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INTERVIEW/002: "Der Pannwitzblick" - Udo Sierck, Autor und Mitbegründer der Krüppelbewegung (SB)


Interview mit Udo Sierck am 22. September 2011 in Berlin-Weissensee


Udo Sierck ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen, die sich mit den Widersprüchen im Verhältnis zwischen Behinderten und Nichtbehinderten und mit der gesellschaftlichen Stigmatisierung geistiger wie körperlicher Behinderung auseinandersetzen [1]. Der Mitbegründer der Krüppelbewegung, deren Aktivistinnen und Aktivisten es darum ging, die "nichtbehinderte Öffentlichkeit mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten" zu konfrontieren, arbeitet unter anderem als Lehrbeauftragter der Universität Hamburg daran, die vermeintliche Normalität einer den Menschen leistungstechnisch optimierenden und körperästhetisch idealisierenden Gesellschaft zu hinterfragen. Als einer der Protagonisten des Dokumentarfilms "Der Pannwitzblick" begleitete Udo Sierck eine vom Gen-ethischen Netzwerk (GeN) am 22. September 2011 organisierte Wiederaufführung dieses 20 Jahre alten Films mit Informationen über seine Entstehungsgeschichte und die politischen Umstände, in der die autonome Behindertenbewegung mit gebotener Radikalität gegen die eigene Ausgrenzung und für eine lebenswerte Gesellschaft kämpfte.

Udo Sierck - Foto: © 2011 by Schattenblick

Udo Sierck
Foto: © 2011 by Schattenblick
Schattenblick: Herr Sierck, wie hat ihr politisches Engagement in der Krüppelbewegung begonnen?

Udo Sierck: Die Krüppelbewegung nahm Ende der 1970er Jahre ihren Anfang. Ausgangspunkt war die Erfahrung, wenn wir in Initiativen mit Nichtbehinderten in die Öffentlichkeit getreten sind, daß dann immer nur die Nichtbehinderten gefragt wurden. Wir als Behinderte standen nach wie vor daneben. Aufgrund dieser Erfahrung haben wir uns dazu entschlossen, selbst etwas zu unternehmen. Wir haben dann in Bremen - ich in Hamburg - die Krüppelgruppen gegründet. Das war der Ausgangspunkt. Wir haben zuerst das gemacht, was man heute Selbsterfahrung nennt, sind dann aber als gestärkte Behinderte, als Krüppel offensiv an die Öffentlichkeit getreten und haben politische Aktionen durchgeführt und Forderungen aufgestellt. Das fand etwa in der Zeit von 1978 bis 1983 bzw. 1984 statt.

SB: Wozu diente der positive Bezug auf den Begriff "Krüppel"?

US: Wir haben gesagt, wir nennen uns Krüppel, weil wir damit nur das ausdrücken, was die Leute ohnehin über uns denken. Diese häßliche Sichtweise im Wort "Krüppel" wird immer mitgedacht, wenn die Leute uns betrachten. Der Begriff "behindert" verschleiert dies nur, zumal er in Redewendungen auftaucht wie "der Fußballspieler wird beim Torschuß behindert" oder "der Verkehr wird durch die Umleitung behindert". Der Behindertenbegriff sagt eigentlich überhaupt nichts aus. Krüppel ist mehr eine Provokation, und dadurch haben wir auch Diskussionen ausgelöst.

SB: Was hält die Krüppelbewegung der gesellschaftlichen Abwertung von Menschen mit körperlichen Einschränkungen entgegen?

US: Das Problem, daß Behinderte nicht als behinderte Personen akzeptiert werden, verfolgt einen lebenslänglich. Da braucht man sich gar nichts vorzumachen. Trotzdem gibt es eine Veränderung. Als wir Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre damit begonnen haben, unsere Sache selber in die Hand zu nehmen, gab es das bis dahin in dieser Form nicht. Heute wird immerhin ansatzweise daran gedacht, daß es durchaus behinderte Menschen gibt, die ihren Alltag selbständig managen können. Insofern würde ich sagen, war es nicht ganz erfolglos, was wir gemacht haben. Aber die Frage der Normalität, die stellt sich jeden Tag neu.

SB: Gibt es Normalität für Behinderte oder inwiefern ist es überhaupt zulässig, Menschen in dieser Art und Weise zu unterscheiden?

US: Das Problem ist, daß es gemacht wird. Sobald ich Bus fahre, einkaufe oder auf dem Bahnhof erscheine, bin ich der Auffällige. Da kann ich mich nicht drumherumdrücken. Je älter ich werde, desto mehr weiß ich allerdings auch, daß viele Menschen, die auf den ersten Blick normal sind, totale Probleme haben und im Alltag kämpfen müssen, damit sie nicht untergehen. Das weiß ich inzwischen. Dennoch bin ich als Spastiker immer der Auffällige. Damit muß man sich auseinandersetzen. Trotzdem habe ich auch etwas gelernt, weil ich weiß, daß viele Menschen, die auf den ersten Blick als nichtbehindert durchgehen, eine schwere Last zu tragen haben.

SB: Woran ist die Krüppelbewegung gescheitert?

US: Es gab aus den Krüppelgruppen heraus verschiedene Bewegungen. Die eine Bewegung hat die politische Arbeit bei den Grünen aufgenommen, wodurch die Krüppelgruppen einen starken Aderlaß erlitten, einfach weil treibende Figuren weg waren. Andererseits sind ab 1985, 1986 oft aus den Krüppelgruppen heraus Selbstbestimmt-Leben-Initiativen entstanden, die in größeren Städten zuerst eigene Beratungszentren aufgebaut haben. Diese Entwicklung hat quasi die Krüppelgruppen abgelöst.

SB: Waren Sie der Ansicht, bei den Grünen auf parlamentarischem Wege etwas erreichen zu können, was man als soziale Bewegung nicht hätte erreichen können?

US: Das war die Hoffnung Mitte der 1980er Jahre.

SB: Und was ist daraus geworden?

US: Aus meiner Sicht wenig. Ich habe in Hamburg ein paar Jahre bei der Grün-Alternativen Liste mitgearbeitet und war auch in der Bundesarbeitsgemeinschaft für Behinderte Menschen bei den Grünen dabei. Einmal abgesehen von der Gesamtentwicklung der Grünen habe ich erkannt, daß für den Einsatz, den man dort bringt, zu wenig herauskommt. Wir hatten ja die falsche Vorstellung, die Utopie, daß die Grünen, weil sie auch Sozialbewegungen aufgesogen haben, andere Menschen wären. Das war natürlich Humbug. Wir hatten dort genau die selben Probleme wie überall. Dann stellt sich einem die Frage, gehst du woanders hin oder bleibst du in den grünen politischen Gremien stecken? Da gibt es unterschiedliche Meinungen. Ich habe gesagt: Nein, das mache ich nicht mit. Es gibt jedoch nach wie vor ein paar, die für die Grünen in Länderparlamenten aktiv sind.

Begrünter Hof lädt zum Verweilen ein - Foto: © 2011 by Schattenblick

Innenhof des Veranstaltungszentrums Brotfabrik in Berlin-Weissensee
Foto: © 2011 by Schattenblick

SB: In welchen Parteien sehen Sie ihre Interessen am meisten repräsentiert?

US: Es kommt tatsächlich darauf an, welchen Ansprechpartner man findet. Du kannst bei den Grünen total danebenliegen und nichts erreichen und findest dann jemanden bei der SPD, der sagt, oh ja, ich kümmere mich darum. Bei der Frage der Sterbehilfe für behinderte Leute zum Beispiel ist dir die CDU am nächsten. Wo man Unterstützung findet, kann man nicht eindeutig an Parteien festmachen.

SB: Während die Partei Die Linke sich nicht überdurchschnittlich für Behinderte zu engagieren scheint, stellen sich Lebensschützer in der CDU wie Hubert Hüppe gegen Bestrebungen, die aktive Sterbehilfe zu legalisieren. Wo sehen Sie gesellschaftlich heute noch Chancen, diese Bedrohung abzuwenden und so etwas kritisch zu thematisieren?

US: Wir haben eigentlich immer nach Bündnispartnern Ausschau gehalten und sie dann kritisch hinterfragt. So haben wir ganz viel Unterstützung von Seiten der Kirchen bekommen. Trotzdem haben wir die Kirchenpolitik kritisiert. Das ist eine Sache, die wir seit zwanzig, dreißig Jahren so betreiben, und das müssen wir auch weiter so machen. Wir müssen punktuell sehen, wo wir Unterstützer haben, aber wir müssen trotzdem nicht gleich mit ihnen in einem Boot sitzen.

SB: Wie beurteilen Sie die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung angesichts der Fortschritte selektiver Techniken in der Biomedizin oder der neuen Akzeptanz, die der Bioethiker Peter Singer hierzulande findet?

US: Wenn man die Selektionstechniken betrachtet, erkennt man inzwischen eine punktuelle Akzeptanz Peter Singers. Angesichts dessen geht die Entwicklung gegen behinderte Menschen. Ich glaube, da braucht man sich nichts vorzumachen. Das gilt vor allem für Praktiken der Pränataldiagnostik, wo inzwischen ganz offen gesagt wird, daß die Deutschen die Eugenik befürworten. Da regt sich keiner mehr auf. Das steht in der ZEIT in großen Lettern und wird allgemein akzeptiert. Aus dieser Perspektive würde ich sagen, daß die Behindertenbewegung eigentlich wieder am Anfang steht. Es ist schwer, dem etwas entgegenzusetzen. Das sind technische Entwicklungen, die praktisch Monat für Monat vorangetrieben werden und wo auch ganz klar ökonomische Interessen dahinterstehen, nicht nur von den Betreibern, sondern eben auch von den entsprechenden Ministerien, die diese Forschung finanzieren. Da bin ich längst nicht so optimistisch, wie ich es ansonsten bin.

SB: Die Verbreitung barrierefreier Zugänge und eine Sportveranstaltung wie die Paralympics wirken so, als erfreuten sich Behinderte zunehmender Akzeptanz. Sehen sie das grundsätzlich positiv oder haben Sie den Eindruck, daß damit auch Legitimation für Entwicklungen geschaffen wird, die auf der anderen Seite eher abzulehnen sind?

US: Das Problem ist die Zweiteilung behinderter Menschen. Daß mehr behinderte Menschen in der Öffentlichkeit auftauchen, ist erst einmal positiv. Daran haben wir auch unseren Anteil, weil wir immer gesagt haben, wir müssen mitten in die Öffentlichkeit. Es kann nicht sein, daß ständig Tagungen stattfinden, aber die, um die es geht, nicht dabei sind. Das hat sich inzwischen geändert. Es gibt eigentlich immer einen behinderten Menschen, der als Experte dazu eingeladen wird. Trotzdem muß man begreifen, daß die behinderten Menschen, die in der Öffentlichkeit auftreten, in der Regel Elitebehinderte sind. Wenn man sich Sportveranstaltungen anschaut, dann kann man natürlich freudig ausrufen, oh wie toll, da sind viele Behinderte, die für ihre Leistung bewundert werden. Leute wie ich, die sich intellektuell mit anderen austauschen können, sind ebenfalls die Ausnahme. Das Problem sind zum Beispiel die Behinderten, die immer zahlreicher in Werkstätten hineingestopft werden. Dieser Bereich explodiert geradezu. Ich glaube, es gibt inzwischen 300.000 Leute, die dort arbeiten, und um die kümmert sich kein Schwein. Also, es gibt diese Zweiteilung, bei der man sagt, wir haben nichts gegen behinderte Menschen, aber die es zu schwer haben, die wollen wir nicht.

SB: Sind Behinderte vom Sozialabbau besonders betroffen?

US: In allen Bereichen der Behindertenpolitik werden Gelder gestrichen. Das gilt aber auch für Alte und Pflegebedürftige. So werden zum Beispiel die Möglichkeiten für Menschen, die mit Assistenz ein weitgehend normales Leben führen könnten, gekürzt. Das schränkt ganz einfach die Mobilität im Alltag ein. Wenn man den ganzen Pflegebereich anschaut, kriegt man ja graue Haare. Und das wird nicht besser werden. Das geht in die Richtung, wo Menschen immer mehr abgefüttert, sauber gemacht und dann alleine gelassen werden. Auch in den sozialen Bereichen Wohnen und Leben werden die Gelder und Zuwendungen allgemein immer mehr zurückgeschraubt. Das trifft natürlich auch behinderte Menschen, aber da sind sie keine Ausnahme.

SB: Sie haben nicht den Eindruck, daß Behinderte in besonderer Weise betroffen sind?

US: Nein, ich würde an der Stelle nicht sagen, daß behinderte Menschen besonders diskriminiert werden, weil bei ihnen mehr Gelder gekürzt würden als beispielsweise bei Leuten, die keine Arbeit haben.

SB: Wie stellen Sie sich eine solidarische Gesellschaft vor, in der Behinderte und Menschen, die irgendwie anders erscheinen, besser aufgehoben wären?

US: Ja, das geht in die Utopie. Was ich mir sehr wünsche und was man im kleinen Kreis auch hinbekommt, ist, daß man Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten, mit ganz unterschiedlichen Lebensperspektiven, mit ganz unterschiedlichem Aussehen unter einen Hut kriegt. Wenn das im kleinen gelingt, dann ist das schon viel. Dann bin ich zufrieden, und das könnte man dann auch ausweisen als Vorbild für gesellschaftliche Ausblicke.

SB: Herr Sierck, vielen Dank für das Gespräch.

Fußnoten:

[1] http://www.udosierck.de/Publikationen.htm

[2] BERICHT/002: "Der Pannwitzblick" ... den Marsch in die eugenische Gesellschaft verhindern (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/pannwitz/report/pprb0002.html

Interview mit Udo Sierck - Foto: © 2011 by Schattenblick

Udo Sierck mit SB-Redakteur
Foto: © 2011 by Schattenblick

12. Oktober 2011