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RAUB/1040: David Cameron - Zuchtmeister hilfsbedürftiger Menschen (SB)




Die von britischen Behindertenverbänden aufgeworfene Frage, wieso das Unternehmen Atos Healthcare als Sponsor für die Paralympischen Spiele auftritt, obwohl es maßgeblich daran beteiligt ist, die Zuschüsse und Renten für Behinderte massiv zu kürzen, hat der britische Premierminister David Cameron anläßlich der Eröffnung der Spiele indirekt beantwortet. In einem Interview mit dem Sender Channel Four [1] lobte er die Leistung der Behindertensportler auf eine Weise, die seinen brutalen Sozialkürzungen auf den Leib geschrieben ist. Ihr Vorbild diene dazu, den Menschen beizubringen, "was sie tun können, anstatt zu fragen, was sie nicht tun können". Diese "Supermenschen" wären in der Lage, persönliche Nachteile aus eigener Kraft zu überwinden, was viele Menschen dazu inspirierte, "all das zu sein, was sie können".

Im Rahmen ihrer Austeritätspolitik will die Regierung Cameron die Sozialleistungen für Behinderte um 20 Prozent kürzen. Atos Healthcare wurde mit dem hochdotierten Auftrag betraut, alle Empfänger dieser Sozialtransfers im Rahmen medizinischer Tests daraufhin unter die Lupe zu nehmen, ob sie nicht doch auf irgendeine Weise für Lohnarbeit zu verwenden seien [2]. Die darin enthaltene Unterstellung, hier drückten sich unberechtigte Empfänger staatlicher Leistungen vor der Arbeit, wurde längst durch eine offizielle Untersuchung widerlegt, die erbrachte, daß der Vorwurf des Mißbrauchs auf lediglich 0,5 Prozent der Leistungsbezieher zutrifft. Umfassende Kürzungen bei Behinderten vorzunehmen, die ihre Hilfen und Renten aufgrund ärztlicher Untersuchungen erhalten, bedeutet nichts anderes, als ihr bereits notdürftig finanziertes Leben noch schwieriger als zuvor zu machen. Dies wird entschieden von einer Regierung, die die Interessen des Kapitals, des Adels und der Feudalbourgeoisie vertritt.

So vollstrecken die Atos-Evaluatoren, wie anläßlich des Beginns der Paralympics veröffentlichte Briefe und Stellungnahmen Betroffener dokumentieren [3], an Behinderten die menschenverachtende Tortur, sie beweisen zu lassen, daß die Bezichtigung, sie betrögen den Staat, nicht zutrifft. Obwohl offenkundig schwerstbehindert oder von einer todbringenden Krankheit geschlagen, werden diese Menschen einem hochformalisierten Test unterworfen, dessen Punktezahl nicht zu erreichen für sie eine Katastrophe bedeutet. Die sprunghaft angestiegene Zahl von Selbstmorden unter britischen Behinderten scheint, so zynisch sich das anhören mag, ganz im Sinne der Erfinder zu sein, schwebt ihnen mit dem Entzug lebenswichtiger Sozialleistungen doch eine biologische Lösung für das Problem der überbordenden, der Alimentation der Finanzindustrie zu verdankenden Staatsverschuldung vor.

Camerons Lobgesang auf die Opfer- und Leistungsbereitschaft von Behindertensportlern ist Ausdruck der Perfidie, das Regime neoliberaler Disziplinierung und die Zurichtung des Menschen auf bloßen Betriebsstoff der Arbeitsgesellschaft zu Lasten der verwundbarsten und verletzlichsten Menschen zu vollziehen. Es ist kein Zufall, daß er damit Behinderte hofiert, die durch einen Unfall oder eine Kriegsverletzung aus einer Karriere gerissen wurden, die als Vorbild für andere fortzusetzen nur mit einer prothetisch gut zu kompensierenden körperlichen Einschränkung möglich ist. Jene Behinderten, die von Geburt oder aufgrund einer degenerativen Erkrankung für sportliche Zwecke nicht verwendbar sind, fallen durch das Raster der Produktivitätsevaluation ins Bodenlose gesellschaftlichen Abseits und existentieller Not. Je wirksamer sie aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verbannt werden, desto höhere Akzeptanz finden eugenische "Lösungen" biomedizinischer Art.

Die Paralympics sind keine Solidaritätserklärung an Behinderte. Sie sollen, zumindest wenn es nach Cameron geht, als Leistungsschau derjenigen fungieren, die sich bereitwillig der Konditionierung der Arbeitsgesellschaft unterwerfen, indem sie sich nun, da sie Gefahr laufen, als unproduktive Kostenfaktoren ausgegrenzt zu werden, in besonderer Weise bewähren. Darüber hinaus haben die Eliten eines Landes, das permanent Krieg führt und eine dementsprechende Zahl Kriegsversehrter produziert, großes Interesse daran, auf diese Weise zu demonstrieren, daß niemand, der sich für Ruhm und Ehre des Empire einsetzt, in einem solchen Falle alleingelassen wird. Als Schaufenster eines Labors, in dem der Mensch auf den Prüfstand seiner Belastbarkeit gestellt und daran geforscht wird, mit welchen Mitteln ihm übermenschliche Leistungen abgerungen werden können, sind die Paralympics weit bedeutsamer als allgemein wahrgenommen.

Fußnoten:

[1] http://blacktrianglecampaign.org/2012/08/29/cameron-uses-opening-ceremony-to-justify-benefit-cuts-narrative-libdems-to-barter-support-for-osbornes-10bn-in-further-cuts-for-emergency-wealth-tax- proposal/

[2] http://www.schattenblick.de/infopool/sport/brenn/sbsp0014.html

[3] http://blacktrianglecampaign.org/2012/08/28/atos-forced-me-to-crawl-on-the-floor-in-tears/

30. August 2012