist die Folge eines solchen Ergebnisses ist, oder sich auf die besonderen Umstände eines Kindes mit Down-Syndrom einzustellen.

Das bei der Beratung zur Aufnahme nichtinvasiver pränataler Tests in die von den Krankenkassen finanzierte Schwangerenversorgung unterstellte und zu beseitigende "Risiko" richtet sich gegen die Existenz von Menschen mit Down-Syndrom. Da diese erbbiologisch bedingte Form psychophysischer "Abweichung" zumindest im Falle der Trisomie 21 ein Leben im Rahmen der zu ihrer Feststellung unterstellten "Normalität" ermöglicht, stellt der medizinische Angriff auf ihr Existenzrecht einen Affront gegen gültige Rechtsnormen wie der UN-Behindertenkonvention dar.

Mit einer Medizin konfrontiert zu werden, die keine manifeste und behandlungsbedürftige Erkrankung diagnostiziert, sondern aufgrund von Wahrscheinlichkeitsaussagen Ängste, Hoffnungen und Erwartungen aller Art schürt, hat massive gesellschaftliche Konsequenzen nicht nur für die davon direkt Betroffenen. Sie verändert die Wahrnehmung von Krankheit und vertieft die Abhängigkeit der Menschen von einer Medizin, die nicht nur Leid lindert und Leben rettet, sondern insbesondere in der neoliberal atomisierten Konkurrenzgesellschaft ein Herrschaftsinstrument besonderer Art darstellt.

Die Frage, was es außerhalb des von Kosten-Nutzen-Rechnungen dominierten Medizin- und Pflegebetriebs für Gründe geben könnte, Menschen mit besonderen Bedürfnissen mehr Zuwendung zu geben, rührt an den Grundfesten gesellschaftlichen Selbstverständnisses. "Abweichungen" von der eugenischen Norm überhaupt zum Anlaß weitreichender bis finaler Interventionen in das Leben eines Menschen zu nehmen, war durch die NS-Euthanasie so in Verruf geraten, daß entsprechende Entwicklungen undenkbar erschienen. Menschen der Bemessung eines unterstellten, quantitativ bestimmten Lebenswertes auszusetzen, führt mit größerer Wahrscheinlichkeit in die Barbarei als zur Befreiung von der Gewalt sozialdarwinistischer Konkurrenz. Darüber wieder mehr herauszufinden und Positionen zu entwickeln, die herrschaftskritsche Formen der Solidarität und Autonomie stärken, wäre eine Aufgabe, mit Hilfe derer die linke Bewegung aus ihrer Defensive herauskommen könnte.

Die Frage, was zu tun ist, um die anstehende Etablierung des Praenatestes als Regelleistung der Krankenkassen noch zu verhindern, stand im Mittelpunkt der Jahrestagung des Netzwerkes gegen Selektion durch Pränataldiagnostik. Sie fand vom 15. bis 17. Juni in Essen statt und wurde von fachkundigen Menschen besucht, die beruflich auf erwerblicher wie ehrenamtlicher Basis mit reproduktionsmedizinischen Themen zu tun haben und sich mit dem Durchmarsch der normativen Konditionierung künftiger Kinder nicht abfinden wollen.


Fußnoten:

[1] Petra Gehring - Was ist Biomacht? Vom zweifelhaften Mehrwert des Lebens, Frankfurt/Main 2006, S. 98

[2] https://www.tagesspiegel.de/berlin/verwandte-eltern-vererben-doppeltes-gesundheitsrisiko-studien-belegen-hoehere-zahl-von-totgeburten-und-behinderungen/416322.html

[3] http://www.netzwerk-praenataldiagnostik.de/fileadmin/praenatal-diagnostik/2017-6-_Feministisches_Positionspapier_02.pdf

[4] http://www.schattenblick.de/infopool/buch/sachbuch/busar693.html

26. Juni 2018


Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang