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PROPAGANDA/1499: Naiv - trotz schlechter Aussichten anpacken ... (SB)



Wer andere als "Gutmenschen" tituliert, würde nicht unbedingt für sich in Anspruch nehmen, ein "Schlechtmensch" zu sein. Was einst die simple Aussage einer gewissen Naivität im Umgang mit gesellschaftlichen Problemen transportierte, ist im Jargon der Neuen Rechten zu einem regelrechten Schimpfwort mutiert. Letztlich steht die Deutungshoheit über Gut und Böse, über die Bewertung dieser Probleme im Mittelpunkt der Nutzung des Begriffs, insbesondere wenn er im Kontext flüchtender Menschen fällt, was häufig der Fall ist. Darüber hinaus macht sich verdächtig, ein "Gutmensch" zu sein, wer Minderheitenrechte hochhält, für soziale Gleichheit ohne Ansehen von Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht eintritt, für Einschränkungen des Jagdrechtes, des unbegrenzten Schnellfahrens und des Fleischkonsums eintritt, also im Kulturkampf gegen "Radfahrer und Vegetarier" [1] auf der falschen Seite steht. Ob der "Gutmensch" aus seiner Lebenspraxis moralischen Profit zieht oder nicht, ob er gar den gesellschaftlichen Moralhaushalt als Instrument symbolpolitischer Widerspruchsregulation kritisiert, ist dafür, daß er zum Ziel einer Diffamierung wird, unerheblich.

Zweifellos richten sich moralische Werturteile immer auch gegen diejenigen, die ihnen nicht gerecht werden. Ganz sicher setzen viele Menschen moralisch als gut bewertete Taten wie eine Währung persönlicher Anerkennung ein, die ihrerseits Herrschaftsverhältnisse vertieft, anstatt sie aufzuheben. Nicht umsonst gilt die christliche Tugend der Selbstlosigkeit als höchste Form menschlicher Zuwendung, soll sie doch ohne Seitenblick auf eine Belohnung im Dies- oder Jenseits erfolgen, um das Motiv, anderen etwas Gutes zu tun, nicht von vornherein zu korrumpieren. Daß eine als selbstlos titulierte Haltung geradezu zu ihrer Widerlegung herausfordert, liegt im Mißbrauch christlicher Ideale auf den Kommandohöhen weltlicher und geistlicher Macht begründet. So stellt der meritokratisch honorierte Tauschwert moralischen Handelns alle Beweggründe, den kranken Menschen nicht am Wegesrand liegenzulassen, sondern ihm aufzuhelfen, in den Schatten eigennütziger Kalküle.

Sich mit dieser Hintergründigkeit aller erklärten wie unausgesprochenen Moral auseinanderzusetzen ist wesentlich für alle Emanzipation vom Schuldcharakter kapitalistischer Vergesellschaftung und gesellschaftlicher Regulation. Auf dem Spiel steht die Teilhaberschaft an einer sozialen Ordnung, deren hierarchischer und ausgrenzender Charakter das Problem herrschender Gewaltverhältnisse erzeugt. Es überwinden zu wollen, ohne die Erblast originär christlicher Werturteile aus der Welt zu schaffen, führt notgedrungen immer tiefer ins Labyrinth von Schuld und Sühne. So ist die Sicherung des gesellschaftlichen Friedens kein Nebenprodukt humanitären Engagements, sondern konstitutiv für Institutionen sozialer Unterstützung, die dementsprechend nicht dem kommerziellen Erfolg verpflichtet sein sollten. So sehr die karitative Arbeit mit öffentlichen oder privatwirtschaftlichen Mitteln finanzierter Institutionen individuell zu begrüßen sein mag, so kontraproduktiv ist sie für die Aufhebung erniedrigender und verelendender Umstände. "Tue Gutes und rede darüber" - der Leitsatz des Social Sponsoring großer Unternehmen verrät, daß in ihrer Profitlogik kein Platz für unumkehrbare und folgenreiche Formen emanzipatorischer Entwicklung ist.

Widersprüche zwischen moralischem Anspruch und gesellschaftlicher Wirklichkeit produktiv aufzudecken ist mithin für einen sozialökologischen Aktivismus, der sich für schwache, bedrängte, von Zerstörung und Vernichtung bedrohte Lebewesen einsetzt, von essentieller Bedeutung. Was noch dazu belebend und anregend für den das politische Gemeinwesen kritisch durchdringenden Verstand sein kann, verschafft auch Klarheit über die persönliche Motivlage und vergrößert damit die eigene Handlungsfähigkeit. Doch darum geht es den nicht umsonst im sozialrassistisch und nationalchauvinistischen Lager verorteten UrheberInnen dieses Vorwurfs nicht. Menschen verächtlich zu machen, die sich aus welchen Gründen auch immer Restbestände eines Ethos der Gewaltfreiheit, der sozialen Gleicheit und des Schutzes Vertreibung und Verfolgung erleidender Menschen wie dem Ökozid preisgegebener nichtmenschlicher Lebewesen und Natursysteme bewahrt haben, erweist sich im Umkehrschluß als hochmoralische Abwehr dessen, was die eigene Teilhaberschaft am gesellschaftlichen Raubzug in Frage zu stellen droht.

Zutiefst beleidigt und gekränkt, weil sich die beanspruchte Zugehörigkeit zu Volk, Staat und Nation nicht auf erwartete Weise auszahlt, sondern die Austauschbarkeit des Marktsubjekts und der Warenform als persönliche Niederlage erlebt wird, weil die dem Deutschen qua Geburtsrecht angeblich zustehende Gratifikation ausbleibt, während andere, die nicht über das Privileg dieser Staatsbürgerschaft verfügen, dem prinzipiellen Menschenrecht gemäß Gleichbehandlung einfordern, weil die Anerkennung imaginierter Männlichkeit an der Relativierung tradierter Geschlechternormen scheitert, kocht im Feindbild des "Gutmenschen" all das auf, was für die eigene Misere verantwortlich gemacht wird. [2]

Wie tief der Abgrund menschengemachter Gewaltverhältnisse ist, wollen die UrheberInnen dieses Anwurfs am allerwenigsten wissen. Sie vom Thron vermeintlicher zivilisatorischer Höherentwicklung herab auszuloten hieße, das Blut an den eigenen Händen zumindest wahrzunehmen. Diese möglicherweise sehr unangenehme Konfrontation auch nur ansatzweise zu riskieren überlassen sie wohlweislich den AdressatInnen ihrer Verachtung. Eine zugewandte Kritik vermeintlich übertriebener Caritas oder Sorge um das Leben in welcher Form auch immer bedient sich keiner Diffamierung, sondern des Hinterfragens offenkundiger Widersprüche mit dem Zweck, das grundsätzliche Anliegen solidarischer Unterstützung und gemeinsamen Kämpfens zu fördern.


Fußnoten:

[1] https://www.deutschlandfunk.de/polnische-regierung-waszczykowski-warnt-vor-welt-aus.1773.de.html?dram:article_id=341541

[2] BERICHT/085: Richtige Literatur im Falschen - und sie meinen es so ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/d-brille/report/dbrb0085.html

4. September 2018


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