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INTERVIEW/029: Inklusionsportale - Das Recht abzuweichen ...    Katrin Werner im Gespräch (SB)


Inklusion geht alle an

Interview am 19. Oktober 2014 in Münster



Katrin Werner ist seit 2009 Mitglied der Linksfraktion im Deutschen Bundestag und seit 2012 Landesvorsitzende der Partei Die Linke in Rheinland-Pfalz. Die zudem in der Stadt Trier kommunalpolitisch aktive Mutter einer Tochter ist als behindertenpolitische Sprecherin an die Stelle des nicht mehr der Fraktion angehörenden Ilja Seifert [1] getreten. Am Rande der Tagung "Inklusion in der Kommune" am 19. Oktober in Münster beantwortete sie dem Schattenblick einige Fragen.

Im Gespräch - Foto: © 2014 by Schattenblick

Katrin Werner
Foto: © 2014 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Frau Werner, wie sind Sie zu Ihrem Amt in der Behindertenpolitik gekommen?

Katrin Werner (KW): Darauf gibt es eine kurze und einfache Antwort. Als Ilja Seifert sein Amt niedergelegt hatte, brauchte die Fraktion einen neuen behindertenpolitischen Sprecher oder eine Sprecherin. In der Wahl erhielt ich die meisten Stimmen.

SB: Und welche Qualifizierung brachten Sie für die Behindertenproblematik mit?

KW: Das Interesse meinerseits. Ich habe in der vorigen Wahlperiode im Menschenrechtsausschuß gearbeitet, und insofern auch für den Bereich Behindertenpolitik oder Inklusion, der da stark hineinspielt. Mit Annette Groth und mir hatte die Linkspartei zwei Abgeordnete im Menschenrechtsausschuß. Mir fiel der Themenschwerpunkt Menschenrechte in Deutschland zu. Wie ich schon im Vortrag ausgeführt habe, hängt der Oberbegriff Inklusion, also die Frage nach den Rechten von Menschen mit Behinderungen, politisch betrachtet auch eng mit den Rechten von Menschen mit Migrationshintergrund, der Geschlechter-, aber auch der Armutsfrage zusammen.

Aus diesem Grund haben wir auch unterstützt, daß der Beirat für Menschen mit Behinderungen schneller eingerichtet wird, zumal dieser Aktionsplan ein ewig schleichender Prozeß gewesen ist. Die Vor-Ort-Arbeit in puncto Inklusion gibt es schon seit Jahren. Aus zeitlichen Gründen kann ich mich im Moment leider nicht an vielen Projektvorhaben beteiligen, aber ich will mein Engagement ab dem nächsten Jahr wieder intensivieren.

Eines dieser Projekte sieht so aus, daß ich einmal im Monat mein Bundestagsbüro schließe und für einen Tag mit Mitarbeitern ein Praktikum in einem Betrieb, Verband oder Verein absolviere. Als erstes waren wir im Lebenshilfehof Gut Serrig gewesen, wo wir bei der Ernte geholfen haben, und danach in der Lebenshilfewerkstatt in Trier. Dort war ich den ganzen Tag für den Bereich Schraubenwiegen eingeteilt. Bei einem anderen Tagespraktikum im Integrationshotel habe ich den Vormittag über Betten und Zimmer gereinigt. Dieses Projekt läuft seit drei, vier Jahren, und ich finde es wichtig, weil ich von den Wählerinnen und Wählern in den Bundestag geschickt wurde, um mich für ihre Belange einzusetzen. Ich denke, das gelingt besser, wenn ich nicht nur in meinem Büro sitze oder irgendwelche Vorträge halte, sondern auch regelmäßig versuche, ein Stück weit in ihre Welt einzutauchen. Ohne diese Eindrücke zum Beispiel in einem Heim für wohnungslose Männer oder in der Aufnahmeeinrichtung in Trier könnte ich meine politische Arbeit gar nicht gewährleisten.

SB: Ein übergreifender Begriff der Inklusion muß nicht nur auf sogenannte Behinderte bezogen sein, ist doch der Begriff der Behinderung nicht wirklich trennscharf. Menschen können in verschiedener Weise behindert sein. So stellen eine unzureichende Bildung oder eine geringe materielle Bemittelung gesellschaftlich gesehen ebenfalls Formen der Behinderung dar. Halten Sie es in diesem Zusammenhang für sinnvoll, über die mit dem Begriff der sogenannten Behinderung verknüpfte Kategorisierung von Menschen noch einmal nachzudenken?

KW: Der Begriff an sich ist ziemlich klar. Inklusion bedeutet "alle gemeinsam", daß es keinen Unterschied gibt und alle den gleichen Zugang haben. Er ist extrem aufgelebt, nachdem er durch die UN-Behindertenrechtskonvention in die Diskussion gekommen ist.

Ich glaube, aufgrund der Betroffenen wird er oft in den Zusammenhang mit körperlicher oder geistiger Behinderung gebracht. Wenn wir dagegen von weltweiter Inklusion reden, dann betrifft er eben auch die Geschlechter- und Armutsfrage. Ich denke auch, daß man ihn noch einmal intensiver diskutieren müßte, und ob wir uns bei solchen Aktionsplänen, wie wir sie jetzt in vielen Kommunen erleben, ausschließlich auf Menschen mit Behinderungen konzentrieren sollten. Ich persönlich komme an meine Grenzen, wenn wir im Schulbereich über lern- und emotional gestörte Kinder reden, weil ich der Meinung bin, daß viele der Kinder nur aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung da hineingerutscht sind und diesen Stempel aufgedrückt bekommen haben. Das macht mich wirklich wütend, weil teilweise noch von einem Gesellschaftsmodell von vor 30 Jahren ausgegangen wird, wo wir Generationenhaushalte hatten und Kinder ganz anders gelernt haben, viel mehr draußen an der Luft oder im Wald waren, auch wenn dies dem geschuldet war, daß Oma und Opa auf dem Feld gearbeitet haben. Damals gab es dieses Phänomen der vielen gestörten Kinder nicht.

Trotzdem wird dieses überkommene Modell zugrunde gelegt, aber wenn man die Arbeits-, Kindergartenöffnungs- oder Schulzeiten nimmt, wird schnell deutlich, daß die Familien kaum noch Zeit zum Betreuen der Kinder haben. Unsere schnellebige Zeit mitsamt den berufsorientierten Lebensläufen, in denen oft beide Elternteile arbeiten gehen und durch Überstunden eingespannt sind und auch die Großeltern nicht einspringen können, siehe die Diskussion um die Rente ab 67, spiegelt sich nicht mehr in den alten Familienmodellen wider, weil sie schlichtweg so nicht mehr existieren. Auf die Kinder einzugehen oder ihnen Sicherheit zu geben, rutscht dadurch immer mehr in den Hintergrund. Von daher besteht durchaus Diskussionsbedarf. Die reine Inklusionsfrage zielt nicht nur auf die Politikebene, sondern ist eine Querschnittsaufgabe. Arbeitszeit, Rente, Alter - alle Themenfelder sind da angesprochen. Sie berührt auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. So gesehen gibt es sicherlich auch Kinder, die man anders betreuen muß.

SB: Früher gab es Wohngemeinschaften mit kollektiver Praxis, in denen sich Menschen unter die Arme gegriffen und solidarisch gezeigt haben. Könnten diese Lebensformen heute wieder attraktiv werden, nachdem das in der traditionellen Form so nicht mehr vorhandene Familienmodell ausgedient hat?

KW: Von dem alten Familienbild ist man ja schon abgerückt. Insofern braucht man eine politische Diskussion und viel mehr Anstöße. Die heutigen Strukturen sollten geändert werden, gerade weil junge Menschen nicht selten dem Job hinterherreisen müssen. Das heißt, in einer Stadt leben Opa und Oma, aber das Enkelkind nicht. Dennoch gibt es die Mutter mit dem Sohn oder der Tochter, nur daß ihre Eltern weit weg wohnen. Ich glaube, daß der Wunsch, sich in Familienstrukturen gegenseitig zu helfen, bei jedem vorhanden ist. Aber in Wirklichkeit herrscht die Trennung aufgrund des Zwangs, Geld verdienen zu müssen, vor, was wiederum durch die Politik oder überhaupt durch die gesellschaftliche Entwicklung vorgegeben ist. Ich glaube, wir sind alle gezwungen, darüber nachzudenken, die alten Familienbilder aufzubrechen.

SB: Wir sind hier im katholisch geprägten Münster, wo, wie kürzlich auch in Berlin, der sogenannte 1000-Kreuze-Marsch stattfand, auf dem fundamentalistische Christen gegen Abtreibung, Pränataldiagnostik und Sterbehilfe demonstriert haben. Auch aus Sicht von Behinderten gibt es eine begründete Kritik an der Pränataldiagnostik, weil Menschen mit Behinderungen durch eine vorgeburtliche Selektion bedroht sind und damit von vornherein als minderwertig abgestempelt werden. Wie gehen Sie damit um, wenn die Kritik an dieser Art der eugenischen Auslese von konservativer Seite her mit dem Kampf gegen Abtreibung verkoppelt wird?

KW: Diese Verkoppelung finde ich unmöglich. Ich habe aber auch gegen die Vorselektierung gestimmt, schon aus einer persönlichen Erfahrung heraus. Als ich schwanger war, sagte mir meine Ärztin, daß ich zu einem Experten gehen sollte, was ich dann auch gemacht habe. Aber dann hat sie mich wieder angerufen und zum nächsten Experten geschickt, um eine Fruchtwasseruntersuchung vornehmen zu lassen, weil der Verdacht auf Down-Syndrom vorlag. Aber sie hat das nie in Form einer Aufklärung gemacht, sondern nur angedeutet, daß ich mich damit auseinandersetzen sollte, und schlug vor, mich mit betroffenen Familien zusammenzubringen. Am Ende kam heraus, daß es eine Fehldiagnose war, weil irgendein Wert nicht gestimmt hatte. Aber ich hätte das Kind nie abgetrieben. Ich glaube, dieses Denken, daß man behinderte Kinder nicht auf die Welt bringen will, stammt aus Nazizeiten und ist daher um so erschreckender. Jedes Kind hat seine Begabung in dem oder anderen Bereich. Man kann doch nicht per Testergebnis seine Geburt ausschließen oder behaupten, es sei nicht lebenswürdig.

SB: Viele Entscheidungen zur Inklusion stehen unter Haushaltsvorbehalt und werden dem Sparzwang geopfert. Unter dieser unsozialen Politik haben auch Behinderte zu leiden, wenn sie als angeblich unproduktive Menschen diskriminiert werden. Indem sie als Kostenfaktoren betrachtet werden, gibt man eigentlich zu verstehen, daß man sie loswerden will.

KW: Das größte Ausmaß an Integration erfolgt im Kindergartenbereich, danach wird sie ganz massiv abgebaut. Bei Schule und Ausbildung verläuft die Kurve noch steiler nach unten. Wenn man von vornherein ein Modell des Separierens aufbaut, dann entstehen darüber natürlich auch Kosten. Wenn man Menschen nicht in normalen Rhythmen aufwachsen läßt, vor allem Kinder voneinander trennt, die durchaus soziale Kompetenzen haben und voneinander lernen, gibt man ihnen das Gefühl der Unselbständigkeit und daß sie ohne fremde Hilfe nichts schaffen würden. Wenn sie dann in Wohngruppen leben und in eine Behindertenwerkstatt gehen müssen, fallen natürlich Sonderkosten an, um diese Extrawelten zu finanzieren.

Meines Erachtens sind diese Sparmodelle, die im Grunde Kostenmodelle sind, der völlig falsche Ansatz. Wir trauen diesen Menschen viel zu wenig zu. Wenn wir mit ihnen von vornherein transparenter und offener umgingen, würde wir schnell feststellen, daß das nicht stimmt. Wenn ich meiner Tochter jeden Tag sagen würde, laß es bleiben, du bist ein Tolpatsch, dann könnte das zu einer Prägung für das ganze Leben werden. Dann wird sie sich im Jugendlichen- und Erwachsenenalter gewisse Dinge nicht zutrauen und einen großen Bogen darum machen. Wenn man so mit Kindern oder auch mit den Eltern umgeht, dann bleiben sie auf der separaten Betreuung sitzen. Die vielen Behördengänge, die Eltern machen müssen, und sich dabei wie Bittsteller zu fühlen, prägen auch die Kinder. Die Menschen müssen sich teilweise selber darüber aufklären, was ihrem Kind und ihnen als Mutter oder Vater zusteht. Und dann treffen sie auf eine Mentalität, die ihnen zu verstehen gibt: Wenn du etwas willst, dann komm her und sei der Bittsteller. Das finde ich sehr erniedrigend.

SB: Auch die Sterbehilfedebatte wird von bioethischen Fragestellungen beherrscht. Sehen Sie sich als behindertenpolitische Sprecherin in die Pflicht genommen, auch in diesen Bereich zu intervenieren, weil es dort im besonderen auch um Existenzfragen für Behinderte geht?

KW: In der ganzen Diskussion um die Behindertenpolitik stoße ich immer wieder auf das Wörtchen "selbstbestimmt". Dieses Wort dominiert auch das Thema Sterbehilfe. Für mich ist das viel zu sehr heruntergebrochen. Viele Verbände organisieren jetzt Veranstaltungen zu dem Thema, und auch wir als Fraktion werden uns mit dem Stand der Diskussion und den verschiedenen gesellschaftlichen und parteipolitischen Auffassungen auseinandersetzen. Ich selber werde aber als behindertenpolitische Sprecherin kein Papier herausgeben, weil ich mich in der laufenden Debatte nicht frühzeitig festlegen möchte. Ich wurde schon auf meine Positionierung hin angeschrieben, weil Menschen mit Behinderungen sie bräuchten, um sich zu orientieren. Ich glaube jedoch nicht, daß eine Stellungnahme zur Orientierung der richtige Weg ist.

SB: Arbeiten Sie auch mit der Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Verena Bentele, zusammen?

KW: Die behindertenpolitischen Sprecher aller Fraktionen treffen regelmäßig viermal im Jahr mit ihr zusammen, um über anfallende Fragen zu sprechen oder auf den aktuellen Stand gebracht zu werden. Es gibt auch die Überlegung, gemeinsam einmal in diese oder jene Region zu fahren, um vor Ort zu schauen, was es für positive Beispiele in den Kommunen gibt und welche Anregungen auch für die Bundespolitik man dort mitnehmen kann.

SB: Frau Werner, vielen Dank für das Gespräch.


Fußnote:

[1] Interview mit Ilja Seifert im Schattenblick:
http://www.schattenblick.de/infopool/medizin/report/m0ri0002.html


Beiträge zur Tagung "Inklusion in der Kommune" in Münster im Schattenblick unter
www.schattenblick.de → INFOPOOL → PANNWITZBLICK → REPORT:

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25. November 2014