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RAUB/1128: Arbeit - digitale Turboentwertung ... (SB)



Wer eine Dienstleistung in Anspruch nehmen möchte oder einen Arbeitsauftrag zu vergeben hat, greift immer häufiger auf elektronische Plattformen als Vermittler zurück. Ob eine Taxifahrt mit Uber, die Buchung einer Unterkunft über Airbnb oder ein Handwerker bei Myhammer, um nur einige Beispiele unter zahllosen weiteren zu nennen - den Möglichkeiten schneller Kontaktnahme und kostengünstiger Erfüllung des Kundenwunsches sind kaum noch Grenzen gesetzt. Das auf den ersten Blick sinnvoll anmutende und an Nachbarschaftshilfe erinnernde Geschäftsmodell erweist sich bei näherer Überprüfung als Zerstörung bestehender Branchen durch aggressivste Konkurrenz und existierender Ausbeutungsverhältnisse, um sie durch noch profitablere zu ersetzen. Der Entrepreneur solcher Startups ist weder ein Erfinder, noch besitzt er Kapital. Sein Beitrag besteht darin, den diesen Produktionsverhältnissen innewohnenden Zwang, durch Senkung der Lohnkosten zu rationalisieren, um sich im Konkurrenzkampf zu behaupten, unter Einsatz informationstechnologischer Instrumente zu forcieren. Der Gründer ist mithin ein Manager, der bereits existierende Produktionsmittel vorteilhafter für die maßgeblichen Profiteure einsetzt.

Milliardenschwere Investoren halten vielversprechende Startups solange über Wasser, bis diese unter hohen Verlusten die Konkurrenz an die Wand gefahren haben und das Feld weitgehend beherrschen. Auch dies ist natürlich kein neues Prinzip der vorherrschenden Wirtschaftsweise, doch zeichnet es sich durch rabiateste Praktiken unter Mißachtung geltender Regularien und Schutzbestimmungen aus, wie sie für die konventionellen Konkurrenten und deren Beschäftigte gelten. Der Traum des Startup-Gründers, sein eigener Boß zu sein, läuft auf nichts anderes hinaus, als andere unter unwürdigsten Bedingungen für sich schuften zu lassen. Er beschäftigt Subunternehmer, Freiberufler, Zeitarbeiter oder Solo-Selbständige, also Arbeitskräfte, die er nach Gutdünken heuern und feuern kann. Es werden keine Beiträge zur Unfall-, Renten- oder Krankenversicherung abgeführt und die Plattform-Unternehmen entziehen sich ihrer Steuerpflicht, profitieren von illegaler Steuerermäßigung in Ländern wie Irland oder verstecken ihre Gewinne in Steueroasen.

Werden die Volkswirtschaften der Industrienationen so umstrukturiert, daß die Gewinne aus neuen Technologien und Produktivitätssteigerungen in die Taschen einer immer kleiner werdenden Gruppe Wohlhabender fließen, mündet dies in eine Welt digitaler Tagelöhner, in die neofeudale Verhältnisse und moderne Lohnsklaverei auf breiter Front Einzug halten. Dieser Einsatz der Informationstechnologie schafft keinen allgemeinen Wohlstand und erleichtert das Leben nicht. Vielmehr werden Arbeitsplätze vernichtet, die Qualität der Arbeit untergraben und die arbeitenden Menschen auf existenzielle Weise geschädigt. [1]

Wie das funktioniert, läßt sich am Beispiel des Fahrdienstes Uber exemplarisch nachvollziehen. Das in San Francisco ansässige Unternehmen betreibt eine neue Form der Personenbeförderung, indem private Autobesitzer Fahrgäste von einem Ort zum andern bringen. Über spezielle Taxi-Apps finden Fahrer und Fahrgast zueinander. Wenngleich die Kunden phasenweise von günstigen Tarifen profitieren, ist das unter dem Strich für sie kein wirklicher Vorteil. Uber überflutet die Straßen mit zusätzlichen Fahrzeugen, verursacht Staus und steigert den Ausstoß von Schadstoffen. Man wird vielleicht etwas früher abgeholt, steckt dafür aber unterwegs länger im Verkehr fest. Insbesondere aber unterläuft Uber sämtliche gesetzlichen Vorgaben wie auch das Lohnniveau des Taxigewerbes, das auf diese Weise durch private Niedriglöhner ruiniert wird.

Wie es sein Gründer Travis Kalanick einst formulierte, wolle Uber nichts weniger, als die Mobilität grundlegend zu verändern. Das Unternehmen wirbt damit, seit der Gründung 2009 fünf Milliarden Fahrten vermittelt zu haben, auf allen sechs Kontinenten, in 76 Ländern und 450 Städten präsent zu sein. Der Aufstieg zum teuersten Start-up in der Geschichte des Silicon Valley - zeitweise von Investoren mit knapp 70 Milliarden Dollar bewertet - wurde unter Kalanicks Führung mit härtesten Bandagen geführt. Er scheute sich nie, Vorschriften, die für die etablierten Anbieter galten, schlichtweg zu ignorieren. Uber sei ein Technologie- und kein Transportunternehmen, so das fadenscheinige Argument. Er beschäftigte ein Heer von Anwälten und Lobbyisten, um die Auslegung der Regeln zu seinen Gunsten sicherzustellen.

Den Investoren von Silicon Valley gefiel dieses brachiale Streben nach Marktdominanz und so pumpten sie immer wieder frisches Kapital in eine Art Schneeballsystem, das Ubers Kriegskasse füllte, so daß mit Boni Fahrer angelockt und Fahrten billiger angeboten werden konnten. Die hochsubventionierten Fahrten produzierten Milliardenverluste, die jedoch dem Prinzip dienten, die Konkurrenz solange zu unterbieten, bis ihr die Mittel ausgingen. Ubers Stern begann zu sinken, als sich das Unternehmen auf dem riesigen chinesischen Markt mit einem noch größeren Räuber anlegte. 2015 zog Uber den Kauf des Konkurrenten Didi Chuxing in Betracht und lieferte ihm einen gnadenlosen Preiskampf, in dessen Verlauf die Rivalen Milliarden mit Rabatten und Fahrersubventionen verbrannten. Anfang 2016 gab Kalanick erstmals zu, daß sein Unternehmen in China jährlich mehr als 1 Milliarde Dollar verliere. Wenig später gab er den Verkauf seines Chinageschäfts an den Marktführer Didi bekannt. Im Gegenzug erhielt Uber eine Beteiligung von 17 Prozent am Konkurrenten. Das meiste Geld schoß der japanische Großinvestor Softbank zu, der neben Didi in China auch an Ola in Indien, Grab in Singapur und 99 in Brasilien beteiligt ist. Für rund 10 Milliarden Dollar wurden auch 15 Prozent an Uber erworben, so daß hinter den zeitweise erbitterten Konkurrenten ein und derselbe Geldgeber steckt. [2]

Die Strategie, alle anderen Wettbewerber vom Markt zu fegen, um dann die Preise und Bedingungen zu eigenen Gunsten zu setzen, war für Uber nicht aufgegangen. 2017 wurde zum Jahr der Abrechnung, da immer neue Mißstände in der Unternehmensführung bis hin zum Betrug an behördlichen Kontrolleuren enthüllt wurden. Unzufriedene Investoren zwangen Kalanick schließlich im Juni zum Rücktritt. Anfang September übernahm Dara Khosrowshahi die Führung des Fahrdienstvermittlers, der nur wenigen Wochen später aus dem prestigeträchtigen London hinausgeworfen wurde. Das US-Unternehmen agiere verantwortungslos, unter anderem wenn es um das Melden von Straftaten und medizinische Kontrollen der Fahrer gehe, hieß es zur Begründung. Im November mußte Khosrowshahi einräumen, daß Uber seit Oktober 2016 einen Cyberangriff verschwieg, bei dem Hacker Daten zu 50 Millionen Passagieren und 7 Millionen Fahrern erbeutet hatten. Statt Betroffene und Behörden zu informieren, zahlte Uber den Hackern 100.000 Dollar und vertraute darauf, daß sie die Daten vernichteten. Anfang Dezember folgte ein weiterer Nackenschlag, als der Europäische Gerichtshof dafür sorgte, daß Uber in Europa nicht zu seinem ursprünglichen Geschäftsmodell zurückkehren kann, Fahrgäste von Privatleuten in deren eigenen Autos befördern zu lassen. Der entsprechende Service UberPop müsse als Verkehrsdienst reguliert werden und nicht als Online-Plattform, so das Urteil. Uber hat unterdessen dieses Angebot fast überall in Europa eingestellt. Auch die Expansion nach Deutschland war gewissermaßen ein Zusammenstoß der Kulturen, den Uber vorerst verloren hat. Seine ursprünglichen Pläne, private Gelegenheitsfahrer einzusetzen, hat das Unternehmen eingestampft. Heute sind nur noch Profis für Uber unterwegs. [3]

Während die Auswirkungen der vielzitierten "Arbeit 4.0" auch in Deutschland immer gravierender werden und dieses Thema auf der politischen Agenda steht, sind konkrete Schritte zur sozialen Absicherung der Solo-Selbständigen und Plattform-Arbeiter bislang Mangelware. In Frankreich kennt das Arbeitsgesetzbuch inzwischen "Arbeitnehmer, die eine elektronische Vermittlungsplattform benutzen". Für diese Personen müssen die Betreiber unabhängig vom Sitz des Betriebs steuer- und sozialrechtliche Daten erfassen, melden und Beiträge abführen. Das ist zumindest ein Ansatz, nationales Arbeitsrecht auf Plattformbetreiber zuzuschneiden, wobei sich erst noch herausstellen muß, ob sich im Ausland residierende Unternehmen daran halten und wie sie gegebenenfalls dazu gezwungen werden können.

Die deutsche gesetzliche Unfallversicherung fordert neue Regeln entsprechend dem französischen Modell und dies für alle Formen der Vermittlung von Arbeit über das digitale Netz. Es gehe nicht allein darum, daß der gewerblichen Unfallversicherung durch die Flucht aus dem Angestelltenverhältnis in die Solo-Selbständigkeit im Jahr mehr als eine Milliarde Euro Beitragseinnahmen entgehen. Vielmehr sind Selbständige nur freiwillig in der Unfallversicherung, während Beschäftigte automatisch abgesichert werden, bezahlt vom Arbeitgeber mit einem Prozentsatz der Lohnsumme. Niemand weiß, wie viele Crowdworker es in Deutschland bereits gibt, wobei die Schätzungen zwischen 400.000 und weit über 2 Millionen schwanken. Fest stehen dürfte hingegen, daß die allermeisten von ihnen nur unzureichend oder gar nicht sozialversichert sind. Sie arbeiten insbesondere im Hotel- und Gaststättengewerbe, in der Reinigungsbranche und auf dem Bau, dort nicht selten bei hochriskanten Tätigkeiten wie Abbruch-, Entsorgung und Gerüstbau. Auf diesem grauen Arbeitsmarkt werden die Standards für Sicherheit und Gesundheit mit Füßen getreten, greifen Prävention und Arbeitsschutzkontrolle nicht. [4]

Die Entwertung der Arbeit schreitet unter dem Einfluß elektronischer Plattformen rasant voran, die weltweit wie Pilze aus dem Boden schießen. Sie verteilen sich auf zahllose Berufe und setzen eine beispiellose Konkurrenz durch. Wenn europaweit oder speziell in Deutschland noch gewisse Vorbehalte das eine oder andere Geschäftsmodell ausbremsen, kann man doch allenfalls von einer schrumpfenden Galgenfrist sprechen, die für Abwehrkämpfe ungenutzt zu verstreichen droht.


Fußnoten:

[1] Siehe dazu:
REZENSION/675: Steven Hill - Die Start-up Illusion (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buch/sachbuch/busar675.html

[2] http://www.tagblatt.ch/nachrichten/wirtschaft/didi-und-uber-buhlen-um-die-welt;art149,5179976

[3] http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-09/uber-dara-khosrowshahi-chef-nachfolge-travis-kalanick/

[4] http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/uber-myhammer-und-co-unfallversicherer-fodern-sozialabgaben-zahlung-15370667.html

3. Januar 2018


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