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MILITÄR/995: SIPRI-Bericht - Die Zahl an Atomwaffen nimmt weiter zu (Pressenza)


Internationale Presseagentur Pressenza - Büro Berlin

SIPRI-Bericht: Die Zahl an Atomwaffen nimmt weiter zu

von Pressenza IPA, 18. Juni 2023


Im Jahr 2022 wurden 82,9 Milliarden Dollar für Atomwaffenarsenale ausgegeben. Es gibt derzeit 12.512 nukleare Sprengköpfe, wovon 9.576 im einsatzbereit sind. Das sind 86 mehr als 2022. Der Krieg in der Ukraine treibt Ausgaben für militärische Zwecke auf Ebenen, wie es sie seit Ende des Kalten Krieges nicht mehr gab.

Es gibt derzeit neun globale Atommächte: die USA, Russland, das Vereinigte Königreich, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea. Es scheint nicht so, als hätte eines dieser Länder Interesse daran, davon Abstand zu nehmen. Im Gegenteil, die Anzahl an einsatzbereiten Atomwaffen stieg laut dem aktuellen Bericht des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) 2022 an. Wie die Agentur selbst ihr Dokument betitelt: "Staaten investieren in Atomwaffenarsenale, während sich die geopolitischen Beziehungen verschlechtern".

Die SIPRI-Daten stimmen mit dem letzten Bericht der International Campaign to Abolish Nuclear Weapons (ICAN) überein. Laut ICAN werden die neun Länder, welche im Besitz von Atomwaffen sind, im Jahr 2022 82,9 Milliarden Dollar für ihre Arsenale aufwenden, 3% mehr als 2021.

Die Vereinigten Staaten geben mehr aus als die anderen acht Länder zusammen. Der Bericht "Wasted: 2022 Global Nuclear Weapons Spending" enthüllt, dass die USA 43,7 Milliarden Dollar ausgegeben hat (etwas weniger als 2021, aber immer noch mehr als die anderen acht Länder zusammen). China gab ein viertel des Betrages der USA aus, 11,7 Milliarden Dollar, ein Anstieg von knapp über 6%.

Russland war mit 9,6 Milliarden Dollar der drittgrößte Geldgeber, ein Anstieg von 5,74 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Indien war das Land, dass seine Ausgaben am stärksten erhöhte, mit einem Zuwachs von 21,8%. Das andere Land, das eine zweistellige Erhöhung verzeichnete, war das Vereinigte Königreich, mit etwas mehr als 11 Prozent.

Laut ICAN erhielten Waffenfirmen, die in die Atomwaffenproduktion involviert sind im Jahr 2022 neue Verträge im Wert von 16 Milliarden Dollar. Allein in den USA und Frankreich gaben diese Unternehmen 113 Millionen Dollar für Lobbyarbeit bei Regierungen aus. Alle neun Atomächte haben Verträge mit Firmen über die Herstellung zusätzlicher Atomwaffen im Wert von mindestens 278,6 Milliarden Dollar abgeschlossen, die in einigen Fällen bis 2040 reichen.

Die Vereinigten Staaten
43.7 Milliarden Dollar (83,143 Dollar pro Minute)
China
11.7 Milliarden (22,219 pro Minute)
Russland
9.6 Milliarden ($18,228 pro Minute)
Vereinigtes Königreich
6.8 Milliarden (12,975 pro Minute)
Frankreich
5.6 Milliarden (10.603 pro Minute)
Indien
2.7 Milliarden (5,181 pro Minute)
Israel
1.2 Milliarden (2,226 pro Minute)
Pakistan
1.0 Milliarden (1,967 pro Minute)
Nordkorea
589 Milliarden (1,221 pro Minute)


9.576 einsatzbereite Atomsprengköpfe

Um auf den Bericht von SIPRI zurückzukommen, von insgesamt 12.512 Atomsprengköpfen im Januar 2023 befanden sich etwa 9.576 in militärischen Lagerbeständen für den potenziellen Einsatz, 86 mehr als im Januar 2022. Davon waren schätzungsweise 3.844 Sprengköpfe auf Raketen und Flugzeugen stationiert, und etwa 2.000 befanden sich in hoher Alarmbereitschaft (auf Raketen installiert oder auf Luftwaffenstützpunkten mit Atombombern stationiert).

Einerseits gehören diese 2.000 Waffen in hoher Alarmbereitschaft fast alle den USA und Russland, was 90 Prozent aller Atomwaffen ausmacht. Andererseits ist das weltweite Atomwaffenarsenal im Vergleich zum Vorjahr um fast zwei Prozentpunkte gesunken.

Laut SIPRI "verschärfen die meisten Atomkräfte die Rhetorik über die Bedeutung dieser Waffen und sprechen sogar explizite oder implizite Drohungen über ihren möglichen Einsatz. Dieser Atomwettkampf hat das Risiko, dass Atomwaffen zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt werden, dramatisch verstärkt", warnt der Bericht.

Dem Institut zufolge erhöhen zunehmende geopolitische Spannung und die Schließung von Kommunikationskanälen wiederum das Risiko von "Fehleinschätzungen, Missverständnissen und Unfällen" auf ein inakzeptabel hohes Niveau. Teil dieser Spannung ist der Russland-Ukraine-Krieg, der einen globalen Einfluss auf die erhöhten Militärausgaben hatte.

Vergangenen April zeigte ein SIPRI Bericht bereits, dass weltweite Rüstungsausgaben (nuklear und nicht-nuklear) 2022 das achte Jahr in Folge auf ein Allzeithoch von Billionen Dollar steigen werden. Damit verzeichnete Europa ähnliche Zahlen wie nach dem Ende des Kalten Krieges.


Weltatommächte (Januar 2023)

Eingesetzte Sprengköpfe (auf Raketen oder in Basen mit Einsatzkräften).

Gelagerte Sprengköpfe (gelagerte oder Reservesprengköpfe, die eine gewisse Vorbereitung erfordern, bevor sie eingesetzt werden können).

Gesamtbestand (Sprengköpfe auf Lager und entfernt für Zerlegung).

Vereinigte Staaten
Stationierte Sprengköpfe: 1.770
Gelagerte Sprengköpfe: 1.938
Gesamtbestand: 5.244

Russland
Stationierte Sprengköpfe: 1.674
Sprengköpfe in Lagerbeständen: 2.815
Gesamtlagerbestand: 5.889

Vereinigtes Königreich
Stationierte Sprengköpfe: 120
gelagerte Sprengköpfe: 105
Gesamtlagerbestand: 225

Frankreich
Stationierte Sprengköpfe: 280
Sprengköpfe in Lagerbeständen: 10
Gesamtlagerbestand: 290

China
Stationierte Sprengköpfe: No data
gelagerte Sprengköpfe: 410
Gesamtlagerbestand: 410

Pakistan
Stationierte Sprengköpfe: No data
gelagerte Sprengköpfe: 170
Gesamtlagerbestand: 170

Indien
Stationierte Sprengköpfe: no data
Sprengköpfe in Lagerbeständen: 164
Gesamtlagerbestand: 164

Israel
Stationierte Sprengköpfe: keine Daten
gelagerte Sprengköpfe: 90
Gesamtlagerbestand: 90

Nordkorea
Stationierte Sprengköpfe: keine Daten
Sprengköpfe in Lagerbeständen: 30
Gesamtlagerbestand: 30


Von Chinas Wachstum bis zu Israel's Leugnung

Der SIPRI-Bericht kommentiert die Atomwaffensituation in jedem dieser Länder (wie bereits in den USA und Russland beobachtet). Er merkt an, dass China letztes Jahr seine Sprengkopfzahl um 17% steigerte und ein weiteres Wachstum erwartet wird, womit China vor Ende des Jahrzehnts so viele ballistische Interkontinentalraketen wie die zwei Atomsupermächte haben könnte.

Es wird erwartet, dass das Vereinigte Königreich seine Anzahl an Sprengköpfen gemäß der Regierungsankündigung 2021 weiter aufstocken wird. Frankreich soll seine Programme, eine dritte Generation atombetriebener U- Boot-gestützte ballistische Raketen und luftgestützte Marschflugkörper zu entwickeln, weiter vorantreiben.

Laut des Instituts scheinen Indien und Pakistan ihre Arsenale ebenfalls zu erweitern, während Israel weiterhin nicht öffentlich zugibt, im Besitz von Atomwaffen zu sein. Es wird jedoch angenommen, dass das Land sein Arsenal modernisiert.

Abschließend räumt Nordkorea weiterhin sein Atomprogramm nach wie vor eine zentrale Rolle in seiner nationalen Sicherheitsstrategie ein. SIPRI schätzt, dass Pjöngjang etwa dreißig Sprengköpfe gebaut hat und genug spaltbares Material für fünfzig bis siebzig weitere hat, ein "signifikanter" Vergleich zu vor einem Jahr.


Russlands Einmarsch in der Ukraine ist ein Rückschlag für die Diplomatie

Der Krieg in der Ukraine war ein schwerer Rückschlag für Atomwaffenkontrolle und Abrüstungsdiplomatie. Das Stockholmer Institut erinnert daran, dass die USA nach der russischen Invasion ihren bilateralen strategischen Stabilitätsdialog mit Russland ausgesetzt haben.

Im Februar 2023 kündigte Moskau an, dass es seine Teilnahme am Vertrag über Maßnahmen zur weiteren Reduzierung und Begrenzung strategischer Offensivwaffen (New START) von 2010 aussetzen würde. Dies ist der letzte Vertrag zur Kontrolle von Atomaffen, der die strategischen Nuklearkräfte Russland und die USA einschränkt.

Gespräche über einen Nachfolgevertrag zu New START, welcher 2026 ausläuft, wurden auch unterbrochen. Nach der SIPRI Bewertung bleiben die strategischen Nuklearstreitkräfte beider Länder im Januar 2023 jedoch innerhalb der Grenzen des neuen START-Abkommens.


Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Julia Fleischer vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt.


Der Text steht unter der Lizenz Creative Commons 4.0
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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Quelle:
Internationale Presseagentur Pressenza - Büro Berlin
Reto Thumiger
E-Mail: redaktion.berlin@pressenza.com
Internet: www.pressenza.com/de

veröffentlicht in der Online-Ausgabe des Schattenblick am 20. Juni 2023

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