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RAUB/1084: "Klimawandel unaufhaltsam" - Handlungshorizont Resilienz (SB)



"Wir können den Klimawandel nicht mehr aufhalten" - anläßlich des ersten "Monitoringberichts der Bundesregierung zur Anpassung an den Klimawandel" [1] bedient sich die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, dieses wissenschaftlichen Allgemeinplatzes nicht etwa im Sinne einer allgemeinen Feststellung. Im Kontext dieses Berichtes wird ein sozialökologischer Paradigmenwechsel eingeleitet, der die grundsätzliche Abkehr von dem Anspruch beinhaltet, alles nur erdenkliche zu tun, um den Klimawandel zumindest zu begrenzen: "Selbst wenn wir in diesem Moment alle Treibhausgasemissionen auf Null reduzieren, würde sich das Klima für hunderte Jahre weiter ändern". Daß alle klimawirksamen Maßnahmen hinsichtlich der damit intendierten Effekte einer mittel- bis langfristigen Zeitverzögerung unterliegen, ist seit langem bekannt. Doch war das Problem, zugunsten künftiger Generationen heute unpopuläre Entscheidungen treffen zu müssen, bislang ein Argument dafür, die Begrenzung des Klimawandels zumindest vom Anspruch her entschieden voranzutreiben und sich auch von politischen und ökonomischen Bremsfunktionen nicht aufhalten zu lassen.

Wie der Titel des Berichts belegt, soll es nurmehr um die "Anpassung an den Klimawandel" gehen, und da gibt sich Krautzberger durchaus großzügig. Das Bemühen um eine erfolgreiche Anpassung an die veränderten Klimabedingungen dürfe nicht an den eigenen Grenzen haltmachen, denn gerade Entwicklungsländer seien von "Wetterextremen und verschlechterten Anbaubedingungen in Folge der Erderwärmung häufig besonders stark und zunehmend betroffen". Auch das ist keine Neuigkeit, nur hat sich daraus bislang die Forderung abgeleitet, die großen Produktivitätsunterschiede zwischen den hochentwickelten Industriestaaten und den Ländern des Trikonts Asien, Afrika und Lateinamerika zu Lasten derjenigen Volkswirtschaften einzuebnen, deren historischer Vorsprung der massiven Zerstörung natürlicher Ressourcen nicht nur im eigenen Land erwirtschaftet, sondern mit kolonialistischer und imperialistischer Gewalt weltweit erzwungen wurde.

Wie im sozialökologischen Diskurs durch die Begriffsverschiebung von Nachhaltigkeit zur Resilienz [2] angekündigt, werden die dem ungenutzten Verstreichen der Jahre gemäß immer düsterer ausfallenden Prognosen der Klimaforscher dazu genutzt, den allgemein anerkannten Sachzwang der umfassenden Reduktion klimawirksamer Gase hegemonialpolitisch und wirtschaftsstrategisch neu auszurichten. Anstatt sich auf ehrgeizige Reduktionsziele festzulegen und diese auch gegen den politischen Widerstand derjenigen, die am meisten von der Externalisierung und Sozialisierung der Umweltkosten profitieren, durchzusetzen, wird die politische Not, sich mit den größten Kapitalfraktionen der Energie-, Ernährungs-, Automobil- und Flugzeugindustrie anzulegen, in die Tugend einer karitativen Geste verwandelt.

"Hilfe" wird im internationalen Verkehr der Staaten untereinander jedoch niemals selbstlos geleistet, sondern ist immer mit einem Preisschild versehen. Verschiebt sich die Hauptwucht staatlichen Handelns von der Verhinderung des Klimawandels zur Anpassung an seine Folgen, dann befinden sich die von dieser Entwicklung am meisten getroffenen Bevölkerungen künftig in einer noch schlechteren Lage als bisher. So entfachen die in gemäßigten Klimazonen liegenden Industriestaaten wachstumswirksame Innovationsschübe, die ihre wissenschaftlich-technische wie finanzwirtschaftliche Monopolstellung unter dem Vorwand verbessern, den vermeintlich einzig gangbaren Weg zur Anpassung an die Klimafolgen einzuschlagen. Die Monopolisierung der Ernährung durch grüne Gentechnik, die Fortschreibung der Nutzung fossiler Energie durch CO2-Abscheidung, ein kaum minder destruktiver Automobilismus durch E-Mobilität, die Technifizierung natürlicher Räume durch Geoengineering, verschleißintensive großtechnische Lösungen für erneuerbare Energie, die marktgerechte Inwertsetzung sogenannter Ökosystemdienstleistungen, die Kapitalisierung bloßer Zerstörung im Emissionshandel, die biomedizinische Zurichtung des Menschen auf veränderte Umweltbedingungen, die Zuweisung kalorisch exakter Brennwerte für den individuellen Verbrauch - was bisher als grünkapitalistische Vision der nachhaltigen Bewirtschaftung wachstumsorientierter Gemeinwesen propagiert wurde, läßt sich unter der Bedingung angeblich nicht mehr zu beeinflussender Sachzwänge noch durchgreifender verwirklichen.

Die Erfordernis einer umfassenden globalen Reduktion von Klimagasen, die die verbrauchsintensiven Industriestaaten Westeuropas und Nordamerikas besonders in die Pflicht nimmt, tritt unter dem Eindruck imperativer Handlungsnot gegenüber technischen Lösungen zurück, die vermeintlich als einziges dazu geeignet sind, auf die angeblich nicht mehr abwendbare Krise des Klimas und damit vor allem der Ernährung zu reagieren. Daß die solidarische Bewältigung des Problems zugunsten eines permanenten, den Herausforderungen stets hinterherhinkenden Krisenmanagements außer Blick gerät, ruft eine die individuelle Anpassungs- und Leistungsbereitschaft sanktionierende Mangelverwaltung auf den Plan. Die in eine emanzipatorische Zukunft weisende Forderung, selbstbestimmt und solidarisch zu leben und zu arbeiten, anstatt einem auf Kapitalverwertung und Kreditausweitung basierenden Akkumulationsprinzip ausgeliefert zu sein, wird durch ein sozialökologisches Notstandsregime systematisch zunichte gemacht.

Unter dieser Voraussetzung läuft auch jeder wachstumskritische Diskurs Gefahr, autoritäre Mandate zu beschwören und menschenfeindliche Zuteilungssysteme hervorzubringen. Wo die Freiwilligkeit des gesellschaftlichen Zusammenschlusses aller Menschen nicht an erster Stelle steht, sondern kapitalistische Konkurrenz grün eingefärbt wird, feiert der Sozialdarwinismus Triumphe. Aus herrschaftsstrategischer Sicht ist es allemal sinnvoll, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen und Handlungsspielräume, die globale Kooperation voraussetzen und neue Lebensformen ermöglichen, durch das Postulat eines unumkehrbaren negativen Verlaufs zu schließen. So könnte das Prinzip der Resilienz [3] den Ausgangspunkt einer Verteilungsordnung bilden, die der sozialeugenischen Gewalt faschistischer Ordnungskonzepte dank der informationstechnischen Effizienz bevölkerungsadministrativer Systeme in nichts nachsteht.


Fußnoten:

[1] http://www.umweltbundesamt.de/presse/presseinformationen/folgen-des-klimawandels-in-deutschland-deutlich

[2] http://phase-zwei.org/hefte/artikel/von-der-nachhaltigkeit-zur-resilienz-408/

[3] Resilienz - Chiffre sozialer Kapitulation
http://www.schattenblick.de/infopool/sozial/report/sorb0031.html

31. Mai 2015


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