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INTERVIEW/015: Berufsstand und Beteiligung - Spuren der Täuschung, Christl Wickert im Gespräch (SB)


Kontinuitäten eugenischer Forschung

Interview am 7. Februar 2014 in Hamburg-Alsterdorf



Dr. Christl Wickert ist Historikerin und Politikwissenschaftlerin. Sie hat unter anderem zur historischen Frauenforschung, zu Widerstand und Verfolgung während der NS-Zeit und zur SS in den Konzentrationslagern publiziert. Am Rande des Workshops "'Euthanasie'. Die Morde an Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen im Nationalsozialismus", der am 7. und 8. Februar 2014 in der Evangelischen Stiftung Alsterdorf und in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme stattfand [1], beantwortete Frau Wickert dem Schattenblick einige Fragen.

Im Gespräch - Foto: © 2014 by Schattenblick

Christl Wickert
Foto: © 2014 by Schattenblick

Schattenblick: Frau Wickert, hat Sie ein eher persönliches oder eher professionelles Interesse heute nach Hamburg geführt?

Christl Wickert: Ich bin Historikerin und habe einerseits einen persönlichen wie auch einen professionellen Bezug zu dem Thema. Persönlich deshalb, weil ich in den 80er Jahren mein Büro in den Räumen des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthrophologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin-Dahlem in der Ihnestraße 22 hatte. [2] Das Gebäude wird durch das Politikwissenschaftliche Institut der FU genutzt. Damals habe ich mich auf die Spuren des Instituts gemacht, weil mir vieles fragwürdig vorkam. Auf diese Weise habe ich herausgefunden, was Otmar Freiherr von Verschuer, Josef Mengele und Hermann Muckermann für Menschen waren und welche Forschungen sie betrieben. Ich realisierte, dass Muckermann der Autor der ersten Fassung des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" war, das er 1931 im Auftrag der SPD-geführten preußischen Staatsregierung wahrscheinlich in der Ihnestraße 22 verfaßt hatte.

Ich bin in meinen Recherchen bis zu den Versuchen in Auschwitz gekommen und habe dann, gegen sehr große Widerstände einerseits der heutigen Max-Planck-Gesellschaft, der Nachfolgeorganisation der Kaiser-Wilhelm-Institute, und andererseits des Bezirks Zehlendorf, initiiert, eine Gedenktafel am Gebäude anbringen zu lassen. Sie sollte zum einen auf das Institut selbst, aber zum anderen auch auf die Beteiligung des Instituts am Euthanasie-Programm der Nazis verweisen, um so an die Opfer zu erinnern. Die Tafel ist nach langem Hin und Her angebracht worden. Bei den zahlreichen Studentenstreiks, die im Laufe der Jahrzehnte am Politikwissenschaftlichen Institut der FU abgehalten wurden, sind die Studierenden nicht immer pfleglich mit den Räumlichkeiten und Fassaden umgegangen, aber diese Tafel ist nie beschädigt oder mit Farbe bespritzt worden. Die Studierenden haben sie immer respektiert. Das spricht für sich. Im vergangenen Jahr haben sie sogar eine Ausstellung zu dem Thema gemacht und mich noch einmal zur Geschichte der Gedenktafel befragt.

Wichtig für die Wissenschaftsperspektive ist, daß ich damals im Archiv der Max-Planck-Gesellschaft nach Dokumenten gefragt habe. Die mir vorgelegten Akten waren noch in der Bindung aus der Nazizeit. Aber sie waren geschönt, denn alles Kritische war irgendwann von einem Archivar herausgeschnitten worden. In den 1980er Jahren haben Kolleginnen und Kollegen, die am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte gearbeitet haben, ein großes Forschungsprojekt zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Institute realisiert. Aus dem Aktenbestand war jedoch nicht mehr erkennbar, was nachträglich herausgeschnitten wurde, denn das Material lag auseinandergenommen in Archivmappen.

SB: Hatte das Einfluß auf die Ergebnisse, die bei dieser Untersuchung erzielt wurden?

CW: Ja, denn man kann nur dokumentieren, was man sieht. Als ich der Forschergruppe von meiner eigenen Erfahrung mit dem Archiv erzählte, bestätigte ich damit zugleich ihren Verdacht, daß die Akten bereinigt wurden. Von seiten der Max-Planck-Gesellschaft wird nach außen hin eine große Offenheit an den Tag gelegt. Was sich heute noch nachweisen läßt, haben sie tatsächlich zugegeben und dokumentieren lassen. In diesem Sinne haben sie keinen größeren Einfluß auf die Forschungsergebnisse genommen. Es sind auch Historiker von außen als Leiter und Gutachter einbezogen worden, aber, wie gesagt, die Max-Planck-Gesellschaft hatte, so glaube ich, die Dokumente schon vorher für sich gesichtet.

SB: Sind die Fragwürdigkeiten am Datenbestand im Rahmen dieser Untersuchung jemals zum Thema gemacht worden?

CW: Auf Wunsch der Kollegen habe ich einmal eine kleine Bemerkung in den Beiträgen zur nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland [3] geschrieben, damit mein Befund festgehalten ist. In 20 oder 30 Jahren kann uns niemand mehr fragen, weil wir entweder senil sind oder nicht mehr leben. Wichtig ist, daß irgendwo dokumentiert ist, daß es jemand einmal anders gesehen hat.

SB: Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik war 1927 in Berlin-Dahlem als Einrichtung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft gegründet worden. Die Eugenik hatte sich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mit Vordenkern wie Karl Binding und Alfred Hoche, die ihre Schrift "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" 1920 veröffentlichten, als Wissenschaftszweig etabliert. Wie beurteilen Sie diese Kontinuität im Verhältnis zur Eskalation im NS-Staat, wo dann systematisch gemordet wurde? Sehen Sie darin zwei verschiedene Aspekte einer Sache oder doch eine Art wissenschaftliche Linie, die sich vielleicht sogar bis in die Zeit nach dem Krieg hinzieht?

CW: Die Gründung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthrophologie war das Ergebnis einer lang anhaltenden gesellschaftlichen Diskussion, nicht nur in Deutschland, sondern in Europa und den USA. Eugenik schien lange Zeit ein Mittel zu sein, gesellschaftliche Probleme aufzulösen, die es tatsächlich gab. Man kann nicht negieren, daß die Eugenik um die Jahrhundertwende als etwas sehr Fortschrittliches angesehen wurde, um die Folgen der Industrialisierung in den Griff zu bekommen. Infolge der Land-Stadt-Wanderung suchte man nach Möglichkeiten, an urbane Lebensumstände bis dahin nicht angepaßte Menschen, die in die Dorfgemeinschaften eingegliedert und keineswegs ausgegrenzt waren, in die Gesellschaft zu integrieren. Daher auch die Hospitalisierung von Schizophrenen oder was man als Anormalitäten meinte feststellen zu müssen. Es waren oft nicht einmal Kranke, sondern sozial nicht angepaßte Menschen.

Aber nur hier in Deutschland hat es durch den Nationalsozialismus diese Radikalisierung zweifelsohne vorhandener Vorstellungen gegeben. Man muß sich klarmachen, daß man in Schweden, Frankreich und den USA geradezu neidisch darauf war, daß hier alle Forderungen der Eugeniker erfüllt wurden. Das heißt, der Nationalsozialismus hat diese Entwicklung nicht angestoßen, sondern sich die eugenischen Diskussionen dieser Zeit in seiner Ideologie zu eigen gemacht, weil sie dort hineinpaßten. Wenn man die Karrieren einiger leitender Wissenschaftler und den Weg des Instituts nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem nach Frankfurt und Münster verfolgt, kann man ganz wertfrei formulieren, daß auf diesem Gebiet weiter geforscht wurde, und zwar völlig unkritisch. Da gab es eine Kontinuität. Wenn man sich die Sprachregelungen wie auch die Ausgrenzung von Behinderten bis in die 70er Jahre hinein vor Augen führt, erkennt man darin die Fortsetzung dieser Kontinuität. Eine Veränderung setzte erst mit dem Aufbruch einer neuen Generation von Forschern und Ärzten ein.

Christl Wickert stehend mit Mikrofon - Foto: © 2014 by Schattenblick

Bei der Moderation eines Vortrags
Foto: © 2014 by Schattenblick

SB: Hat das berufsständische Interesse von Medizinern der Kaiser-Wilhelm-Institute in diese Ausrichtung der medizinischen Wissenschaft hineingespielt, indem sie sich den herrschenden gesellschaftlichen Forderungen unterwarfen, oder ist die Art eliminatorischer Erbbiologie Ihrer Ansicht nach tatsächlich auf dem Boden der damaligen Wissenschaft gewachsen?

CW: Ich glaube, daß diese Ärzte überzeugte Eugeniker und Rassenhygieniker waren. Hermann Muckermann war Abteilungsleiter im Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthrophologie, bis er 1933 gehen mußte. Ich vermute, daß er die Folgen der Institutsforschung nicht absehen konnte. Er war Jesuit und katholischer Geistlicher, und von daher paßte das nationalsozialistische Gedankengut nicht in sein Denken hinein. Das heißt aber nicht, daß er kein überzeugter Eugeniker gewesen ist. Ansonsten hätte er seinen Entwurf zum "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" in dieser Form gar nicht schreiben können. Ideologische Vorverständnisse, ein gesellschaftlicher Diskurs und die medizinische Ausbildung liefen in seiner Person zusammen. Wenn Forscher eine Idee für die Lösung eines Problems haben und die Chance bekommen, sie umzusetzen, dann schalten sie das Denken über das gesellschaftliche Umfeld oft aus. In dem Fall hat es verheerende Auswirkungen gehabt.

SB: Sehen Sie die Forschung von heute in der Pflicht, die im NS-Staat durchgeführte Euthanasie modernen Entwicklungen wie zum Beispiel der aktiven Sterbehilfe in Belgien oder den Niederlanden als warnendes Beispiel entgegenzuhalten oder auch dort an sie zu erinnern, wo eine biologistische Deutungsmacht menschenverachtenden Praktiken eventuell Vorschub leistet?

CW: Ja, das sehe ich in jedem Fall so. Gerade hier in Deutschland gibt es eine besondere Verantwortung, weil wir die verheerenden Auswirkungen kennen. Diese Last der Vergangenheit tragen die Niederländer nicht, was aber noch lange nicht heißt, daß diese Entwicklungen tatsächlich menschenwürdiger sind. Nur müssen wir abwägen zwischen menschenunwürdigem Verhalten und der Freiheit von Menschen, die vielleicht tatsächlich für sich selber entschieden haben, ihr Leben zu beenden. Das ist natürlich eine schwierige Gratwanderung. Auf jeden Fall finde ich es wichtig, Beratungen vorzuschalten, um herauszubekommen, ob es wirklich der Wunsch des jeweiligen Menschen ist zu sterben.

SB: Frau Wickert, vielen Dank für das Gespräch.


Fußnoten:

[1] BERICHT/008: Berufsstand und Beteiligung - Die im Schatten sieht man nicht ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/pannwitz/report/prrb0008.html

[2] Hans-Walter Schmuhl: Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927-1945 (= Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus 9) Göttingen 2005

[3] Christl Wickert: Zur Verantwortung von Wissenschaftlern für Verbrechen unter dem Nationalsozialismus. Die Max-Planck-Gesellschaft und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, in: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland 7, Bremen 2002, S. 178-180


1. April 2014