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KULTUR/1035: Soziales - erste und letzte Instanz der Entfremdung ... (SB)



Ist der Mensch sich nicht schon Roboter genug, als daß er ein Abbild seiner selbst in mechanisierter Form schaffen muß? Ist die Formalisierung und Normierung des Lebens, ohne die sich keine von wo auch immer ausgehende Verfügungsgewalt über das einzelne Subjekt etablieren ließe, nicht fortgeschritten genug, um auf den Gedanken zu kommen, eine ganz andere Richtung humaner Entwicklung einzuschlagen? Oder bedarf der Mensch des sozialen Roboters, um sich angesichts der hochentwickelten Entfremdung in den atomisierten, rundumüberwachten Marktgesellschaften noch als Mensch fühlen zu können, und sei es nur aufgrund der Abgrenzung zum Maschinenpersonal, das sich gegen den sozialen Status der Sklaverei nicht wehren kann?

Die Entwicklung von Robotern zur Pflege alter und kranker Menschen wirft Fragen auf, die als "ethisch" einzustufen das Problem auf marktopportune Weise verkürzt. Die Kosteneffizienz im Umgang mit Menschen in bedrängten und finalen Lebenssituationen zu verbessern bedarf keiner besonderen Begründung, sie ist im neoliberalen Kapitalismus selbstevident. Derartige Entwicklungen mit ethischen Bewertungen zu flankieren dient ihrerseits der Vermarktung der allzu geringen Chance, an der weiteren Technifizierung menschlicher Beziehungen noch etwas ändern zu können. Ob Bio- oder Technikethik, bei der Zurichtung des Menschen auf die Verwertung des biomedizinisch optimierten und informationstechnisch standardisierten Lebens ist von diesen Abteilungen des Wissenschaftsbetriebes nichts als opportunistische Moderation vermeintlich ohnehin nicht aufzuhaltender Entwicklungen zu erwarten.

Wäre es anders, dann müßte das Problem der von kapitalgetriebener Technikentwicklung induzierten Entfremdung menschlicher Lebenswelten so grundlegend und ergebnisoffen untersucht werden, daß die vollständige Ablehnung jeder weiteren Technifizierung des Lebens als Resultat der Forschung mindestens so wahrscheinlich wäre als die, wenn auch abwägende, Zustimmung zum Machbaren. Dennoch ist letzteres, wie angesichts der Einbindung der Wissenschaften in die Ziele von Staat und Kapital nicht erstaunen kann, fast die Regel. Die Maschinenstürmerei bleibt als radikal verschrieenen AktivistInnen überlassen, die als einzige dazu in der Lage zu sein scheinen, jene Handlungsfreiheit in Anspruch zu nehmen, die in herrschaftskonformer Ideologie zwar propagiert, aber zugleich durch Beschränkungen aller Art negiert wird.

Wird einer Demenzkranken ein Roboter im Robbenfell in die Arme gedrückt, der sich bewegen und Geräusche von sich geben kann, um sie emotional zu stimulieren [1], dann wird sie im Grunde genommen von einer mechanischen Apparatur in die Irre ihrer eigenen Gefühlswelt geführt. Wird sie darüber hinaus von Pflegerobotern so umsorgt, daß sich kein Mensch mehr - bis auf die Bewältigung ernsthafter Zwischenfälle - um sie kümmern muß, dann ist sie auf eine Weise ruhiggestellt, die einer Schattenexistenz in einem Kabinett voller Homunculi gleicht. Die Befürworter des Austausches permanent zu bezahlender Pflegekräfte durch geleaste oder käuflich einmal zu erwerbende und dann nur noch zu wartende Maschinen nehmen in Anspruch, daß Demenzkranke den Betrug gar nicht merken, es also aus ihrer Sicht gar kein solcher ist. Sie könnten auch damit argumentieren, daß ein Haustier, das die gleiche affektive Dienstleistung wie ein Robbenroboter erbringt, schon aus Tierschutzgründen nicht einem Menschen überlassen werden dürfte, der organisches Leben und seine technische Simulation nicht mehr auseinanderhalten kann.

"Was kostet uns das Älterwerden?" [2] - mit Fragen wie dieser wird der Preis des Alterns als Negativposten in der gesellschaftlichen Gesamtbilanz dargestellt und vorgeschlagen, vielleicht doch nicht mehr alles zu tun, was medizinisch geboten wäre, um den Menschen am Leben zu erhalten. Kostensenkung durch automatisierte Pflege ist eine der Lösungen, die dazu öffentlich diskutiert werden. Der in der ärztlichen Sterbehilfe unternommene Schritt, nach der individuellen Lebensqualität zu fragen und angeblich selbstbestimmtes, ärztlich assistiertes Ableben in Aussicht zu stellen, braucht nicht mehr gegangen zu werden, wenn das Gebot der Kostensenkung an erster Stelle steht. Für diejenigen, die sich auf ein totes Gleis geschoben fühlen, wenn der Pflegeroboter nach dem Wohlergehen fragt, heißt es, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ansonsten könnte ihnen das rechnergestützte Beobachtungs- und Analysesystem eine schwerwiegende Depression attestieren, was die Empfehlung, sich für einen vorzeitigen Tod zu entscheiden, beschleunigte.

Der hauptsächlichen Tendenz, unproduktives Altern kostengünstig zu entsorgen, gegenüber erscheint, wenn bei zu pflegenden Menschen mit maschinell hergestellter Emphase die gleichen Ergebnisse emotionaler Beschwichtigung erreicht werden können wie durch menschliches Personal, der Unterschied zwischen diesen beiden Formen der Sorgearbeit gering. Wer in der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft dazu genötigt ist, seine Lebenszeit als Ware Arbeitskraft zu verkaufen und so der entfremdenden Wirkung des Lohnarbeitsverhältnisses unterliegt, geht möglicherweise noch kälter und abweisender mit Menschen um als ein Roboter, der auf freundlichen Umgang programmiert ist.

Im Zweifelsfall wird der Mensch im Servicejob nicht anders als eine Maschine darauf konditioniert, als echt und authentisch erscheinen zu lassen, was durch Druck und Drill erzeugt wurde. Das Höflichkeitsritual an der Supermarktkasse dürfte dem Personal nach stundenlanger Wiederholung wie eine sinnentleerte Pflicht erscheinen, der es sich schlicht zu unterwerfen hat. Eine solche Höflichkeit ist von der Abstraktheit und Kälte des Zahlungsvorganges kaum zu unterscheiden, warum also sollte nicht, wie bereits praktiziert, die datenelektronische Erfassung und Bezahlung der Ware an die Stelle einer die Kundschaft bedienenden Kassiererin treten?

Dagegen wird üblicherweise eingewandt, daß die Abschaffung von Lohnarbeit durch Roboter noch mehr Menschen der Arbeitslosigkeit und damit der sozialen Verelendung aussetze. So münden Diskussionen um die Robotisierung von Deutschland schnell in die Enge der Wahl zwischen dem kleinen und dem größeren Übel. Das Joch entfremdeter Arbeit nicht mehr auf sich nehmen zu müssen bedarf der Überwindung des Kapitalverhältnisses, wenn dieser Traum nicht von der immanenten Verwertungslogik gegenstandslos gemacht werden soll. Da die soziale Revolution nicht in Aussicht steht, führt kaum ein Weg an der Einführung von Pflegerobotern auf breiter Ebene vorbei. Letztlich wird das Kostenniveau über die Wahl zwischen Mensch und Maschine entscheiden, so daß die Einführung von Robotern im Servicesektor zu einer weiteren Prekarisierung dort noch vorhandener Lohnarbeit führen dürfte

Relevante Gründe dafür, an der Tauglichkeit maschinensimulierter Emphase im Servicesektor zu zweifeln, sind in der politischen Ökonomie sozialstaatlicher Mangelverwaltung kaum zu finden. Sie betreffen unbescheidenere Ansprüche an die menschliche Entwicklung, so das Streben danach, über den bloßen Verbrauchs- und Wiederholungscharakter individueller Lebensprozesse hinaus Erkenntnis und Veränderung initiieren zu können. Nichtentfremdete soziale Beziehungen auch unter Bedingungen existentieller Notlagen herzustellen setzte ein solidarisches Miteinander voraus, das die Abwertung im ökonomischen Sinne nicht mehr leistungsfähiger Menschen so kompromißlos ausschlösse, wie es der Verfassungsgrundsatz von der Unantastbarkeit der Menschenwürde vorsieht, aber nicht einlöst. Da das offene Geheimnis aller innovativen Entwicklung in der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft in der graduellen Zunahme objektiver Entfremdung und der tendenziellen Auslöschung subjektiver Autonomie liegt, könnte sich die Frage nach einer Menschwerdung stellen, die der sachzwanggetriebenen Logik gesellschaftlicher Rationalisierung ein Konzept von Selbstbestimmung und Selbstorganisation entgegenstellte, für das die maschinelle Objektivierung des Sozialen gar nicht erst in Frage käme.


Fußnoten:

[1]https://www.deutschlandfunk.de/technikethik-in-der-pflege-ein-roboter-zum-reden.886.de.html?dram:article_id=448612

[2] RAUB/1135: Alter - volle Gesundheitsversorgung obsolet ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/raub1135.html



15. Mai 2019


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