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HUNGER/202: Wie kann die Welternährung gesichert werden? (UBS)


Unabhängige Bauernstimme, Nr. 319 - Februar 2009
Die Zeitung von Bäuerinnen und Bauern

Kleinbauern stärken und Hunger besiegen

Wie kann die Welternährung gesichert werden? Ein Interview mit der Direktorin von "Brot für die Welt", Pfarrerin Cornelia Füllkrug-Weitzel

Von Berit Thomsen


FRAGE: Frau Füllkrug-Weitzel, "Brot für die Welt" feiert in diesem Jahr den 50. Geburtstag. Was wünschen Sie sich?

CORNELIA FÜLLKRUG-WEITZEL: Eine Welt, in der "Brot für die Welt" nicht mehr nötig wäre. Zumindest aber, dass wir hier in Deutschland den weltweiten Hunger endlich als eines der dringlichsten Probleme der Weltgemeinschaft und Handlungsimperativ begreifen.

FRAGE: Die Konzepte der industriellen Agrarlobby und Politik schlagen zur Hungerbekämpfung u.a. vor, die Produktion in Deutschland und Europa zu steigern.

CORNELIA FÜLLKRUG-WEITZEL: Bald eine Milliarde Menschen leiden an Hunger und es werden in den kommenden Jahren noch mehr. Aber der Hunger liegt nicht vor allem daran, dass zu wenig Nahrungsmittel produziert werden. Natürlich muss die Produktion perspektivisch mir dem Wachstum der Weltbevölkerung Schritt halten. Aber die Hauptgruppe der weltweit Hungernden sind die, die selber Nahrungsmittel produzieren: die Kleinbauern. Deren Produktivität zu steigern, wäre auf nachhaltige Weise möglich - das beweisen wissenschaftliche Studien und das müsste unser Hauptziel sein. Eine Produktionssteigerung in den Industrieländern bedeutet mehr subventionierten Export in den Süden, bedeutet mehr Zerstörung der dortigen Märkte durch Preisdumping, bedeutet, dass noch mehr Kleinbauern dort aufgeben müssen.

FRAGE: Welche Bedeutung haben Kleinbäuerinnen und -bauern für die Nahrungsmittelversorgung der Weltbevölkerung?

CORNELIA FÜLLKRUG-WEITZEL: Tatsache ist, dass kleinbäuerliche Familienbetriebe weltweit überwiegend die Nahrungsmittel herstellen. Sie sorgen schätzungsweise für rund 80 Prozent der Nahrungsmittelproduktion: Auch stellt der Agrarsektor den größten Teil der Arbeitsplätze. Der Weltagrarbericht hat deutlich bestätigt, dass nur die Förderung von Kleinbauern letztlich den Hunger bekämpfen und eine tragfähige Entwicklung einleiten kann. In den vergangenen Jahren sind jedoch gerade kleinbäuerliche Strukturen weltweit auf skandalöse Weise vernachlässigt worden zugunsten der industrialisierten Exportlandwirtschaft.

FRAGE: Die EU hat im letzten Jahr die Ausdehnung der Milchquote beschlossen. Die zusätzlich produzierten Mengen basieren aber nicht auf Ressourcen in der Europäischen Union, sondern auf dem Import von zusätzlichen Futtermitteln, allen voran Soja, aus Entwicklungsländern. Welche Konsequenzen hat das für die Bäuerinnen und Bauern und die Strukturen in den Ursprungsländern?

CORNELIA FÜLLKRUG-WEITZEL: Schon in den 80er Jahren sagten wir deutlich, dass "unsere Kühe am Rio de la Plata weiden", weil die Futtermittel eben nicht mehr aus den Auen der Nachbarschaft kommen. Dies ist seither noch viel extremer geworden. Von jeder Stufe der Sojaproduktion profitieren vor allem große multinationale Konzerne - als Lieferanten von Saatgut, als Produzenten von Gen-Soja, als Hersteller von Kunstdünger und Pestiziden, als Verkäufer von Erntemaschinen und als Großhändler beim Verkauf der Ernte. Unternehmen wie Cargill und Monsanto sind in mehreren dieser Bereiche tätig. Die Kleinbäuerinnen und -bauern haben nur einen kleinen Anteil an dem profitablen Geschäft mit Soja. Viele Arbeitsplätze gehen durch die Rationalisierung auf den großen Plantagen verloren.

FRAGE: Die EU hat die Milchmenge erhöht und dann im Januar die Exportsubventionen für Milchprodukte wieder eingeführt, die für eineinhalb Jahre ausgesetzt waren. Welche Auswirkungen hat dies für die Milchproduktion in den Ländern des Südens?

CORNELIA FÜLLKRUG-WEITZEL: Es ist ein Skandal. Sollten wieder wie in der Vergangenheit mit staatlichen Mitteln Überschüsse auf die Märkte von Entwicklungsländern exportiert werden, werden dadurch deren Märkte empfindlich geschwächt und schlimmstenfalls zerstört. Die Folgen sind noch mehr Hunger und Perspektivlosigkeit. Ein Beispiel solcher Gefährdung ist Burkina Faso, wo - auch mit Entwicklungsgeldern - gerade eine Milchwirtschaft aufgebaut worden ist. Frappierend ist, dass die großen Mengen und Absatzschwierigkeiten eigentlich doch hätte vorhergesehen werden müssen, als innerhalb eines Jahres zwei mal die Milchquote ausgedehnt wurde. Wir fordern die EU auf, unverzüglich und dauerhaft Exportsubventionen abzuschaffen. Dafür ist es notwendig, die Milchproduktion in der EU bedarfsorientiert auf den Markt auszurichten und keine Überschüsse, die auf die Preise der deutschen Bauern drücken, zu produzieren.

FRAGE: Immer wieder wird von Seiten der Industrie auf die Bedeutung der Gentechnik im Kampf gegen den Welthunger hingewiesen. Teilen Sie diese Einschätzung?

CORNELIA FÜLLKRUG-WEITZEL: Es gibt weltweit keine gentechnisch veränderte Pflanze mit verbessertem Ertrag im Anbau. Über 98 Prozent haben zwei gentechnische Eigenschaften: sie sind herbizidresistent und/oder insektenresistent. Die heute angebauten gentechnisch veränderten Hauptkulturen Soja, Mais, Raps und Baumwolle sind zu über 80 Prozent für den Export bestimmt, werden in Monokulturen angebaut und dienen nicht der Ernährungssicherung der lokalen Bevölkerung. Sie werden vorwiegend als Futtermittel, zur Erzeugung von Agrotreibstoffen oder für die Textilindustrie verwendet. Verfechter der Gentechnik behaupten gerne, sie leisten einen Beitrag zur Hungerbekämpfung in der Welt. Bauern und Pflanzenzüchter haben seit Menschengedenken versucht, ein breites Spektrum an Pflanzensorten zu erhalten, um ihre Produktion zu diversifizieren, um gesündere Pflanzenstämme zu entwickeln, sich den wechselnden Bedingungen der Ökosysteme anzupassen und um sich eine größtmögliche wirtschaftliche Unabhängigkeit zu sichern.

FRAGE: Nennen Sie uns ein Beispiel.

CORNELIA FÜLLKRUG-WEITZEL: Es gibt aus unserer Sicht gute und tragfähige Alternativen zum Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen, wie das Beispiel aus Madagaskar: "Le Systeme de Riziculture Intensive SRI" zeigt. Dieses schon von vielen tausend Kleinbauern weltweit praktizierte Anbausystem SRI hat zu einer Verdopplung der Erntemenge durch verbesserte Kulturtechnik und Anbaumaßnahmen geführt. Die Erträge verbesserten sich von durchschnittlichen zwei auf vier bis zehn Tonnen je Hektar, ohne dass Düngemittel und andere externe Betriebsmittel eingesetzt werden.

FRAGE: Was geben Sie unseren Bäuerinnen und Bauern in Deutschland für die Zukunft mit auf den Weg?

CORNELIA FÜLLKRUG-WEITZEL: Wir müssen hier in Deutschland erkennen, dass Gerechtigkeit und Ökologie Hand in Hand gehen müssen. Die Welt wird nur überleben, wenn wir gemeinsam schnell Wege finden, wie wir den großen Krisen - der Ernährungskrise, der Klima- und Energiekrise - begegnen können. Hier kann die Landwirtschaft mit einem Paradigmenwechsel zu einer sozial und ökologisch nachhaltigen Produktion einen bedeutenden Beitrag leisten.

Vielen Dank


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Quelle:
Unabhängige Bauernstimme, Nr. 319 - Februar 2009, S. 3
Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft - Bauernblatt e.V.
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(verbilligt auf Antrag 26,00 Euro jährlich)


veröffentlicht im Schattenblick zum 28. März 2009