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KULTUR/0999: Subversion war gestern ... (SB)



Don't follow leaders
Watch the parkin' meters ...

Bob Dylan 1965: Subterranean Homesick Blues

Warum erst jetzt? Schon seit Jahren steht der Musiker und SingerSongwriter Bob Dylan ganz oben auf der Liste der ewigen Kandidaten für den Literaturnobelpreis. Die wesentliche Hürde, daß ihm diese Ehrung des etablierten Literaturbetriebes nicht schon längst zuteil geworden ist, dürfte in der bisher unüblichen Auszeichnung von zwar dichtenden, aber vor allem singenden Künstlern liegen, wird als Literat doch eher der schreibende, seine Texte für ein Lese- oder Theaterpublikum publizierende Autor verstanden. Mit der diesjährigen Wahl scheint diese Hürde gefallen zu sein, und es sollte nicht verwundern, wenn der gegen den politischen Islam geführte Kulturkampf mit der mit Dylans Person verbundenen Würdigung liberaler Werte zu dieser Entscheidung beigetragen hat.

Dylans Verdienste um die englischsprachige Kunst des Dichtens und Songwritings sind außerhalb des Literaturbetriebs längst so anerkannt wie sein Einfluß auf die internationale Popkultur im allgemeinen und die US-amerikanische im besonderen. Das über 50 Jahre alte, den Sound einer ganzen Generation prägende Stück Like A Rolling Stone steht in allen Ranglisten zum wichtigsten und bedeutsamsten Song der modernen Popgeschichte auf einem der ersten zehn Plätze. Die Musikzeitschrift Rolling Stone hat es sogar auf Platz 1 ihrer Liste der 500 Greatest Songs of All Time gesetzt, und als Dylans Manuskript, auf dem er den Text dieses Liedes 1965 notierte, 2014 versteigert wurde, erzielte es einen Preis von zwei Millionen Dollar.

So trivial Rekorde diese Art sein mögen, eine Institution wie die Schwedische Akademie der Nobel-Stiftung ist keinesfalls frei davon, auf Popularität und Geschäftserfolg der für ihre Auszeichnung vorgeschlagenen Kandidaten zu schauen, anstatt ausschließlich inhaltliche und ästhetische Maßstäbe anzulegen. Zudem wird in Stockholm Politik gemacht, wie die nur geringe Berücksichtigung sozialrevolutionärer oder kommunistischer Autoren belegt. Wenn sich heute einst von Dylan in klarer Ablehnung besungene Masters of War gemeinsam mit dem 75jährigen Künstler über seine Würdigung freuen, dann erweist sich dieser Widerspruch auf der Linie eines Lebenswerks, das nie etwas anderes wollte als die gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse auf der Höhe der Zeit zu spiegeln, als gegenstandslos. Alles Wissenswerte dazu ist Martin Scorceses dreieinhalbstündigem Meisterwerk des Genres cineastischer Künstlerbiographien, No Direction Home, zu entnehmen - Dylan war und ist ein so ehrgeiziger wie instinktsicherer SingerSongwriter, aber wollte zu keiner Zeit so etwas wie ein "Protestsänger" sein.

Daß er mitunter den Nerv an die Oberfläche drängender Konflikte traf und die Jugend meinte, in ihm die Stimme ihres eigenen Aufbegehrens gefunden zu haben, ist Ausdruck seiner künstlerischen Kompetenz und des Wunsches junger Menschen, so wirksam wie empathisch Einfluß auf als inakzeptabel erkannte Verhältnisse zu nehmen. Wenn die mit Dylan alt und einflußreich gewordenen Kinder der 1960er Jahre heute bei Blowin' In The Wind sentimental werden und die späte Ehrung ihres Helden feiern, dann heißt das nicht, daß sie nicht zugleich Ausnahmezustand und Drohnenkrieg, Kapitalismus und Imperialismus befürworten. Die militanten Kriegsgegner, die sich Dylans Textzeile You don't need a weather man to know which way the wind blows bedienten, waren in dieser Hinsicht so eindeutig positioniert, daß sie die Schwelle der Subversion überschritten und damit auch Dylans Vieldeutigkeit hinter sich ließen. Kunst und Musik heute noch als Formen einer sozial widerständigen Praxis in Betracht zu ziehen ist weder in der Jury des Literaturnobelpreises noch den Zentralen des Kulturbetriebes von Belang, und werden einmal Pop-Acts mit rebellischer Ader in großem Stil promotet, dann liegt man mit dem Verdacht, hier seien wohlkalkulierte PR-Strategien am Werk, meist richtig.

Ohnehin hat Dylan genug damit zu tun, in sein Werk hineininterpretierte Bedeutungen, an deren Entstehung seine kryptischen Worte und allegorischen Bilder keineswegs unbeteiligt sind, zu dementieren. Die Black Panther Party dürfte kaum eine gute Gesellschaft für einen Künstler sein, der sich mit seinen Ruhm zum fleischgewordenen Nationalmythos der Vereinigten Staaten aufschwingt. So meinten die Black Panther-Begründer Huey P. Newton und Bobby Seale, dem Text der Ballad Of A Thin Man Hinweise auf die von ihnen attackierten gesellschaftlichen Mißstände entnehmen zu können. Dylan wiederum erklärte 1986 auf einem Konzert in Japan [1], daß das Lied eine Antwort auf Personen sei, die die ganze Zeit Fragen stellten, wovon man hin und wieder einfach genug habe.

Dabei griff er häufiger tragische Ereignisse aus dem schwarzen Befreiungskampf in den USA auf, und er nahm sogar einen Song über den legendären George Jackson auf, der 1971 als Black-Panther-Aktivist angeblich bei einem Ausbruchversuch aus dem Knast erschossen wurde [2]. In einer Zeit jedoch, in der die gegen rassistische Polizeibrutalität in den USA vorgehende Organisation Black Lives Matter großzügig von der Ford Foundation gesponsort wird [3], um ihr den Zahn grundsätzlicher Streitbarkeit zu ziehen, und in der Dylan mit der Frage "Gibt es irgend etwas, das amerikanischer ist als Amerika?" Werbung für die heimische Autoindustrie macht [4], paßt seine Auszeichnung wie die Faust auf das vor lauter Rührung oder nach einer Reizgasattacke tränende Auge. Bei so großartigen Dylan-Songs wie All Along The Watchtower, Going, Going, Gone oder It's All Over Now, Baby Blue mit ganzer Seele mitzugehen ist eben nicht minder menschlich als die Auslöschung der subjektiven Geschichte gescheiterter Revolutionen durch eine Kulturadministration, der Kunst und Musik Stab und Siegel der Herrschaft ihrer Klasse sind.


Fußnoten:

[1] http://folkmusic.about.com/od/bobdylan/a/Bob-Dylan-Thin-Man-Song.htm

[2] https://williamhenryprince.com/1129-2/

[3] http://www.wsws.org/en/articles/2016/10/11/pers-o11.html

[4] KULTUR/0970: Den fossilen Kapitalismus predigen - Bob Dylans Nationalmythos (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/sele0970.html

16. Oktober 2016


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