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GESCHICHTE/144: Der Dyatlov-Zwischenfall - ein russisches Rätsel (SB)


Leuchtkugeln in den Bergen und verstrahlte Kleidung

Neun Expeditionsmitglieder kamen 1959 im Ural unter mysteriösen Umständen ums Leben


Über den Dyatlov-Zwischenfall, eines der rätselhaftesten Ufo-Ereignisse Rußlands, ist im deutschsprachigen Raum nur wenig bekannt. Vor fast einem halben Jahrhundert kamen neun Mitglieder einer Ski-Expedition im Nordural ums Leben. Mit der Ufologie hatte dies insofern zu tun, als daß in der besagten Region unerklärliche Feuerkugeln beobachtet wurden. Aber auch ohne diesen Aspekt werfen die Ereignisse zahlreiche Fragen auf.

Aus Anlaß des 49. Jahrestags der Ereignisse griff Svetlana Osadchuk das Thema unter der Überschrift "The Deadly Case of 9 Fleeing Skiers" für die "Moscow Times" (Ausgabe 2834, 4.2.2008, Seite 1) auf. Was hatte die neun Expeditionsmitglieder bewogen, mitten in der Nacht bei Temperaturen von -25 bis -30 Grad Celsius, bei eiskaltem Wind, nur in ihrer Schlafkleidung Hals über Kopf das Zelt zu verlassen und mit bloßen Füßen über einen Paß hinweg, einen Hang hinunter, eineinhalb Kilometer weit fortzulaufen? Wer oder was hat die Studentinnen und Studenten des Ural Polytechnischen Instituts umgebracht? Warum haben die Behörden die Untersuchung abgebrochen, den Fall der Geheimhaltung unterworfen und den Tod auf eine "unwiderstehliche unbekannte Kraft" zurückgeführt?

Bis heute konnten diese und viele weitere Fragen nicht geklärt werden, obgleich sich Angehörige der Opfer um Aufklärung bemühten, Journalisten ihre Spürnasen darauf ansetzten und selbst die Behörden Untersuchungen durchführen ließen. Es gibt nur einen Überlebenden der durch Fotos und Tagebuchaufzeichnungen belegten Expedition, den Studenten Yury Yudin. Er hat vermutlich nur deshalb überlebt, weil er zuvor erkrankt war und von den anderen Expeditionsmitgliedern im Einvernehmen zurückgelassen wurde.

Die Gruppe war am 27. Januar 1959 auf Skiern zu dem tief eingeschneiten Otorten-Berg aufgebrochen, Yudin mußte kurz nach Verlassen Vizhais, der letzten menschlichen Siedlung vor der Wildnis, zurückgelassen werden und war allein zurückgegangen. Der Krankheitsausbruch war offenbar sein Glück.

Dem Untersuchungsbericht zufolge, von dem eine Kopie der "Moscow Times" vorliegt, schlugen die Skifahrer am 2. Februar 1959 gegen 17.00 Uhr auf Geheiß ihres Anführers Igor Dyatlov (23) am östlichen Rücken des Kholat-Syakhl, einem dem Otorten vorgelagerten Berg, ihr Nachtlager auf. Anscheinend war die Gruppe aufgrund eines Schneesturms zuvor vom Weg abgekommen. Womöglich war das der Grund, warum Dyatlov das Lager auf dem Paß und nicht einige hundert Meter tiefer im geschützteren Tal errichten ließ.

Die Route zu dem zehn Kilometer entfernt Otorten galt als "Kategorie 3", was die höchste Anforderungsstufe darstellte. Die sieben Männer und zwei Frauen der Expedition waren sehr sportlich und erfahrene Skiwanderer. Dyatlov hatte zuvor mit seinem Sportclub vereinbart, daß er ein Telegramm senden wolle, sobald die Gruppe wieder nach Vizhai zurückgekehrt sei, und die Nachricht sollte nicht später als am 12. Februar eintreffen. Als er sich bis dahin nicht gemeldet hatte, war noch niemand beunruhigt, zumal Dyatlov angekündigt hatte, daß die Expedition vielleicht doch einige Tage länger dauern würde. Erst auf wiederholtes Drängen der Angehörigen entsandte der Institutsleiter Igor Djatlova am 20. Februar eine Gruppe freiwilliger Studenten und Lehrer, damit sie die Vermißten suchten. Später nahmen auch Armee und Polizei, unter anderem mit Flugzeugen und Hubschraubern, an der Suche teil.

Am 26. Februar trafen die freiwilligen Rettungshelfer bei dem verlassenen Lager ein. In einem Telefongespräch mit der "Moscow Times" erklärte Mikhail Sharavin aus Yekaterinenburg (früher: Sverdlovsk), der damals den Lagerplatz gefunden hatte, daß das Zelt zur Hälfte umgerissen und mit Schnee bedeckt war. Es sei leer gewesen, die Gruppe hätte all ihre Habseligkeiten, einschließlich der Schuhe, zurückgelassen.

Allein daraus kann geschlossen werden, daß die Studentinnen und Studenten Hals über Kopf geflohen sind, denn es war ihnen klar, daß sie es ohne Schuhe und Winterkleidung in der frostigen Nacht nicht lange aushalten würden. Was sie dermaßen erschreckt haben könnte, ist bis heute Quelle zahlreicher Spekulationen.

Den Ermittlungen zufolge war das Zelttuch von innen her aufgeschnitten worden, und rund um das Zelt waren die Fußspuren von acht oder neun Personen im metertiefen Schnee zu erkennen. Die Spuren stammten von Personen, die entweder barfuß, in Socken oder mit nur einem Schuh gelaufen waren. Sämtliche Fußspuren stammten von den Expeditionsmitgliedern, und es hat auch kein Kampf stattgefunden. Die Spuren führten über den Paß und dann weiter den Hang hinunter in einen Wald, wo sie sich verloren.

Der freiwillige Rettungshelfer Sharavin entdeckte dort unten am Waldrand unter einer hohen Kiefer die Leichen zweier Studenten, Georgy Krivonischenko (24) und Yury Doroshenko (21). Beide trugen nichts an den Füßen und waren nur mit Unterwäsche bekleidet. In der Nähe wurden die verkohlten Reste eines Feuers entdeckt. Die Zweige der Kiefer waren bis in eine Höhe von fünf Metern geknickt, was die Spekulation auslöste, daß die Skifahrer dort hinaufgeklettert sind, um nach etwas Ausschau zu halten. Auf dem Schnee in der Nähe lagen einige abgebrochene Äste.

Zwischen dem Lager und dem Baum wurden die Leichen von Dyatlov, Zina Kolmogorova (22) und Rustem Slobodin (23) gefunden. Nach der Position der Körper zu urteilen schienen sich die drei auf dem Rückweg zum Lager befunden zu haben. Sie lagen voneinander getrennt 300, 480 und 630 Meter von der Kiefer entfernt. Die Autopsie erbrachte keine Hinweise auf Tod durch Fremdeinwirkung, die fünf Personen sind offenbar erfroren. Auffällig war ihre Hautfarbe, die als gelblich oder bräunlich beschrieben wurde. Slobodin besaß zwar einen angeknackten Schädelknochen, aber die Verletzung wurde als nicht-tödlich eingeschätzt.

Die vier anderen Skifahrer wurden erst zwei Monate später aufgespürt. Ihre Leichen lagen 75 Meter von dem Baum entfernt in einem Bachbett unter einer vier Meter dicken Schneedecke. Es handelte sich um Nicolas Thibeaux-Brignollel (24), Ludmila Dubinina (21), Alexander Zolotaryov (37) und Alexander Kolevatov (25). Der Schädel von Thibeaux-Brignollel war zertrümmert, Dubunina und Zolotrarev wiesen zahlreiche gebrochene Rippen auf. Zudem besaß Dubinina keine Zunge mehr. An den Leichen waren keine äußeren Wunden zu erkennen.

Es hat den Anschein, als hätten sie am längsten überlebt, und teilweise die Kleidung der vor ihnen Verstorbenen übernommen. Zolotaryov trug Dubininas Pelzimitat und Mütze, während diese eine Wollunterhose von Krivonishenko um den Fuß gewickelt hatte. Der "Moscow Times" zufolge war einige Kleidung hochgradig radioaktiv kontaminiert.

Nach einigen Monaten stellten die Behörden die Ermittlungen ein. Die Polizei teilte mit, daß sie niemanden gefunden hätte, den sie zur Verantwortung hätte ziehen können. Die Akten verschwanden in einem geheimen Archiv. Die Region, in der sich der Zwischenfall ereignete, wurde zwei oder drei Jahre lang für die Öffentlichkeit gesperrt.

Angehörige der Opfer und andere Interessierte haben die Dyatlov-Stiftung mit Sitz in Yekaterinenburg gegründet. Der Stiftungsvorsitzende Yury Kuntevich (ein Bekannter Dyatlovs und mutmaßliches Mitglied der Suchexpedition) berichtete, daß er als Zwölfjähriger mitbekommen hatte, wie der Vorfall hohe Wellen schlug, auch wenn die Behörden versucht hätten, die Verwandten und Ermittler zum Stillschweigen zu bewegen.

Es wurden schon viele Theorien entworfen, was sich damals zugetragen hat, aber keine vermag ein schlüssiges Bild für sämtliche Aspekte des Dyatlov-Zwischenfalls zu liefern. Zunächst hatten die Ermittler die These verfolgt, die örtlichen Mitglieder des Volks der Mansi bzw. ihre Schamanen hätten die Skifahrer aus Rache, daß sie ihr Land betreten hatten, getötet. Aber auf diese Annahme gibt es keine Hinweise. Die Mansi waren stets sehr freundlich, verstehen sich mit den Russen gut und haben bei der Suche mitgeholfen.

Um die gesamte Region ranken sich Mythen. Kholat-Syakhl bedeutet in der Mansi-Sprache "Berg der Toten" und Otorten "Gehe nicht dorthin". Die Einwohner meiden die Region und, so heißt es, würden bei der Jagd auch keine Tiere dorthin verfolgen. Der Legende nach haben die Mansi den Berg Kholat-Syakhl genannt, nachdem auf seiner Spitze neun Mansi-Mitglieder, die dort Schutz vor einer urzeitlichen Flut suchten, gestorben waren.

Die Region soll aber nicht wirklich tabu gewesen sein, und die Behauptung, es handele sich um heilige Orte der Mansi, kann nicht bestätigt werden. Gegen die "Mansi-Theorie" spricht auch der Obduktionsbefund des Arztes Boris Vozrozhdenny. Demnach wiesen einige Leichen innere Verletzungen wie nach einem Autounfall auf. Kein Mensch wäre in der Lage gewesen, ihnen das anzutun, das übersteige menschliche Kräfte, war der Arzt überzeugt.

Es wird auch die These gehandelt, daß die Expedition von einer Lawine überrascht wurde. Dafür hätte es dann jedoch deutliche Hinweise in der Landschaft geben müssen. Selbst wenn das Zelt zur Hälfte durch eine Lawine umgerissen wurde, wäre das kein Grund, ungeschützt in die eisige Nacht zu rennen.

Eine weitere Theorie darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben: Augenzeugen hatten im Februar, März 1959 leuchtende Sphären im Luftraum über dem Gebiet beobachtet. Im Jahr 1990 erklärte der frühere polizeiliche Ermittlungsleiter Lev Ivanov in einem Interview, daß er damals von höheren regionalen Beamten angewiesen worden sei, den Fall abzuschließen und die Ergebnisse als geheim einzustufen. Die Beamten hätten sich beunruhigt über die Berichte seitens einer Vielzahl von Augenzeugen, teils vom Wetterdienst, teils vom Militär, gezeigt.

Der inzwischen verstorbene Ivanov hatte einmal gegenüber der kasachischen Lokalzeitung "Leninsky Put" gesagt, daß er schon damals den Verdacht hegte und sich heute fast sicher sei, daß die leuchtenden Kugeln irgend etwas mit dem Tod der Studentengruppe zu tun hatten.

Die freigegebenen (aber unvollständigen) Unterlagen zu dem Vorfall enthalten die Aussagen einer Gruppe von Abenteurern, die am selben Abend, als die Skifahrer umkamen, rund 50 Kilometer von ihnen entfernt lagerten und in der Nacht in Richtung des Kholat-Syakhl merkwürdige orangefarbene Kugeln bemerkten. Ähnliche Leuchterscheinungen wurden im Februar, März 1959 von unabhängigen Zeugen in der angrenzenden Region von Ivdel beobachtet. Und auch die Rettungshelfer berichteten, sie hätten solche Erscheinungen am 31. März oberhalb des Kholat-Syakhl gesehen. Der Ufo-Forscher Vadim Chernobrov von der Organisation Kosmopoisk ist jedenfalls von der Ufo-Theorie überzeugt und glaubt, daß die Gruppe im Zusammenhang mit außerirdischen Aktivitäten ums Leben kam.

Yudin, der einzige Überlebende der Expedition, vertritt die Ansicht, daß seine Freunde versehentlich in ein militärisches Übungsgelände eingedrungen sind. Für diese Annahme sprächen die radioaktiven Spuren an der Kleidung. Außerdem konnte er alle Gegenstände, die am Zeltlager gefunden wurden, einzelnen Expeditionsmitgliedern zuordnen - abgesehen von einer leeren Messerhülle und einem Stück Stoff, das zu einem Umhang passen würde, wie ihn Soldaten tragen.

Die dunkle Haut der ersten fünf Gefundenen könnte ein Indiz für eine Verstrahlung sein, meinte auch der Stiftungsvorsitzende Kuntsevich, der an der Bestattung teilgenommen hatte. Angehörige der Verstorbenen behaupten sogar, daß die Haare der Toten ergraut waren. Ob bei einer Leiche eine Verstrahlung vorliegt, läßt sich in der Regel gut am Zustand der inneren Organe prüfen. Laut Kuntsevich enthalten die in den neunziger Jahren freigegebenen Dokumente ausgerechnet darüber keine Auskunft. Dabei wisse er genau, daß damals innere Organe in speziellen Behältnissen zur Untersuchung geschickt worden waren.

Ziemlich merkwürdig hat sich das Militär bei der Rettungsoperation verhalten. Es hatte sich nämlich strikt und ohne nähere Erklärung geweigert, die Toten in den rundum geschlossenen Leichensäcken auszufliegen. Das mußte dann ein ziviler Hubschrauber übernehmen. Das förderte die Gerüchte, daß das Militär Kenntnisse über einen Strahlenunfall geheimhält.

Die Theorie, wonach die Skifahrer in ein Militärmanöver oder den Einflußbereich der Zündung einer nuklearen Bombe geraten sind, erfährt dadurch einen Dämpfer, daß an dem Berg Kholat-Syakhl keine Explosionsspuren gefunden wurden. Und wieso sollten weitgehend ungeschützte Filmrollen die Strahlenbelastung überstehen? Zudem waren damals keine Raketen vom Raumhafen Baikonur in Kasachstan abgefeuert worden, und das sibirische Raketenstartgelände Plesetsk wurde erst Ende 1959 eröffnet. Außerdem stellt sich die Frage, warum das Militär in einem ungeschützten Gebiet Nuklearwaffen testen sollte, wenn ihm doch mit Semipalatinsk eine ausreichend große Fläche zur Verfügung gestanden hat. Bei diesem Argument wird allerdings nicht berücksichtigt, daß es sich auch um einen Unfall mit Kernwaffen gehandelt haben könnte. Dagegen ließe sich wiederum einwenden, daß Rußland seine erste Interkontinentalrakete erst im Dezember 1959 fertiggestellt hatte.

Die Stelle, an dem sich der Zwischenfall ereignete, wird inzwischen offiziell als der Dyatlov-Paß bezeichnet. Damit wird das Andenken an einen Studenten gewahrt, der laut ursprünglicher Einschätzung der Behörden, die Expedition nicht sorgsam genug vorbereitet hatte. Die Behörden behaupteten damals - ungeachtet der vielen offenen Fragen -, daß der Tod der Gruppe selbstverschuldet war. Außerdem wurde der Leiter des Polytechnischen Instituts entlassen, andere Institutsmitarbeiter erhielten schwere Tadel. Alle beteiligten Forscher und Mediziner wurden angewiesen, Stillschweigen über den Vorfall zu bewahren.

1967 veröffentlichte der Sverdlovsker Journalist und Autor Yuri Yarovoi, der an der Suche nach Dyatlov teilgenommen hatte, eine fiktive Geschichte, in der er die komplexen Ereignisse aus seiner Sicht schilderte. Allerdings waren offenbar zuvor zwei Versionen seiner Erzählung nicht durch die Zensur gegangen, so daß die dritte Variante nicht viel mehr hergab, als offiziell berichtet wurde.

Der Berg Kholat-Syakhl zählt zu den zahlreichen geheimnisumwobenen Regionen Rußlands, um die sich Geschichten ranken, die mal mit dem Glauben der ursprünglichen Bevölkerung, mal mit radioaktiven Verstrahlungen und militärischer Geheimhaltung, mal mit ufologischen Phänomenen und mal mit tatsächlichen, ungewöhnlichen Ereignissen zu tun haben. In diesem Fall, so scheint es, spielen all die verschiedenen Facetten hinein, ohne daß sich daraus ein Gesamtbild ergibt. Der Dyatlov-Zwischenfall bleibt unaufgeklärt.


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Hinweis in eigener Sache: Die obigen Angaben stammen aus der "Moscow Times", der englischsprachigen Wikipedia sowie mehreren englischsprachigen Websites, die sich mit Ufologie und allgemein dem "Mysteriösem" befassen. Die Schreibweisen der Namen wichen teilweise voneinander ab.

22. Februar 2008



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