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RAUB/1225: Tiernutzung - auch Hühner haben ein Bewußtsein ... (SB)



Auf evidenter Basis kann vernünftigerweise gesagt werden, daß das Huhn eine mit hartem Los geschlagene Spezies ist, deren Verhängnis nicht in ihrer Vernichtung besteht, sondern in Schlimmerem: einer fortwährenden Zunahme der Zahl von Individuen, die in der Hölle oder ihrem moralischen Äquivalent leben. Unter den Tieren des Landes bilden Hühner das größte, am schnellsten expandierende Universum des Schmerzes und Leidens auf dem Planeten
Karen Davis - An Open Letter to Vegan Voice Re: Singer's Disparagement of Chickens [1]

Ganz erstaunt wird auf Spiegel Online unter dem Titel "Das unterschätzte Huhn" [2] über die kognitiven Fähigkeiten von Hühnern berichtet. Was das "Clevere Geflügel" alles erkennen, zählen und erinnern kann, veranlaßt zu der einleitenden Frage: "Ist die gängige Massentierhaltung für diese Tiere überhaupt vertretbar?" Das wiederum läßt erstaunen angesichts dessen, daß die industrielle Aufzucht und Verwertung sogenannter Nutztiere von sehr vielen Menschen für aus ethischen Gründen inakzeptabel erachtet wird. Könnte ein zum Zweck des Eierlegens und Schlachtens geborenes Huhn nur deshalb, weil es über Eigenschaften verfügt, die lange Zeit ausschließlich menschlichen Tieren zugedacht waren, ihrem Verbrauch als sogenanntes Nutztier entgehen? Das wäre von geradezu revolutionärer Konsequenz. Am Fließband zu nervtötender Wiederholung immer gleicher Bewegungen gezwungene Menschen werden auch nicht gefragt, ob ihre Tätigkeit eigentlich mit der Menschenwürde vereinbar sei, um eine dem hierarchischen Mensch-Tier-Verhältnis adäquate Analogie zu bemühen.

Die zahlreichen in der auf Spiegel Online verlinkten Studie "Thinking chickens: a review of cognition, emotion, and behavior in the domestic chicken" [3] aufgeführten Forschungsergebnisse, die Hühnern hochentwickelte kognitve Fähigkeiten attestieren, werfen nicht zuletzt die Frage auf, wer sich in den Versuchsanordnungen tatsächlich verwirklicht. Während die Probandinnen das ganz normale Verhalten eines auf Futter angewiesenen Lebewesens zu erkennen geben, dokumentieren die dabei angelegten Parameter der Merk- und Erinnerungsfähigkeit ein anthropozentrisches Selbstverständnis, das durch die eigenen Ideale permanent überfordert zu sein scheint. Es kreist um ein sogenanntes Bewußtsein, das vielen Situationen nicht gewachsen ist, weil alle möglichen Ängste und Emotionen dazwischenkommen, und das die angebliche Leistung rationalen Handelns dementiert, wenn der Widerspruch zwischen Naturzerstörung und Lebenserhalt sich in Richtung selbstinduzierter Finalität auflöst.

Kurz gesagt, das Ergebnis der Frage "Können sie fühlen, planmäßig handeln und sozial interagieren, haben gar so etwas wie ein Bewußtsein?" sagt nichts darüber aus, in welchem Ausmaß sie zum Objekt fremdnütziger Interessen gemacht werden. Das gilt für Hühner in besonderem Maße, denn sie gehören von der Zahl her zu den am meisten von Menschen verbrauchten Individuen. 622 Millionen sogenannte Masthühner und 34 Millionen sogenannte Suppenhühner wurden 2018 allein in der Bundesrepublik geschlachtet. Hinzu kommen Hunderte Millionen schon kurz nach dem Schlüpfen geschredderter Küken [3], die, wie die Tierverhaltensforschung ergeben hat, ebenfalls über ausgeprägte kognitive Fähigkeiten verfügen. Uneingedenk dessen, daß jedes Huhn ein komplexes, unverwechselbares Lebewesen ist, das über eine Vielfalt an subjektiven Impulsen und Reaktionen verfügt, wird es von den rotierenden Messern, die die am Laufband aufgehängten Vögel im Sekundentakt töten, uniform gemacht zu zum Verzehr einladender Kopflosigkeit.

Der Warencharakter des Huhns wird dadurch unterstrichen, daß viele aus dem Fleisch der Vögel hergestellte Produkte kaum noch morphologische oder anderweitig identifizierbare Beziehungen zu seiner tierlichen Herkunft aufweisen. Im ästhetisch neutralen Einheitsprodukt namens Brustfleisch oder den sogenannten Chicken Nuggets sind die Erinnerungen an die Schmerzen ihrer Entstehung so gründlich ausgelöscht wie das verzehrte und wieder ausgeschiedene Tier selbst. Gleiches gilt für Eier, bei denen eher selten daran gedacht wird, daß es von weiblichen Tieren erzeugte Fortpflanzungsmittel sind, in deren hochwertigen Nährstoffen sich ein autonomer Organismus entwickeln sollte. 20 bis 40 Eier im Jahr legt das Urhuhn in mehreren Bruten zu dem einzigen Zweck, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Wie Knud Bartels von Rettet das Huhn e.V. im SB-Gespräch [4] erklärt, werden hochgezüchtete Hühner darauf getrimmt, über 300 Eier im Jahr zu produzieren, was unter anderem durch künstliche Tag- und Nachtzeiten erreicht wird, mit denen eine aus acht Tagen bestehende Woche mit entsprechen höherer Eierleistung simuliert wird. Das Auspressen von immer mehr Eiern macht die Hühner krank, oder, wie der Tierrechtsaktivist sagt: "Dieses unendliche Eierlegen, das nicht zu bremsen ist, macht die Hühner tot."

Die Frage, unter welchen Bedingungen Massentierhaltung vertretbar sei, kratzt lediglich an der Oberfläche eines elementaren, dem Menschen praktisch in die herrschende Produktionsweise eingeschriebenen Gewaltverhältnisses. Daran soll auch deshalb nicht gerührt werden, weil damit das gesamte System der Landwirtschaft in Frage gestellt wäre. Ob Tieren ein Eigeninteresse zugebilligt werden kann wird nicht in ethischen Überlegungen oder wissenschaftlichen Forschungen entschieden. Wenn die eigene Nahrung rebelliert, indem ihr schlechter Zustand immer mehr Menschen krank macht, ihr Organismus gefährliche Erreger hervorbringt und die durch Tierhaltung "veredelten" Pflanzen den zur Ernährung aller Menschen verfügbaren Ackerboden an seine Grenzen stoßen lassen, dann wird womöglich auch darüber nachgedacht werden, was eigentlich mit den Hühnern ist [5].

Und mit allen anderen Tieren. Der Verfasser eines Kommentars zu einem Beitrag des Tierrechtsaktivisten Martin Balluch glaubt eher nicht, daß das geschieht: "Deswegen reagiert auch die Masse und die Medien nicht sonderlich darauf, dass wir mitten in einer Mass Extinction leben. In nur 30 Jahren sind 75 Prozent der Insekten und 50 Prozent der Vögel verschwunden. Nur 4 Prozent der Säugetiere leben in der Wildnis. Besser nicht darüber nachdenken, was das bedeutet [6]."


Fußnoten:

[1] https://www.upc-online.org/thinking/peter_singer.html

[2] https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/huehner-gewitzt-intelligent-mitfuehlend-a-1128537.html?fbclid=IwAR2Dl3T4jugBUYh30LK09T2-Uoxmf9EnlVrTYRxv6QpVjQhzkz0qvlzVOe0

[3] https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s10071-016-1064-4.pdf

[4] http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/raub1201.html

[5] http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/raub1123.html

[6] https://martinballuch.com/tierschutz-heisst-die-interessen-der-tiere-zu-vertreten/

14. Februar 2020


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